Künstliche Träume

“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,…”

Dieses – zugegeben: oft bemühte – Hesse-Zitat bietet sich auch hier an, um mit dem KI-Blog Analogia den jüngsten Spross der SciLogs-Gemeinde aus der Taufe zu heben. Ein Blog über das und aus dem Forschungsgebiet Künstliche Intelligenz (KI), zusammen mit gelegentlichen Abstechern in den Dschungel der Philosophie, Psychologie und Kognitionswissenschaft, sowie dem ein oder anderen Streifzug durch die (Un)Tiefen der Logik und theoretischen Informatik.

Die klassische einfache Einstiegsfrage für ein derartiges Unterfangen ist natürlich: Was ist “Künstliche Intelligenz” eigentlich? Doch damit wird es schon etwas komplizierter, und vor allem auch subjektiver. Wie sich aufgrund der obigen Reihung akademischer Disziplinen wohl schon vermuten lässt, treffen sich in der KI verschiedenste Fachgebiete und Strömungen, und ist die KI wiederum auch Teil zahlreicher unterschiedlichster wissenschaftlicher Betätigungsfelder.

Der folgende Versuch einer Antwort ist daher ganz klar als das zu sehen, was er ist: Ausdruck meiner momentanen, sehr persönlichen Meinung und Interpretation der Aufgabe, Ziele und Hoffnungen der Künstlichen Intelligenz – eine Charakterisierung eines disparaten, vielgestaltigen und heterogenen Forschungsfeldes, welches in sich mindestens ebenso viele Gegensätze vereint, wie es noch dazu nach außen hin gegenüber renommierten und etablierten älteren akademischen Vorvätern aufweist. Mag dies meist Grund zu (gelegentlich sogar berechtigter) Skepsis gegenüber des gesamten Unterfangens geben, so ist eben jene Vielschichtigkeit und der Abwechslungsreichtum für mich auch Ausgangspunkt von Faszination und Magie des Faches.

Aber zurück zur Frage: Der Begriff “Künstliche Intelligenz” bezeichnet beides, maschinelle oder anderweitig künstlich erzeugte Intelligenz, und zugleich auch das Teilgebiet der Informatik, welches versucht, selbige zu erschaffen. Hauptaufgabe und Studienobjekt der Künstlichen Intelligenz als wissenschaftlicher Disziplin ist also die Automatisierung und/oder – an dieser Stelle beginnt bereits die erste Spaltung auch innerhalb der KI-Gemeinde selbst – Generierung intelligenten Verhaltens.

Natürlich ist diese Definition in sich selbst noch nicht übermäßig aussagekräftig, bleibt doch z. B. offen, was überhaupt unter Intelligenz zu verstehen ist, und wie die genaue Interpretation der Begriffe Automatisierung und Generierung in diesem Zusammenhang aussieht. Hierbei handelt es sich um fundamentale Fragen, welche auch mehr als 60 Jahre nach Entstehung des Fachgebietes noch heiß diskutiert – um nicht zu sagen: umkämpft – werden, und deren Antworten weitreichende Folgen bezüglich Blickwinkel und Zugang zu verschiedenen Ansätzen und Denkstilen innerhalb der KI haben können. Aber dazu mehr in einem der nächsten Blogposts.

Als erste, einfache Daumenregel für den Einstieg in das Themengebiet Künstliche Intelligenz bietet sich erfahrungsgemäß folgende Beschreibung des Mission Statements der KI an: “Bilde menschenähnliche Intelligenz mit einem Computer als Medium nach.” Und schon ist die Büchse der Pandora geöffnet, wird damit doch schnell klar, was für eine herkulische Aufgabe sich die KI-Forschung zu Eigen gemacht hat: Kreativität, Emotionen, Rationalität, Kunstverstehen, soziale Aspekte,… die Liste bemerkenswerter und charakteristischer Eigenschaften menschlicher Intelligenz und damit verbundener Fähigkeiten ist fast beliebig verlängerbar, und – Hand auf’s Herz – für kaum eine davon können wir heute eine umfassende Charakterisierung, geschweige denn formale Grundlagen einer Definition und Theorie, angeben.

Allein der Satz zu Anfang dieses Postings ist ein beeindruckendes Beispiel der Vielseitigkeit des menschlichen Geistes: “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,…”. Für uns intuitiv verständlich, so wird doch eine Maschine vor größte Schwierigkeiten gestellt. Grundlage einer Verarbeitung durch einen Computer müsste (zumindest laut der meisten heute verwendeten Paradigmen) wohl eine Formalisierung des Satzfragments sein.  Zunächst mag es noch mit gewissem Aufwand möglich sein, eine umfassende Beschreibung für das Konzept “Anfang” zu geben (wobei auch bereits hier Vorsicht geboten ist: Anfang einer Zeitspanne, Anfang einer Schnur, Anfang einer Beziehung,…), doch was genau ist eigentlich ein “Zauber”? Und inwiefern kann dieser Zauber dem Anfang “innewohnen”?
Ganz zu schweigen davon, dass wir selbst wohl auch nur in den wenigsten Fällen einmal eine derartige Beschreibung vorgesetzt bekamen, sondern wir zumeist die entsprechenden Konzepte im Laufe des Spracherwerbs irgendwann und irgendwie ohne gezieltes Zutun von außen für uns erschlossen haben! Hierbei handelt es sich übrigens um eine Beobachtung, welche manchen Vertreter der KI dazu führt, diese Fähigkeit des Selbstlernens ebenfalls von einer Maschine zu fordern, bevor jene einer Zuschreibung von Intelligenz überhaupt auch nur nahe kommen könnte…

Diese und andere fundamentale Fragen, welche sich zumeist an der vordersten Front technologischen Fortschritts befinden, aber auch grundsätzliche Aspekte unseres Selbstbildes und Selbstverständnisses betreffen, kennzeichnen und motivieren die meisten Aktivitäten innerhalb der KI-Forschung.

Dementsprechend vereinen sich in der KI denn auch zahlreiche verschiedene Einflüsse und Felder:
– Informatik: Ausgehend von Turings Konzeption einer Turing Maschine (welche in einem modernen Computer ihre Realisierung findet), wie kann ein Computer als Medium für die Entstehung einer künstlichen Intelligenz dienen?
– Philosophie: Wie verhalten sich mentale zu physischen Zuständen, und wie können mentale Zustände aus einer physischen Implementierung hervorgehen?
– Kognitionswissenschaft: Was sind Elemente und Grundlagen der Wahrnehmung, und wie können diese künstlich nachempfunden werden?
– Zweige der Neurowissenschaft: Können z.B. künstliche neuronale Netze Funktion und Struktur von Teilen des Gehirns nachbilden?
– Psychologie: Was ist bspw. das Verhältnis zwischen Motivation, Emotionen, Affekten und Aktionen, und wie können diese simuliert werden?
– Logik: Wie lassen sich Schlussprozesse formalisieren und implementieren?

