Chinesische Wochen – Von großen Mauern und verbotenen Städten

Ende Juli und Anfang August stand zum ersten Mal China (genauer: Beijing) im mehr oder minder ungeteilten Zentrum der Aufmerksamkeit der KI-Gemeinde: Sowohl die 23. International Joint Conference on Artificial Intelligence (IJCAI’13), als auch mehrere angeschlossene und/oder kollokierte Großereignisse innerhalb des Künstliche Intelligenz-Wissenschaftsbetriebs, fanden innerhalb zweier Wochen in der Hauptstadt der Volksrepublik statt. Außer aktuellen wissenschaftlichen Aspekten kamen dabei natürlich auch soziale und kulturelle Themen zur Sprache: Kann es gelingen, in einem Land, welches aufgrund seiner restriktiven Internet- und Informationspolitik immer wieder ins mediale Scheinwerferlicht tritt (oder getreten wird), eine internationale Wissenschafts- und Technikgroßveranstaltung wie die IJCAI problemlos auszurichten? Nachfolgend ein kurzer Erfahrungsbericht.

Zusammen mit anderen Mitgliedern der Osnabrücker KI-Arbeitsgruppe besuchte ich selbst zunächst bei der 6. Conference on Artificial General Intelligence (AGI 2013), und danach bei der IJCAI, vor Ort. Ein erster Unterschied machte sich dabei von Anfang an bemerkbar: Schien zumindest die Gesamtteilnehmerzahl der IJCAI im Vergleich zu vorherigen Events (z.B. 2011 in Barcelona) konstant geblieben zu sein, so waren doch deutlich weniger Europäer und Amerikaner vertreten. Ähnliches war auch bei der AGI festzustellen, nur hier machte sich der Unterschied auch in der Gesamtzahl bemerkbar – die 2013er Edition fiel deutlich kleiner aus, als es noch 2011 zu Gast bei Google in Mountain View, oder 2012 in Oxford, der Fall gewesen war. Mögliche Erklärungen für dieses Phänomen gibt es mehrere: Zum einen fand zeitgleich in Berlin die CogSci 2013 statt, zum anderen scheute vielleicht doch einfach der eine oder die andere WissenschaftlerIn den weiten Weg von Paris, London, New York oder San Francisco in die chinesische Metropole.

Wesentlich bemerkenswerter und prägender war (zumindest für mich) ein anderer Aspekt: Die Erfahrung, dass das Internet doch nicht grenzenlos und unbeschränkt ist. Gut, zwei Wochen Twitter- oder Facebookverzicht müssen nicht unbedingt eine einschneidende Einschränkung der Lebensqualität darstellen (auch, wenn manche meiner KollegInnen dies sicherlich anders sehen und sahen). Interessanter wird es schon, wenn Google generell nicht mehr das leistet, was es normalerweise tut. Werden zwar zunächst noch weitestgehend normal die Suchergebnisse zu einem Suchbegriff angezeigt, führt ein Klick auf den angebotenen Link häufig ins Nichts (welches sich hier als ein Timeout der Browseranfrage an den jeweiligen Webserver darstellt). Das Internet hat plötzlich (häufig sehr enge) Ränder und Grenzen – und diese sind manchmal tatsächlich (zumindest für den versierten Laien) unüberwindbar.

Interessant war ebenfalls, festzustellen, dass sich diese Beschränkungen keineswegs auf systemkritische oder irgendwie politisch relevante Themen eingrenzen lassen. Beispielsweise lieferte eine Suche nach „deep learning networks“ zahlreiche Suchtreffer, deren Inhalt nicht abrufbar war – trotz dessen, dass bereits aus den URLs klar ersichtlich wurde, dass es sich dabei auf Seiten der den Inhalt bereitstellenden Institutionen keineswegs um ideologische Akteure handelt. Vielmehr wurden häufig auch europäische Universitäten, oder selbst Google Research, als „personae non gratae“ identifiziert und entsprechend blockiert. Eine für mich gänzlich neue Erfahrung.

Ganz klar, auf den ersten Blick (und wohl auch auf den zweiten) sind diese Fälle von Internetzensur weniger akut als beispielsweise das aktuelle Vorgehen gegen chinesische Blogger und Medienaktivisten. Und ebenso halte ich es für plausibel und gegeben, dass chinesische ForscherInnen an Universitäten und Wissenschaftsinstituten häufig zum größten Teil unbeschränkten Zugang zumindest zu forschungsrelevanten Themen haben. Nichtsdestotrotz stellt auch die Einschränkung des Zugangs zu aktuellen Wissenschaftsthemen für den Durchschnittsbürger eine für mich so ungekannte und unvorstellbare Beschränkung dar – deren Auswirkungen vielleicht weniger klar absehbar sind, als es in mehr politisch relevanten Betätigungsfeldern der Fall sein mag. Deren beschränkender und eingrenzender Charakter aber dennoch unzweifelhaft ist.

Jack of all trades, (hopefully) master of some: - Diplommathematiker (FAU Erlangen-Nürnberg),... - ...Logic Year-Absolvent (ILLC, Universiteit van Amsterdam),... - ...PhD in Cognitive Science (IKW, Universität Osnabrück),... - ...Postdoc am KRDB der Freien Universität Bozen-Bolzano,... - ...und inzwischen am Digital Media Lab der Universität Bremen. Themen aus der (vor allem kognitiv-inspirierten) künstlichen Intelligenz, der künstlichen Kreativität, der Philosophie des Geistes, und dem Grenz- und Interaktionsbereich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. ==================== Alle zum Ausdruck gebrachten Annahmen, Meinungen, Einschätzungen, und Stellungnahmen stellen ausschließlich meine private Position zu den jeweiligen Themen dar, und stehen (außer, wenn explizit anders ausgewiesen) in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit Institutionen aus meinem beruflichen Umfeld.

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