Fertigexperten gesucht! Neuausbildung nicht möglich!

Die Globalisierung verführt zu der Idee, Routinearbeit nach „Indien“ auszulagern, eigentlich egal wohin – sie muss nur billig erledigt werden können. Viele IT-Firmen geben nun die reine Entwicklung von Software in Billiglohnländer und beraten die Kunden vor Ort mit besonders qualifizierten Beratern. Die Fachexpertise und der Kundenkontakt müssen ja unbedingt hierzulande vorgehalten werden. Oder: In den Bankfilialen arbeiten mehr und mehr lohngedumpte Zeitarbeitskräfte, die die kleinen Wünsche der Laufkundschaft abdecken. Sie stellen nur noch – wie auch die Call-Center – das Problem des Kunden fest (das braucht wenig Ausbildung) und „verbinden ihn bei Problemen weiter“. Sie schicken ihn dann zum Beispiel zum Immobilienberater oder zum Kreditberater für komplexe Fälle.

Es gibt also – ganz schwarz-weiß auf den Punkt gebracht – in solchen Fällen keine „Mittelschicht“ mehr, nur noch Routine und Hochexpertise. Diese Argumentation kennen Sie ja von mir, dieser stete Hinweis, dass bei der Arbeit (!) das Mittlere abnimmt. Ich will jetzt aber die neu aufkommende Schwierigkeit beleuchten: Wenn das Mittlere verschwindet, gibt es keine Ausbildung der klassischen Form mehr.
Wir kennen die Reihenfolge Azubi, Geselle, Meister. Nun ist es aber in der IT oder in der Bank so, dass es im Extrem nur Angelernte („Indien“ oder „Call-Center-Verbinden“) und Meister gibt – ja, und eben keine Ausbildungsbrücke dazwischen.
Wie wird eine Zeitarbeitskraft, die am Bankschalter nur noch freundlich Routinerat geben soll, zur Kredit-, Firmenfinanzierungs- oder Immobilienkoryphäe? Wie wird ein deutscher IT-Mitarbeiter zum Superberater, der beim Kunden Eindruck macht, der aber noch nie eine Zeile Software geschrieben hat, weil das ja in Indien geschieht?
Irgendwie hat dafür noch niemand einen Plan, weil diese Tendenz der Arbeitsspaltung noch nicht so lange bei uns herrscht. Wir stören uns ja immer schon an „Führungskräften“, die gerade mit einem Doktor in BWL von der Uni kommen und sofort in den oberen Etagen arbeiten, ohne je einen Arbeiter gesehen zu haben. Sie sollen gleich führen! Nichts mehr vom alten „von der Pike auf Lernen“, wie es bei den Soldaten immer üblich ist (die Infanterie hatte früher im einfachsten Fall Spieße als Waffe, man wurde Spießgeselle mit seiner „Pike“).

Wir brauchen also dringend Superexperten und Meister ihres Faches, aber wir haben keine Gesellenstufe mehr. Hilfe, was tun wir? Bilden wir aus? Wie? Aber das kostet doch viel von dem Geld, was wir durch „Indien“ und Zeitarbeiter eingesackt haben! Sollen wir das wieder hergeben? Nein, oder? Meister bekommt man ja auch nicht durch reine Ausbildung. Im normalen früheren Leben arbeiteten doch alle erstmal als Lehrlinge los, dann wurden sie Gesellen und erst dann stellt sich langsam heraus, wer das Zeug zum Meister hat. Ob zum Beispiel jemand Professor werden kann, sieht man meistens erst bei seiner Promotion – nicht wirklich früher. Man muss also sehr viel mehr Leute zur Ausbildung schicken als man am Ende Meister braucht… Wie viele? Was kostet das?

Hmmh, ich kann hier keine fertige Lösung anbieten, nur vielleicht auf die Uni verweisen, die sehr viele Studenten ausbilden muss, um als Ertrag einen Professor zu erzeugen. Ich will hier nur das Problem aufwerfen. Und es ist irre groß. Uns gehen die Meister aus, sage ich Ihnen. Und wenn man das nicht ernst nimmt, werden schleichend erst Zweitklassige und dann Drittklassige „Meister“ genannt. Und zum Schluss wird Meisterschaft gar nicht mehr gekannt.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ach was, ist doch zumindest in der IT ganz einfach: Frisch von der Uni in Marketing oder Vertrieb aufgeschlagen, versprechen die in der Praxis völlig unerprobten Schnösel den Kunden das Blaue vom Himmel. Die können zwar XML nicht von ABAP unterscheiden, sind aber quasi Experten qua Dekret. Programmierer und Netzwerktruppe müssen dann zusehen, wie sie die durchgeknallten Versprechungen gestemmt kriegen. Und wenn es nicht gelingt, wird für den Kunden eben der Preis gesenkt und eine lächerliche Pauschale für alle Change Requests und Incidents der nächsten 10 Jahre in den Vertrag geschrieben. Egal, wieviel Zeit sie beanspruchen.

