Die hauseigene Manufaktur des Glücks

(Ein Analogia-Gastbeitrag von Katharina Müller. Den ersten Teil gibt es hier.)

Aber wie wichtig ist es überhaupt, das zu bekommen, was man möchte? Und wissen wir eigentlich immer, was das Beste für uns – und damit meine ich unsere Glückseligkeit – ist?

Fangen wir mit einer noch recht eingängigen Aufgabe an: Wenn Sie die Wahl hätten zwischen den folgenden zwei Alternativen, für welche würden Sie sich eher entscheiden? Mit Alternative A würden Sie mehrere Millionen im Lotto gewinnen. Alternative B würde Sie kreuzgelähmt in den Rollstuhl schicken.

Das war nicht so schwer? Das mag sein, jedoch nur wenn es um die Leichtigkeit geht, mit der Sie sich gerade wahrscheinlich für Alternative A entschieden haben. Wenn es jedoch darum geht, welche von beiden Alternativen Ihnen wirklich ein größeres Glücksgefühl bescheren wird, ist die Geschichte ganz und gar nicht mehr trivial. Dan Gilbert, ein renommierter Professor für Psychologie an der Harvard University, hat eine erstaunliche Wahrheit zu Tage gebracht: Ein Jahr nach Eintritt des Ereignisses (Lotteriegewinn, bzw. verheerender Unfall) gaben die Neu-Millionäre als auch die Querschnittsgelähmten unabhängig voneinander an, gleich glücklich zu sein. Dieser Befund ist nicht nur erstaunlich, weil sich die Lebensqualitäten beider Personengruppen eigentlich erheblich unterscheiden müssten, sondern auch weil der Großteil unserer westlichen Gesellschaft Alternative A für das erstrebenswerte Ende aller Sorgen hält, während Alternative B einem Alptraum gleicht. Wie kann es also sein, dass das, was wir so sehr möchten, uns am Ende genauso glücklich macht wie das, was wir unglaublich fürchten?

Dan Gilberts Antwort darauf lautet: Wir Menschen sind außerordentliche Meister darin, uns mit den gegenwärtigen Umständen abzufinden und unsere Vorstellung vom Glück an die Realität anzupassen. Einige von Ihnen werden nun innerlich aufatmen. Also ist dies nur ein künstliches Glück, das sich diese vom Schicksal betrogenen Menschen vormachen! Nichts daran ist echtes Glück, wie das, was Millionäre wahrnehmen, während Sie in ihrem Pool die Banknoten zählen! Hier muss ich Sie wieder enttäuschen, denn künstlich erzeugtes Glück ist genauso reell und hält genauso lange an wie natürliches Glück (wenn wir bekommen, was wir wollen). Der entscheidende Punkt ist, dass sich unser Glück nichts vorzumachen lassen scheint. Wenn wir uns nur einreden, dass wir glücklich sind, wächst daraus kein echtes Glück. Wir müssen wahrhaftig glauben, dass unsere gegenwärtige Situation genau die ist, die uns am glücklichsten macht.

Dies bedeutet, dass wir nach Schicksalsschlägen unsere Weltanschauung ändern müssen, um glücklich zu sein. Wie gut wir darin sind, zeigt Gilbert an einigen Beispielen aus der Popkultur: „Ich bin glücklicher als ich es jemals mit den Beatles gewesen wäre“, sagte 1994 Pete Best, der Schlagzeuger, der durch Ringo Starr ausgetauscht wurde und somit unglaublich knapp einem Leben in Ruhm, Wohlstand und nie erahnter Popularität entkommen war. Wir mögen uns an dieser Stelle ein sarkastisches „Na sicher“ denken, dieses ist aber völlig fehl am Platz. Denn Pete Best hatte in all diesen Jahren, in denen seine ehemalige Band vor seinen Augen zur Sensation wurde, genug Zeit, um sich wahrlich davon zu überzeugen, dass sein jetziges Leben das glücklichste ist, das er leben könnte.

