Weckschrei Digitalisierung – Todesmarke zehn Prozent

Raten Sie einmal, welches Wort im Jahre 2015 am meisten so sehr deutlich ausgesprochen wird. Es heißt – Sie raten es vielleicht nicht von selbst, obwohl Sie es dauernd hören – DIGITALISIE-RUNG.

Dieses Wort verwenden die Analogen jetzt so oft, weil sie das Digitale seit einigen Monaten irgendwie ernst nehmen. Sie befürchten jetzt wirklich, dass es praktische Konsequenzen in ihrem Leben haben könnte. Immer noch kursieren herbeigedichtete Beruhigungszahlen. „Wisst ihr, wie viel Prozent des Einzelhandels im Internet stattfindet? Haha, es sind nur so zehn Prozent!“ Ich fragte zurück: „Zählt ihr denn Lebensmittel dabei mit?“ – „Ja, und die Tankstellen!“ – „Wäre es nicht besser, man nähme für die Statistik nur all das, was tatsächlich im Internet verkaufbar wäre?“ – „Das haben wir schon versucht. Nach unserer Ansicht sollten nur etwa ein Prozent der Waren im Internet gehandelt werden, es sollten nur solche sein, wo es geradezu erforderlich ist – etwa bei Viagra. Wir haben diese winzige Warengattung zur Probe als Grundlage studienhaft verwendet und den globalen Internetumsatz durch den Gesamtweltumsatz der winzigen Warengattung dividiert. Dabei kommt bei allen Taschenrechnern mehr als hundert Prozent Internethandel heraus. Mehr als hundert Prozent geht ja logisch nicht, deshalb haben wir die wissenschaftliche Großstudie abgebrochen.“

Bei sehr vielen bis allen Innovationen ist der Goldene Moment gekommen, wenn der erste Interessent fragt, ob er das Neue schon zu dem in der Bildzeitung avisierten Preis kaufen und wann genau er es haben könne. Dann rollt das Neugeschäft an. Es ist am Anfang lächerlich klein, alle amüsieren sich über die entstehenden Minifirmen, von denen die meisten gleich wie Eintagsfliegen sterben. „Carsharing! Quatsch!“ Dann steigen die Autohersteller in das Business ein, um es zu kontrollieren und um alle diejenigen Autos von der Halde für Carsharing zu liefern, die sie gerade in Fehlfarben überproduziert haben… Das Alte mischt ein bisschen mit und ist unbesorgt. „Na, wir machen jetzt auch eBooks nebenbei, das bringt aber nicht viel ein. Es gibt uns aber einen modernen Anstrich.“ – „Ja, wir haben in der Bank auch Internet. Das ist Quatsch, aber die jungen Leute fragen nach Internetbankinng. Haha, ich arbeite doch seit Jahrzehnten in der Bankzweigstelle. Keiner weiß so gut wie ich, dass ich bei uns fast nur Leute eintreten sehe, die mit dem Internet rein gar nichts am Hut haben.“

Irgendwann ist das Neue der „Pure Player“ bei zehn Prozent Markanteil. Zehn Prozent Digitalkameras, zehn Prozent Internetbanking, Smartphones mit Internetflatrate, eBooks, Internetversicherungen, Elektro-Autos, Einzelhandel und so weiter.
Dann stirbt das Alte! Zehn Prozent Neues killt neunzig Prozent Altes.

Simple Mathematik. Rechnen Sie mit: Wenn das Neue die zehn Prozent überschritten hat, wächst es ja meist noch immer recht stark. Nicht mehr hundert oder fünfzig Prozent, aber noch um mehr als zehn Prozent pro Jahr. Dann hat das Neue in den nächsten Jahren mehr als elf, zwölf, dreizehn Prozent Anteil. Also bleibt für das Alte in jedem Jahr ein Prozent weniger übrig: 90, 89, 88, 87…Da aber der ganze Markt heute kaum wächst, schrumpft das Alte jedes Jahr ein bisschen bzw. es wächst auf jeden Fall langsamer als die etwa heute üblichen zwei Prozent Lohnsteigerungen.
Hilfe!!! Wissen Sie überhaupt, was es heißt, wenn der Umsatz eines Unternehmens über viele Jahre weniger steigt als um den allgemeinen Lohnsteigerungssatz? Das müssten Sie sich als Manager einmal geben! Es ist sehr bitter. Sie müssen sparen, Druck auf die Mitarbeiter machen und quälend lange die jeweils unrentabelsten Produkte und Services einstellen und Zweigstellen schließen. Es gibt keine Hoffnung, keine Zukunft und keine Perspektive. Sie haben in dieser Lage kaum noch Geld und Energie und bestimmt keine Lust, etwas ganz Neues anzufangen. Die Mitarbeiter zweifeln, die Presse berichtet nur Grau. Sie müssen aber unverdrossen bekannt geben, dass die Digitalisierung bald ihren Schwung verliert. „Leute, das Internet ist nur eine Mode. Es trifft uns wie ein plötzliches Gewitter, aber es hellt sich ganz sicher wieder auf.“ Sie müssen gegen das, was Ihre Gesichtszüge verraten, maskenhaft eine goldene Zukunft verheißen. Nach der Schließung jeder Filiale sind Sie nach Ihren eigenen Worten nun bestmöglich für die neue Schrumpfrunde aufgestellt.
Es ist wie das nahende Alter eines Menschen, der zu kränkeln beginnt, der seine Wehwehchen derzeit noch zählt und sie gesprächig in der Hoffnung einstiger Gesundung erwähnt. Er sitzt noch nicht zahnlos resigniert hinter dem Ofen.