Natürlich ist diese Reihung fern davon, vollständig zu sein, wurden doch weder die Ethik (Gesetzt der Fall, es sollte gelingen, eine künstliche Intelligenz zu erzeugen, was genau ist deren ethischer Status?), noch die Biologie, Bionik und Systemwissenschaft (Welche Annahmen und Beobachtungen über natürliche Systeme und Lebewesen können auf künstliche Systeme übertragen, und dort ggf. auch getestet, werden?), noch zahlreiche andere relevante und einflussreiche Wissenschaftsgebiete erwähnt.

Nichtsdestotrotz, es sollte bereits aus dieser verkürzten Aufzählung an Disziplinen und Perspektiven eines klar werden: “Die eine, wahre Künstliche Intelligenz” als Forschungsfeld gibt es – zumindest von meiner Warte aus betrachtet – nicht, ja kann es gar nicht geben. Stattdessen handelt es sich um ein buntes (mehr oder minder friedliches) Miteinander vieler verschiedener Ansätze und Methoden. Und genau dies ist es, was einen wesentlichen Teil von Reiz und Charme der KI ausmacht!

Soweit, so gut. Liege ich falsch in der Annahme, dass die letzten Absätze zwar die eine oder andere Erklärung enthalten haben, aber am Ende doch mehr Fragen hervorrufen, als beantworten? Ich würde mich freuen, wenn wir in Zukunft gemeinsam versuchen könnten, Vorschläge für Antworten zu einigen dieser Fragen zu finden, und dabei verschiedene Aspekte und Seiten eines der in meinen Augen interessantesten und ambitioniertesten Forschungsvorhaben der Gegenwart zu entdecken.

Sie sind als Leser herzlich dazu eingeladen, Stellung zu meinen Thesen und Positionen zu nehmen, Kritik zu üben, Nachfragen zu stellen, weiterführende Hinweise zu teilen, und Themenvorschläge und -wünsche zu äußern. In diesem Sinne: Bis hoffentlich zum nächsten Posting!

Jack of all trades, (hopefully) master of some: - Diplommathematiker (FAU Erlangen-Nürnberg),... - ...Logic Year-Absolvent (ILLC, Universiteit van Amsterdam),... - ...PhD in Cognitive Science (IKW, Universität Osnabrück),... - ...Postdoc am KRDB der Freien Universität Bozen-Bolzano,... - ...und inzwischen am Digital Media Lab der Universität Bremen. Themen aus der (vor allem kognitiv-inspirierten) künstlichen Intelligenz, der künstlichen Kreativität, der Philosophie des Geistes, und dem Grenz- und Interaktionsbereich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. ==================== Alle zum Ausdruck gebrachten Annahmen, Meinungen, Einschätzungen, und Stellungnahmen stellen ausschließlich meine private Position zu den jeweiligen Themen dar, und stehen (außer, wenn explizit anders ausgewiesen) in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit Institutionen aus meinem beruflichen Umfeld.

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Herzlich willkommen!

    Ein herzliches Willkommen aus der Blognachbarschaft! 🙂 Hier wird ja auch ein erstklassiges Thema angeschnitten, ich freue mich schon!

    Neulich rezensierte ich eine Doktorarbeit zu Rationalitätsannahmen und finde das Thema seitdem auch interdisziplinär viel interessanter, als zu erwarten war:
    https://scilogs.spektrum.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/fa-von-hayek/2011-10-10/hayeks-kritik-an-der-rationalit-tsannahme-und-seine-alternative-konzeption-von-christoph-sprich

    Und natürlich stellen sich Religionswissenschaftler auch hin und wieder die Frage, ob (bzw. wann) Roboter beten würden… 😉

  2. KI ist alles und nichts

    Der hier präsentierte Einstieg zeigt schon die Vielfalt und Verschwommenheit der KI als Disziplin auf.
    Gemessen an der langen Geschichte der KI, mit einem Anfang (dem für die Schöpfer sicher ein Zauber innelag) in den späten 50er-Jahren, sind die Erfolge noch nicht sehr beeindruckend.
    Die ersten AI-Exponenten wie Minsky, McCarthy, Simon erwarteten noch eine intelligente Maschine könne durch der Mathematik und Logik entnommene Konzepte erschaffen werden, also praktisch ex nihilo.

    Heute gibt es ganz unterschiedliche Ansätze in ganz unterschiedlich ausgerichteten Instituten.

    Ein vielversprechender, auch relativ neuer Ansatz scheint mir die Gehirnemulation, die erst durch die neuesten Erkenntnisse über das menschliche und tierische Gehirn möglich wird. Eine Intelligenz, die der menschlichen nachgebildet ist mit Verarbeitungsschritten wie sie beispielsweise im visuellen Kortex vorkommen, wird zu digitalen Assistenten führen, die gut mit dem Menschen kommunizieren können, wobei sie dann wohl die gleichen Fehler machen wie sie bei Menschen häufig vorkommen.

    Doch künstliche Intelligenz muss natürlich nicht unbedingt eine Nachbildung der natürlichen Intelligenz (oder Dummheit) sein. Es wäre vielleicht sogar noch hilfreicher für Menschen, wenn sie Unterstützung in Bereichen fänden, wo sie natürliche Schwächen haben. Und solche natürliche Schwächen gibt es viele. Beispielsweise die falsche Einschätzung von Risiken oder die beschränkte Aufmerksamkeitsspanne.

    Am meisten Fortschritt erwarte ich in Gebieten wo KI zunehmend Anwendung findet: Also in der Sprachverarbeitung oder dem automatischen Fahren von Fahrzeugen.

    In der Informatik wären aber auch Verifikationssysteme sehr hilfreich. Wenn ein AI-Programm ein vom Menschen geschriebenes Programm verstehen oder sogar verifzieren könnte, wäre das ein grosser Fortschritt.

    Ich bin ja gespannt wohin die Reise geht.

  3. Mich hat das Konzept der „künstlichen Intelligenz“ immer etwas befremdet, wenn darunter mehr verstanden wird als die Erfindung eines Programms, einer Software, die ein Output erzeugt, das für eine gegebene Anwendung in möglichst vielen Fällen dem entspricht, was man als „vernünftig“ bezeichnet. Bestes Beispiel ist das Schachprogramm „Deep Blue“, dessen „Intelligenz“ gar keine ist, sondern deren Anschein auf einer Kombination der Programmierleistung des Erfinders und der in einer Schachbibliothek bereits niedergelegten strategischen Leistungen menschlicher Schachspieler besteht. Ist dieses Programm intelligent?

