Grenzwert-Ethik

Wir verlieren unsere Mitte.

Die Mitte ist das, was allgemein geboten erscheint.

Weiter draußen ist eine Grenze, deren Überschreiten verboten werden muss. Dort leben wir.

Extremes Effizienzdenken führt immer zu grenzwertigen Lösungen. Die Sportler dopen genau bis zur erlaubten Grenze. Ein Blutkörperchen zu viel und sie landen im Gefängnis – und zetern herum, dass sie wegen eines Nanogramms gesperrt werden! Dieses eine Nanogramm ist schuld! Nicht etwa das Doping an sich. Wir messen den Abstand zum Verbotenen, nicht zur Mitte hin. „Ich fahre immer genau 1 km/h langsamer als es den Führerschein kostet, jetzt habe ich einmal die Konzentration verloren – sofort haben sie mich erwischt. Das ist ungerecht – total ungerecht, ich war nur 1 km/h in der Führerscheinverlustzone.“ Immer haben wir die Gesetzesgrenze im Auge, nicht das Vernünftige oder Gebotene.

Die Banken treiben die Eigenkapitalrendite hoch, indem sie möglichst kein Eigenkapital einsetzen. Das hat zur Finanzkatastrophe geführt. Die Staaten nehmen so viele Schulden auf, wie sie nur können. Sie müssten eigentlich nach Maastricht/Lissabon bestraft werden – ein bisschen, aber sie verschulden sich weiter bis zum Gelddrucklizenzverlust. Die Pharmariesen versuchen, grenzwertige Medikamente in den Markt zu bringen, die Gentechnologen grenzwertig veränderte Pflanzen. Die Atommeiler laufen an den Grenzwerten entlang, so dass sie nicht gerade in der Amtszeit des derzeitigen Vorstandes Scherereien machen, was dessen Optionen verhageln würde. Pfui, ist die Wirtschaft vielleicht grenzwertig!

Wir aber selbst doch auch? Wir lernen für Klausuren gerade so, dass wir die Hälfte der Punkte bekommen. Das reicht haarfein zum Bestehen, nicht zum Können. Wir studieren so lange wie die Familie nicht wegen der Kosten einknickt oder ein vorgestellter Arbeitgeber nicht über die Lebenslauflücken in der Bewerbung mault. Wir arbeiten uns dann gleich danach wild ehrgeizig gerade bis an den wohl erarbeiteten Burnout heran. Wir brechen uns auf Kosten der Gemeinschaft die Knochen bei grenzwertigen Sportarten, wir reizen unsere Süchte bis an die Grenze aus. Wir betrügen bei Steuern und Versicherungen, haben schwarzes Geld und behandeln gute Mitarbeiter gerade so schlecht, dass sie so eben nicht kündigen.

Wo halten wir inne? Nur am Stacheldraht? Nur vor dem Gefängnis? Wir leben in einer Welt der roten Schilder, die des Verbotes. Wir wissen gar nicht mehr, was auf den blauen steht, die uns vernünftige Richtwerte empfehlen. Immer schlängeln wir uns an Grenzen entlang, hinter denen es uns erwischt. Leider erwischt es hinter den Grenzen auch andere. Mein Unfall ist auch euer Unfall! Mein gentechnischer Fehler eurer! Mein Atomunfall ist einer des Landes und seiner Nachbarn! Das Reinreißen der Anderen scheint uns ganz egal. Exferno den anderen! Der Idee des Jahrhunderts heißt Externalisierung, also das Abdrücken von Kosten oder Risiken an andere da draußen oder die jungen Digital Natives, die in den Eierstöcken startklar auf unsere Schadensbewältigung warten.

Ethik sagt, was wir tun sollen. Optimierung führt an die Grenze des Erlaubten. Wollen wir uns nur an der orientieren? Nicht an der Mitte der Einsicht? Dann werden wir also kämpfen – weil wir zwar andere zu schädigen bereit sind, aber selbst keinen Schaden haben wollen. Wir werden zwar keinen Krieg führen, aber wir werden die Grenzpfähle zu unseren Gunsten verschieben. Früher waren das Länder- und Grundstücksgrenzen oder die Grenzen des Bleigehaltes in Goldmünzen. Heute ersticken wir in Grenzwerten für alles! Für jeden Inhaltsstoff, für jede Beratung, für jede Rechtshandlung, für jedes Qualitätsmerkmal, für jede Prüfung…

Was wären wir heute ohne Computer? Ohne sie könnten wir gar nicht so genau an den Grenzen des erlaubten operieren! Wir würden ohne sie zu ungenau und groß operieren und müssten wie früher einen erklecklichen Sicherheitsabstand zum Gefängnis wahren! Mit dem Computer aber können wir immer auf Messers Schneide tanzen, optimal bis zum Tod. Das Leben in der ruhigen Mitte ist nicht profitabel genug und müsste wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit eigentlich schon gestorben sein. War jemand kürzlich noch da?

