Unsere Sensoren und Aktoren und hoffentlich Hirn dazwischen

Ein Sensor ist in der Technik ein Gerät, das physikalische Messgrößen in Stromstöße, in Signale oder in Daten übersetzt. Zum Beispiel wandelt ein Temperaturfühler eine Messung in eine Zahl um, etwa in „30 Grad Fahrenheit“. Ein Aktor wirkt „entgegengesetzt“. Er wandelt ein Signal in eine physische Aktion um. Zum Beispiel könnte er auf das Signal „30 Grad Fahrenheit“ mit „Heizung anstellen“ reagieren.

Ich stelle mir vieles in mir so vor: Ich spüre etwas über Sensoren und handle dann über Aktoren. Jemand beleidigt mich – und sofort ziehe ich ein beleidigtes Gesicht. Ganz generell reagiert mein Körper auf Empfindungen. Man sagt, dass unser Körper „nie“ lügt. Da fliegt etwas auf uns zu, der Körper zuckt und schließt vielleicht die Augen. Jemand schreit wütend in der S-Bahn, ich schaue weg und hoffe, dass es nichts mit mir zu tun haben möge. Jemand schreit wütend in der U-Bahn, und ich bitte ihn dringlich um Mäßigung. Der Chef fragt nach Freiwilligen und ich schaue aus dem Fenster. Der Lehrer fragt nach etwas, was ich weiß, mein Finger zuckt – ich melde mich.
Diese Vorgänge sind mal mehr, mal weniger automatisch. Wenn wir bei der Aussage nicken können, dass der Körper schlecht lügen kann, auch, dass die Augen nicht lügen können und die Lachfalten ebenfalls nicht, dann deutet das darauf hin, dass in uns Automatismen ablaufen. Der Sensor empfindet etwas und wandelt das Signal in einen Befehl an einen Aktor um. Kein manipulierendes Gehirn dazwischen.

Nun ist es ja sinnvoll, die Empfindungen unserer Sensoren erst einmal ins Gehirn zu schicken, damit der Geist oder unser Herz diese Eindrücke vielleicht nur speichern oder sinnvoll verarbeiten und eventuell mit einem Befehl an einen Aktor reagieren, der den Befehl schließlich ausführt. Da nennt mich einer „Arschloch“. Mein Gehirn analysiert diese Aussage: Stimmt sie? Muss ich beleidigt sein? Ist er böse oder empört? Wie soll ich reagieren? Wenn ich zurückschimpfe, bekomme ich vielleicht was auf die Nase, ich empfinde prompt über einen inneren Sensor Angst. Mein Verstand sagt, dass „man“ (das ist eine Befehlszeile aus dem Über-Ich) nicht einfach dazu schweigen darf. „Man muss“ sich wehren. Ich beschließe daraufhin im Gehirn, leise vor mich hin „selber Arschloch“ zu flüstern… Das tue ich tapfer. Meine Augen beobachten, dass mein Peiniger es nicht richtig gehört hat. Der Angstsensor wird stiller, er zittert noch. Irgendein anderer Sensor sagt „bin stolz“, wieder ein anderer „bist feige“.

Leute mit dickem Fell haben die Sensoren nur grob eingestellt, die nehmen nicht so viel wahr. Manche Schwarzweißseher kennen nur 0 oder 1, wahr oder falsch – ihre Sensoren differenzieren nicht. Manche haben die Alarmsensoren so sehr fein eingestellt, dass sie dauernd Alarme von vielen Sensoren bekommen, die das Gehirn gar nicht mehr verarbeiten kann – so stelle ich mir Paranoide vor. HSPs empfinden in diesem Sinne sehr viel, vielleicht zu viel.
Bei vielen Leuten scheint der Umweg über das Gehirn wegzufallen. So wie bei den meisten von uns der Körper automatisch („unwillkürlich“) auf die Sensoren reagiert, so kann bei „emotionalen“ Menschen auch gleich die Faust ausfahren – und zwar ohne Nachdenkzwischenstufe. Da ist bei solchen der Sensor mit dem Aktor kurzgeschlossen, so wie „30 Grad F“ „Heizung an“. Depressive scheinen unter Sofort-SOS-Hilflosigkeits-Abdunklungs-Aktoren-Automatiken auf viel zu viele Sensorenmeldungen zu leiden.

Wir stöhnen so oft über Kommunikationsprobleme. Könnten das nicht zum großen Teil Sensor-Aktor-Problematiken sein? Manche fühlen zu wenig oder zu viel, manche das Falsche, andere haben falsche Aktorenkopplungen („reflexhaft unangemessene Reaktion“).
Die Therapeuten versuchen offenbar, die automatische Kopplungen zu unterbrechen und Sensoren von Aktoren zu trennen. Sie fragen so: „Was fühlen Sie?“ – „Wie reagieren Sie, wenn Sie das fühlen?“ – „Aha, und ist das richtig?“ Nein! Ist es nicht! Und man kann es absolut nicht ändern, solange der falsche Aktor kurzgeschlossen ist! Wir klagen dann, dass wir immer die gleichen Fehler begehen und irgendwie nicht aus der Haut können. Das ist nicht unbedingt ein sicheres Zeichen von Dummheit („dumm ist, einen Fehler zu wiederholen“), sondern die starre Reaktion eines Aktors in einem verselbständigten Körper.