    Wohl kaum.
    Eine Definition von „Intelligenz“ kommt meiner Meinung nach nicht ohne den Begriff des „Problems“ aus. Intelligenz wird man auf irgendeine Weise immer als eine Kompetenz im Lösen von Problemen definieren müssen. Probleme wiederum können nur Wesen haben, die etwas wollen. Aber Maschinen wollen nichts. Wollen ist ein Proprium des Lebendigen. Darum führt schon dieser Satz sprachlich vollkommen in die Irre:

    „Für uns intuitiv verständlich, so wird doch eine Maschine vor größte Schwierigkeiten gestellt.“

    Nein, die Maschine steht vor keinen Schwierigkeiten, denn sie will ja nichts. Schwierigkeiten hat der Programmierer, der etwas will.

    Ein Thermostat ist ein hübsches, einfaches Beispiel für ein Input – Output – System. Er hat niemals Schwierigkeiten, weil es eben nur eine mechanische Konstruktion ist. Kein technisches System wächst jemals über dieses Prinzip hinaus.

    Maschinenintelligenz ist nichts weiter als eine Analogie, eine Metapher angesichts einer bestimmten Komplexität oder Leistungsfähigkeit, die sich aber prinzipiell nicht davon unterscheidet, was ein Thermostat leistet.

  4. Ablaufschema

    Wenn Sie wissen wollen, wie das Gehirn arbeitet, sollten Sie mein Buch lesen: ´Near-Death Experiences completely explained´. Darin finden Sie ein komplettes Ablaufschema, wie das Gehirn arbeitet: Ein Eingangsreiz-Muster (Gedanke, Sinneseindruck) wird mit vorhandenen Mustern (gelernte Erfahrungen aus Gedächtnis) verglichen, das Muster mit der größten Übereinstimmung wird aktiviert und mit dem Eingangsreiz verglichen (Plausibilitätsprüfung) dann verschmelzen beide oder ein weiteres Muster wird aus dem Gedächtnis geholt. usw. usw.
    Aus einer extrem raschen Abfolge von solchen Aktivitäten entsteht die Illusion eines kontinuierlichen Erlebens.

    Allerdings besteht das Problem, dass sich die Bezugsgröße ´Mensch´ im Laufe des Lebens dauernd ändert (emotional, köperlich, intelektuell). D.h. ´altes´ Wissen muss verwendet werden, obgleich die zugehörige Bezugsgröße geändert wurde. Dies führt zu Fehlern, welche wird etwas eleganter auch als Kreativität, Phantasie bezeichnen.
    Ein weiteres Problem ist, dass sich bestimmte Zustände nicht speichern lassen (Vergleichbar der Farbigkeit des Computermonitors: Die Eigenschaft ´Farbe´ kann nicht auf Festplatte gespeichert werden, da sie nur bei aktiviertem Monitor erscheint).

    Nahtod-Erfahrungen laufen alle nach einer einheitlichen Struktur ab. D.h. man hat sehr viele Erlebnisberichte mit Details und kann eigene Überlegungen auf Plausibilität prüfen – um so das prinzipielle Ablaufschema zu verstehen

  5. @fegalo: Mensch löst selten Probleme

    Die Vorstellung des Menschen als Problemlösungsmaschine erscheint mir falsch. Das meiste was der Mensch macht er automatisch. Aber schon diese Automatismen sind verblüffend im Vergleich zu dem was ein gut programmiertes Stück Software erledigt.

  6. Probleme lösen

    Das menschliche Bewusstsein bemerkt die Probleme, und stellt sich Fragen an die Erinnerung.

    Die unbewussten menschlichen Denkvorgänge lösen die Probleme, und geben auf die Fragen antworten, wenn man Glück hat.

    Die Lösungen der Probleme, und die Antworten auf die Fragen erscheinen dann als plötzlicher Einfall oder als Idee im menschlichen Bewusstsein.

    Oft ist es dabei hilfreich, die unbewussten Denkvorgänge eine Zeit lang ungestört arbeiten zu lassen, in dem man etwas völlig anderes macht oder denkt, und nicht über die Fragestellung ständig bewusst nachdenkt.

    Nach dem die unbewussten menschlichen Denkvorgänge wesentlich mehr wissen und wesentlich mehr können als das menschliche Bewusstsein, stellt sich die Frage, ob die Gesamtheit der unbewussten Denkvorgänge nicht eine eigenständige Persönlichkeit darstellt.

    Warum ist das Einfache schwieriger als das Schwierige?

    In den Jahren zwischen 1960 und 1970 haben die Pioniere der künstlichen Intelligenz (und auch ich) geglaubt: “Das werden wir gleich haben”.

    Tatsächlich ist es so, daß sich die evolutionär höchsten geistigen Leistungen des Menschen relativ einfach durch die Kombinationen von AND, OR und NOT ausdrücken lassen (und auch noch den derzeitigen nichtmenschlichen Schachweltmeister abgeben).

    Allerdings sind die höchsten geistigen Leistungen des Menschen auch die evolutionär jüngsten Leistungen des Menschen, an die er sich noch nicht so recht gewöhnt hat.

    Einen Roboter, der dreidimensional sehen und greifen kann (mit Hand-Augen-Koordination), stellt uns auch heute noch vor große Probleme, obwohl uns diese Funktionen wesentlich selbstverständlicher erscheinen als unser neues logisches Denkvermögen.

    Das liegt daran, daß das dreidimensionale Sehen und Greifen schon von unseren affenähnlichen Vorfahren nicht nur erlernt wurde, sondern daß diese Fähigkeiten genetisch in unser Gehirn eingebaut wurden.

    Mit anderen Worten, zwischen unserer Logik und dem Greifen und Bild-Erkennen besteht der Unterschied zwischen Programmierung und fester Verdrahtung.

    Es ist daher kein Wunder, dass das Greifen und Bild-Erkennen bei uns völlig unbewußt abläuft, obwohl es wesentlich mehr Datenverarbeitung benötigt als unser logisches Denken.

    Eine etwas seltsame Zukunftsvision könnte von wesentlich weiter entwickelten Menschen handeln, deren logisches Denken ebenso ohne Bewußtsein abläuft wie unsere Bild-Erkennung, eben deshalb, weil ihre Logik genetisch fest verdrahtet ist.