Hierbei ist es vor allem die Ausweglosigkeit seiner Situation, die es ihm erleichtert, sich mit ihr abzufinden. Mit anderen Worten: Viel mehr bleibt ihm gar nicht übrig, wenn er nicht todunglücklich sein möchte. Dan Gilberts Forschungsergebnisse zeigen, dass viel Wahlmöglichkeiten unglücklich machen können. Wenn wir uns aus einer Vielzahl an verlockenden Zukunftsperspektiven für die eine entscheiden müssen, laufen wir Gefahr, an den Sorgen über die Möglichkeiten, die wir haben gehen lassen, unglücklich zu werden. Pete Best hatte keine andere Wahl als sich mit seiner Zukunft als Nicht-Beatle abzufinden. Er musste nicht aus der Retrospektive das Für und Wider für eine Karriere in der Yellow Submarine abwägen, musste nicht bangen, ob er anders nicht doch glücklicher gewesen wäre. Er konnte sein Glück selber synthetisieren, weil er keine andere Wahl hatte. Und dieses Glück ist nicht minderwertiger als das Glück, das er möglicherweise in einem Leben als Beatle erlebt hätte.

Glück ist also nicht unbedingt gleichzusetzen damit, zu bekommen, was man möchte. Wenn wir nicht bekommen, was wir wollen, liegt es an uns, unser eigenes Glück zu erschaffen. Erfreulicherweise ist unser Hirn ein Meister darin, Glück künstlich herzustellen. Dan Gilbert verweist hier auf unbewusste kognitive Prozesse, die uns dabei helfen, unsere Sichtweisen zu ändern, auf dass wir zufrieden mit der Realität sind.

Es zeigt sich hierbei auch deutlich, wie miserabel unser präfrontaler Kortex als mentaler Simulator von Zukunftsvisionen funktioniert. Andauernd überschätzen wir den qualitativen Unterschied zwischen zwei Alternativen (diesen Bias nennt man den Impact Bias). Sei es der Fehlglaube, dass uns diese neue Arbeitsstelle länger und intensiver glücklich machen wird als wir es mit unserer alten geworden wären, oder die Annahme, dass wir nach dem Scheitern unserer Liebesbeziehung nie wieder glücklich sein können – bei all diesen Zukunftssimulationen überschätzen wir die Dauer und die Stärke ihres Effektes.

Wenn wir jedoch genauso gut auch glücklich sein können, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen, und wir sogar nach dem Wahrwerden unseres schlimmsten Alptraumes noch die Fähigkeit besitzen, wieder glücklich zu sein, drängt sich mir die Frage auf, warum wir überhaupt so verzweifelt der Verwirklichung unserer Träume nachhängen. Warum planen, hoffen, bangen und kämpfen wir, damit unser Leben genauso verläuft wie wir es uns wünschen?

Es scheint so, als könnten wir uns auf Grund der dürftigen Simulationsfähigkeiten unseres präfrontalen Kortex gar nicht vorstellen, wie wir nach dem Ende dieser Beziehung jemals wieder genauso glücklich sein können, wie wir es in den Armen des Geliebten waren. An Zukunftsperspektiven sind zumeist sehr starke Gefühle, hoffnungsfrohe Erwartungen und bangende Ängste geknüpft. Diese zumeist starken Gefühle zu missachten und unseren Träumen und Alpträumen weniger Wichtigkeit zukommen zu lassen, erscheint dann völlig unsinnig und unintuitiv. So vertrauen wir dann lieber unseren Gefühlen und kämpfen umso entschlossener für den Traum unserer Zukunft.

