Role Overload – nichts geschieht richtig

War das eine gute alte Zeit, als jeder noch seine Aufgabe hatte! Heute aber haben wir ganz viele Rollen, wie man so sagt. Jede dieser Rollen könnte ein Full-Time-Job sein, aber wir haben nur ein einziges Leben. Wie zerteilen wir uns also?

Zuerst kannten wir nur das funktionale Management, jeder hatte einen Platz in einer Hierarchie. Unser Boss war vor seiner Ernennung etwas Ähnliches wie wir, hatte von der Pike auf gelernt bzw. schon einmal selbst gearbeitet. Berater schwärmten aus und fanden heraus, dass viele mit ihrer Aufgabe nicht voll ausgelastet waren. „Keine Kunden an der Kasse! Ab zum Regaleinräumen!“ Wir bekamen mehrere Rollen. Wir begannen in lauter verschiedenen Projekten zu arbeiten, erhielten Nebenjobs in Task Forces, denen man Verbesserungen und Transformationen in der Firma zum Ziel gesetzt hatte.

Ein typischer Mitarbeiter ist nun Ehegatte, Elternteil, hat vier oder fünf Rollen im Betrieb, sitzt in drei Arbeitsgruppen zum Einsparen und zur Innovation. Er könnte noch Betriebsrat sein und Mitglied der Kindergarteninitiative. Und jetzt kommt das Problem: Im Grunde ist jeder Teiljob und jede Rolle ein Full-Time-Job, der viel Herzblut verlangt.
Im Prinzip also haben wir Arbeit für fünf bis zehn Leben! Aber wir haben nur Zeit für ein Leben.

Manche von uns versuchen das Problem durch Workaholismus zu lösen. Sie arbeiten statt 45 Stunden nun 70. Das aber hilft nicht bei Arbeit für sieben Leben! Das Role-Overload-Problem ist nicht durch Mehrarbeit lösbar!
Wir müssen konsequent unmäßige Anforderungen an uns ablehnen! Dazu haben wir keinen Mut. Deshalb beruhigen wir uns zum Teil mit unmäßiger und – wie gesagt – vollkommen sinnloser Mehrarbeit und versuchen, unsere Jobs zu priorisieren. Wir arbeiten dort, wo es uns persönlich etwas bringt, und dort, wo es brennt, und bestimmt, wo man uns Feuer unter dem Allerwertesten macht. Den Rest schieben wir weg. Wir erledigen das Nachrangige lasch, nur unter Zwang und ohne Herzblut – so gut es geht ganz nebenbei.

In jedem Projekt arbeiten jetzt so zehn Personen wie wir. Einige setzen hohe Priorität in das Projekt, die meisten eher nicht. An der Börse sagt man: „Wer’s eilig hat, muss bezahlen.“ Im Projektgeschäft: „Wem es wichtig ist, der soll es selbst abarbeiten.“ Deshalb arbeiten nun von zehn Leuten immer nur zwei oder drei mit, die anderen leisten kaum etwas Brauchbares und nehmen nur widerwillig und fast geistig abwesend an Telefonkonferenzen teil (und arbeiten dabei unsichtbar konzentriert an für sie Wichtigem). Projektleiter: „Hat jeder alles fertig, auch Sie?“ – „Ich? Es ging nicht, ich war völlig unter Wasser, ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, ich habe es aber hier noch auf meiner To-Do-Liste stehen, keine Frage. Sorry for inconvenience, aber ich kann mich nicht zerreißen. Ich bin hier bestimmt derjenige, der am meisten arbeitet, aber ich kann nicht zaubern.“
Weil jeder Arbeit für sieben Leben hat und nur für eineinhalb Leben arbeitet, bringt immer nur ein Fünftel der Projektmitarbeiter Herzblut auf! (7 / 1.5 = 4.666) Für die anderen ist DIESES Projekt nicht wichtig.
Ein Fünftel ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Deshalb stottern die meisten Projekte erfolglos weiter. Die meisten scheitern mehr oder weniger ganz und gar. Schlimmer noch als das bloße Scheitern: Sie verschwenden unser Leben mit sinnlosen so genannten Arbeiten, hinter denen zu wenig Willen zum Gelingen steckt. Wir verderben in Halbherzigkeit.