    Vom Standpunkt der Menge der verarbeiteten Daten wäre diese zukünftige Form des Menschen wesentlich realistischer, als die schon stattgefunden habende Entstehung der natürlichen Bild-Erkennung in Wirbeltieren (Faktor mindestens 100000).

  7. @Bednarik: Wir wissen nicht was wir tun!

    Die unbewussten menschlichen Denkvorgänge lösen die Probleme ..

    Genau und es gilt ferner

    Tatsächlich ist es so, daß sich die evolutionär höchsten geistigen Leistungen des Menschen relativ einfach …

    Das was wir als Intelligenz wahrnehmen sind logische Schlussfolgerungen. Genau diese aber sind gar nicht das entscheidende an unserer Alltagsbewältigung. Viel wichtiger ist beim Urteilen das, was die Engländer “Common Sense” nennen und was eine Kombination von Erfahrung, Bauchgefühl, “educated guess” und logischen Schlussfolgerungen sind. “Common Sense” hat also eine ganze Kanonade verschiedener Quellen und eine Art Gewichtung führt dann zur Entscheidung.
    Diese Prozesse nachzubilden ist nur schon deshalb schwierig weil viele dieser Prozesse halbbewusst ablaufen.

  8. Schwarmverhalten

    Ob unbewusst oder bewusst, der Ablauf bleibt der Gleiche, wobei allerdings nur die bewussten Aktivitäten wahr genommen werden können.
    Intelligenz entsteht dabei durch parallele Denkprozesse nach den Prinzipien des Schwarmverhaltens: aus eine Vielzahl von Einzelentscheidungen ergeben sich komplexe Gedanken und Handlungen. Beim Gehirn kommt noch dazu, dass es nicht (wie ein Computer) mit umständlichen up-/downloads arbeitet, sondern Informationen freischaltet (addiert), diese Vorgehensweise ist wesentlich schneller; das Bewusstsein wird erweitert.

  9. Träume und Visionen

    Ein guter Titel und – wie ich finde – eine sehr gelungene Einführung für einen interessanten, schwierig abzugrenzenden Themenkomplex.
    Träume, im Sinne von Zukunftsvisionen, die unsere Phantasie beflügeln, die aber nicht immer, und vor allem nicht in für den Visionär erhofften Zeiträumen zu realisieren sind. Und wenn, dann vielleicht auf einem ganz anderen Weg als man es sich ursprünglich vorgestellt hatte.

    Ein Beispiel welches ich über die Jahre mitverfolgt habe, ist die Vision eines Schachprogramms welches in der Lage ist, menschliche Meister zu schlagen.
    Ein Ansatz, war in etwa:
    ‘Packe so viel menschliches Wissen über Schach in ein Programm wie möglich’
    Dieser Ansatz war nie sehr erfolgreich, unter anderem, weil menschliches Experten-Wissen nicht so leicht formalisierbar ist. Die Grenzen der ‘Berechenbarkeit’ einer Position für den Menschen ist schnell erreicht, außerdem kostete es den Menschen Zeit und Energie, viele Züge im Voraus zu berechnen. (Und die resultierenden Stellungen zu bewerten!) Der Großmeister aber ‘weiß’ (letztendlich aus dem Bauch heraus) ganz gut an welchen Stellen er diese Energie einsetzt und wo es nicht lohnt.
    Der alternative Ansatz war:
    ‘Implementiere ein paar leicht formalisierbare Faustregeln möglichst effizient’
    Der zweite Ansatz hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. Mit Hilfe einiger einfacher Heuristiken wird der ‘Suchbaum’ (also alle aus einer speziellen Position erreichbaren Positionen) so weit beschnitten, dass der Rest komplett durchsucht und bewertet werden kann. (Bei begrenzter Zeit kann es natürlich immer passieren dass die beste Variante abgeschnitten wird.)
    Mit diesem Verfahren arbeiten meines Wissens alle aktuellen Chessengines, gegen die unter Turnierbedingungen kein Mensch eine Gewinnchance hat.
    Die ‘einfachen Heuristiken’ mögen im Nachhinein plausibel und naheliegend wirken, waren aber erstaunlich schwierig zu finden. Sie entstanden über Jahrzehnte in einem Wettbewerb kreativer Programmierer, welche um das spielstärkste Schachprogramm wetteiferten. Nach wie vor haben Schachengines große Schwächen. In statischen Positionen, bei denen ein durchschnittlich guter Vereinsspieler sofort ‘sieht’, das mehr als ein Remis für die dominierende Seite nicht drin ist, kriegen sie ihren Suchbaum nicht in den Griff und beharren (Stundenlang) auf einer zu optimistischen Bewertung. Mag wohl sein, dass es ein paar noch nicht entdeckter, ‘einfacher’ Heuristiken bedarf um die verbleibenden Schwächen zu eliminieren.
    Interessant ist auch, in welcher Weise die Engines das Schachspiel verändert haben. Letztlich wurden einige menschliche Dogmen beiseite geräumt. Züge und Stellungen welche der klassische Schachmeister als ‘unästhetisch’ und unspielbar gar nicht in Betracht gezogen hätte, erwiesen sich als mit Hilfe der (völlig unvoreingenommenen) Engines als spielbar und interessant. Das menschliche Schach hat sich dadurch eindeutig weiter entwickelt.

  10. @RD: Schach schlechtes AI-Beispiel

    Die meisten Schachprogramme spielen Schach durch optimierte Spielbaumsuche und lernen nichts dazu. Darum sind sie schlechte Beispiele für Intelligenz.

    Ich würde schon fordern, dass ein intelligentes Programm mindestens eine begrenzte Form des Lernens zeigt. Der Beitrag von Tarek Richard Besold erwähnt übrigens, dass gewisse Exponenten der AI maschinelles Lernen einfordern:

    Hierbei handelt es sich übrigens um eine Beobachtung, welche manchen Vertreter der KI dazu führt, diese Fähigkeit des Selbstlernens ebenfalls von einer Maschine zu fordern, bevor jene einer Zuschreibung von Intelligenz überhaupt auch nur nahe kommen könnte…

  11. 🙂

    ‘Die meisten Schachprogramme spielen Schach durch optimierte Spielbaumsuche und lernen nichts dazu. Darum sind sie schlechte Beispiele für Intelligenz.’

    Genau deshalb sind sie ein gutes und anregendes Beispiel.
    Was sollten Sie denn hinzulernen, und vor allem wie?

    Die Frage was versteht man unter Intelligenz ist ja ziemlich vielschichtig und verschwommen. Da schadet Unvoreingenommenheit erstmal nichts.

  12. Heuristiken

    Neuere Forschungen legen übrigens nahe, dass das menschliche Gehirn beim Bewerten sehr komplexer Sachverhalte mit einfachen Heuristiken arbeitet.