Meines Erachtens gibt es grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, an den eigenen Vorstellungen über eine glückliche Zukunft festzuhalten. Es gibt nach wie vor Dinge und Perspektiven im Leben, die mehr wünschens- und erstrebenswert sind als andere. Jedoch darf man darüber nicht den Fehler begehen, zu überschätzen, wie viel glücklicher die favorisierte Variante machen wird im Vergleich zur gefürchteten. Und macht es nicht auch glücklich, wenn man im Leben ein bisschen entspannter an seine gesteckten Ziele herangehen kann? Ein Ziel vor Augen zu haben, das man mit Ehrgeiz verfolgen kann, ist wichtig, und kaum etwas ist deprimierender, als antriebslos durch das Leben zu gehen. Mit grenzenlosem Ehrgeiz jedoch laufen wir Gefahr, die Seite in uns herauszukehren, die bereit ist zu lügen, zu betrügen, und Dinge von Wert zu opfern, nur um das festgesetzte Ziel zu erreichen, sagt Dan Gilbert. Und an diesem Punkt sollten wir uns bewusst sein, dass unsere Ziele selten die hochgesteckten Erwartungen erfüllen können, die wir an sie stellen.

Viel wichtiger noch sollten wir meiner Meinung nach mehr Vertrauen darin haben, dass wir auch mit unerwarteten Ereignissen zurechtkommen, die nicht in unserem Plan von der perfekten Zukunft vorgemerkt waren. Auch wenn wir nicht den neuen Job in Paris bekommen, oder unsere Liebesbeziehung zerbricht und wir uns anfangs wie eine gescheiterte Existenz vorkommen, von der wir nicht wissen, wie wir in ihr glücklich weiterleben sollen, so liegt das meist eher an unserer mangelnden Vorstellungskraft, wie unser Leben nach dem Scheitern dieses Lebensplanes weitergehen soll. Wir sind meist in der Lage, wieder aufzustehen, aus der Lektion etwas zu lernen und uns eine neue glückliche Existenz aufzubauen.
Hinzu kommt, dass, würde alles immer nach Plan laufen, wir nie lernen würden, mutig in die Zukunft zu blicken, mit dem Wissen, dass wir auch mit unvorhergesehenen und unerwünschten Geschehnissen fertig werden.

Ich denke daher, dass es mit dem Impact Bias wie mit all den anderen Bias ist, die ich in meinem letzten Artikel behandelt habe: Sie laufen automatisch und unbewusst ab, was bedeutet, dass wir uns ihrer nicht bewusst sind, während wir nach ihnen handeln. Wir können aber aus Erfahrung lernen und im Nachhinein rational reflektieren, ob unser Leben wirklich so viel schlimmer wäre, wenn wir in Eisenhüttenstädt am Schreibtisch sitzen anstelle von Paris; und ob dies all das Bangen, all die Energie und eventuell auch die Opfer, wirklich wert ist.

Letztendlich kommt alles wieder auf eine alte Volksweisheit zurück: Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. So verfolge ehrgeizig deine Ziele und du kannst erwarten, dass das Erreichen ihrer dich glücklich machen wird. Sei dir jedoch über die Realität deiner Wünsche bewusst – darüber, dass auch ein erreichtes Zieles dich nicht auf Dauer überglücklich machen wird. Denn am Ende sind wir nicht nur unseres Glückes eigener Schmied, wenn es um die externen Bedingungen geht, sondern vor allem auch bei der internen Umgebung in der Glück gedeihen kann – unseren eigenen Einstellungen und Erwartungen bezüglich unseres Leben und uns selber. Wir besitzen die Fähigkeit, unser Glücksgefühl selber zu erzeugen und sollten daher aufpassen, uns für die Erfüllung der externen Bedingungen nicht unglücklich zu machen.

 

Literaturtipp

Gilbert, Daniel. Stumbling on happiness. Vintage, 2006.

