Mist, nur Silber!

Siegen wollen! Nicht siegen müssen! Nach den Sternen greifen, nicht Karriere machen! Den Oscar gewinnen, nicht Nominierungen anstreben! Verrückt geworden – warum denn gleich so hoch hinaus? Wer ganz oben sein will, muss etwas erschaffen. Für Silber reicht nachmachen. Deshalb sage ich: Gold so unendlich viel schöner anzustreben als Silber, selbst wenn Sie nie eine Medaille erreichen. Auf Goldkurs sein ist das Schöne an sich.

Wer etwas nach Träumen erschafft, ist glücklich dabei und gewinnt manchmal alles, mal auch wie van Gogh nichts. Das ist wunderschön, aber „high risk“. Die anderen orientieren sich nach einem vorausgeeilten Genie, das neue Regel aus der Natur oder von Gott empfängt, wie man seit Immanuel Kant spekuliert. Die anderen ahmen nach. Sie betreiben „in fake of excellence“ oder „benchmarking“ oder „quick adaption“.

Bei IBM trug neulich ein junger Mann vor, der sich als Junge bis in die Spitze der regionalen Meisterschaften geschwommen hatte, da ereilte ihn ein Unglück. Man musste ihm ein Bein amputieren. Der Vater meldete ihn noch vor der Operation für die Para-Olympics-Laufbahn an, damit sein Leben weitergehen würde. „Welche Behinderung hat Ihr Sohn denn?“ – „Ich weiß es noch nicht, mindestens ein Bein wird fehlen.“ Der verzweifelte Junge übte mit einem Bein wie um sein Leben und schwamm zwei Jahre später schneller (!) als jemals zuvor als Gesunder. Er gewann tatsächlich Medaillen, stellte eine Staffel auf, aber es wurde nur Silber. NUR Silber. Er war enttäuscht. Er hatte sich wegen seiner Behinderung den Schwimmsport ganz neu erfinden müssen. Er grübelte, was das Team hätte besser machen können. Er kam nicht darauf. Später fiel ihm ein Foto der Staffel nach dem Wettkampf in die Hände, wo sie ja verloren hatten. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er selbst und ein anderer Kamerad schauten leer in die Kamera, die beiden anderen mit hüpfend glücklichen Augen wie am schönsten Tag ihres Lebens. Da wusste er, woran es lag. Er suchte zwei andere, die vom perfekten Sport träumten und gewann vier Jahre später (schon ziemlich alt) das Gold.

Gold hat etwas mit Sehnsucht zu tun, mit Unendlichkeit, mit Persönlichkeit. Kein Kompromiss! Die ganze Seele geht darin auf.

Ab und zu lese ich in meinem Musashi-Buch. Das Buch der fünf Ringe. Miyamoto Musashi war der berühmteste Schwertkämpfer im klassischen Japan, er überstand viele Kämpfe auf Leben und Tod, beendete seine Kampfkunstlaufbahn im meinem jetzigen Alter (!) und schrieb ein Buch über die Kampfkunst, kurz bevor er starb. Ich halte das Buch fast heilig und habe mir leider die Zitate nicht angestrichen, da schreibe ich es eben so, wie es sich in mich eingeprägt hat.

„Fast alle achten beim Kampf auf Leben und Tod auf die richtige Schwertführung und die Stellung des Körpers und der Füße. Sie versuchen, alles richtig zu machen. Das ist falsch.“

 

„Gehe hinaus und töte.“

„Töte mit einem Hieb.“

 

Das klingt sehr martialisch, ich weiß. Es besagt, dass Siegen nicht bedeutet, alles richtig zu machen. Es bedeutet einfach TUN. Musashi hat die Kunst so sehr verinnerlicht, dass es nicht mehr um Regeln geht. Er ist seine eigene Kunst selbst geworden.

Und diese Sätze, die so oder so ähnlich im Buch stehen, stehen in mir:

 

„Übe Deine Kunst, als solltest Du sie selbst erfinden.“

„Tu es alles so, als wenn es keiner sonst kann.“

„Es genügt nicht, dies zu lesen, man muss so hart üben, als würde man diese Lehre selbst entwickeln wollen und nicht einfach übertragen bekommen.“

„Man übe so beharrlich, als sei man selbst verantwortlich für die Entdeckung des wahren Weges.“

„Man vermeide bloßes Nachahmen und mittelmäßiges Üben.“

 

Dieses persönliche Für-sich-selbst-neu-Erfinden wird nicht mehr gelehrt oder gepriesen. Herzblut, Liebe zur eigenen persönlichen Kunst und Wille haben nicht genug Stellenwert. Wir bewundern Sie als Ausstrahlung oder Charisma, als Originalität oder Genie, aber wir wissen nicht mehr genau, wo es herkommt. Daher:

Jeder von uns ist selbst verantwortlich für die Entdeckung des wahren Weges.

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Nur“ Silber?

    Auch wenn es sehr löblich ist, nach Gold zu streben, so ist es trotzdem eine Erungenschaft manachmal auch „nur“ Silber zu bekommen. Wie bei Olympia zu sehen ist, standen Chinesen fast vor Nervenzusammenbrüchen, nur weil sie es nicht schafften Gold zu gewinnen, sondern „nur“ Silber für ihr Land holten.
    Der zweitbeste Schwimmer oder Läufer der Welt zu sein, heisst nicht, dass man nur etwas nachmacht. Man hat etwas geleistet und kann durchaus darauf stolz sein!

