Die Kreativ-Maschinen kommen: Noch eine Geschichte zweier ungleicher Schwestern

Gestern Abend gab es mit „Kunst auf Knopfdruck – Die Kreativ-Maschinen kommen“ (Link zum Nachhören/-lesen) auf Deutschlandradio Kultur ein hörenswertes „Forschung und Gesellschaft“-Feature. Das Thema war Künstliche Kreativität – oder?

Ja und nein – wie so häufig gibt es hierzu (mindestens) zwei Sichtweisen, welche untrennbar mit der Frage verknüpft sind: Was ist künstliche Kreativität, und was sind die Inhalte und Hauptfragen des zugehörigen Forschungsfeldes?

Auf der einen Seite gibt es eine, seit einiger Zeit auch mit wachsender Regelmäßigkeit in den Medien vertretene, Strömung, welche ihre Ursprünge hauptsächlich auf eher kunstnahe Kreise in den 1970ern zurückführt. Deren Antwort auf eben gestellte Frage würde wohl lauten: Künstliche Kreativität beschäftigt sich mit der maschinellen, automatisierten und autonomen Erzeugung von Kunstwerken oder typischen Produkten der Kreativwirtschaft, wie etwa Gedichten oder Erzählungen.
Auf der anderen Seite, zurückgehend bereits auf Arbeiten von Newell und Simon in den 1950ern, gibt es eine kleine Community innerhalb der klassischen KI-Forschung, welche sich mit künstlicher Kreativität in einem anderen Zusammenhang beschäftigt: Kreatives Problemlösen und Konzeptgenerierung. Anstelle von Gemälden und Musikstücken geht es hierbei mehr um computererzeugte mathematische Theoreme von Relevanz, die automatische und unüberwachte Übertragung von Lösungsstrategien aus bekannten Situationen auf bis dahin unbekannte Domänen und Problemstellungen, oder auch um die automatische Erzeugung von Lösungen zu sogenannten „insight problems“ wie etwa dem Neun-Punkte-Problem (Link).

Ähnlich unterschiedlich wie die jeweilige Zielsetzung, so verschieden sind zumeist auch die Standards, das Selbstverständnis und die Fachkultur beider Kreativschwestern. Während sich die eher kunstnahe Künstliche Kreativität gerne als eigenständiges, von der KI losgelöstes Feld betrachtet, versteht sich die andere Seite als fachlicher Teil der KI (mit potentiell entscheidender Bedeutung auf dem Weg zur Erschaffung einer „tatsächlichen“ künstlichen Intelligenz). Und auch was die Außendarstellung anbelangt, gibt es im Moment noch signifikante Unterschiede: Sucht die erstgenannte Bewegung aus gutem Grund sehr aktiv Kontakt zu anderen Feldern auch und gerade in den Kulturwissenschaften, zu Künstlern, Kreativschaffenden, und den Medien, ist die KI-nahe Kreativcommunity hauptsächlich auf den Wissenschaftsbetrieb beschränkt, konzentriert sich auf Fachkonferenzen und -publikationen, und unterhält (wenn überhaupt) überwiegend Kontakte zu eng verwandten und benachbarten Disziplinen wie etwa der Kognitionswissenschaft und der (zumeist kognitiven) Psychologie.

Natürlich kann nun die Frage gestellt werden, welche von beiden Bewegungen die wichtigere, oder mittel- und langfristig einflussreichere, sein wird. Allerdings bin ich der Ansicht, dass diese Frage konzeptuell falsch und als solche nicht beantwortbar ist. Zumindest ich will nicht derjenige sein, zu entscheiden, was die tiefergreifenden Veränderungen unserer Lebenswelt hervorrufen wird: Der grundlegende Wandel unseres Kulturverständnisses, -lebens und -betriebes, welchen automatisch erzeugte Kunst und Kreativprodukte hervorrufen würden, oder die (auch nicht einfach vorhersagbaren) Veränderungen unseres Lebensumfelds, zu welchen einsichtsfähige, kreativ agierende Maschinen führen würden.

Langer Rede, kurzer Sinn: „Kunst auf Knopfdruck – Die Kreativ-Maschinen kommen“ bot gestern eine unterhaltsame Perspektive auf verschiedene Aspekte und Grundlagen der kunstorientierte Seite der Künstlichen Kreativität, basierend auf Interviews mit einigen der aktuell populärsten Vertretern der Bewegung – und auch, wenn damit „nur“ ein Teil des gesamten Feldes angesprochen wird, so hält das Feature, was sein Titel verspricht, und ist in dieser Hinsicht als zugängliche Einführung auf jeden Fall einen Blick wert!

Viel Spaß damit und: Bis zum nächsten Blogpost!

Jack of all trades, (hopefully) master of some: - Diplommathematiker (FAU Erlangen-Nürnberg),... - ...Logic Year-Absolvent (ILLC, Universiteit van Amsterdam),... - ...PhD in Cognitive Science (IKW, Universität Osnabrück),... - ...Postdoc am KRDB der Freien Universität Bozen-Bolzano,... - ...und inzwischen am Digital Media Lab der Universität Bremen. Themen aus der (vor allem kognitiv-inspirierten) künstlichen Intelligenz, der künstlichen Kreativität, der Philosophie des Geistes, und dem Grenz- und Interaktionsbereich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. ==================== Alle zum Ausdruck gebrachten Annahmen, Meinungen, Einschätzungen, und Stellungnahmen stellen ausschließlich meine private Position zu den jeweiligen Themen dar, und stehen (außer, wenn explizit anders ausgewiesen) in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit Institutionen aus meinem beruflichen Umfeld.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt

    zurzeit bspw. Software, die Komponieren kann, die Grafik zu Musik generieren kann und die journalistische Berichte aus möglichst genau spezifizierten Daten erstellen kann.
    Dazu Suchmaschinenlogik, die künstlerisch erscheinen mag, vielleicht passen hier auch sogenannte Expertensysteme.

    Ansonsten bleibt weiterhin zwischen ‚kreativ‘ und ‚einsichtsfähig‘ zu unterscheiden. Die Einsichtsfähigkeit benötigt idR umfassendes Kulturverständnis. Dbzgl. ist „wg. Komplexität“ keine KI-Perspektive erkennbar.

    MFG
    Dr. W

  2. Hm

    Ich denke das nach wie vor erst mal der Mensch den Vorzug haben wird was kreativität betrifft. Trotzdem glaube ich das in einigem Jahren mit Sicherheit einige spannende Filme und Bücher aus Software beziehungsweise Computer kommen werden. Ist auf jeden Fall interessant! 🙂

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