  13. Begrenzheit

    Manche Systeme sind nur innerhalb eines bestimmten Bereiches zu intelligentem, erfolgreichen Verhalten in der Lage. Entsprechend ist es nicht sinnvoll, eine universelle Weltmaschine entwickeln zu wollen. Aber für kleine Teilbereiche kann es durchaus optimale Lösungen geben.
    Ähnlich arbeitet auch die Natur. Es gibt Spezialisten für bestimmte Aufgaben, die aber völlig versagen, wenn sich Bedingungen ändern. Z.B. sind Bienenvölker selbstorganisierend überlebenfähig – aber sie versagen komplett, wenn ihr Stock Feuer fängt.

  14. Freue mich auf diesen Blog.

    Ich habe selber eine Vorlesung “Neuronale Netze/Neuromodelling” mehrfach gelesen und dabei leider wenig Kontakt zu den anderen Disziplinen gehabt, die in diesem Forschungsfeld aktiv sind. Gerade die Theoretische Informatik kenne ich zu wenig und denke dort noch sehr viele spannende Gedanken kennenlernen zu können. Zumindest sind viele Fragen bei mir offengeblieben, denn jede Disziplin (in meinem Fall Physik) hat ja ihre eigenen Werkzeuge und Ansichten.

    Ich werde sicher nun auch mal den ein oder anderen Post schreiben, muss aber zunächst die alten Vorlesungsmitschriften hervor kramen.

    Willkommen bei den BrainLogs!

  15. Vielen Dank…

    …für die herzlichen Willkommensgrüße!
    …die angeregte Diskussion!
    …die zahlreichen zum Ausdruck gebrachten Blickwinkel und Sichtweisen!
    …die interessanten Anregungen und Themen für zukünftige Blogposts!

    Zunächst freue ich mich natürlich einmal sehr, dass bereits der erste Eintrag in Analogia eine derartig breite und interessierte Aufnahme erfahren hat – danke Ihnen allen!

    @Michael Blume & Markus A. Dahlem: Herzlichen Dank für die Grüße! Vielleicht bietet sich ja bei Gelegenheit auch einmal die eine oder andere Blog-übergreifende Zusammenarbeit an. Ich würde mich jedenfalls freuen!

    Nun noch als kurze Erwiderung auf einige der vorgebrachten Ansichten und Argumente:

    @Gehirnemulation: Ein sehr aktives, kontrovers diskutiertes Thema – ich hatte im letzten Jahr zweimal das Vergnügen, einen Konferenzvortrag zum Thema mitverfolgen zu können, und war überrascht und fasziniert. Das Thema wäre auf jeden Fall ein guter Kandidat für einen der nächsten Beiträge!

    @Maschinen, Willen und Intelligenz: Schöner Einwand, an dieser Stelle eine Rückfrage dazu: Sie sagen, dass Maschinen nichts wollen würden, da Wollen ein Proprium des Lebendigen sei. Ist dies als definitorische Aussage zu lesen, d.h. wäre eine Maschine mit Willen in Ihren Augen somit keine Maschine mehr, sondern hätte den Schritt zum lebenden Wesen vollzogen?
    Außerdem: Nun, die erste, naive Entgegnung von KI-Seite könnte z.B. sein, dass der menschliche Wille auf unterster Ebene auch nur aus primitiveren Grundbedürfnissen (Instinkten?) erwächst, sei es die Suche nach Nahrung, sei es (noch grundlegender?) das simple Überleben. Gegeben diese Annahme, wo ist nun der grundlegende qualitative Unterschied zu einer Maschine, welcher von ihrem Erschaffer einprogrammiert wurde, ein Mindestniveau an Treibstoff sicherzustellen, und Bedrohungen auszuweichen? (Selbstverständlich ist dies eine in vielerlei Hinsicht stark vereinfachte, unvollständige Sicht der Dinge, aber wie gesagt, als erste, naive Annäherung…)

    @Greifen, Bilderkennen, etc.: Embodiment und Situated Cognition – zwei weitere Stichworte, die in naher Zukunft mit Sicherheit zum Leitthema des ein oder anderen Blogpostings werden.

    @Heuristiken: Ein wundervolles Beispiel für einen (bzw. mehrere) Paradigmenwandel innerhalb der KI – von den schwarzen Schafen, zu den liebsten Kindern, hin, und her… Auch hierzu mehr in Kürze!

    @Computerschach: Abgesehen davon, dass ich selbst bis heute nicht sicher bin, ob Schach tatsächlich jemals ein geeignetes Testparadigma für die Leistungsfähigkeit von KI-Programmen war, habe ich (auf meiner langen Liste zukünftiger Themen) unter anderem vorgesehen, einige Überlegungen zum (in meinen Augen signifikanten) Unterschied zwischen DeepBlue und Watson (IBM’s Jeopardy!-spielendem System) anzustellen. Persönlich in aller Kürze: DeepBlue war weit davon entfernt, “intelligent” zu sein, und auch Watson löst sicher nicht die Leitfrage der KI – aber ich denke doch, dass Watson definitiv intelligenter ist, als es DeepBlue je sein konnte.

    Zunächst wird es aber in den nächsten Tagen noch einen zweiten Eröffnungspost zu einem relativ allgemeinen Thema geben – und damit auch bereits den ersten kurzen Streifzug in doch sehr kognitive Gefilde…

  16. @ Tarek R. Besold

    „@Maschinen, Willen und Intelligenz: Schöner Einwand, an dieser Stelle eine Rückfrage dazu: Sie sagen, dass Maschinen nichts wollen würden, da Wollen ein Proprium des Lebendigen sei. Ist dies als definitorische Aussage zu lesen, d.h. wäre eine Maschine mit Willen in Ihren Augen somit keine Maschine mehr, sondern hätte den Schritt zum lebenden Wesen vollzogen?“

    Es ist eher eine metaphysische Überzeugung, dass Leben mitsamt seinen Propria keine Systemeigenschaft der Materie ist. Wenn ich jetzt Ihre Frage beantwortete, indem ich etwa sagte, dass eine wollende Maschine vielleicht nicht gleich als lebendig zu bezeichnen sei, sondern neben Lebendigem und Maschinen als etwas Drittes, dann würde ich damit zugestehen, dass „Wollen“ eben doch als eine Eigenschaft aus der Materie herauswachsen könnte. Aber genau das erscheint mir als unmöglich. Mithin glaube ich nicht, dass z.B. wir jemals vor der Frage stehen werden, ob wir einer Maschine Rechte zugestehen müssen und dergleichen.

