Vorläufige Ergebnisse zur Ausgrabung Galgenberg Bad Belzig 2018

Abenteuer Geschichte – Archäologie unterm Galgen

Geköpft, gerädert, gehenkt:  Was am Richtplatz geschah.

Die gleichnamige Dokumentation, die das ZDF am 18.11.2018 erstmalig in seiner Sendereihe ZDF History ausstrahlte, zeigt ein steigendes Interesse an den archäologischen Befunden und damit an den Dokumentationsmöglichkeiten einer längst vergangenen Justiz.

Die ersten Auswertungen zu dem Richtplatz in Bad Belzig sind abgeschlossen. Nachfolgend eine kurze Darstellung der vorläufigen Ergebnisse.

Grabhügel der Lausitzer Kultur

2018 gelang die Bergung eines ungestörten Grabensembles, das auf einer Kieselsteinpflasterung gemeinsam mit einer Tasse von einem umgedreht stehenden bauchigen Gefäß geschützt wurde. Zahlreiche Beigefäße lassen darauf schließen, dass vorliegend möglicherweise die elitäre Zentralbestattung des Grabhügels, noch heute auf der Hügelkuppe und nur wenige Zentimeter unter der Geländeoberkante liegend, erfasst wurde.

Der Zusammenfall einer  urgeschichtlichen sowie mittelalterlich/neuzeitlichen Nutzung der Hügel zur Ablage der Toten ist kein Einzelfall. Doch steht hier die Frage nach der bewussten Nutzung dieser Plätze. War es tradiertes Wissen um unchristliche Grabstätten? Oder machte es vielmehr die Hügelsituation möglich, den Galgen als Zeichen politischer Selbstbestimmung an exponierter Lage zu errichten?

Verlochungsgrube

.In der Ausrissgrube eines Baumes, der durch den Sturm im Herbst 2017 entwurzelt wurde, lag zahlreiches verlagertes humanes Knochenmaterial. Ein besonders beeindruckender Fund befand sich im Freien oberhalb der Grube: ein Schädel hing fest umschlungen vom Wurzelgeflecht in mitten der Wurzel, weitere Fragmente waren im übrigen Wurzelgespinst verhaftet. Die Begutachtung ergab einen adulten Mann, dessen Todesursache jedoch nicht feststellbar war.

Die Anschlussgrabung von 2018 ergab an eben jener Ausrissgrube eine Ansammlung von Knochen, die ungeordnet in die Grube geworfen waren. Die Eintiefung zog am Grabungsrand weiter in das Profil, die Knochengrube setzt sich im Anschlussareal fort. Bislang ist keine eindeutige Angabe zur Anzahl der dort verlochten Opfer zu treffen, es dürften aber mehr als zwei unterschiedliche Personen gewesen sein. Vorliegend handelt es sich wohl um eine Verlochungsgrube zur Entsorgung von Leichenteilen, die infolge Verwesung oder Tierfraß von Galgen oder Rad gefallen waren und im Zuge periodischer Aufräumarbeiten hier hinein verbracht wurden.

 Durch das Schwert enthauptet

Zu den bekanntesten Nachweisen der Todestrafen zählt die Enthauptung. Allein die Verlagerung des Schädels lässt bereits beim Ausgraben erkennen, wie das Opfer ums Leben gekommen ist.

2018 wurde ein Skelett in Rückenlage mit einem auf der Brust liegenden Schädel freigelegt. Beim Säubern der Knochen kam ein weiterer erstaunlicher Befund hinzu: Zwei Brustwirbel besitzen zueinander passende tiefe Hiebspuren. Anzunehmen ist, dass das Opfer sich bewegte, sei es, um auf einen Zuruf aus der Schar der Zuschauer zu reagieren oder sich gegen die Enthauptung zu wehren. Erst ein dritter Hieb erbrachte wohl die erfolgreiche Trennung von Kopf und Rumpf. Beigefundene Keramik datiert das Grab in die frühe Neuzeit.

 Selbstmörder auf dem Richtplatz?

