Selbstvertuschungkraft bei Systemsünden

Alle schwören rückhaltlose Aufklärung bei Sünden, aber es verschwinden meist nur ganz demonstrativ ein paar Sünder. Damit ist hart durchgegriffen worden, aber im Grunde bleibt das System dasselbe. Warum? Die Systeme behaupten, es handele sich um beklagenswerten Einzelfälle, also um schwarze Schafe. Die würden mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Die Ausgemerzten schweigen, weil sie ohne Anklage und mit Abfindung davon kamen. Sie haben Glück, weil das Ausbreiten ihrer Schuld zu viel Systemschaden verursacht. Sie kommen deshalb davon.

Der Vergewaltiger kommt davon, weil die Vergewaltigte durch die Ausbreitung ihres Seelenschadens noch einen zusätzlich größeren einer gewissen Schande erleidet. Der Ehebrecher kommt davon, weil die Ehefrau zum Beispiel den Zusammenbruch der Freundeskreise fürchten muss. Der übergriffige Priester bleibt relativ unbehelligt, weil ein öffentlicher Prozess gegen einen Priester seiner Kirche einen „Kommunikations-Supergau“ beschert und zu einer Diskussion ihrer Grundsätze durch Laien führt – zu einem Kontrollverlust.

In einer Privatschule, so hat sich kürzlich herausgestellt – haben sich vor Jahrzehnten Rektor und Lehrer an Kindern schuldig gemacht. Alle schwiegen. Hätten sie nicht weggeschaut und den Fall dem Staatsanwalt übergeben, wäre die Schule zusammengebrochen. Die teuer Schuldgeld zahlenden Eltern wären plötzlich ausgeblieben, die Schule könnte dichtmachen, viele Lehrer verlören die Stelle. Wer wirft da einen Stein?

Wird etwas in einem großen Unternehmen bekannt, so kann das Öffentlichmachen den Aktienkurs abstürzen lassen, es gibt einen gigantischen Schaden bis zum Konkurs, der dann auf Banken und Kleinanleger ausstrahlt. Alle sind bei einem allgemeinen Schweigen besser gestellt.

Der Sünder ist nur ein einzelner Mensch, der bei Entdeckung in vielen Fällen einen substantiellen Schaden in „seinem System“ erzeugt und andere mit hineinzieht. Die Ehe, die Schule, die Partei, das Unternehmen, die Kirche, der Glaube, das Vertrauen, das Ansehen nehmen Schaden. Davor fürchten sich alle und schauen weg – immer dann, wenn das Hinschauen sehr viel teurer wird als das Wegschauen.

Normale Sünden dagegen werden hart bestraft. Ein Griff in die Kasse – weg mit dem Sünder! Eine unterschlagene Toilettenrolle oder ein aufgehobener Pfandbon, weg mit dem Sünder! Zuwenig geleistet – weg, weg, weg. Wenn das Aufdecken dem System nichts antut, wird sofort durchgegriffen. Wer sich scheiden lässt, wird sofort nach der Vorschrift exkommuniziert und zahlt natürlich die Kirchensteuer weiter wie bisher. Wenn ein Außenminister in den Geruch von Vorteilnahme kommt, muss er vielleicht weg. Aber wenn er die Angriffe gegen sich als „Sabotage an der demokratischen Grundordnung“ hinstellen kann, bleibt er. Das Heilige des Systems hat Vorrang. Es muss unbefleckt bleiben.

Das System hat enorme innere Selbstvertuschungskräfte. Weil das System hehr bleiben muss, bleibt alles unter der Decke. Wenn eine Sündenblase platzt, werden immer nur ein paar Bauernopfer gebracht – seufzend, das Unrecht klarsichtig vor Augen, aber entschlossen, das System zu retten.

