Hoffentlich lesen genau so viele Männer wie Frauen diesen Beitrag!

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Exzellente Wissenschaftlerinnen im Blick
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Die Tatsache, dass Frauen in führenden Positionen in der Wissenschaft stark unterrepräsentiert sind (wie in vielen anderen Berufsfeldern auch), ist nicht nur ein Problem für die Frauen – es betrifft die ganze Gesellschaft. Das sagte mir Isabelle Vernos, als wir uns gestern auf der ESOF unterhielten, und dem konnte ich nur zustimmen; Vernos ist Professorin am Center for Genomic Regulation in Barcelona. Häufig wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Frauen die geschlechtsspezifische Ungleichheit ganz alleine überwinden sollen („Sie müssen lernen, sich durchzusetzen!“). Als ich den Saal betrat, in dem die Veranstaltung zum Thema „Women in science – mind the gap!“ stattfinden sollte, suchte ich die Sitzreihen also nach männlichen Gesichtern ab. Dieses Thema sollte sie doch hoffentlich auch interessieren?!

Frauen trinken eh kein Bier.
Porträts wichtiger Männer im Carlsberg Museum.

Wie erwartet, waren die meisten Anwesenden Frauen, doch immerhin war einer der Redner ein Mann: Daniel Conley, ein Professor aus Lund, setzt sich mit dem WINGS-Projekt (Women in Great Sciences) seiner Universität für Gleichberechtigung ein. Außerdem hat er den Vorsitz eines ERC-Ausschusses, der über ERC Starting Grants entscheidet. Stolz verkündete er, dass die erfolgreichen Anträge in seinem Ausschuss im gleichen Maße von Frauen wie von Männern stammten. Warum muss das überhaupt so großartig verkündet werden? Weil im Allgemeinen die Anträge von Frauen für ERC Grants deutlich schlechtere Karten haben als die Anträge männlicher Bewerber.

Die ERC-Arbeitsgruppe zum Thema Gleichstellung, deren Vorsitz Prof. Vernos innehat, fand heraus, dass die Erfolgsrate von männlichen Antragstellern bei 10% liegt, während weibliche Antragsteller keine 8% erreichen. Insgesamt kommen nur 25% der Anträge von Frauen, und nur 20% der erfolgreichen Anträge stammen von Forscherinnen. Diese Zahlen ändern sich kaum, wenn man die Fachrichtungen getrennt betrachtet (Lebenswissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften, Natur- und Ingenieurswissenschaften). Weshalb gestaltet sich der Auswahlprozess für weibliche Bewerber so schwierig?

Die ERC-Arbeitsgruppe untersuchte jeden einzelnen Schritt der Antragsstellung ganz genau, immer auf der Suche nach Stellen, an denen weibliche Forscher möglicherweise benachteiligt werden. Als Ergebnis dieser Analyse wurden ein paar Details im Antragsverfahren geändert: Ein standardisierter Lebenslauf wurde eingeführt, und die Antragsfristen für Frauen mit Kindern wurden verlängert. Aber an einer Tatsache lässt sich nichts ändern: Ein Gutachten bleibt ein Bewertungsprozess durch bestimmte Personen. Die Zusammensetzung eines Ausschusses kann also einen beträchtlichen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Die Analysen ergaben zwar, dass Frauen in den Ausschüssen unterrepräsentiert waren. Es gab jedoch keinerlei Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil und der Erfolgsrate von Forscherinnen. Isabelle Vernos ermahnte deshalb die Anwesenden, dass ein festgeschriebener Frauenanteil in Gremien auch keine Garantie für Gleichberechtigung sei – und dass darüber hinaus die wenigen Frauen, die in solchen Ausschüssen sitzen, durch eine verbindliche Quote an so vielen Sitzungen teilnehmen müssten, dass sie keine Zeit mehr für ihre Forschung hätten.