Zu den äußerst seltenen Funden auf den Richtplätzen zählen Sargbestattungen – waren die Galgenberge doch üblicherweise für unehrenhaftes Volk, für arme Sünder vorgesehen, deren Einbringen in den Boden beim heutigen Ausgraben eher an das Verscharren von Tierkadavern erinnert. In Bad Belzig befand sich ein männliches adultes Skelett in Rückenlage west-ost orientiert mit an den Seiten gestreckt verlaufenden Armen. Holzreste waren oberhalb und als viereckig verlaufende Sarglinie im Grab erkennbar. Im unteren Bereich war das Holz nur noch als Schatten vorhanden. Hier war jemand mit Sorgfalt und Anteilnahme zur letzten Ruhe gelegt worden. Da bei der Bergung keine Besonderheiten am Knochenmaterial aufgefallen sind, könnte man vordergründig auch aufgrund des Sarges an diesem Ort auf die Grablege eines Selbstmörders schließen.

Die Angst vor Wiedergänger

Wohl durch den Strang könnten zahlreiche Individuen auf dem Belziger Galgenberg zu Tode gekommen sein. So wurden drei Opfer in geringem Abstand zueinander begraben. Zwei Männer, zwischen 20 und 40 Jahre alt, waren wohl zeitgleich in Rückenlage übereinander in eine gemeinsame Grabgrube gelegt worden. Sie wurden bereits 2014 entdeckt (vgl. Artikel Archiv März 2015).

Möglicherweise ebenfalls den Tod durch den Strang erlitt das männliche erwachsene Individuum, das 2018 die Ausgräber am Rande des Grabungsareals erwartete. In west-ost orientierter Rückenlage mit sehr schlecht erhaltenen Knochen war der Mann in einer großflächigen Grube bestattet worden. Dort lag er jedoch nicht allein. Mindestens zwei weitere Individuen, deren Knochen teilweise verstreut und nicht im anatomischen Verband lagen, leisteten ihm Gesellschaft.

Als besonders auffallend erscheint die massive dichte Steinpackung (ca. 1m), die über dem männlichen Individuum errichtet war. Im oberen Bereich wurde sie durch eine kreisrunde Setzung von Feldsteinen markiert. Anzunehmen, dass dieser Bereich zur Zeit der Nutzung als Richtplatz für jeden sichtbar war.  Fast scheint es so, als ob der Mann am Rande des Profils daran gehindert werden sollte, seine Grube zu verlassen. Damit läge hier einer jener seltenen Fälle vor, in denen sich die Angst des neuzeitlichen Menschen vor den sogenannten „Wiedergängern“ klar abbildet. Wiedergänger sind in den Quellen der Neuzeit immer wieder anzutreffen, doch die entsprechenden Abwehrmaßnahmen nur schwierig nachzuweisen. Vergossenes Weihwasser, geschnitzte Holzkreuze oder auch beigegebene Kräuter sind heute vergangen und so begegnen den Archäologen nur die massiven Maßnahmen, wie z.B. sekundäre Grabeingriffe zur posthumen Enthauptung (vgl. Nösler/Franz) oder die hier vorgefundene Beschwerung mit Steinen.

Doch in Belzigs Boden ruht weit mehr. Hier eine umfassende Aufnahme der Individuen zu erstellen, sie nach Alter, Herkunft und Geschlecht zu analysieren und ihre anthropologischen Auffälligkeiten mit den archäologischen Befunden zu subsumieren, ergäbe die einzigartige  Möglichkeit, detaillierte Aussagen zur Nutzung eines mittelalterlich-neuzeitlichen Richtplatzes zu erstellen.

 

Zum Nachlesen:

Franz A./Nösler D. (2016) Geköpft und gepfählt, Darmstadt 2016.

Genesis M. (2018) Archäologie der Angst. Apotropäische Praktiken auf den Richtstätten des Mittelalters und der Neuzeit als Zeichen von Aberglauben .In: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Heft 31,Paderborn 2018, 123-134.

Genesis M. (2016) Gehenkt, geköpft und verscharrt, Richtstättenarchäologie auf dem Galgenhügel bei Bad Belzig, Lkr. Potsdam-Mittelmark. In: AiBB 2014, 146-149.

erscheint 2020:  Genesis/Jungklaus, Für immer auf dem Galgenberg – Spuren von misslungener Hinrichtung, Wiedergänger und Sargbestattung auf dem Galgenberg Bad Belzig. In: AiBB 2020.

Marita Genesis

Zu meiner Person: Dr. phil., Historikerin/Archäologin M.A. Schwerpunkt: Rechtsarchäologie, archäologische und historische Richtstättenerfassung

1 Kommentar

  1. Die Strafen waren damals oft wirklich grausam.
    Heute haben wir das umgekehrte, Schwerverbrecher kommen oft mit geradezu lächerlichen Strafen davon.

Schreibe einen Kommentar