Also: Wenn Sie unbedingt sündigen wollen, steigen Sie groß ein und drehen Sie es so hin, dass das System angeklagt wird, wenn Sie angeklagt werden. Am besten stellen Sie sich die ganze Zeit wie ein Gralshüter vor das System und huldigen ihm öffentlich in tiefster Ergebenheit. Machen Sie sich zum obersten edlen Ritter der Bewegung. Dann dürfen Sie sündigen, wie Sie wollen, weil das System Schaden nimmt, wenn sie entlarvt werden. Niemand darf Sie als Person aufdecken, weil er durch das Schädigen des Systems ein größerer Sünder ist als Sie selbst, man tötet ihn gewöhnlich als Überbringer der schlechten Nachricht.

Und weil viele Sünder das wissen, huldigen sie dem System, in welchem sie insgeheim sündigen. Je mehr Menschen  im System sündigen, umso mehr huldigen ihm in übertriebener Weise. Deshalb wird das System durch die großen Sünden in ihm immer stärker, unverletzlich, monolithisch, hart, unnahbar. Wer in ihm keine Ahnung hat oder das System nur von außen sieht, wird es erhaben und ehrbar finden können. Sünden aber helfen, es zusammenzuschweißen.

Jetzt stocke ich. Was wollte ich sagen? Die letzte Schlussfolgerung erschreckt mich, weil sie korrekt erscheint. Ist das so? Ich lasse sie so stehen.

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. biologisch

    Der Mensch ist, wie alle biologischen Systeme, sehr fehlerhaft. Denn Fehler sind der entscheidene evolutionäre Vorteil biologischer Systeme.
    Deswegen müssen auch vom Menschen geschaffenen Organisationssysteme immer mit Fehlern behaftet sein.
    Sind die Fehler in ihrer Summe zu groß, dann kann es sein, dass solche Organisationssysteme zerfallen – und sich dann neue Strukturen bilden. Ob diese besser oder schlechter sind, als die vorhergehenden, wird sich dann herausstellen.

  2. Wohin führe das?

    Spinnt man den Gedanken weiter, dann werden Organisationen, die durch Sünden ihrer Mitarbeiter zu Fall gebracht werden, durch neue Systeme ersetzt, so dass je länger, desto sündenresistentere Systeme entstehen, die auch ärgste Sünder überleben.
    Was könnte solche Organismen noch stoppen?

  3. @Murmel

    Ein neues verbessertes System kann auch aus einem alten System dadurch entstehen, dass aus Fehlern gelernt wird.

    Und ein Alternativ-System kann nur entstehen, wenn eine attraktive Alternative vorhanden ist. Und das ist das Hauptproblem: viele beschweren sich über Systemfehler – und wenn man nach besseren Alternativen frägt, dann kommt das große Schweigen (mit oder ohne geistreichen Worten)

  4. tiffany discount jewellery

    nder das wissen, huldigen sie dem System, in welchem sie insgeheim sündigen. Je mehr Menschen im System sündigen, umso mehr huldigen ihm in übertriebener Weise. Deshalb wird das System durch die großen Sünden in ihm immer stärker, unverle

  5. das Toyota-Phänomen

    In den USA gibt es das Phänomen, dass sich in größerer Zahl Toyota-Autos nicht abbremsen ließen.

    Bei einigen Unfällen ist die Ursache mittlerweile klar: für den Autotyp ungeeignete Bodenmatten hatten das das Gaspedal verklemmt.
    Insgesamt ist aber völlig unverständlich, wieso dieses Phänomen nur in den USA auftaucht – obwohl die Autos dieser Firma weltweit verkauft werden? Entsteht die Systemsünde durch echte Fehler oder dadurch, weil es in den USA bei Schadensersatzprozessen etwas zu holen gibt.
    D.h. bei Systemsünden sollte man auch die Ursache genauer untersuchen und nicht nur die Effekte

  6. Traurig, aber wahr

    Der Artikel ist wahr, und das ist traurig. Die Verkäuferin, die ein halbes Brötchen ist, wird man eben los, ohne dass es dem Unternehmen schadet – obwohl es das ja irgendwie doch tut, denn das Medienecho war ja sehr negativ. Aber auch das kann man ja noch schön als Einzelfall in einer Filiale hinstellen. Schön wäre, wenn sich an dem System etwas ändern würde, aber darauf können wir wohl leider lange warten.

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