    Wir haben übrigens Kunden, die nach zwei, drei Jahren Code aus Indien mit Vertragskündigung gedroht haben, wenn ihre direkten Ansprechpartner nicht wieder in Deutschland sitzen und zu in Deutschland üblichen Zeiten erreichbar sind. Die hatten die Nase voll davon, den Indern alles erst tausendmal haarklein erklären und korrigieren zu müssen und obendrein dauernd Verzögerungen wegen der Zeitverschiebung in Kauf zu nehmen — nur damit am Ende dann doch einer der wenigen verbliebenen deutschen Experten die gewünschten Anpassungen erledigte. Daraufhin flogen die indischen Mitarbeiter aus unserer Abteilung raus. Und unsere Azubis wurden dieses Jahr alle übernommen. Überraschung! ^^

  2. Softwareengineering nach detaillierten kundenspezifischen Spezifikationen nach Indien auslagern führt fast zwangsläufig zu unbefriedigenden Lösungen – ausser ein paar mit der Materie Vertraute arbeiten in Indien mit der Softwarefirma zusammen. Das wäre heutzutage ein möglicher Ausbildungsweg für einen zukünftigen Chef: sich die Sporen in Indien abverdienen.

  3. Haben Sie sich schon mal überlegt, warum keine ‚Routine-Arbeiten‘ nach Afrika ausgelagert werden?

    Gibt es da womöglich Intelligenz-Unterschiede??

  4. Uns gehen die Meister aus, sage ich Ihnen. Und wenn man das nicht ernst nimmt, werden schleichend erst Zweitklassige und dann Drittklassige „Meister“ genannt. Und zum Schluss wird Meisterschaft gar nicht mehr gekannt.

    Nicht in-korrekt angemerkt, das Web ändert und kann nicht zeitnah gelernt werden. [1]
    Das Fachgebiet bleibt, ist nun aber, oh Graus, auch im Web zu kommunizieren, die dbzgl. Hilfskräfte, die verstehen, bleiben per se rar gesät.

    @ Ute Gerhardt und hierzu :

    Die hatten die Nase voll davon, den Indern alles erst tausendmal haarklein erklären und korrigieren zu müssen und obendrein dauernd Verzögerungen wegen der Zeitverschiebung in Kauf zu nehmen — nur damit am Ende dann doch einer der wenigen verbliebenen deutschen Experten die gewünschten Anpassungen erledigte.

    ‚Verzögerungen wegen der Zeitverschiebung‘ müsste ein Gag an sich sein, Opi Webbaer hatte ebenfalls i.p. Software-Engineering mit, hmm, Hilfskräften im asiatischen Raum zu tun, die waren allerdings OK.

    Was oft nicht OK ist, ist die Anforderungslage und deren Kommunikation hier sozusagen.

    Dies, wie so oft nur, am Rande angemerkt.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Ist ja auch eine sozusagen böse Herausforderung.

    • Was Ihnen nicht klar ist: Wenn in unserem Team was schief läuft und nicht umgehend korrigiert wird, kann es passieren, dass bei Porsche, VW & Co. die Bänder stillstehen, weil kein Nachschub kommt. Da kommt es auf jede Minute an. Was das kostet, könnte ich Ihnen erklären. Habe ich aber wenig Lust zu.

  5. Mir gefällt der Art6ikel sehr gut und trifft die Situation auf den Punkt. Ausbilden kostet Geld, und damit die sich bildenden Leben können, müssen sie auch bezahlt werden. Die daraus resultierende Rendite wird langfristig deutlich höher sein als die kurzfristige Rendite resultierend aus einer Spreizung des Lohngefüges und streichen des Mittelbaus.

    Abgesehen davon, wenn es keinen Mittelbau mehr gibt, wer soll all die Produkte und Dienstleistungen kaufen, in Anspruch nehmen und dafür zahlen, wenn die breite Masse dafür kein Geld und keine Zeit mehr hat (wegen Zweit-, Dritt-Job) oder ständiger Qualifizierungsmaßnahmen?

  6. Naja das ist eben die logische Konsequenz wenn wir auf der einen Seite in immer neue Tech-Welten vorstoßen und diese durch junge, kreative Startups und die Wunder der Automatisierung auch noch oft kostengünstig bekommen, auf der anderen Seite aber die Risiken die daraus resultieren viel zu komplex sind um sie noch gut überblicken zu können. Verzeihen Sie den komplexen Satz. Kurz: Alles muss schnell simpel und günstig sein. Das resultat ist, dass die entstehenden Systeme anfällig und unüberschaubar sind.
    Man sieht ja auch, dass viele Firmen ihre eigene Systemlandschaft kaum noch überblicken und für Konsolidierung und Migration oft auf externe Experten/Berater vertrauen müssen.
    Und es ist wahr, dass es da kaum noch Raum gibt in dem sich zukünftige Fachkräfte entwickeln können wenn nur noch Bedarf nach hocherfahrenen und spezialisierten Experten besteht…

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