    “Außerdem: Nun, die erste, naive Entgegnung von KI-Seite könnte z.B. sein, dass der menschliche Wille auf unterster Ebene auch nur aus primitiveren Grundbedürfnissen (Instinkten?) erwächst, sei es die Suche nach Nahrung, sei es (noch grundlegender?) das simple Überleben.“

    Jeder noch so primitive Instinkt ist qualitativ verschieden von einem Computer-Programm. In der Biologie wird oft fahrlässig von einem „Verhaltensprogramm“ gesprochen, aber das ist eine uneigentliche Redeweise, auch wenn manche es damit ernst meinen. Ein solches Programm lässt sich materiell ja auch nicht aufweisen. Bis dato wird so etwas lediglich unterstellt.

    “ wo ist nun der grundlegende qualitative Unterschied zu einer Maschine, welcher von ihrem Erschaffer einprogrammiert wurde, ein Mindestniveau an Treibstoff sicherzustellen, und Bedrohungen auszuweichen?“

    Es gibt wohl keinen allumfassenden Begriff, der den gesamten Unterschied bezeichnet, aber es gibt einzelne Unterschiede, anhand derer man Prinzipielles aufzeigen kann.

    Da ist zum einen das „Selbstsein“, das Lebewesen von Maschinen unterscheidet. Maschinen sind reine Objekte (für den Menschen) und an sich selbst sind sie gar nichts, sondern würden einfach verrotten wie eine Leiche. Sie existieren nur in ihrer Funktion für den Menschen, der mit ihnen seine Zwecke verfolgt.

    Ein weiterer Punkt besteht darin, dass Menschen Zwecke verfolgen, zum Beispiel: Am Leben zu bleiben, während Maschinen nur Werkzeuge sind für menschliche Zwecke sind.

    Ferner haben Lebewesen Wahrnehmungen, und weisen damit eine Trennung von innen und außen auf. Dadurch haben sie so etwas wie eine Umwelt, von der sie selbst abgegrenzt sind. Die Welt erscheint ihnen, im Gegensatz zur Maschine, der nichts erscheint.

    Das sind natürlich nur Andeutungen.

    Selbstverständlich ist mir auch bekannt, dass es radikale Deutungen des Lebens und der menschlichen Existenz innerhalb der Wissenschaft gibt, die versuchen, diese Propria als Schein zu entlarven und das Lebendige als bloßen chemischen Prozess zu erweisen, und Lebendiges somit als eine komplexe Maschine. Mir scheint, dass solche Deutungen mit gewissen Bemühungen der KI-Forschung konvergieren, indem etwa das Gehirn als eine Art Hardware vorgestellt wird, auf dem eine Bewusstseinssoftware läuft.

    Interessanterweise sind die Ergebnisse beider Bemühungen gemessen an den oft vollmundigen Ankündigungen reichlich kümmerlich. Damit meine ich die Ankündigung sowohl der theoretischen als auch praktischen (materiellen) Rekonstruktion lebendiger Erscheinungen.
    Ingesamt liegt es in der Natur der Sache, dass sich der qualitative Unterschied zwischen Lebewesen und Maschine nicht knallhart logisch und empirisch dingfest machen lässt, denn eine Kategorie wie „Selbstsein“ oder „Bewusstsein“ lässt sich nicht naturwissenschaftlich aufweisen, sondern wird bei einem anderen Wesen erkannt auf die Weise des Zugestehens oder Anerkennens. Sie ist deswegen nichtsdestoweniger real.

  17. Abgrenzung

    Die Abgrenzung eines Menschen von der Umwelt ist erlernt; indem man ca. ab dem 2. Lebensjahr lernt, sich von anderen als eigenständige Persönlichkeit (Ich, Selbst) zu unterscheiden.
    So etwas kann man auch einer Maschine beibringen.

  18. Dualist vs. Materialist

    @fegalo:

    Wenn ich Ihren Text richtig verstehe, dann regen sie mit Ihrem Post die Diskussion “Materialismus versus Dualismus” an. Richtig? In all den zahlreichen Diskussionen, die ich zu diesem Thema geführt habe, habe ich es nie erlebt, dass es einer der beiden Seiten möglich war die andere zu überzeugen. Dennoch bin ich immer wieder daran interessiert, warum Dualisten dieser Überzeugung sind. Ich selber bin überzeugter Materialist. Deswegen möchte ich zwei Ihrer Argumente aufgreifen.

    “Da ist zum einen das „Selbstsein“, das Lebewesen von Maschinen unterscheidet. Maschinen sind reine Objekte (für den Menschen) und an sich selbst sind sie gar nichts, sondern würden einfach verrotten wie eine Leiche.”
    Warum? Eine Maschine, die in der Lage ist ihren Energiehaushalt selbstständig zu erneuern und selbständig in ihrer Umgebung agiert, verrottet eben nicht einfach wie eine Leiche. Sie würde ihrer Programmierung folgen, bis ein technischer Defekt sie daran hindert. Deswegen kann ich obiges Argument nicht wirklich nachvollziehen.

    “Ferner haben Lebewesen Wahrnehmungen, und weisen damit eine Trennung von innen und außen auf. Dadurch haben sie so etwas wie eine Umwelt, von der sie selbst abgegrenzt sind. Die Welt erscheint ihnen, im Gegensatz zur Maschine, der nichts erscheint.”
    Wir wissen doch nur, dass Lebewesen Wahrnehmung besitzen, weil wir uns selber als Lebewesen definieren, die Ähnlichkeit zu anderen Lebewesen/Tieren sehen und daher diesen ebenfalls Wahrnehmung zusprechen. Aber selbst bei einem Tier treffen wir nur eine Annahme, aufgrund gewisser gegebener Ähnlichkeiten zum Menschen. Selbst wenn ich anderen Menschen Wahrnehmung zu schreibe, treffe ich nur eine Annahme, weil ich als Mensch zu wissen glaube, dass ich über Wahrnehmung verfüge und dies auf andere Menschen übertrage. Wenn es uns also bis dato unmöglich ist nachzuweisen, dass andere Menschen über Wahrnehmung verfügen, ohne ihnen die Frage zu stellen “verfügen sie über Wahrnehmung”, wieso sind wir dann in der Lage auszuschließen, dass Maschinen nicht über ihre eigenen, für uns befremdliche Wahrnehmung verfügen?

  19. @ Kristin Völk

    “Wenn ich Ihren Text richtig verstehe, dann regen sie mit Ihrem Post die Diskussion “Materialismus versus Dualismus” an. Richtig?”