Wenn das Neue die zehn Prozent überschreitet, zwingt es durch seine weiterhin zweistelligen Wachstumsraten das Alte zum Schrumpfen, was man „Konsolidierung“ oder „Transformation“ nennt. Das Alte stirbt langsam. Nicht über Nacht! Deshalb hat es Hoffnung bis zuletzt. Im Todeskampf ringt es mit Kostensenkungen und Beschwörungen, es fühlt sich ungerecht vom Pech im Markt verfolgt und leidet darunter, dass sich die jungen Leute nicht auf seine manchmal offenen Stellen bewerben. Das Alte wird mit alten Mitarbeitern alt, die gemeinsam das Neue immer noch nicht verstehen können.

Digitalisierung! Das ist heute – nach nun einer ganzen Generation oder mehr als einem Vierteljahrhundert – plötzlich der Hype der Stunde. Warum? Es riecht brenzlig, es klingelt im Ohr. Burnout und Tinnitus sind nun Dauergäste der Seele.

Weckschrei! Irrwitzig gellender Weckschrei! Durch Mark und Bein! Die Todesmarke von zehn Prozent ist in vielen Provinzen des Analogen Großreiches überschritten! Land unter! Das Neue flutet das Land, überall bauen die Anlogen noch emsig an Deichen und Stadtmauern, um das Neue fernzuhalten und abzuschrecken. Die Neuen aber kümmern sich nicht mehr um die Alten, sie sitzen auf Schiffen.

Ach: Wenn die große Flut kommt, baue Schiffe und nicht Deiche.

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ‚Digitalisierung‘ (hier steckt auch ‚dicere‘ drinnen) meint wörtlich die Fingerung, die Menschen-Hand hat zehn Finger, womöglich findet sich genau deswegen der Prozentsatz zehn im hiesigen WebLog-Artikel mehrfach.
    Es geht abär wirtschaftlich um die „Binarisierung“ von (wirtschaftlichem) Handeln, die metaphorisch etwas völlig Neues darstellt, neue Medien schafft, denen es sich im Web sowohl als Anbieter- wie auch aus Abnehmersicht anzuvertrauen gilt, wobei das Web alle wirtschaftlich potenziell Tätigen sozusagen auf einmal vereint.

    „Traditionalisten“ des Vertriebs argumentieren insofern gerne, dass doch letztlich etwas übergeben werden muss, ein Gegenstand (auch: Ware), der Verträgen folgend zu übergeben oder ausgetauscht werden muss, oder ein physisch vorliegender Vertrag selbst.

    Aber dafür könnten Dienste („Logistiker“) da sein, die physische Übergabe besser oder effizienter leisten könnten als eine sozusagen gewöhnliche Vertriebskraft.

    MFG
    Dr. W (der -wie eigentlich immer- einzuräumen hat hoch komplexe Texte nur unzureichend verstehen zu können, abär wie dem auch sei: Frohe Weihnachten schon einmal!)

  2. Digitalisierung oder schlicht „Verlagerung ins Netz“ ist wie eine Welle, die immer mehr Land überschwemmt. In den USA ist die News-Branche (Zeitungen, Zeitschriften, TV) schon seit 15 Jahren davon betroffen, Doch die Digitalisierung/Verlagerung ist sogar in der Medienbranche noch nicht abgeschlossen. Dass nun auch Branchen wie der Verkauf von Büchern, später dann der Detailhandel davon betroffen sind, ist zu erwarten.

    Solche disruptiven Veränderungen, die die ganze Landschaft umpflügen werden von vielen Betroffenen als Katastrophe wahrgenommen. Für andere dagegen sind sie das, was sie Erhoffen und Erwarten. Ja, man kann sogar sagen, dass sehr viele Silicon-Valley Unternehmer wie Jeff Bezos, Elon Musk, Peter Thiel, die Uber-und Airbnb-Gründer und viele mehr, die Disruption, also den Bruch mit der Vergangenheit und das Aufrollen/Überrollen der gegenwärtigen Geschäftsmodelle im Sinne haben. Ein richtiger Silicon-Valley-Mensch ist ein Attila, der mit Geschrei die ganze Welt überrollen will.