Worte, die verwendet werden, um Männer (li) und Frauen (re) in Empfehlungsschreiben zu beschreiben.
Worte, die verwendet werden, um Männer (li) und Frauen (re) in Empfehlungsschreiben zu beschreiben. Credit: AWIS

Man kann heute gut erklären, warum solche Ungleichheiten bestehen, selbst wenn viele Frauen in den Ausschüssen vertreten sind. Eine vielbeachtete, randomisierte Studie zeigte vor zwei Jahren, dass Bewerberinnen bei der Besetzung von Laborleiter-Stellen systematisch diskriminiert werden – und zwar von weiblichen wie männlichen Forschern. „Wir müssen alle unsere unbewussten Vorurteile überwinden“, meint deshalb auch Daniel Conley. „Egal, ob sie ein Mann oder eine Frau sind, sie tragen diese Rollenstereotypen in sich.“ Schaut man sich zum Beispiel die Wortwahl in den Empfehlungsschreiben männlicher Bewerber an, so fallen Worte wie „herausragend“, „bemerkenswert“ und „unerreicht“ auf. Frauen werden dagegen mit Worten wie „zuverlässig“, „fleißig“ und „sorgfältig“ beschrieben. Ein erster Etappensieg wäre es also, sich seiner eigenen impliziten Vorurteile bewusst zu werden (hier gibt es zwei Selbsttests für implizite geschlechtsbezogene Vorteile, auf Englisch). Conley meinte, dass Mitglieder von Auswahlgremien in solchen Fragen fortgebildet werden müssten, damit sie ihre eigenen Vorurteile offen und gezielt angehen könnten.

Und nicht nur die Empfehlungsschreiben unterscheiden sich. Frauen neigen auch dazu, sich selbst und ihre Forschung bescheidener darzustellen. „An dieser Stelle müssen wir jedoch aufpassen“, meint Dorthe Dahl-Jensen, ebenfalls eine ERC-Ausschussvorsitzende. „Wir möchten nicht, dass Frauen zu Männern werden. Vielmehr geht es darum, Männer als Männer und Frauen als Frauen zu bewerten.“ Konsequenterweise werden in ihrem Ausschuss die männlichen Bewerber in einem Block eingeladen, die weiblichen in einem anderen Block. Dadurch können sich die Ausschussmitglieder in die jeweilige „Sprache“ des anderen Geschlechts besser „einhören“.

Das Problem ist also ziemlich komplex. Und ja, Institutionen sollten durch Gleichstellungsmaßnahmen ihren Beitrag leisten. Aber letztlich muss jeder Einzelne von uns, egal ob Mann oder Frau, einen Teil der Verantwortung dafür tragen, dass die Rahmenbedingungen fairer werden. Denn mit einer größeren Vielfalt auf allen Ebenen gewinnen wir am Ende alle.

Veröffentlicht von

Ich promoviere in Entwicklungsbiologie am Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin. Im Labor untersuche ich, wie sich die Bauchspeicheldrüse im Embryo entwickelt, und wie wir diese Informationen nutzen können, um neue Therapiemöglichkeiten für Diabetes zu entwickeln. Wenn ich abends das Labor verlasse, nehme ich gerne an zahlreichen Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation teil, insbesondere Science Slams. Diesen Juni werde ich an dem EuroScience Open Forum (ESOF) teilnehmen, und von dort aus täglich über meine Eindrücke bloggen. Teil des Blogs werden auch Interviews mit Wissenschaftlerinnen aus dem AcademiaNet Portal sein. Seid gespannt auf Beiträge über die spannendsten Forschungsthemen der europäischen Forschungslandschaft, über wissenschaftliche Karrieren und die neuesten Ereignisse aus der Wissenschaftspolitik! Links/ Kontaktmöglichkeite: Twitter: @Nuria83 Mein Science Slam: http://www.youtube.com/watch?v=BJXSY-nylPw About me: http://about.me/nuriace Über den „about me“ Link kann man mir auch mailen.