Es gibt keine Rettung aus der Sinnlosigkeit, solange ganz schneidige Manager unentwegt mit geschwellter Brust tönen: „Wer sich zu wenig vornimmt, schafft auch zu wenig.“

Was kommt heraus? Wir haben für uns selbst seit einigen Jahren stillschweigend akzeptiert, dass wir Dinge schlecht tun, für die wir keine Zeit haben. „Sorry, ich war unter Wasser.“ Wir akzeptieren jeden Role Overload von unseren Chefs und liefern lausige, hastige Qualität ab.

(„Wir haben rasend eilig eine neue Strategie für unsere Company gezimmert. Wir brauchen sie dringend, weil der Aufsichtsrat kommt. Sachlich ist uns nichts eingefallen, dafür war keine Zeit. Wir haben dann „schnelleres Wachstum als der Markt“ als Mindestziel festgelegt, weil wir das noch nie geschafft haben. Das wird dem Aufsichtsrat imponieren.“ – „Ich habe endlich die Erlaubnis zu einem wichtigen Lehrgang bekommen, aber ich musste nebenbei noch meinen Job machen. Ich lief dauernd aus dem Kursprogramm raus und telefonierte. Ich habe deshalb nicht viel verstanden, aber ich be-komme das komplette Wissen auf CD mit. Ging nicht besser.“ – „Kind, ich kann nicht bei jedem Abiturball dabei sein, das verstehst du doch. Du machst doch auch schon seit Jahren Party-Hopping, weil du nichts wirklich schaffst.“)

Wer zu viele Rollen akzeptiert, erlaubt sich innerlich, bei Unwichtigem schlecht zu arbeiten.
Weil alle etwas anderes wichtig finden, bleibt nicht nur für einen jeden das eigene Unwichtige liegen, sondern praktisch alles.
Wir lassen uns treiben, wir werden getrieben. Wir arbeiten ab, was jetzt unbedingt sein muss. Das einzige, was am Ende geschafft ist, sind wir.

Und unser Boss sagt: „Die Komplexität lähmt uns.“ Es ist derselbe, der sich aus Grundsatz zu viel vornimmt. Siebenmal mehr, was den Misserfolg garantiert. Und der Boss sieht außerdem in Unkenntnis der Role-Overload-Problematik ganz naiv, dass immer nur ein Fünftel von uns im engeren Sinne mit Herzblut arbeitet. Deshalb kommt er zur Erkenntnis, dass wir im Mittel kaum etwas tun. Er merkt, dass wir uns dauernd mit Unterwassersein entschuldigen. Er schließt daraus mit oberflächlicher Logik: Er ist Boss von fast lauter Low Perfomern. Er versucht selbst vergeblich, durch persönliche Überarbeitung einiges zu retten. Unbewusst ist ihm glasklar, dass sie ihn weiter oben für einen Low Performer halten – aber das wäre nicht gerecht. Denn er kämpft wie ein heiliger Krieger.

Von allem ein bisschen. Nichts richtig.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Trefflich formuliert – Ausweg nur mit effizientem Zeitmanagement?

    Ich stimme dem Gesagtem vehement zu… Ich kenne die Problematik aus eigenem Erleben, arbeite in 7 Jobs (sorry hatte eben eine eMail aus dem Kinderhausverteiler bekommen und diese beantwortet) – Vater, Musiklehrer, Musikschulverwalter, Softwareprogrammierer, Informatikdozent, Individualist und Katzenliebhaber. Die einzige mich NICHT ständig unter Wasser ziehende Lösung liegt in klarer Zeiteinteilung. Arbeitstag max. von 09-17Uhr. Montag dieses Leben, Dienstag dieses usw. Und als hätte man nicht schon genug am Hals, schneit dann auch noch eine Spektrum-Der-Wissenschaft-Leser-eMail ins Postfach und man ließt und ließt und ließt und antwortet dann sogar noch auf diesen Beitrag hier (sorry meine Frau bedauerte gerade telefonisch das heute Abend ausfallende Puppentheater… Ich konnte sie vertrösten). Als hätte der Autor meinen Kaffeesatz aus der Hand gelesen… Ein anderer Ausweg scheint da nur noch die Selbständigkeit. Dort warten dann vermutlich noch mehr als nur 7 Jobs…

