Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen
Tagebücher der Wissenschaft
Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= nichtsprachliche Kommunikation), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person (= parasprachliche Kommunikation). Beide haben dasselbe Wort gehört (= sprachliche Kommunikation), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit’, für die andere ,Starrsinn’. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.
Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?
Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist arbiträr, also prinzipiell willkürlich (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung Ein Tisch ist ein Tisch) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von Baum zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.
Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt?
Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere ungefähr dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“).
Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?
Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).
Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. Sprache wird zur Beweisführung herangezogen – als wäre sie ein eindeutiges Fenster in den Kopf.
Und wenn bestimmte Wortabfolgen zu häufig von bestimmten Personen in vergleichbaren Situationen geäußert werden, gilt dies als Beleg für unauthentisches Sprechen (und kulminiert in „Sprech“: Verfestigte Sprache in Medien und Politik).
Wie ist der Widerspruch aufzulösen?
Also wie passt das zusammen? Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte oder Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg oder Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz). Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.
Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.
Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel “Remigration”) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. Schlüsselworte (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.
Was bleibt?
Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: Vagheit als Chance verstehen. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (Warum Vagheit der Demokratie dienen kann). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: Understanding Vagueness as an Opportunity!
Anmerkung: Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit unfreiwilliger Unterstützung von generativer KI.
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