26 Kommentare

  1. Es gibt drei Möglichkeiten:
    1.) Frauen leisten durchschnittlich wissenschaftlich geringer.
    2.) Frauen und Männer leisten wissenschaftlich gleich, Frauen werden unterdrückt.
    3.) Mischformen als Erklärung.

    MFG
    Dr. W (der nicht der Ansicht ist, dass Gruppen der im WebLog-Artikel behandelten Art wie auch andere Gruppen (wissenschaftlich) ähnlich hoch leisten müssen)

  2. Forscherinnen sind weit stärker als Medizinerinnen, Architektinenn oder Künsterinnen in einer typischen Männerdomäne tätig, denn Forschen ist mit einer stärkeren Sachorientierung verbunden als viele andere Beschäftigungen. Und Männer sind nun mal stäker sachorientiert, während nur wenige Frauen in Berufen tätig sein wollen, wo der menschliche Kontakt eine untergeordnete Rolle spielt.
    Damit findet die Karriere von Forscherinnen in einem stark männlich bestimmten Umfeld statt wo es keine (noch) weiblichen Rollenmodelle gibt.
    Ich denke mir dass Frauen in führenden Positionen in der Wissenschaft oft besser geeignet wären als Männer – gerade weil sich hier der geschlechtsassoziierte Unterschied in der Aussenorientierung positiv auswirken würde. Forscherinnen wären also oft besser geeignet Arbeitsgruppen zu leiten und andere Führungspositionen einzunehmen als Männer – aber sie sind so stark in der Unterzahl, dass es kaum weibliche Vorbilder in diesen Stellungen gibt.

    • Und Männer sind nun mal stä[r]ker sachorientiert, während nur wenige Frauen in Berufen tätig sein wollen, wo der menschliche Kontakt eine untergeordnete Rolle spielt.
      (…)
      Ich denke mir dass Frauen in führenden Positionen in der Wissenschaft oft besser geeignet wären als Männer – gerade weil sich hier der geschlechtsassoziierte Unterschied in der Aussenorientierung positiv auswirken würde.

      Klingt jetzt aber stark “sexistisch”, Herr Holzherr.

      MFG
      Dr. W (der seit eh und je davon abgeraten hat derartige Unterscheidungen, mögen sie vorhanden sein oder auch nicht, herauszuarbeiten und auch keine Einfuhr von x-istischer Denkart, wie gut sie auch gemeint sein mag, in den Wissenschaftsbetrieb oder in anderen Betrieb, vorzunehmen)

  3. Forscherinnen sind weit stärker als Medizinerinnen, Architektinnen oder Künstlerinnen in einer typischen Männerdomäne tätig, denn Forschen ist mit einer stärkeren Sachorientierung verbunden als viele andere Beschäftigungen. Und Männer sind nun mal stärker sachorientiert, während nur wenige Frauen in Berufen tätig sein wollen, wo der menschliche Kontakt eine untergeordnete Rolle spielt.
    Damit findet die Karriere von Forscherinnen in einem stark männlich bestimmten Umfeld statt wo es (noch) keine weiblichen Rollenmodelle gibt.
    Ich denke mir dass Frauen oft besser geeignet wären für führende Positionen in der Wissenschaft als es das Männer sind – gerade weil sich hier der geschlechtsassoziierte Unterschied in der Aussenorientierung positiv auswirken würde. Forscherinnen wären also oft besser geeignet Arbeitsgruppen zu leiten und andere Führungspositionen einzunehmen als Männer – aber sie sind so stark in der Unterzahl, dass es kaum weibliche Vorbilder in diesen Stellungen gibt.

