Studie – Was Kinder lernen WOLLEN!

Nach PISA kommt jetzt PIAAC, eine Studie, bei der die Kompetenzen von Erwachsenen erfasst werden. Die Befragungen finden Anfang 2012 statt – und erste Ergebnisse gibt es Ende 2013 (!!). Dann kommt wieder heraus, dass einige nicht lesen und mitdenken können. Aber unser Bildungssystem ist sehr gut, nicht wahr? Außer, dass keinen interessiert, was da gelehrt wird, und es fast gewiss erscheint, dass das erworbene Wissen niemals angewendet werden kann. Ich fordere eine Studie, was Kinder denn lernen WOLLEN!

Immer wieder gibt es Studien, um den IST-Zustand zu verstehen, dann zu verharmlosen und schließlich weiter mit ihm zu leben. Woanders, so beruhigen uns die Studien, wird auch nur mit Wasser gekocht. Deutschland ist schwach durchschnittlich, aber eigentlich am besten. Im Grunde drücken nur unwillige Leute die PISA-Ergebnisse, die nicht lernen wollen, sich nicht integrieren, von ihrem Hintergrund her nicht gut erzogen wurden und so weiter. Deshalb wären die Zahlen viel besser, wenn wir nur die Besten messen würden, nicht alle. Damit aber diese Panne nicht wieder passiert, werden wir diese Schnittverderber ab jetzt gehörig schulen und schurigeln!

Zurzeit werden die ersten PISA-Befragten schon berufstätig. Was liegt näher, als sie nochmals zu befragen, ob sie als Erwachsene jetzt gute Kompetenzen haben? Welche Kompetenzen werden überhaupt verlangt? Welche wollen wir testen? Am besten testen wir nicht die, die Erwachsene haben SOLLTEN (Teamfähigkeit, Kreativität, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten, Verkaufen etc.), sondern die, die wir bei den Kindern gemessen haben, also Lesen, Rechnen, Problemchenlösen. Dann können wir alles schön statistisch vergleichen und stellen fest, dass Erwachsene nicht weiter gekommen sind, weil sie nur MIT ihren Mängeln gearbeitet haben anstatt AN ihnen.

Kinder, die ich kenne, WOLLEN doch lernen! Darauf reagieren wir kaum. „Das kannst du noch nicht.“ – „Das verstehst du noch nicht.“ – „Internet ist böse und hält dich vom Lernen ab.“ – „Bitte fass mein Handy nicht an, sonst raste ich aus. Das ist nichts für dich. Wenn du da etwas verstellst, kann ich es nicht mehr benutzen, so schwierig ist die neue Technik. Kind, ich weiß, wovon ich rede.“ Wieso bestehen die abgebrochenen Hauptschüler alle die theoretische Führerscheinprüfung? Wieso gibt es mehr Experten für Dinosaurier als für Kartoffelsorten oder Maler des Mittelalters? Warum interessieren sich Kinder für Planeten und Sterne und nicht für Baumblätter? Warum lesen sie so viel, bis sie zur Schule kommen und Iphigenie treffen? Die Kinder engagieren sich bei der Feuerwehr, beim Tischtennis, beim Rettungsschwimmen und im Harmonikaverein. Alles ist gut, wenn sie sich interessieren! Sie lernen dann zehn Mal so schnell!

Wenn das so ist, sollten wir sie einmal selbst fragen, WAS sie interessiert und WAS sie lernen WOLLEN! Das wissen wir auch so, aber ohne Studie ist es nicht offiziell evident und gilt nicht. Glauben Sie im Ernst, die Kinder würden nicht lesen und rechnen können wollen? Wahrscheinlich werden sie doch alles lernen wollen, was sie an Menschen in ihrem Umfeld bewundern, oder? „Das kann ich auch. Das kann ich schon!“ Kochen, Backen, Radfahren, Schwimmen, Malen, Singen, Fußballspielen, Mails schreiben, SMS schicken, Rechner bedienen. Dann könnten wir noch fragen, WIE sie es lernen WOLLEN, oder? Das Malen und Singen beginnen sie einfach und natürlich im Kindergarten, sie sträuben sich nicht! Man könnte aber das Malen mit dem Erlernen von Stilen und Techniken sowie dem Büffeln berühmter Malernamen beginnen! Wir könnten vor dem Singen erst das Notenlesen üben und vor das Schwimmen das Auswendiglernen der Stilarten und Sicherheitsvorschriften stellen! Wir lehren vor dem Simsen am besten die Telefonkunde, wie sie schon bis zum Jahr 1980 in Lehrbüchern beschrieben ist („Der Aufbau von Telefonhäuschen und ihre Benutzung durch Kinder, die erst mit Stelzen an den Hörer kommen“).

