„Das größte Mobilitätshindernis von Frauen sind nicht die Kinder – es ist der Partner!“

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Exzellente Wissenschaftlerinnen im Blick
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Auf dem European Science Forum (ESOF) gibt es alle möglichen Veranstaltungen: Präsentationen neuester Forschungsergebnisse aus allen Fachgebieten, sowie Veranstaltungen zu Themen wie Wissenschaftspolitik, Science-to-Business oder zum Thema Wissenschaftskarrieren. Ich besuchte eine Veranstaltung mit dem Thema „Neue Konzepte der Mobilität zur Karriereförderung“ und geriet mitten in eine Diskussion darüber, was die Mobilitätserwartung der Wissenschaft gerade für weibliche Forscher bedeutet. „Als ich ein gutes Jobangebot aus dem Ausland bekam, entschied sich mein Mann, nicht mitzukommen“, erzählt eine Wissenschaftlerin in der Diskussionsrunde. „Wenn dagegen ein Mann ein gutes Jobangebot bekommt, wird immer noch selbstverständlich angenommen, dass die Frau mitkommt.“

Und wirklich: Eine Studie der Stanford-Universität zeigt ein paar schockierende Zahlen zu diesen „Doppelkarrieren“. So halten 59% der Frauen mit einem Akademiker-Ehemann beide Karrieren für gleich wichtig, das finden aber nur 45% der Männer. Dagegen halten 50% dieser Männer ihre Karriere für die wichtigere von beiden, während nur 20% der Frauen das meinten. Eine Studie der European Molecular Biology Organization (EMBO) zeigt in die gleiche Richtung. Was kann das Wissenschaftssystem machen, damit Forscherinnen nicht schon wieder mit einer weiteren Karrierehürde konfrontiert werden?

50% der männlichen Professoren aus der Stanford Studie fanden die eigene Karriere wichtiger als die ihrer Partnerinnen. Bei nur 20% der Professorinnen war das der Fall.
50% der männlichen Professoren aus der Stanford Studie fanden die eigene Karriere wichtiger als die ihrer Partnerinnen. Bei nur 20% der Professorinnen war das der Fall. Credit: Michelle R. Clayman Institute for Gender Research, Stanford University

Die Arbeitsmarktexpertin Charikleia Tzanakou erläutert, dass eine Wissenschaftseinrichtung sehr wohl in solchen Situationen helfen kann. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Warwick und war früher Arbeitsgruppenleiterin zum Thema Mobilität bei Eurodoc. Zum Beispiel kann man einen Dual Career Service einrichten, der sich professionell um dieses schwierige „Zweikörperproblem“ kümmert. Tzanakou möchte das Bewusstsein für dieses Problem schärfen und organisierte deshalb an der ESOF eine Veranstaltung zum Thema „Dual Career Services für junge Forscher/innen“. Die Stanford-Professorin Londa Schiebinger präsentierte dort die eingangs erwähnte Studie über Doppelkarriere-Paare und erzählte, dass amerikanische Universitäten sich mittlerweile sehr anstrengen, um attraktive Dual-Career Programme aufzulegen. Für die Institutionen heißt das nämlich: Sie bekommen exzellente Forscher beiderlei Geschlechts, deren Lebensqualität hoch ist, wenn der Partner ebenfalls einen guten Job hat und niemand pendeln muss. Viele Universitäten besetzen Positionen im „Doppelpack“, und es gibt sogar Finanzierungsmodelle zur Bezahlung der zweiten Position. Eine Ausrichtung auf Doppelkarrieren eignet sich sogar als Werbeargument auf der Website der jeweiligen Uni, solche Unis haben oft sogar einen Vize-Unipräsident, der für Diversität zuständig ist. Im Endeffekt geht es immer darum, die besten Kandidaten für eine Stelle zu bekommen, und mittlerweile zieht das Doppelkarriere-Argument sogar schon bei Doktoranden, nicht erst bei ProfessorInnen.

Und wie ist der Stand in Europa? Alexandra Zingg, Projektleiterin bei swissnex Boston, arbeitet für das Euraxess Tandem-Projekt. In diesem Projekt analysiert sie die Chancen und Risiken der Mobilität für Forscher in Europa, vor allem interessiert sie die Entwicklung bei weiblichen Forschern nach Abschluss ihrer Doktorarbeit. In Europa ist die Lage vergleichsweise trostlos: Fast nirgends gibt es Dual Career Services, dabei wären Jobs im Doppelpack gerade für junge Forscher sehr wichtig. Zinggs Analysen zeigen auch, dass mobile Forscher in Europa anderen Herausforderungen gegenüber stehen als ihre amerikanischen Kollegen: Mobil sein in Europa bedeutet meist, sich auf eine neue Sprache und Kultur einlassen zu müssen. Pionierarbeit leistet hier die Universität Kopenhagen, die sich große Mühe gibt, damit sich die Familien ihrer Forscher in Dänemark wohl fühlen. Mark de Vos ist zuständig für das dortige Doppelkarrieren-Netzwerk, aber er stellt klar: „Wir kümmern uns nicht nur um den Ehepartner, wir kümmern uns zum Beispiel auch um die Mutter.“ Sämtliche Familienmitglieder der neu angestellten Wissenschaftler haben Zugang zu diesem Service. Dazu gehören nicht nur Informationsveranstaltungen und Treffen, sondern auch Karriereberatung oder persönliche Beratung. Doch er spricht auch eine Warnung aus: „Wechseln Sie bloß nicht das Land, wenn beide Partner sofort eine Arbeit brauchen. Es dauert, bis der passende Job gefunden ist, und der Partner, dem das nicht so schnell gelingt, wird sehr enttäuscht sein.“