    • Stimmt, bei den Medizinern soll es angeblich so sein, dass die Frauen bald in der Überzahl sind. Ich finde die Entwicklung ok, vor allem wenn es um eine Art “ganzheitliche” Medizin geht. denn so etwas in die Richtung wurde viele jahre lang überhaupt nicht beachtet und ist doch so wichtig. Man kann halt nicht immer erst dann die Symptome wegoperieren, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. Andererseits sollte es meiner Meinung nach bei einigen Männerdomänen in der Medizin bleiben, z.B. würde ich mich, wenn ich es mir aussuchen könnte, zehnmal lieber von einem Mann operieren lassen. Ich hab da einfach mehr Vertrauen in Männer, wenn es um Sachverstand und “Handwerk” geht. Die können manche Dinge einfach besser. Thats Life.

      • Die Frau, die Chirurgin wird, wird sich das wohl zurecht zutrauen – es braucht nämlich für eine Frau einen gewissen Mut dazu. Bei Männern besteht dagegen die Gefahr, dass sie einen Beruf wie Chirurg wählen, weil er dem männlichen Stereotyp entspricht, obwohl ihnen wichtige Voraussetzungen wie Geschicklichkeit etc., fehlen,

  4. Bei Männern besteht dagegen die Gefahr, dass sie einen Beruf wie Chirurg wählen, weil er dem männlichen Stereotyp entspricht, obwohl ihnen wichtige Voraussetzungen wie Geschicklichkeit etc., fehlen[.]

    Echt jetzt? – Woher wissen Sie dies?
    MFG
    Dr. W (der Sie gerne dazu einlädt weitere schwizerdütsche Tiefpunkte zu setzen)

    • Sowohl Männer als auch Frauen lassen sich von Geschlechterstereotypen beeinflussen – und machen sie sich bis zu einem gewissen Grade zu eigen. Selbstkritik aber fehlt wiederum den meisten. Es ist äusserst schwierig sich selber richtig einzuschätzen. Ein Beispiel: Ein früherer Kollege von mir wollte Pilot werden. Bis man ihm in der Ausbildung sagte, dass er nicht über die richtigen, im Schlaf ablaufenden Reflexe verfüge, die ein Pilot brauche.

  5. Die Diskussion und selbstredend der Einstiegsbeitrag sind beklagenswert unterkomplex und die Fixierung auf die Benachteiligung von Frauen geradezulächerlich, wenn man einfach mal auf die Personengruppe schaut, die zwischen zwei Geschlechter stehen.
    Woher rührt in Gender-Beiträgen die Fixierung auf Frauen? Ginge es wirklich um Gender-Konstruktionen, die Hegemonie oder Dominanz bestimmer Praxen gegenüber anderer usw. oder um, ganz Gender-frei, Persönlichkeitsmerkmale, deren Verteilung mit anderen Faktoren korreliert, könnten schwerlich weitere “Männer neigen zu…” “Frauen dagegen neigen zu…” im Sinne besserer (moralisch, charakterlich, usw.) Alternative, also klassischer Lobbypolitik, produziert werden.
    Unterschieden unter 10% würde ich keine argumentative Bedeutung zumessen, erstrecht nicht bei 2%, nur zu oft liegen solche Differenzen in der üblichen Schwankung statistischer Ergebnisse. Nach meinem Dafürhalten diskreditiert solche Haarspalterei die eigentliche Diskussion.

    Sehen Sie mir bitte die etwas direkte Formulierung ab: Was soll also dieser Mumpiz, sollen hier Frauen wieder zu Opfern (der Umstände, des Systems, des Patriachats, ihrer Geschlechtlichkeit oder möglicherweise auch ihrer Gene – nicht ganz von der Hand zu weisen) stilisiert werden?

    Ganz nebenbei, die Studie zur Besetzung von Laborleitern könnte auch ein us-amerikanisches Problem sein, jedenfalls diskutiert sie us-amerikanische Praxis. Von einer Verallgemeinerung würde ich absehen, eine entsprechende Bedeutungseinschränkung der Studie habe ich im Text nicht bemerkt. Dafür jedoch ganz viele starke Adjektive und Normforderungen, selbstredend begründungsfrei.
    *facepalm

    • Was Diversität angeht, stimme ich völlig zu: es geht im Endeffekt nicht (nur) um Frauen, sondern darum, mit der Diskriminierung verschiedener Gruppen aufzuhören. Und ganz lange habe ich mich auch gegen die Genderfrage gewehrt, weil ich eben keine Lust hatte, in die Opferrolle gesteckt zu werden.