Wir müssen uns dann wohl einmal länger über Sensoren und Aktoren Gedanken machen? Auch darüber, wie diese Reaktionsketten entstehen? Können wir sie beeinflussen oder gestalten? Ja, mindestens durch Dressur. Wir können jedem Manager auf jeden Mitarbeitervorschlag den Frage-Aktor „Steigert das den Quartalsgewinn?“ einpflanzen oder bei/vor jeder Missetat eines Menschen „Gott sieht alles“ aufblitzen lassen.

Wie aber erziehe ich das ganze System „zu guter Gestalt“? Wie empowere ich den jungen Menschen, sich selbst einzurichten – an Stelle einer „bewährten“ Gewöhnungs-/Prägungs-/Einprügelerziehung? Ich fürchte, beim Thema Mensch sind noch ganz grundlegende Fragen offen.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Mensch als Maschine mit Sensoren und Aktoren, die richtig „eingestellt“ werden müssen, Algorithmen, die die Interaktion determininistisch ausführen, ein paar Parameter als „Individualität“? Vielleicht sieht Mr. Trump uns so oder mein Arzt, mein Arbeitgeber, das Finanzamt, mag sein …

    Dennoch ist der Mensch nicht vollständig deterministisch. Er hat Phantasie, Wertevorstellungen, Bildung und – einen Willen. Aber: „Der Wille muß gewollt sein. Sonst wäre mein Wille, nach Paris zu fahren, unwillentlich. Genau das hat Kant mit seiner Autonomie des Willens erkannt.“ (Sartre, Tagebücher, Do. 23. November 1939) Der Wille leitet sich vom Ich her, und das Ich vom Willen – eine klare Selbstreferenz, würde der Mathematiker sagen. Aber das reicht noch nicht, der Wille muß sich selbst wollen, und dieses Wollen wäre ein Wollen von X. Wie schreibt man das formal in mathematischen Formeln? Das ist doch ein interessantes Modell. Wir mathematisieren es, testen es, finden alle Abbildungen, Faktorräume, Homologieklassen, Repräsentanten und finden so heraus, wieviele Willen es wirklich gibt. Wer macht mit?

    • „Ich fürchte, beim Thema Mensch sind noch ganz grundlegende Fragen offen.“ (Gunter Dueck)

      Viele grundlegende Fragen sind aber auch bereits geklärt.

      „Dennoch ist der Mensch nicht vollständig deterministisch.“

      Doch, doch, er ist nur genau so unberechenbar wie der Rest der Welt.

      „Wir […] finden so heraus, wieviele Willen es wirklich gibt. Wer macht mit?“

      Ich nicht, ich will nicht.

      Vielleicht bin ich einfach nicht empowert worden oder leide unter Aktorenschwäche.

      • Das ist wirklich schade, dabei haben Sie doch einen so schönen Namen. Wenn man den liest, freut man sich sofort. Aber in gewisser Weise bestätigen Sie meine Theorie: das Wollen muss gewollt sein, und Sie wollen eben nicht. Vielleicht haben Sie den Willen, nein zu sagen, ein gewisse Ablehnung alles dessen, was vorgeschlagen wird? Das findet man auch bei Sartre, es ist total interessant, er weist nämlich in den oben genannten Tagebüchern nach, dass die Kriegsverweigerer sogar dem Krieg nützlich sind und durch ihre Verweigerung das System stabilisieren. Ist doch irre, nicht?

  2. Nach dem Registrieren eines neuen Reizes reaktiviert unser Gehirn sofort vergleichbare bzw. identische eigene Erfahrungen aus dem Gedächtnis (Erfahrungen bestehen z.B. aus Wissen, Körper-/Immunreaktion, Emotionen).
    Dies ist eine zentrale Überlebenstrategie: Schnelligkeit geht vor Genauigkeit! Deswegen kann z.B. eine erste Reaktion falsch sein (z.B. Vorurteil).
    Allerdings haben wir die Möglichkeit, diese erste Reaktion sofort zu hinterfragen und zu korrigieren – und so eine ´Reaktionskette´ zu beeinflussen/verändern.
    Diese einfache Arbeitsweise unseres Gehirns zeigt auch, wie wichtig es ist, lebenslang zu lernen (= Sammeln von unterschiedlichsten Erfahrungen) bzw. bei einer Kommunikation ´Reize´ in geeigneter Weise an andere Menschen weiter zu geben (so dass sie richtig verstanden werden können).

    (Info: Die Verarbeitung eines einzelnen Reizes ist bewusst erlebbar, so dass man Ablaufstrukturen erforschen könnte*):
    http://science.newzs.de/2016/12/07/erinnerungen-ab-dem-5-schwangerschaftsmonat
    *) Leider ignoriert die Gehirnforschung diesen direkten Zugang zur Arbeitsweise des Gehirns)

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