Jack of all trades, (hopefully) master of some: - Diplommathematiker (FAU Erlangen-Nürnberg),... - ...Logic Year-Absolvent (ILLC, Universiteit van Amsterdam),... - ...PhD in Cognitive Science (IKW, Universität Osnabrück),... - ...Postdoc am KRDB der Freien Universität Bozen-Bolzano,... - ...und inzwischen am Digital Media Lab der Universität Bremen. Themen aus der (vor allem kognitiv-inspirierten) künstlichen Intelligenz, der künstlichen Kreativität, der Philosophie des Geistes, und dem Grenz- und Interaktionsbereich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. ==================== Alle zum Ausdruck gebrachten Annahmen, Meinungen, Einschätzungen, und Stellungnahmen stellen ausschließlich meine private Position zu den jeweiligen Themen dar, und stehen (außer, wenn explizit anders ausgewiesen) in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit Institutionen aus meinem beruflichen Umfeld.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich empfehle “Machen – nicht denken!” von Richard Wiseman. Einfach lachen (egal warum) – es wird sehr schwierig sein, sich dabei nach wenigen Sekunden nicht glücklich zu fühlen.

    Der Punkt aber ist: Wir suchen zwar die Glückseligkeit (beatitudo), aber das Leben wird leer und bedeutunglos, wenn wir es bloß auf Gefühlszustände (“Glück”) abgesehen haben statt auf Sinn und Bedeutung. Glückseligkeit umfasst Sinn und Bedeutung, sprich: Wahrheit. Wir können “glücklich”, aber nicht glückselig sein, wenn wir wissen, dass wir uns gerade selbst belügen.

    Wer versucht in der Wahrheit zu leben, wird in dieser Welt vergeblich auf die Erfüllung seiner Sehnsucht nach Glückseligkeit warten.

  2. @Christian Hoppe: Ich frage mich gerade, wie es möglich ist, mich glücklich zu fühlen (Ihr Glück und nicht Glückseligkeit), wenn ich mich gerade belüge und mir dessen bewusst bin. Sobald mir bewusst wird, dass ich mir nur etwas vormache, schwindet auch das Hochgefühl.

    • Ich glaube, Herr Hoppe entschied sich hier, offenbar “aus dem Bauch heraus”, zwischen “Glück” und “Glück-Seligkeit” zu unterscheiden. Jenes sei lediglich ein “Gefühlszustand”, während dieses “Sinn und Bedeutung” umfasse. Damit hat er nicht ganz unrecht, wie ich finde, insofern Glück ein temporärer Aufregungszustand und Glückseligkeit ein Zustand der Ruhe ist. Das eine also dem endlichen Leben zugewandt, das andere dem ewigen Tod (oder Leben, wenn Sie so wollen; ewiger Tod und ewiges Leben sind lediglich absurde Polaritäten einer weithin nicht verstandenen Dualität).

      Und es ist ein Leichtes, sich ein Leben lang zu betrügen und zu belügen. Das dauert ja nicht so lang. Schauen Sie nur an, wir gerade diejenigen im Lächeln ganz weit vorne sind, deren Lebensentwurf eine einzige bittere Lüge ist, die zu Gier und aggresivem Handeln nötigt. Glückseligkeit hingegen ist milde, passive Einsicht in das perpetuierende Werden und Vergehen.

  3. „Glückseligkeit“ ist einfach nur der philosophische Fachterminus für die Übersetzung des Wortes „Eudaimonia“ bei Platon und bei Aristoteles, die Ethiken des „guten Lebens“ entwickelt haben. Es meint den Zustand des gelingenden Lebens, und zwar über das gesamte Leben hinweg betrachtet. Mit „Seligkeit“ im emphatischen Sinne hat es nichts zu tun. Der Begriff „Glückseligkeit“ ist für das Gemeinte sicherlich nicht sehr treffend gewählt, aber in der Tradition hat er sich nun einmal eingebürgert.

    „Glück“ dagegen ist ein Wort von schillernder Bedeutung in verschiedenen Zusammenhängen, unter anderem meint man damit auch ein emotionales Hochgefühl, das naturgemäß nicht von Dauer sein kann.