Ein Doppelkarrieren-Paar braucht also immer noch Kompromissbereitschaft. Doch hoffentlich sehen immer mehr europäische Institutionen ein, dass sie einen Dual Career Service anbieten müssen, um für die besten Kandidaten attraktiver zu werden. Mit diesem Service gestalten sich solche Kompromisse nämlich weniger dramatisch. Frauen können ganz besonders davon profitieren – und sie könnten aufhören, ihre eigene Karriere derjenige ihres Mannes unterzuordnen.

Nachtrag:

In der ersten Fassung diesen Beitrags hatte ich vergessen, den Graphen aus der Stanford Studie mit einzubauen. Da er sehr deutlich darstellt, was für Unterschiede in den Prioritäten beider Geschlechter herrschen, habe ich ihn jetzt noch eingebaut.

Nuria Cerdá-Esteban

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Ich promoviere in Entwicklungsbiologie am Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin. Im Labor untersuche ich, wie sich die Bauchspeicheldrüse im Embryo entwickelt, und wie wir diese Informationen nutzen können, um neue Therapiemöglichkeiten für Diabetes zu entwickeln. Wenn ich abends das Labor verlasse, nehme ich gerne an zahlreichen Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation teil, insbesondere Science Slams. Diesen Juni werde ich an dem EuroScience Open Forum (ESOF) teilnehmen, und von dort aus täglich über meine Eindrücke bloggen. Teil des Blogs werden auch Interviews mit Wissenschaftlerinnen aus dem AcademiaNet Portal sein. Seid gespannt auf Beiträge über die spannendsten Forschungsthemen der europäischen Forschungslandschaft, über wissenschaftliche Karrieren und die neuesten Ereignisse aus der Wissenschaftspolitik! Links/ Kontaktmöglichkeite: Twitter: @Nuria83 Mein Science Slam: http://www.youtube.com/watch?v=BJXSY-nylPw About me: http://about.me/nuriace Über den „about me“ Link kann man mir auch mailen.

5 Kommentare

  1. Vielen Männern ist Karriere nun mal wichtiger als Familie und Kinder. Und dies Wahl ist genauso verständlich, wie die andere Variante.

    • Karriere als Männersache und Familie als Frauensache zu sehen finde ich eine unglaublich antiquierte Ansicht. Warum soll das so sein? Das ist vielmehr eine kulturell geprägte Ansicht, die hoffentlich sich in den nächsten Jahren ändern wird.

      Die Studie zeigt vielmehr, dass Frauen es wichtiger ist, dass beide Partner zufrieden mit der eigenen Karriere sind, während sich Männer vielmehr auf sich konzentrieren!!

  2. In der ersten Fassung hatte ich vergessen, den Graphen aus der Stanford Studie mit einzubauen. Da er sehr deutlich darstellt, was für Unterschiede in den Prioritäten beider Geschlechter herrschen, habe ich ihn jetzt noch eingebaut.

  3. Der Blick auf die Karrierechancen im Allgemeinen um im Wissenschaftsbetrieb im Besonderen legt nahe, dass Männer bessere Karten haben, als Frauen. Da ein Mehr an Geld in einer wirtschafts- und Haushaltsgemeinschaft, gemeinhin Ehe genannt, allen Beteiligten Zugute kommt, ist der männliche Fokus auf Karriere ja auch nicht ganz unvernünftig. Jedenfalls für bestimmte Männer, die realistischerweise auch auf entsprechende Erfolge hoffen dürfen.
    Nun ist mir allerdings nicht ganz klar, warum dann karriereorientierte Frauen im Wissenschaftsbetrieb so einen Mann zu ihrem Partner erwählen. Der liebevollen männlichen Absolventen der Kunstgeschichte, Sozialen Arbeit oder Ägyptologie, die allesamt etwas verträumt und i.d.R. karrierefern sind, eignen sich hervorragend als Hausmann, siehen gerne anderswo mit usw.
    Oder wie es so schön heißt: it takes two to tango.

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