Kinder wollen erst Beispiele, dann Theorien. Lehrpläne predigen Theorie und merken, dass sie nicht verstanden werden (weil die Theorie zu trocken ist). Dann erklären Lehrer die Theorie der Lehrpläne mehrmals, was nicht weiterhilft – einfache Beispiele und Tun würden es ja bringen … dafür ist aber keine Zeit, weil viele Schüler auch nach dem vierten Mal Theorie nichts verstanden haben. Als ich einmal in Göttingen Wirtschaft studierte, demonstrierten wir gegen den Schah von Persien und gegen Mikroökonomie II, die wir absolut nur lernen, aber nicht verstehen konnten. „Wo ist der Sinn?“, riefen wir, als schließlich zwei zögernde Assistenten herauskamen und uns beruhigen wollten: „Ihr Studenten, alle Studiengänge der Universität beginnen mit trockener Theorie, deren Sinn man erst im Hauptstudium versteht oder bei der Dissertation ganz bestimmt. Es braucht lange, die Grundlagen eines Fachs so sehr abstrakt vorzubereiten, dass man darauf aufbauend ganz redundanzfrei alle denkbaren Theorien beweisen kann. Da darf man am Anfang noch keine Fragen nach dem Sinn und einem ganzheitlichen Verstehen stellen. Der Sinn oder der Zusammenhang des Ganzen wird auch im Hauptstudium nie erklärt, aber er wird dann schon implizit klar, wenn man begabt genug ist, ihn von selbst zu erfassen. Das Wesen der Wissenschaft erschließt sich dem von selbst, der lange genug Bruchstücke davon in sich aufnimmt, Credit Point für Credit Point. So will es die Theorie.“ (Inzwischen hatten wir die Finanzkrise, die heute auch als eine der ökonomischen Wissenschaft begriffen wird – der Zusammenhang zwischen der Mikroökonomie II und der Realität hat sich immer noch nicht von selbst eingestellt.) Ach, ich spekuliere zu viel … was ich mir jetzt selbst denke, was Kinder wollen oder was ich wollte, als ich Kind oder Student war. Wir sollten sie FRAGEN! Heute neu! Wahrscheinlich kommt etwas gut Brauchbares heraus. Wollen wir das Ergebnis einer solchen Befragung nicht einmal betrachten und im Herzen bewegen? Haben wir den Mut dazu? Haben wir Angst, dass sie vielleicht nicht selbst auf bundeseinheitliche Prüfungen kommen? Kennen Kinder den Stand der Technik bei Overheadfolien, Matrixdruckern und ausrollbaren Erdkundetafeln? Werden sie teure Schreibmaschinenkurse verlangen, die wir uns damals erst nach der Schulzeit leisten konnten?

Lasst uns sie fragen! Lasst uns gefasst sein! International Childrens‘ Assessment of Necessisties (I CAN).

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kinderbücher sind für Erwachsene (auch)

    Kinder zu fragen ist problematisch, denn direkt oder indirekt findet man meist (auch in den Fragen) eine Sicht bestimmter Erwachsenen-Gruppen, wenn man vorgibt die Kinder selbst zu fragen und ihnen den Steuerknüppel in die Hand zu geben.
    Dass Harry Potter so ein Erfolg als Kinderbuch wurde liegt zum grossen Teil an der beträcthlichen Zahl von erwachsenen Lesern.

  2. Kindergeburtstag#abwertend

    Gunter Dueck schrieb (02. Januar 2012, 16:24):
    > die [Kompetenzen], die Erwachsene haben SOLLTEN (Teamfähigkeit, Kreativität, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten, Verkaufen etc.)