  4. Glücklich und erfüllt sein ist tatsächlich nicht dasselbe wie zufrieden sein, ja es bedeutet sogar mehr als ein “reiches” Leben voller Vielfalt führen. Mindestens gibt es in unserer Kultur ein starkes Bewusstsein für den Unterschied, was sich in Wendungen wiederspiegelt wie “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen”. Man kann sich sogar eine Gesellschaftsform vorstellen, die einem das Glück verwehrt, indem sie nur ein falsches Leben ermöglicht. Das wäre gegeben, wenn man sich notwendigerweise verstellen muss oder sich nicht ausleben kann. Wenn man das gleiche erlebt wie die Tiere im Zoo, denen es zwar gut geht, die immer ohne Mühe und zur rechten Zeit ihr Futter bekommen, denen aber die Freiheit genommen ist.

  5. Kleiner Hinweis nur für den Fall dass Sie den Vergleich zwischen Paris und Eisenhüttenstadt noch öfter verwenden wollen: …stadt, nicht …städt.

  6. Letztendlich kommt alles wieder auf eine alte Volksweisheit zurück: Jeder ist seines Glückes eigener Schmied.

    Es gibt eine recht einfache Möglichkeit Menschen zuverlässig unglücklich zu machen, und zwar ist das die Schlechterbehandlung bei mit der Konkurrenz vergleichbaren Merkmalsausprägungen.

    Beispiel: Ein Arbeitnehmer wird willkürlich/unbegründet finanziell zurückgesetzt, ein Schüler erhält allgemein nachvollziehbar und willkürlich schlechtere Noten als andere, ein Journalist erhält trotz allgemein anerkannter Leistung eine nicht begründete Abmahnung.

    Zufriedenheit oder Glück entstehen (neben biologischer Veranlagung) im Vergleich.

    HTH
    Dr. W

  7. Glück ist also nicht unbedingt gleichzusetzen damit, zu bekommen, was man möchte.

    Glück ist nicht zu tun, was man mag, sondern zu mögen, was man tut.


    ‘Wir besitzen die Fähigkeit, unser Glücksgefühl selber zu erzeugen und sollten daher aufpassen, uns für die Erfüllung der externen Bedingungen nicht unglücklich zu machen.’ bleibt aber nicht ganz richtig.

    MFG
    Dr. W

  8. Alle Welt philosophiert über das Glück und darüber, ob und wie man es haben kann und was es eigentlich ist und ob es Glück ist, wenn man seine Wünsche erfüllt kriegt oder nicht.

    Als jemand, der sehr viele Enttäuschungen erlebt hat, sehr oft um den verdienten Lohn betrogen wurde, glaube ich den Leuten nicht, die sagen, dass man nicht glücklicher wird, wenn man seine Ziele erreicht als jemand, den das Schicksal daran gehindert hat. Diese Leute haben entweder keinen vernünftigen Plan vom Leben, weil zu wenig über ihre Wünsche nachgedacht oder sie haben ein gigantisches Talent zum Selbstbetrug. Es mag aber sein, dass wir hier über verschiedene Sachen reden:
    Natürlich, mein afrikanischer Freund, dessen geliebte Frau und Kind bei der Geburt starben, wird darüber hinweg kommen. Einige Jahre später heiratet er neu und ist dann wieder glücklich. Das sind Schicksalsschläge, die wir verarbeiten können – wir trauern, aber das Leben geht nunmal weiter und wir Menschen sind Meister darin, das Beste aus dem Gegebenen zu machen.
    Was ich aber oben meinte, ist ein anderes Kaliber: Wenn man z.B. für einen anderen Menschen eine Arbeit verrichtet und dafür nicht bezahlt wird, weil derjenige beschließt, dass er keine Lust hat, sich um die Vergütung zu kümmern, dann macht einen das nicht gewiss nicht glücklich. Daran ändert sich auch nichts, wenn man Jahre später vielleicht sehr wohlhabend ist, denn es ist der Betrug um etwas Verdientes, das an der Seele nagt und das Glück verhindert. Ich habe hier an eine finanzielle Situation appelliert, weil dies den meisten von uns durch Alltagserfahrung zugänglich ist – wohl wissend, dass das Beispiel konstruiert ist, denn sowas könnte man meistens einklagen. Was man aber nicht einklagen kann, sind „emotionale“ Anerkennungen wie z.B. „wenn Sie jetzt gut arbeiten, d.h. noch diese Überstunden machen und diesen Extra-Dienst übernehmen, dann werden Sie in einem Jahr befördert“ – wenn das dann über fünf Jahre immer „nächstes Jahr“ bleibt, dann fühlt man sich irgendwann veräppelt oder weniger salopp ausgedrückt: betrogen. Nun kann es sein, dass äußere Umstände dies Beförderung verhindern – was weiß ich, z.B. ein Unfall, Krieg, Naturkatastrophe oder so … also, so ein Rückschlag kann einmal passieren, aber beim zweiten Mal wird man quasi nervös und beim dritten Mal werden die meisten Menschen religiös. Ein Quäntchen Glück braucht man also auch dazu zur harten Arbeit, dass die Ziele, für die man schufftet, erreicht werden.
    Glück wäre ist also in diesem Sinn nicht nur, wenn wir tatsächlich bekommen, was wir wollen und wofür wir hart arbeiten, sondern im engeren Sinn auch das Zusammentreffen einiger Unberechenbarkeiten – weil man eben, wie oben ja auch schon geschrieben, nicht alles planen kann – in günstiger Konstellation, die den erwünschten Erfolg als nicht verhindern und im Gegenteil begünstigen.