  2. fraktales Problem

    Die Kette der Überladung zieht sich bis nach oben, auf jeder Ebene sieht es „ähnlich“ aus. Solange, bis – und das geht nur top-down – das Problem grundsätzlich erkannt und gegen gesteuert wird. Was in vielen Firmen nie der Fall ist.

  3. Gegenmaßnahzmen?

    Jetzt mal im Ernst?
    Wie steuert man denn dagegen?

    Vor allem in Unternehmen,
    die dem Prozess-Wahn namens ITIL nachfolgen?

    Vor allem,
    wie steuert man dagegen,
    wenn man ziemlich weit „unten“ sitzt?

  4. Frustriert?

    > Prozess-Wahn namens ITIL

    Na, das ist aber einer arg gebeutelt 🙂
    ITIL ist nicht das Böse, sondern die Dilettanten, die es falsch einführen.

    Aber zum Thema: Gegenmaßnahmen?
    Ich übe Verzicht. Ich mache nicht die klass. Karriere mit immer noch mehr Geld, wofür ich immer noch mehr Verantwortung/Arbeit übernehmen muss. Ich mache das, was mir gefällt. Und wenn ich merke, dass mir „zuviel“ gefällt, kündige ich nach Prioritäten konsequent ab. So z.B. auch das Abo der SdW.
    Es hilft wirklich nur die Überlegung, was einem _wirklich_ wichtig ist. Dieses ständige Kleines-trotziges-Kind-Gehabe „Ich will alles und zwar sofort“ ist in unserer Gesellschaft viel zu sehr ausgeprägt. Nur der bewußte Verzicht bringt einen wirklich weiter.

  5. Role Overload

    Absolut geniale Beschreibung eines zunehmenden Trends, den ich auch bereits seit längerer Zeit beobachte. Es scheint vielfältige Gründe zu geben. Vielleicht die auf der Basis von zunehmendem Wohlstand wachsende Eitelkeit vieler Menschen? Der Triumph des kurzfristigen Profits über langfristig angelegte Werte? Der Verlust des Gefühls für echte inhaltliche Qualität zugunsten oberflächlicher Showeffekte? Gegensteuern ist einfach, aber kaum einer tut es: Inhaltliche Qualität fordern und fördern, statt Checklisten abzuhaken; ganzheitliches Denken, gerade bei der Beurteilung von Menschen und Situationen; langfristiges Denken und Werteorientierung vorleben. Bescheidenheit in materiellen Dingen üben. Wichtige Dinge zu Ende bringen, die notwendige Zeit dafür einfordern. Und so weiter …

  6. Vielleicht würde das mit mehr Beschäftigung gelöst. Also mehr Leute in Arbeit gebracht – weniger Last auf den Schultern der schon Beschäftigten. Am Ende trotz scheinbarer Mehrkosten – dennoch ein Mehrgewinn für alle, da weniger Belastung von Sozial/Arbeitslosen-Kassen und am Ende nahezu 100% Performance bei der Bearbeitung von Projekten. Denn jeder kann sich seiner Aufgabe ganz widmen.

  7. Ich denke das Problem liegt auch ein Stück weit an einem selbst.
    Wer ein bisschen ehrgeizig ist und auf einen gewissen Lebensstandard und einen bestimmten Job hinarbeitet, wird gar nicht erst in einer solchen Ecke landen.
    Und wer sich dann nicht dagegen wehrt, dass er keinen Spaß hat, ist selber schuld.
    Es gibt genug Möglichkeiten, mit ein wenig Mühe Berufsmäßig zufriedengestellt zu werden, ob nun durch penibles durchforsten von Stellenanzeigen, das in Anspruch nehmen von Jobvermittlern oder einfach dickköpfigem Willen.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben