Anti-Cops stürmen Professorenwohnungen

Viele Wissenschaft ist nicht gerade Science Fiction, aber es scheint in der Szene den Begriff des Remasterings zu geben. Habe ich selber noch nie gehört! Es geht wohl darum, dass man aus verschiedenen Master- oder Magisterarbeiten ein Buch oder eine größere Publikation herstellt, die dann der Professor ganz unter eigenem Namen publiziert. Das hat jetzt endlich die Anti-Copy-Polizei auf den Plan gerufen.

Man war schon immer darum bemüht, Betrügern auf die Schliche zu kommen, die ihre Abschlussexamensarbeiten einfach irgendwo abschrieben. Das konnte man früher nicht wirklich verhindern, weil man praktisch Professor sein muss, um das zu merken. So hohe Gehälter zahlt die Polizei ja nicht. Aber heute kann jeder Googeln! Immer mehr Betrüger werden entlarvt, auch Adlige und Politikerkinder werden nicht mehr so streng geschont wie früher. Doktorarbeiten müssen laut Prüfungsordnung publiziert werden! Deshalb stehen sie bald frei im Internet. Die Polizei kann jetzt einfach Prämien für Googler ausschrieben. Pro aberkanntem Doktor gibt es bestimmt bald 100 Euro – da können sich Schüler ein leichtes Zubrot verdienen. Bald kommt alles heraus!

Wir können das Abschreiben damit in einer Linie mit dem Doping und dem Vergewaltigen sehen. Durch Google, Forschung im Doping und neuerdings mögliche DNA-Tests kommt alles heraus, was früher straffrei bleiben musste! Immer mehr Vergehen können viel später dank technischer Segnungen entdeckt werden. „Gott sieht alles!“, sagten meine Eltern immer – das wird jetzt irgendwie aktuell.

Neulich klagte ein junger Wissenschaftler, der sich um ein Forschungsstipendium bewarb, dass man ihn aufgefordert hatte, nur solche Publikationen in seiner Bewerbung zu nennen, die ausschließlich unter seinem eigenen Namen erschienen wären. „Das hat doch keiner! Der eigene Professor schreibt doch immer seinen Namen dazu, damit er mehr Publikationen hat! Und ich muss einwilligen! Er hat schließlich die Macht!“ Es gibt auch andere Fälle. Ich habe zum Beispiel bei einem echten Spitzenforscher (Rudolf Ahlswede) gearbeitet – bei dem wären wir froh gewesen, wenn sein Name auf unserem Paper draufgestanden hätte. Damals kamen ausländische Gastwissenschaftler mit fertig geschriebenen Arbeiten angereist und baten gleich am ersten Tag, dass der große Meister seinen Namen als Mitautor hergeben möge, um die Arbeit zu adeln. Oh, ich weiß noch, wie verhasst es ihm immer war, glatt NEIN zu sagen!

Na, diese Art Wissensgesellschaft kennen Sie wahrscheinlich. Haben Sie aber einmal nachgedacht, dass die Examensarbeiten für Diplom, Magister, Bachelor oder Master eben NICHT öffentlich in den Bibliotheken stehen? So wie auch die Abiturarbeiten nicht? Da könnte doch ein Wissenschaftler ganze Bücher aus den Arbeiten zusammenheften. Er plant einfach den Inhalt eines Buches mit zehn Kapiteln, vergibt zehn Abschlussarbeiten und fertig! Dann schreibt er einen meist vollkommen unbeachteten öden Angangssatz in sein Buch hinein. Er lautet: „Ohne die wertvolle Diskussion mit [eine halbe nervtötende Seite Namen] wäre dieses Buch nie möglich gewesen oder zustande gekommen.“ Tja, wäre es auch nicht. Diese Arbeit Ethikbeugung kann man eben nicht durch Googlen herausbekommen, eben weil die Abschlussarbeiten unter Verschluss stehen.

Es steht also zu befürchten, dass es nicht nur primäres Kopieren gibt, sondern auch Sekundärliteratur. Solche Sekundärliteratur zitiert Stellen aus berühmten Primärbüchern und kommentiert sie durch Einfügen von Stellen aus Examensarbeiten. Wie kann man diesem Treiben auf die Schliche kommen, ohne die weggestellten Examensarbeiten lesen zu dürfen? Warum melden sich die ausgebeuteten Examenskandidaten genauso wenig wie Opfer von Taten, die durch DNA-Analysen aufgedeckt werden könnten?