    Nicht richtig. Auch wenn ich die Überzeugung vertrete, dass Leben keine Systemeigenschaft ist, trete ich deswegen nicht für einen Dualismus ein. Dualismus heißt: Die Welt besteht aus zwei Substanzen. Materialismus heißt: Materie ist (überhaupt) eine Substanz und zwar die einzige. Das sind bei weitem nicht die einzigen denkbaren Alternativen, und soll hier auch nicht diskutiert werden, weil es zu weit ab führt. Wenn ich den Materialismus als falsch ablehne, ist damit noch lange keine Gegenposition gegeben, so als gäbe es nur eine einzige.

    “Eine Maschine, die in der Lage ist ihren Energiehaushalt selbstständig zu erneuern und selbständig in ihrer Umgebung agiert, verrottet eben nicht einfach wie eine Leiche. Sie würde ihrer Programmierung folgen, bis ein technischer Defekt sie daran hindert. Deswegen kann ich obiges Argument nicht wirklich nachvollziehen.“

    Sie können es möglicherweise so lange nicht nachvollziehen, so lange Sie nicht auf den eigentlichen Gehalt des Begriffs „Selbstsein“ fokussieren, obwohl Ihnen dieser am eigenen Leib sehr vertraut ist, sondern statt dessen dabei auf der Vorstellung von einer Rekonstruktion eines Wesens als selbsterhaltendes materielles System beharren. Selbstsein ist allerdings mehr als das Dasein als ein rückgekoppeltes System, das aufgrund von im evolutionären Selektionsprozess erworbenen Mechanismen seinen Zerfall eine Zeitlang abwenden kann.

    Beispiel: Der Begriff „gut für“ lässt sich sinnvoll nur auf Lebewesen anwenden, auf Wesen also, die Selbstsein aufweisen und daher ein „Wohl“ haben. Wenn man dagegen sagt „regelmäßiger Ölwechsel ist gut für das Auto“, dann meint man nicht: für das Auto selbst, sondern für den menschlichen Zweck der motorisierten Fortbewegung. Das Auto ist im Unterschied zu einem Menschen reines Objekt. Das gälte auch für eine hypothetische selbsterhaltende Maschine. Beachten Sie dabei das interessante kleine Detail, dass es eine solche Maschine gar nicht gibt, und das wird seinen Grund haben.

    Dagegen behauptet der Materialismus, Lebewesen wären solche Maschinen, aber er kann es nicht belegen und die damit einhergehenden theoretischen Probleme nicht lösen. Man kann es nicht oft genug betonen: Der Materialismus ist nicht ein Ergebnis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern eine metaphysische Position.

    Dass Lebewesen bloß Maschinen seien, ist nur eine Deutung vor dem Hintergrund eben jener metaphysischen Position.

    “wieso sind wir dann in der Lage auszuschließen, dass Maschinen nicht über ihre eigenen, für uns befremdliche Wahrnehmung verfügen?“

    Unsere Gewissheit, dass andere Menschen über Bewusstsein verfügen, entstammt u.a. der Erkenntnis, dass sie so sind wie wir, also der gleichen Art. Es gibt keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln.

    Umgekehrt gibt es keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, eine Maschine hätte so etwas wie Wahrnehmungen, oder könnte solche haben. Aber natürlich können wir das logisch-empirisch genauso wenig beweisen wie fremdes menschliches Bewusstsein. Die Vorstellung von wahrnehmenden, fühlenden Maschinen bleibt halt eine phantastische Annahme.
    Aber um von hier den Bogen zum Thema des Beitrags zurückzuführen:

    Die Hoffnung auf einen Nachbau menschlicher Intelligenz und menschlichen Bewusstseins kann nur erwachsen auf dem Fundament eines metaphysischen Materialismus. Bislang ist das gescheitert. Vielleicht gibt uns das einen Hinweis darauf, dass der Materialismus doch falsch ist.

    Dagegen wäre das Projekt KI auf dem Boden einer nichtmaterialistischen Position etwas ganz anderes. Man würde einfach ausloten, wie weit man das Projekt „wir basteln uns eine nützlichen Idionten“ treiben kann, ohne dabei die Analogie zu mentalen Leistungen, Wahrnehmungen und Gefühlen beim Menschen zu bemühen. Ich glaube, in dieser Richtung liegt der richtige Weg.

  20. @fegalo: Mensch+Amöbe leben beide, aber

    eine Amöbe kann man durchaus als Maschine auffassen, einen Menschen nicht.

    Sie stellen jedoch alles Lebendige auf eine grundsätzlich andere Stufe als die Dinge, die wir Menschen kreieren.
    Hier liegt die Schwäche in der Argumentation ihrer letzten Kommentaren.

    Sie schreiben: Jeder noch so primitive Instinkt ist qualitativ verschieden von einem Computer-Programm.
    Doch es gibt Lebensäusserungen, die nicht einmal den Namen Instinkt verdienen, weil sie nicht von inhärenten und sehr einfachen Programmen zu unterscheiden sind. Das trifft auf alles einzellige Leben zu. Bis vor zwei Milliarden Jahren gab es überhaupt nur einzellige Lebewesen. Der einfachste bekannte Mikroorganismus der einen vollständigen Stoffwechsel hat, Mycoplasma genitalium, besitzt lediglich 480 Gene, weswegen es kürzlich von Craig Venter von Grund auf im Labor neu erschaffen wurde. Kaum jemand wird bezweifeln, dass man ein solches Lebewesen als Maschine auffassen kann. Aus diesen simplen Maschinen sind aber letzlich – im Laufe der Evolution – auch wir enstanden.

    Damit ihre These des ganz Andersseins des Lebendigen “hält” müssen sie entweder annehmen, dass schon so primitive Geschöpfe “beseelt” sind – was aber sofort Probleme aufwirft, wenn wir diese Lebewesen doch im Labor aus chemikalischen Grundsubstanzen völlig neu aufbauen können – oder aber ein Übergang zum beseelten Leben findet erst später statt, wofür es aber keine Anhaltspunkte gibt. Viel naheliegender ist ein kontinuierlicher Übergang von primitiven Organismen zu komplexeren und schliesslich zu solchen mit Bewusstsein wie wir es sind.

    Und was die Evolution als blinder Prozess geschaffen hat, das schaffen doch auch wir als bewusste Schöpfer – oder etwa nicht?

  21. @ Matrtin Holzherr

    “Doch es gibt Lebensäusserungen, die nicht einmal den Namen Instinkt verdienen, weil sie nicht von inhärenten und sehr einfachen Programmen zu unterscheiden sind.“

    Weder spielt es eine Rolle, welchen Namen man diesen Äußerungen gibt, noch, ob sie für Menschen nicht von bestimmten Programmen zu unterscheiden sind (was ich im Übrigen bezweifle). Worauf es ankommt, ist, ob es tatsächlich nur Programme sind oder eben qualitativ vollkommen andere Erscheinungen, die uns zufälligerweise an Programme erinnern, oder die wir mit Programmen simulieren können.

