Archäologen, Historiker, Anthropologen….die erste internationale Tagung zur Richtstättenarchäologie in Bordeaux, 08. Februar – 10. Februar

PROGRAMME-COLLOQUE-RELECTURECOLLOQUE INTERNATIONAL (RE)LECTURE ARCHÉOLOGIQUE DE LA JUSTICE EN EUROPE MÉDIÉVALE ET MODERNE, 8-10 FÉVRIER 2017

Ein breit gefächertes Spektrum erwartet die Teilnehmer der Konferenz zur Richtstättenarchäologie in Frankreich. Und sieht man sich die Vortragenden an, bekommt man eine Ahnung, dass dieses Fachgebiet doch nicht so dünn besiedelt ist, wie es aus einschlägigen Publikationen heraus den Anschein erweckt. Tschechien, Polen, Großbritannien und natürlich Frankreich stellen die Plätze der mittelalterlichen und neuzeitlichen Justiz „en detail“ vor. Das wird spannend, da noch nie dagewesen. Für meinen Teil stelle ich den Stand der Forschung für Deutschland vor. Das Resümee, das ich bei der Zusammenstellung des Vortrages im Vorfeld gezogen habe, ist eher unbefriedigend. Nach Sichtung aller bisher bekannten Quellen muss ich für die Richtstättenarchäologie feststellen, dass wir – noch immer – am Anfang stehen. Publikationen unserer Fachdisziplin werden nur zögerlich gefördert, die Weitergabe von Fundinformationen zu Grabungsplätzen neuerer und älterer Zeit erfolgt spärlich und auch die Anerkennung innerhalb der neuzeitlichen Archäologie ist da eher verhalten. Müssen wir uns natürlich fragen, weshalb dies so ist.

Antworten darauf sind nicht so schnell gefunden. Möglicherweise liegt es an der Thematik unserer Disziplin, dass hier schon mal leicht überzogen, um nicht zu sagen, blutgierig, berichtet wird und gute Funde eine unseriöse Deutung bekommen. Und damit den Einzug des gesamten Fachwissens in die akademische Welt verhindern.

Dagegen arbeiten wir an. Öffentliche Vorträge sollen einladen, hier den Kern der wissenschaftlichen Möglichkeiten zu erkennen. Artikel, wenn auch klein, dafür aber mitunter sehr detailliert und profund erstellt, sollen zeigen, wie diese unschätzbaren Quellen einer richtenden Justiz in historischer Vergangenheit für die gesamte Geschichtsschreibung nutzbar sind und sie gegebenenfalls sogar ändern können.

Bauanlagen der Galgen und Schafotte verraten mehr als nur einen guten Zimmermann/Maurer, vielmehr zeigen sie Reichtum und Stolz einer Gemeinde, sie zeigen politische Unabhängigkeit vom Landesherrn (Besitz der Hohen Gerichtsbarkeit) und auch ein steigendes Sozialbewußtsein an. Dies nur einige Beispiele.

Um wie viel mehr vermag eine Bestattung erkennen lassen? Die Knochen als biologische Urkunde erzählen uns von der Herkunft, dem Alter und den sozialen Umständen, in denen der Mensch lebte. Sind wirklich mehr Männer auf den Richtplätzen der Vergangenheit hingerichtet worden? Warum finden wir oft Kinder unter den Bestatteten? Lag doch die Altersgrenze im Schnitt bei 14 Jahren….

Nicht zuletzt sind es die Spuren der Strafvollstreckung, die uns wichtige Informationen geben. Die Individuen geben noch heute mit ihrer Auffindungslage und ihren Pathologien ein beredetes Zeugnis ihrer letzten Momente im Diesseits ab.

Und schließlich: sind dies wirklich alles Delinquenten, also Mörder, Diebe und Räuber, die wir auf den Galgenplätzen finden? Der praktizierte Aberglaube , insbesondere die Steine zum Beschweren der Toten gegen eine Wiederkehr zu den Lebenden – von Franz und Nösler in ihrem neuen Buch trefflich als Archäologie der Angst beschrieben – lässt vieles im Umgang mit den dort Bestatteten wieder im neuen Licht erscheinen und wirft Fragen an ein apotropäisches Zeitalter auf.

Diese Fragen werde ich mitnehmen nach Bordeaux. Ebenso die Hoffnung, durch eine europaweite Vernetzung der Richtstättenarchäologie den nötigen Aufschwung zu geben, um unseren Forschungsbereich zu etablieren.

PROGRAMME-COLLOQUE-RELECTURE

Zu meiner Person:
Dr. phil., Historikerin/Archäologin M.A.
Dozentin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Schwerpunkt: Rechtsarchäologie, archäologische und historische Richtstättenerfassung

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