      Aber die Fakten sind: nur 18% der höchstdotierten Professuren sind EU-weit von Frauen besetzt. Da geht es nicht um 2% Unterschied, da geht es nicht um etwas banales und es *ist* ein Problem! Es darf doch nicht sein, dass man so was unter den Teppich kehrt.

      Was die Studie angeht: es ist definitiv ein Beispiel aus USA, und nur aus einer bestimmten Anzahl an Fakultäten. Aber das ist nur ein Beispiel für das Phänomen der unbewussten Vorurteile, die in viel weiteren Bereichen existieren, als man annehmen würde. Ich bin keine Soziologin, insofern habe ich nicht die ganze Literatur dazu zur Hand. Aber ich empfehle Ihnen einfach, diesen Test durchzuführen.

      Es ging mir in dem Text darum, zu betonen, dass jeder von uns eine Eigenverantwortung trägt, um mehr Diversität unter anderem in der Forschung zu erreichen.

      Und warum Sie nach so einem gut formulierten Kommentar das Bedürfnis hatten, *facepalm zu schreiben, verstehe ich nicht.

      • Aja, Sie reagieren doch gelegentlich:

        Aber die Fakten sind: nur 18% der höchstdotierten Professuren sind EU-weit von Frauen besetzt. Da geht es nicht um 2% Unterschied, da geht es nicht um etwas banales und es *ist* ein Problem!

        Der Ausschluss der Erklärung, dass auf die im WebLog-Artikel vorgenommene Gruppenbildung bezogen schlicht unterschiedliche Leistungsfähigkeit vorliegen könnte, geht Ihnen aber leicht von der Hand.

        Chancengleichheit muss nicht Ergebnisgleichheit bedeuten.

        MFG
        Dr. W

        • Ihre Annahme finde ich äußerst diskriminierend. Ich kann aber das Spielchen spielen, und das “wissenschaftlich” betrachten (sprich, wie Sie geschrieben hatten, es gibt verschiedene Möglichkeiten und die müssten man alle prüfen). Wie wollen Sie denn prüfen, ob Frauen weniger leisten, ohne vorher getestet zu haben, ob Chancengleichheit tatsächlich vorhanden ist?? Das wäre ja wohl ein Vergleich wie Äpfel und Birnen.

          • Mit welcher Annahme arbeiten Sie eigentlich? – Mit der, dass Frauen und Männer wissenschaftlich annähernd gleich hoch leisten müssten?

            MFG
            Dr. W

          • Abschließend noch kurz die Richtigstellung der Position des Schreibers dieser Zeilen:

            1.) Annahmen der Art, dass Frauen (oder Männer in Bezug auf Frauen) durchschnittlich geringer leisten, werden zurückgewiesen, als ungünstig unterscheidend (vgl. : ‘äußerst diskriminierend’).
            2.) Annahmen der Art, dass Frauen und Männer gleich leisten, werden als ungünstig gleichsetzend zurückgewiesen.
            3.) Stattdessen wird angenommen, dass ‘Gruppen der im WebLog-Artikel behandelten Art wie auch andere Gruppen nicht (wissenschaftlich) ähnlich hoch leisten müssen’.

            Aus Punkt 3 wäre dann bspw. abzuleiten sexistisches oder rassistisches oder ähnlich gelagertes Gedankengut nicht dadurch zu perpetuieren, dass auf unterschiedlichen Ebenen für bestimmte Gruppen und mittels einer nicht unbeträchtlichen Verwaltungsleistung eine Art Gleichverteilung angestrebt wird.
            Wesentlich besser wäre es stattdessen für Chancengleichheit (vs. Ergebnisgleichheit) zu sorgen.
            Auf keinen Fall sollte ohne einer entsprechenden Beleglage Unterdrückung behauptet werden.