    Wer bewunderte die nicht.

    Angesichts solch trockener Listen von Abstraktionen wünsche ich mir aber, sie mit allgemein bekannten Beispielen zu unterlegen, die dem Autor eine Lehre waren oder gewesen wären (am
    einfachsten wohl durch Wiki-Links … &)

  3. Einfach anbieten

    Kinder lernen, wenn wir ihnen etwas zu lernen anbieten. Wenn der Vater Abends im Hobbykeller mit Holz bastelt, dann kann es sein, daß sich das Kind auch dafür interessiert. Kinder wollen probieren und imitieren und dazu sollten wir ihnen die Gelegenheit geben.
    Dann geht das Lernen von ganz allein. Wir Menschen sind Lernmaschine, d.h. wir können nicht Nichtlernen. Die Frage ist nur, was wir lernen. Der kleine Strassengangster lernt, wie er sich am besten durchwurschelt, das Gleiche macht aber auch der Student in der UNIX. Das heißt, die Umgebung bestimmt maßgeblich was und auch wie gelernt wird.
    Es ist unsere Aufgabe als Eltern, unseren Kindern diese Atmosphäre zu bieten, eine Atmosphäre, die das Lernen interessant macht – ja sogar regelrecht fordert. Dann können wir jedes Wissen und jede Fertigkeit sehr einfach vermitteln.

    In meiner Kinder-/Jugendzeit bin ich mit Perry Rhodan aufgewachsen. PR hat mich aber auch dazu gebracht, mich für Naturwissenschaften und Technik zu interessieren. Ich habe beispielsweise Raumschiffe konstruiert und dabei Technisches Zeichnen gelernt. Ich mußte mich mit den Gravitationsgesetzen beschäftigen, um herauszufinden, was nötig ist, z.B. zum Mond zu fliegen. Dabei war es wichtig, die Entfernung von Erde und Mond zu kennen. Dabei mußte ich lernen, daß die Mondbahn nicht kreisförmig ist. Es mußte damals als Kind schon eine riesige Menge lernen, wenn ich das verstehen wollte.
    Ein anderes Beispiel war Zucker. Meine Chemielehrerin fragte mich, ob ein Referat über Zucker halten wolle. Ich sagte zu und find an mich mit Biochemie und Zuckern zu beschäftigen. Ich fand das so interessant, daß ich daraus ein Referat über 90 Minuten machte, einschließlich chemischer Experimente. Und das in der 8. Klasse Realschule (ich bin über den 2. Bildungsweg gegangen).
    Das Alles konnte nur passieren, weil man mich gelassen hatte. Meine Eltern haben mir nie gesagt, daß ich für etwas zu dumm sei und meine Lehrer – wenigstens die guten Lehrer! – forderten mich auch.

    Es geht nur darum, die Lernumgebung zu schaffen – alles weitere geschieht fast von selbst. Ich haben in einem Vortrag der kürzlich verstorbenen Vera F. Birkenbihl ein Beispie aus den indischen Slums gehört. Da hat man Computer mit Tastatur und Maus fest in eine Wand eingemauert. Die Kinder, die in der Regel Analphabeten waren, lernten in kürzester Zeit, diese Computer zu bedienen. Sie lernten dabei auch ganz nebenbei Englisch.

    So funktioniert Lernen.

  4. @GerhardQ: Kinder lassen sich begeistern

    Kinder lernen, wenn wir ihnen etwas zu lernen anbieten.

    Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Mein Sohn hat sich für Lego Mindstorm NXT begeistert, nachdem er gesehen hat was ein Kollege damit gemacht hat. Vorher, nur aufgrund der Werbung, hat es ihm nichts bedeutet.

  5. erst muss die Regierung das Volk fragen

    Frag nicht die Kinder was sie lernen wollen, lehr sie bloß mehr Fragen zu stellen. Wichtiger als Lesen ist sich selbst zu fragen ob das Geschriebene wahrhaft ist.