  2. Lernen

    Der Japaner beschreibt nichts anderes, als ein Loblied auf das Lernen. Außerdem hat er den Sinn des Lebens erkannt und daher keine Angst vor dem Tod mehr; da dieser dazu gehört.

    Wenn man irgendwelche Aktivitäten perfekt erlernt hat, dann kann man sie völlig unbewusst ausführen.
    Eugen Herrigel hat in seinem Buch ´Zen in der Kunst des Bogenschießens´ das gleiche beschrieben. Irgendwann ist man darin so perfekt, das ES (das Unterbewusstsein) die Kontrolle über Körperaktivitäten übernimmt.

    Dieses Wissen kann man leider auch benutzen, – wenn man gemein ist – um jemand fertig zu machen: Wenn z.B. beim Tennis der Gegner eine perfekte (da unbewusste) Vorhand spielt; braucht man ihn bloß zu loben: ´Deine Vorhand ist perfekt! Wie machst Du das bloß?´ – ab diesem Augenblick kann er nicht mehr unbewusst spielen, da er dauernd bewusst daran denkt, wie er die Vorhand spielt. Sein Spiel wird katastrophal werden.

  3. Musashi und Lao Tse

    wie immer hab ich alles nicht so recht verstanden. Wie meist muss ich dennoch meinen Senf dazu geben, wenn ich hier die Kommentare lese.
    Und ich hoffe, wie jedes Mal, dass eine Auseinandersetzung mit Ihnen mich weiter bringen könnte…
    Also, ich glaube, es geht letztendlich nicht darum, dass man die Goldmedaille wirklich holt. Und schon gar nicht, wie die Chinesen, die Sie beschreiben Herr Fischer, die Nervenzusammenbrüche bekommen, wenn sie es nicht tun. Da scheint mir eher ein Müssen und kein Wollen im Spiel zu sein.
    Es geht um den Glauben, das Gefühl, dass ich allein eine neue Art des XYZ erschaffen kann, die besser ist, als das Da-gewesene. Dieser Glaube, ja diese Überzeugung macht mich unabhängig von dem, was andere sagen. Es mobilisiert alle Kräfte. Ohne die Ablenkung des Zweifels und der Scham. Der Schuld und des Müssens.
    Auch klar, dass ich dann mit einer Silbermedaille nich zufrieden bin. Die neue Kunstform (ich) kann noch nicht die alte schlagen. Da will ich dann noch was verbessern!
    So bekomme ich das auch mit dem Tao zusammen, wo das Nicht-Tun gepredigt wird.
    Kapitel zwei im Tao: “ Die Weisen meditieren über das Nicht-Tun und lehren ohne Worte
    Sie beobachten, wie alle Dinge ins Leben bersten, ohne einzugreifen“
    Ich muss das zitieren, weil es noch nicht teil von mir ist…
    Ich fühlte : Die Seele sagt dem Menschen, dass etwas spezielles an der Zeit sei. Also ist etwas ins Leben geborsten. Also erlerne ich die Kunst dessen, was ansteht (z.B. Kampfkunst). Es lässt mein Herz brennen und ich übe wie ein Irrer! Das ist reine Freude und dieser Weg ist das Ziel. Denn das ist Leben! Es ist die Vorfreude des zukünftigen Beherrschens der Kunst. Während des Kampfes dann muss ich vergessen, alles andere, alles das mir sagt, Du musst Deine Parade so oder so tun. Das ist Nicht-Tun und volle Konzentration auf das Eigentliche. Ohne Scham, ohne Schuld, ohne Ungeduld!
    Na, irgendwie so muss es sein, oder??? Dieser Zusammenhang blitze zumindest in mir auf, während ich mein Tao in Händen hielt.

  4. Kampfkunst als Weg

    Es ist erstaunlich, dass einige Kampfkunst-Klassiker Hunderte Jahre alt sind und den Menschen heute immer noch etwas sagen. Kampfkunst scheint doch eine gute Parabel für das Leben zu sein und zu bleiben.

  5. @Zaenker

    Dass uns die japanischen Kampfkunst-Klassiker etwas zu sagen haben liegt vermutlich daran, dass diese Künste in Japan nicht als Sportarten sondern als Philosphie betrachtet werden.
    Wer über sich und sein Leben nachdenkt, kann sich weiter entwickeln.

  6. Zen oder die Schärfe des Schwertes

    Zur Samurei-Zeit pflegte ein alter Schmied die Schärfe eines fertigen Schwertes zu erproben, indem er es mit der Schneide der Strömung entgegen in einen Bach hielt. Wurde nicht nur das fließende Wasser, sondern auch ein herantreibendes Blatt sauber von der Schneide zerteilt, war es gut. Doch dann kam der Tag, an dem ein Blatt nach dem anderen dem Schwert im sanften Bogen auswich…
    Das, lieber Herr Dueck, trage ich in mir, seit ich vor 50 Jahren mit Judo angefangen habe. 1964 wurden in Tokio die olympischen Goldmedallien für Judo erfunden. Seither weichen die Blätter irgendwie nicht mehr aus.

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