            MFG
            Dr. W (der sich nun auszuklinken gedenkt, hoffend, dass diese Positionierung hinreichend klar war)

  6. In solchen Positionen sind in erster Linie politische Fähigkeiten gefragt und eine Kernkompetenz des Politikers ist die Bekämpfung des politischen Gegners, was wiederum die Fähigkeit zu wirksamen Aggression im politischen Wettbewerb beinhaltet. Bevölkerungsgruppen, die diesem Profil weniger entsprechen, werden in diesen Positionen unterrepräsentiert sein. Wenn das auf Frauen zutrifft, dann nicht wegen des Geschlechts, sondern wegen solcher Verhaltensmerkmale.

    • Danke adenosine, das haben Sie viel direkter und umstandsloser vorgebracht als ich, gleichwohl habe ich das anzudeuten versucht.

      Liebe Frau Cerdá-Esteban,
      schön, dass Sie zusätzliche Informationen in die Diskussion einbringen. Nun hätte ich noch gerne gewusst, welches diese Professuren sind EU-weit sind, gerne mit Quellenverweis und -zugriff usw.
      Sehen Sie, ich habe ein Studium der Soziologie schon vor geraumer Zeit absolviert, habe einen gewissen Überblick über diese Literatur und kenne sowohl männliche als weibliche Fachkolleg_innen, die eine gewisse Verwunderung bis Fassungslosigkeit bezüglich der Entwicklung der Genderforschung teilen, bis hin zur allgemeinen Frage, was davon noch als engagierte Sozialforschung bezeichnet werden kann. Ich erlaube mir also eine Antwort.
      Zu überwiegen scheint eine weltanschauliche und politische Agenda, die geeignet ist, auch und insbesondere bei Befürworter_innenvon Demokratie, Menschenrechten und allem Guten und Reinen auf Ablehnung zu stoßen – es sind also keineswegs nur die üblichen Verdächtigen aus Männerbünden.
      Vorsichtig formuliert, und ich meine es tatsächlich so, denn ich möchte Sie weder bloßstellen noch Ihnen zu nahe treten, scheint mir ein erheblicher Anteil von Artikeln, wiss. Aufsätzen und Arbeiten und eben Blogposts, wie der Ihre oder der andere, den ich kommentiert habe, an einem Mangel an Reflexion zu kranken.

      • Zu den Zahlen der Professorinnen: die EU hat ausgiebige Zahlen dazu, wie viele weibliche Angestellte es in den verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen gibt. Unter anderem findet man also Daten dazu, wie viele höchstdotierte Professuren von Frauen besetzt sind. Die Daten finden Sie hier: http://ec.europa.eu/research/science-society/document_library/pdf_06/she-figures-2012_en.pdf

        Was den Unterschied von 2% angeht, möchte ich noch hinzufügen, dass Frauen seit 2007, jedes Jahr, weniger erfolgreich waren als Männer. Die Graphen dazu findet man hier: http://erc.europa.eu/sites/default/files/document/file/Gender_statistics_April_2014.pdf (Aber der Link war ja auch schon im Beitrag dabei). Man sieht z.B., dass die Unterschiede im Bereich der Life Sciences (dem ich angehöre) höher sind als in den anderen Bereichen, während sie in den Geisteswissenschaften (“klassischer” Frauenbereich) kaum vorhanden sind.

        Dazu noch: ähnliche Zahlen wurden wohl von EMBO und dem Human Science Frontier Program gefunden. Hier: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2247380/#!po=38.8889 und hier: http://www.hfsp.org/sites/www.hfsp.org/files/webfm/Executive/Review%20of%20the%20Human%20Frontier%20Science%20Program's%20Initiatives%202000-2005.pdf

        Ziel des Beitrags ist es nicht, eine wissenschaftliche These aufzustellen, sondern vielmehr zu berichten, worüber in der Wissenschaftspolitik in Fragen Gender zur Zeit diskutiert wird.