    Übrigens meinen manche Leute, dass der Konsum von Süßigkeiten, vor allem Schokolade, glücklich machen würde. Die Stoffe, die dabei ausgeschüttet werden oder enthalten sind, sind tatsächlich Auslöser von Glücksgefühlen, aber m.W. nur in homöopathischen Mengen in Schoki enthalten. d.h. man müsste sie tonnenweise verzehren, um glücklich zu werden und ob das dann glücklich macht, wage ich auch zu bezweifeln. Ich mag übrigens Schokolade meistens sowieso nicht und habe daher mal einen – als Schabanack gemeinten – Vers dazu geschrieben:

    sie geht in einen Schokoladen
    um Glück zu kaufen und drin zu baden
    doch stellt sie fest: Zurücklaufen
    ist schwer mit Schokoladenhaufen

    so kommt sie dann zu dem Entschluss
    dass Glück auf andre Art entstehen muss
    der Mensch kann viel die Welt durchmessen
    doch kann man Glück nunmal nicht essen

  9. Wer über sein Glück nachdenken kann ist schon glücklich zu nennen.
    Reflektieren können ist ein Luxus, den sich die meisten Menschen nicht leisten können.
    Wer den ganzen Tag körperlich arbeitet, der lebt vital und kommt gar nicht auf die Idee über Glück nachzudenken. Der ist am Abend froh, dass er sich ausruhen kann.
    Erst wenn sein Lebensstil gestört wird, wird er entweder aggresiv oder unglücklich. Auf jeden Fall will dieser Mensch seinen alten Zustand wieder herstellen.
    Wenn er dies durch einen glücklichen Umstand schafft und dazu noch unverdient, dann empfindet man diesen Umstand als glücklichen Zufall.
    Da gibt es gar nicht viel zu philosophieren.
    Komplizierter wird es, wenn ein Mensch nicht körperlich lebt, sondern nur aus seinem Kopf heraus, also ein Geisteswissenschaftler. Der kann unglücklich werden, weil er ein Leben führt, für das unser Körper nicht geschaffen wurde.
    Das betrifft mittlerweile sehr viele Menschen, die tagsüber im Büro sitzen und über ihr Leben nachdenken können. Dann werden Begriffe wie Glück, Unglück, Lebenslüge lebendig und die Betroffenen fangen an, zu reflektieren.
    Ob ihnen dann die Philosophie weiterhilft?

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