Gibt es eine Mitte?

Da, wo die blauen Schilder stehen und die Sonne scheint? Da, worüber die neue Ethikkommission neue Grenzwerte des Erlaubten diskutiert?

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ethik – Quantität

    Ein sehr guter Artikel! Den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Ethik verschwindet deshalb, als eine Ethik des Maßes, weil wir uns gänzlich in der Kategorie der Quantität verloren haben. Quantitäten regieren unser Leben. Selbst die Ethik gerät auf diese schiefe Bahn, wenn sie sich der Frage hingibt, wieviel denn ein Mensch noch kosten darf, um sein Leben zu verlängern, oder welche Opfer denn bei einer Risikoabschätzung noch zulässig sind (Atomkraftwerke!). Die Tyrannei der Quantifizierung (=Evaluation) ruiniert auch die Ethik. Ethik baut auf Qualitäten auf. Zum Beispiel auf der Qualität der „Ehrfurcht vor dem Leben“, wie sie einst Albert Schweitzer als Grundlage der Ethik formulierte. Es bedarf der Wiederentdeckung der Qualitäten, um zur Mitte zurück zu finden. Hans Sedelmayer schrieb einst das Buch: „Der Verlust der Mitte“ – auch heute noch sehr lesenswert.
    Wolfgang Achtner

  2. Top, herzlichen Dank! Seit über 2 Dekaden bin ich auf der Reise zur Mitte und je mehr ich langsam ankomme und der Menschheit vom Kleinen bis ins Grosse zugucke, umso unverständlicher und befremdlicher kommt mir vor, was ich sehe. Langsam kristallisiert sich für mich ein Wort heraus: absurd…

    Ich denke, Polarisation liegt heute nicht stärker in der Luft als früher, nur haben wir heute die technischen Möglichkeiten, es über die Spitze zu treiben – wie Du schon schreibst.

    Es ist also kein Zeitgeist, sondern unser biologisches Erbe, das uns vor sich her treibt. Selbst die Schweiz – Synonym für Kompromisse – wird inzwischen von „irrationaler Existenzangst“ einerseits und dem „Mut zur Wahrheit“ andererseits zerrieben.

    Interessant finde ich auch, dass ich mich mit meinen Massstäben der Kostenwahrheit und Nachhaltigkeit und als Anhänger des Verursacherprinzips immer in der vernünftigen Mitte fühle, aber trotzdem am Rand stehe. Bestimmt fühlt sich auch Berlusconi in der vernünftigen Mitte!

    Aber es ist weitaus bequemer, mit der Natur zu arbeiten als gegen sie zu kämpfen; sie wird vorläufig immer gewinnen – aber sag das mal dem Testosteron.

  3. interessante Empathie-Studie:

    Hier empirisches zu Dehumanisierungseffekten in der Gesundheitsindustrie, sicher wäre analoges über Managementberufe wünschenswert.

  4. Studie zu „Insider-Dummheit“:

    Wie „Insider“ oft am wenigsten Ahnung haben, beschreibt diese Studie: „These results are puzzling and troubling. Perception (as opposed to knowledge) of issues such as … appears to have more to do with “self-interest and a potential blindness to issues outside of one’s own experience” than with the content of the legislation. This would explain why those respondents who were “non-citizens” or “registered elsewhere” (probably recent arrivals) were more likely to give the correct answer than voters who are registered where they live.“ Ermutigend für kommentierende Outsider,…

  5. Ein wenig verallgemeinert, aber allgemein doch wahr.
    Auch wenn es immernoch viele Menschen und Firmen gibt, welche die „Mitte“ repräsentieren kann man doch sagen, dass die Zahl derjenigen, welche den Dratseilakt riskieren stetig steigt.
    Allerdings sind gerade einige der größeren Firmen schon länger bei diesem Drahtseilakt, wie die Atomkraftwerke zeigen.
    Zum einen liegt das an den von dir genannten technischen Möglichkeiten, aber teilweise, gerade bei Firmen, an der Gewöhnung an zu viel Macht…
    Womöglich spielt auch abstumpfung durch die Medien eine gewisse Rolle…

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