  3. @ Martin Holzherr

    Ein richtiger Silicon-Valley-Mensch ist ein Attila, der mit Geschrei die ganze Welt überrollen will.

    Nein, sondern ein Mensch, der glaubt und darauf vorbereitet ist, daß ihm die ganze Welt sein Angebot aus den Händen reißen wird.

    Überrollen kann man Märkte nicht, so gern die Unternehmen es auch hätten.

    • Sogenannte Startups benötigen neben der Idee die Fähigkeit zur Umsetzung, also Kohle, insofern wird marktschreierisch um Venture Capital geworben.
      Es sieht dann vielleicht so aus, als ob da welche Märkte ‚überrollen‘ wollen und pathologisch optimistisch sind (‚Angebot aus den Händen reißen‘), aber anders geht’s nicht.
      BTW: ‚Atilla‘ war ein Zerstörer von Welten oder abgespeckter: von Zivilisationen, New Media Entrepreneurship ist dagegen konstruktiv.

      MFG
      Dr. W

  4. Laut (Grenz-)Wissenschaft nutzt „individualbewußter“ Mensch nur 10% seiner Hirnkapazität – alles was darüber kommt ist Mutation, oder Psychose, die der Konfusion in Überproduktion von Kommunikationsmüll … 😉

      • Der Physiologe Marie-Jean-Pierre Flourens (1794–1867) : „Man kann vom vorderen, hinteren, oberen oder seitlichen Teil eine gewisse Menge der zerebralen Lappen entfernen, ohne ihre Funktion zu zerstören.“

        Und trotzdem sind es immernoch nur 10% der in GESAMTHEIT nutzbaren GK! Denn so wie Mensch immer ALLE bedeutet, bzw. die geistige Kraft aller, so ist „individualbewußt“-beschränkter Mensch immer nur in diesen 10%, +- X%, fähig zu dingsbumsen – dahinter steckt eine evolutionäre / kosmische Ordnung, eine „göttliche Sicherung“ die auch als Vorsehung oder ÜBERWINDBARES Schicksal bekannt ist 🙂

        • @ Horst

          Sehr geehrter Horst,

          sie wollen ernsthaft mit einer Art Bader argumentieren, der im frühen 19. Jh gewerkelt hat? 😉 Sie wissen, dass die Aussage grob falsch ist, sollte sie so richtig überliefert sein.

          Ne, sind 100%. Auch wenn es ihre Träume enttäuschen mag, mehr ist nicht. Weniger auch nicht.
          Evolution und Kosmos haben keine Ordnung. Sicherung gibts auch keine.
          By the way ein überwindbares Schicksal ist keines, sonst hiesse es ja unüberwindbar 😉

          • By the way, GK & manifestierte Illusionen 🙂 überwindbar bei 100% = Freier Wille – Zeit und Raum sind relativ 😉

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  6. Aha, der digitale Wandel ist also ein unabänderliches Fatum, das unsere Welt wie ein Naturereignis („große Flut“!), ja mit mathematischer Gesetzmäßigkeit überrollt. Die meisten, die die Digitalisierung als Zwangsvorstellung ausmalen, betonen an anderer Stelle erstaunlicherweise gerne die Freiheit, die jedem Einzelnen aus dem neutralen Werkzeugcharakter der digitalen Technologien zuwächst: Es stehe doch jedem völlig frei, ob und wie er die wunderbaren digitalen Möglichkeiten für sich nutzt. Wer etwa dem Internet als Suchtmittel verfällt, statt es als Quelle unerschöpflichen Wissens oder als Chance sozialer Vernetzung zu nutzen, sei selbst schuld.

    Dem Individuum wird so auch in unserer angeblich determinierten Welt generös eine größtmögliche Freiheit und Autonomie eingeräumt, die allerdings der Macht des Marktes keinesfalls in die Räder greifen kann bzw. darf. Diese Dialektik kommt mir typisch neoliberal vor.

    Hingegen befleißigen sich die Kritiker der schönen neuen digitalen Welt ironischerweise oft des hierzu komplementären Dualismus: Die digitalen Gimmicks drücken aus deren Perspektive unserem Leben, Denken und Fühlen ihren spezifischen Stempel auf, dem der Einzelne kaum zu entrinnen vermag. Dagegen wird unbeirrt an der Hoffnung festgehalten, dass die Zukunft gestaltbar ist und die Gesellschaft auch auf technische Optionen verzichten können muss.

    Kann es übrigens sein, dass im neuen Jahr nicht die DIGITALISIERUNG das „am meisten so sehr deutlich ausgesprochene Wort“ sein wird, sondern die ACHTSAMKEIT? Die Menschen erinnern sich zunehmend daran, dass sie selbst nun einmal analog sind und bleiben. Es wachsen der Überdruss an einer entmaterialisierten virtuellen Welt und die Sehnsucht nach sinnlicher Erfahrung und echten Begegnungen. Trendforscher sprechen bereits vom Digital Backlash. Mal sehen, wer den verschläft.

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