        Ich finde es aber auch nötig, dass man irgendwann auf die Frage kommt: Haben wir es hier mit Genderunterschieden oder mit Persönlichkeitsunterschieden zu tun? Und können wir überhaupt salopp behaupten, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit bestimmten Geschlechtern korrelieren? Und falls ja, wer sagt, dass es sich hierbei nicht um kulturelle Konstruktionen handelt?

        Ich habe früher in dem Feld der Geschlechtsdeterminierung geforscht und weiß, dass Geschlecht nicht immer Schwarz-Weiß ist, wie man oft denkt. Wenn wir also die Genderfrage anstoßen, schließen wir automatisch das sogenannte dritte Geschlecht aus, das stimmt.

        Ich finde, unser Wissenschaftssystem selektiert für bestimmte Menschen, und sorgt nicht wirklich für Diversität. Im Endeffekt haben viele der oben genannten Maßnahmen nicht viel mit dem Geschlecht zu tun (außer der Bewerbungsfrist nach einer Geburt – die meiner Meinung nach auch für Männer gelten dürfen sollte!), sondern eher damit, die Prozesse etwas zu standardisieren.

        Mich würde aber schon interessieren, in welche Richtung Ihrer Meinung nach die Genderforschung bewegen sollte, bzw. wo Sie konkret Mängel sehen. Das war mir aus Ihren Kommentaren nicht komplett klar (Sie dürfen auch ruhig direkt und umstandslos sein).

        • Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.
          Es gäbe tatsächlich viel zu sagen, aber die Zeit und persönliche Prioritätensetzung lassen nicht zu, dass ich hier mal eben ein Forschungsinstitut simuliere, deswegen mache ich das stichpunktartig:

          1. Die Genderverteilung im leitenden Wissenschaftsbetrieb ist interessant, aber um wen geht es da eigentlich?
          Überlicherweise wird hier im Bildungsbürgertum rekrutiert, irgendwo in der etablierten Mittelschicht, es geht also mitnichten um die Frau oder die Frauen, es geht um die Töchter der Stadthonoration (Professoren, Juristen, Mediziner, Bürgermeister und Amtsleiter).
          Die absoluten Zahlen sind lächerlich gering, denn es ist ein Elitenproblem, nämlich, wie aus den oberen 20% bis 25% der Wissenschaftsnachwuchs auszuwählen ist.

          2. Innerhalb der Gender Studies, z.B.in Deutschland, ist auffällig, dass die Stellen mit einem sehr speziellen Typ Frau besetzt werden, mit sehr speziellen Neigungen und Interessen, die keinesfalls representativ sind für Frauen in den Sozialwissenschaften, auch nicht für Professorinnen der Soziologie. Das ist keine Kritik, sondern eine feststellende Beschreibung. Die Kritik rührt daher, dass hier offensichtlich eine spezielle Subkultur ein Fach dominiert ohne das zu thematisieren. Gute (Sozial)Wissenschaft geht anders.

          3. Die Fixiertheit auf soziale Konstruktion unter Ignoranz jedweder genetischer, hormoneller etc. Einflussfaktoren ist von geradezu religiösem Eifer, das schließt die Immunisierung von Thesen und Theorien mit ein, es wird eben weltanschaulich. das Abstrafen der Häretiker_innen, die sich kritisch “Irrlehren” bedienen entlarvt den geführten Diskurs als einen nicht wissenschaftlichen: es wird missioniert und legitimiert, nicht aber ergebnisoffen geforscht. Ganz große Wissenschaft eben. Die Dokureihe Hjernevask von Harald Eia (Norwegen) machte das einem größeren Publikum bekannt und führte in der Norwegischen Bildungslandschaft zu Anpassungen, die auch anderswo gut anstünden.