  6. Ich hab tausende Bücher von meinem Vater gekriegt und obwohl ich immer gerne gelesen habe, hab mich nie für irgendwelches Fach begeistert (wie z.B. Chemie, mein Vaters Hauptwunsch) nur weil ich darüber gelesen habe. Macht doch Sachen mit euren Kindern. Macht mit.

  7. „Begreifen“ kommt von „Anfassen“

    praktische Wissensvermittlung ist im Kindesalter essenziell. Geht man vom klassischen naturwissenschaftlichen Befriff aus, erfolgt ein „Epxeriment“, die Beobachtung und daraus abgeleitet eine Theorie. Mit Kindern kann man dies genau so machen. Bei diesem praktischen Arbeiten bleibt das Wissen auch hängen. Lehrer/Betreuuer/Pädagogen können dieses Lernen durch gezielte Leitfragen fördern. Das sehen wir immer wieder, wenn wir in Grundschulen gehen um den Kindern Naturwissenschaften schmackhaft zu machen. Die „Kleinen“ experimentieren, beobachten und daraus werden „Theorien“ abgeleitet. Diesen sind zwar letztendlich in einer sehr kindlichen Sprache (auch mit vielen Alltagsvergleichen) formuliert, aber meist 100% korrekt. Und dieses Wissen haben die Schüler auch verinnerlicht.

  8. Die Realität ist wie immer schlimmer…

    „Kinder wollen erst Beispiele, dann Theorien. Lehrpläne predigen Theorie und merken, dass sie nicht verstanden werden (weil die Theorie zu trocken ist). Dann erklären Lehrer die Theorie der Lehrpläne mehrmals, was nicht weiterhilft – einfache Beispiele und Tun würden es ja bringen … dafür ist aber keine Zeit, weil viele Schüler auch nach dem vierten Mal Theorie nichts verstanden haben. „

    Ich fürchte mal, die Realität ist noch viel schlimmer: eines meiner Kinder hat seit diesem Schuljahr einen neuen (kurz vor der Pension stehenden) Mathematiklehrer (SIC!). Und der hatte nichts besseres zu tun, als den Eltern am ersten Elternabend nochmal deutlich klarzustellen, dass er gleich als Erstes die alten Schulbücher vom Hausmeister hat aus dem Keller holen lassen – in den Neuen stehen viel zu wenige Aufgaben, und wie das Alles dargestellt ist – das kann er unseren Kindern nicht zumuten. In der Realität sieht es dann so aus, dass er zu Anfang der Stunde kopierte Zettel (natürlich noch mit Schreibmaschine geschrieben) mit Unmengen an Aufgaben austeilt und die Klasse sich nach einer kurzen Erklärung des Aufgabentypus selbst mit diesen Aufgaben beschäftigen muss. Notendurchschnitt bei Klassenarbeiten liegt bei 4,2; dass das nach Meinung des Lehrers nur an den faulen, pubertierenden Schülern liegt, die sich den ganzen Tag nur mit dem neuen Technikkram beschäftigt und in einer weiterführenden Schule eigentlich Fehl am Platze sind, versteht sich von selbst.
    Das IST die Realität, ob man sich als Eltern damit abfinden will oder nicht – mir persönlich ist kein Fall bekannt, wo Eltern es erreicht haben, das diese Art von Frontalunterricht bzw. pädagogische Misswirtschaft einen Lehrer zum Umdenken bewegt oder ein Nachspiel für den Lehrer hat.
    Ich gebe Ihnen recht, Kinder wollen lernen – und wir lassen zu, dass diese sogenannten Pädagogen unsere Kinder daran hindern, weil sie weiter an ihren alten Zöpfen hängen. PISA hat daran nichts geändert, nicht mal die Einstellung der Lehrer. Und es wird sich auch weiter nichts ändern, solange jedes Bundesland seinen eigenes Kultusschnitzelchen brät. Und schon gar nicht von der Generation von Altpädagogen in den Schulämtern….mir fallen da noch jede menge andere Sachen ein.
    Fazit: Wir vernichten die Zukunft unseres Landes – die Ausbildung unserer Kinder.
    Wenn schon Sch….., dann aber mit Schwung.

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