    „ Der einfachste bekannte Mikroorganismus der einen vollständigen Stoffwechsel hat, Mycoplasma genitalium, besitzt lediglich 480 Gene, weswegen es kürzlich von Craig Venter von Grund auf im Labor neu erschaffen wurde.“

    Sie haben da etwas Entscheidendes verwechselt. C. Venter hat nicht etwa einen kompletten Mikroorganismus nachgebaut und zum Leben erweckt, sondern er hat das Erbmaterial dieses Bakteriums synthetisch hergestellt und in ein lebendes! Bakterium eingepflanzt. Simpel ausgedrückt: Er hat ein einziges Molekül in einem lebenden Organismus ausgetauscht. Das klingt (trotz der beachtlichen technischen Leistung) nicht mehr so spektakulär, nicht wahr?

    “Kaum jemand wird bezweifeln, dass man ein solches Lebewesen als Maschine auffassen kann. Aus diesen simplen Maschinen sind aber letzlich – im Laufe der Evolution – auch wir enstanden.“

    Auch hier: Entscheidend ist nicht, ob man es als Maschine auffassen kann, sondern ob es eine Maschine ist.

    Das wäre dann der Fall, wenn sich mit der Maschinentheorie schlicht alle Lebensäußerungen des Einzellers erklären ließen. Dafür sehe ich aber keine Anhaltspunkte. Denn an dem Phänomenen Wahrnehmung und Streben u.a. scheitert bislang jegliche Maschinentheorie.
    “Damit ihre These des ganz Andersseins des Lebendigen “hält” müssen sie entweder annehmen, dass schon so primitive Geschöpfe “beseelt” sind…“

    „Beseelt“ ist natürlich eine Metapher für etwas, das wir wissenschaftlich nicht erfassen können. Wenn wir aber sogar an Einzellern ein Streben, ein Vermeidenwollen, ein Wahrnehmen etc. beobachten können, wie könnten wir dann anders, als dies für eine Variante von dem zu halten, was wir bei uns selbst als diese Phänomene feststellen? Im anderen Falle stünden Sie vor der Aufgabe, den Übergang vom bloß maschinenmäßigen Wahrnehmen zu echter Wahrnehmung zu erklären. Da werden Sie auch nicht weit kommen.

    “Und was die Evolution als blinder Prozess geschaffen hat, das schaffen doch auch wir als bewusste Schöpfer – oder etwa nicht?“

    In Ihrer Hoffnung steckt eben jede Menge Metaphysik, ob Ihnen das bewusst ist oder nicht. Ich würde eine Wette abschließen, dass wir es nicht schaffen. Weder Leben im Labor erzeugen (komplette Organismen zusammenbauen), noch künstliche Intelligenz, die über komplexe Algorithmen hinausgeht, sondern versteht, was sie tut, noch künstliches Bewusstsein.

  22. Willkommen!

    Auch von meiner Seite aus ein herzliches Willkommen; ich freue mich schon auf spannende Diskussionen!

    “Stufen” ist eines meiner Lieblingsgedichte. Allerdings hoffe ich, dass nur sein Anfang auf deinen Anfang zutrifft, schließlich geht es doch darum, sich bald wieder neuen Aufgaben zuzuwenden.

    Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
    Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
    Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
    Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

    P.S. Im Deutschen gibt es übrigens Faustregeln und man kann über Daumen peilen; die “rule of thumb” ist etwas Englisches. 😉

  23. Gedicht @Stephan Schleim

    Schönes Gedicht! Der buddhistische Philosoph Nagarjuna sagte: “Das beste Mittel, den Geist der Leerheit auszudrücken, ist die Poesie.”

  24. @ fegalo: Die Wette gilt

    “Wenn wir aber sogar an Einzellern ein Streben, ein Vermeidenwollen, ein Wahrnehmen etc. beobachten können, wie könnten wir dann anders, als dies für eine Variante von dem zu halten, was wir bei uns selbst als diese Phänomene feststellen?”

    Wenn wir aber sogar an Maschinen ein Streben, ein Vermeidenwollen, ein Wahrnehmen etc. beobachten können, wie könnten wir dann anders, als dies für eine Variante von dem zu halten, was wir bei uns selbst als diese Phänomene feststellen?

    “In Ihrer Hoffnung steckt eben jede Menge Metaphysik, ob Ihnen das bewusst ist oder nicht.”

    In Ihrer Hoffnung – dass sich Mensch, Einzeller und Maschine in dieser Hinsicht unterscheiden – steckt eben jede Menge Metaphysik, und ich vermute, dass Ihnen das bewusst ist.

    “Ich würde eine Wette abschließen, dass wir es nicht schaffen. Weder Leben im Labor erzeugen (komplette Organismen zusammenbauen), noch künstliche Intelligenz, die über komplexe Algorithmen hinausgeht, sondern versteht, was sie tut, noch künstliches Bewusstsein.”

    Die Wette halte ich!

    Wie könnte ich sie verlieren – wenn wir beide ewig lebten oder wenn die Menschheit ausgestorben wäre? Und nur so zum Spaß, wie könnte ich sie gewinnen (wenn das mit dem Leben im Labor erzeugen nicht klappt), was könnten die Kriterien sein, anhand derer wir diese metaphysische Wette (über Intelligenz und Bewusstsein) entscheiden könnten?

  25. Herzlich Willkommen, aber

    Ist es nicht müßig, über die alten Fragen nachzudenken, solange es nicht einmal gelingt, ein Libellenhirn zu verstehen oder nachzubauen? So ein Hirn in einem Kampfhubschrauber… . Die höheren geistigen Funktionen des Menschen, Sprache und Selbstreflexion, treten erst auf, wenn Menschen ihre Gehirne untereinander koppeln.
    Trotz der winzigen Kanalkapazität treten völlig neue Phänomene auf. Die Entwicklung von Kunst, Gesang, Tanz kann man als den Versuch ansehen, die Kapazität dieser Kopplung zu erhöhen. Wenn es erst gelingt, etwa durch Neuroprothesen Gehirne besser zu verkoppeln, ergeben sich für die Untersuchung von Bewusstsein ganz andere Möglichkeiten. Kein Mensch, ausser vielleicht einigen Mystikern, weiss, wie sich so etwas anfühlt, welche Qualia damit verbunden sind. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Experimentierkunst.

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