          Es wäre schon viel geholfen, wenn die üblichen Aussagen auf ihre Reichweite überprüft würden, die Grenzen der Reichweite nicht regelmäßig unterschlagen würde, Ockham’sche Sparsamkeit einzöge und Dialektik die Aussagen hinterfragen würde, mit Antithese, andere Zielgruppe usw.

          Nebenbei, wer glaubt, Top-Wissenschaftsstellen würden in nennenswerter Anzahl über wissenschaftliche Leistung, Expertise oder Forschergeist besetzt, der hat die Funktionsweise des Wissenschaftsbetriebs nicht verstanden und ist dem einen oder anderen Narrativ erlegen. Naiv eben. Mittlerweile ist es doch soziologischer Fakt, dass in größeren Bürokratien psycho- und soziopathische Wesensmerkmale wettbewerbstauglich und damit karriereförderlich sind. Und es geht dabei kaum darum, wie es sein sollte (und wer soll das wohl bestimmen), ein guter Einstieg wäre sich einzugestehen, wie es ist. Im nächsten Schritt könnte dann geforscht werden, warum es so ist, wie es ist.

          • Nachtrag zum letzten Absatz.
            Zwischen dem Wissenschaftsmanagement, aka Top-Wissenschaftsstellen und Karrierepersönlichkeit in Großbürokratien gehört mindestens ein Absatz.

            Ich habe leider Argumentationssprünge im Posting, die sich auf einzelne Positionen hier beziehen, ohne explizit auf diese zu verweisen. Maxima mea culpa.

          • “Nebenbei, wer glaubt, Top-Wissenschaftsstellen würden in nennenswerter Anzahl über wissenschaftliche Leistung, Expertise oder Forschergeist besetzt, der hat die Funktionsweise des Wissenschaftsbetriebs nicht verstanden und ist dem einen oder anderen Narrativ erlegen. Naiv eben. ”

            Naiv ist es wohl eher, wenn Sie glauben, man könne alles über einen Kamm scheren. Selbstverständlich sind die Kriterien zur Besetzung von “Top-Wissenschaftsstellen” andere als die für einfache Professuren oder Nachwuchsgruppenleitungen.

    • “In solchen Positionen sind in erster Linie politische Fähigkeiten gefragt”

      Nein, es geht hier um Forschungsstipendien. Dafür sind in erster Linie wissenschaftliche Leistungen gefragt.

    • Erstens geht es bei der Vergabe von Forschungsgeldern tatsächlich um wissenschaftliche Fragen.

      Zweitens, bei Professurvergaben könnte es so sein. Aber meine Frage zurück (ohne darauf einzugehen, ob solche Korrelationen tatsächlich war sind): wollen wir das? Soll unser Wissenschaftssystem wirklich für solche Menschen selektieren?

  7. muss den Eintrag noch mal kurz aufwärmen, da ich gerade einen interessanten Artikel in der FAZ las: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/berliner-mathematik-professur-maennerdiskriminierung-an-der-humboldt-universitaet-13006311-p2.html

    Ansonsten hab ich zu dem Thema nicht mehr viel zu sagen, außer vielleicht, dass die Männer sich ruhig mehr wehren dürften. Vielleicht meinen das einige, aber dieses Politiker-Gleichstellungs-Gemauschel auf eigene Kosten für okay-isch zu befinden macht sie NICHT attraktiver 😉

    • Danke für den Link! Exzellenz geht natürlich vor. “Entweder eine Frau oder keinen berufen” ist nicht die Lösung. Vielmehr muss man sich überlegen, wie wir bis jetzt Exzellenz bewerben, ob das bestimmte Menschen benachteiligt (könnten wir mit dem Begriff offener umgehen?).

    • Und natürlich, ob wir kulturell bedingte Vorurteile über bestimmte gesellschaftlichen Gruppen haben.

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