Die Staatsanwaltschaft schickt jetzt eine Anti-Copy-Truppe in die Professorenwohnungen, habe ich gehört. Es ist kaum zu glauben! Die Polizei ahmt das Vorbild der unangekündigten Doping-Kontrollen im Sport nach und befragt die zu Hause angetroffenen Forscher völlig überraschend, was in den Büchern steht, die sie veröffentlich haben. Viele Wissenschaftler reagierten völlig verdattert, als sie etwas zum Inhalt ihrer eigenen Sekundärliteratur sagen sollten. Manche riefen sofort kläglich nach ihren Assistenten. Polizisten berichten von hochnotpeinlichen Szenen. Die ersten Boulevard-Zeitungen kümmern sich um das Einsammeln von Examensarbeiten über die einstigen Studenten. Die Front der Wissenschaftler hält heute noch. Es ist natürlich klar, dass es sich nur um einzelne schwarze Schafe der Zunft handeln kann. „Diese gibt es vereinzelt in der Wissenschaft wie auch im Radsport!“ Wir dürfen auf den Augenblick gespannt sein, wenn die Staatsanwaltschaften ihr Schweigen brechen. Noch brüten sie über den ersten Daten wie über einer Steuersünder-CD.

Ich schreibe gerade an einem Buch in der Sonne. Ich kann mit Funkstick überall arbeiten, wo es Google gibt. Vorhin klingelte es. Ich hatte aber nichts bei Amazon bestellt! Ich zuckte zusammen. Ist es die Anti-Copy-Polizei? Ich stellte mir vor, sie warteten draußen mit einem Ausweis. „Wir sind die neuen Anti-Cops. Hier, unsere Dienstmedaille. Bitte schildern Sie schnell den Inhalt Ihres ersten Buches Wild Duck.“ Auwei, kann ich das? Ich glaube, ich lasse mir Zusammenfassungen auf Zettel schreiben, die spreche ich auf mein Handy. Dann antworte ich nur mit einem Knopf im Ohr.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. AllesinAllem ….

    ist es schwierig Texte von GD zu kommentieren, weil er a) vom Hölzken auf’s Stöcksken kommt (wie man bei uns sagt), will sagen: sehr viele Themen und Aspekte auf einmal anspricht – er setzt quasi Herrn zu Guttenberg zu Herrn Armstrong auf’s Rad und b) man sich nie ganz sicher sein kann, was nun Ernst ist und was nicht – ein trotz Erfindung der Emoticons grundlegender Nachteil der kurzen, schnellen Kommunikation (z.B. im Web).
    Ich versuch’s mal: Es muss alles geben (können), das einsame Genie im Oberstübchen des Elfenbeinturms, dem nach Heureka-Manier die Eingebungen kommen. Der hat natürlich kein Remastering-Problem. Und den Chef eines großen Institutes, der natürlich nicht mehr selbst forscht sondern forschen lässt. Und da halte ich es für legitim, dass sein Name auf allen Papers steht. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst in einem solchen Institut gebremst habe (seinerzeit 70 Assistenten bei einem Prof; und jeder hat den geachtet, wenn nicht geliebt) Der war im besten Sinne Spiritus Rector und hat die Forschung mit seinen Ideen und Anregungen vorangetrieben. Leitlinien vorgeben, Forschung koordinieren, Gallionsfigur und Aushängeschild sein, seinen Kopf und guten Namen als Marke für das Wohl des Institutes etablieren – was kann daran falsch sein?

    Dass da im Hintergrund zahllose Diplomarbeiten geschrieben wurden (so hießen die früher), ist doch jedem klar, oder? What’s the problem? Daraus setzen sich auch im übrigen die meisten Dissertationen der Ingenieurwissenschaften zusammen. Gut, das ist keine wirkliche Wissenschaft, sagen manche (Mathematiker:). Aber ich bin sicher, dass auch viele Nobelpreisträger nicht selbst die Reagenzgläser geschwenkt haben – so what?

    Nein, ich verstehe die Aufregung nicht ganz. Und ich finde sie auch nicht aufrichtig. Frage: gibt es neben Prominenten-bashing (Guttenberg, Koch-Mehrin) auch websites mit Listen von plagiats-überführten Dissertationen von no-names? Ich kenne keine. Was soll also das Lamento?

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemand dafür interessiert, wenn irgendein unbekannter Autor des unzureichenden Zitierens überführt wird. Aber ich habe mir schon viele Sachen nicht vorstellen können.

    Oder können wir darauf schließen, dass Cheating Volkssport wird/geworden ist? Ist das die Brücke zum Doping, die mir oben noch zu wacklig erschien? Bescheißt hier jeder so gut er kann und solange bis er auffliegt?

    Ich meine, man muss die Fälle differenzieren. Und zwar nach dem Kriterium „wer hat einen Vorteil, wer hat einen Nachteil/Schaden“? Dabei erscheint mir das Thema Vergewaltigung als „etwas over the top“. Anders formuliert: hier ist die Sachlage für mich klar – alle Fälle sind zu untersuchen und aufzuklären! Doping? Schon schwieriger. Mehrere Perspektiven: Akteur/Sportler, Zuschauer/Konsument, Vermarkter. Der Sportler muss sich schon auf den Pfad der Tugend zwingen. Wenn er ein naürlicher Mensch ist, ist die Gefahr durchaus da, dass er sich nicht damit zufrieden gibt, nur zweiter zu sein. Als (natürlicher) Zuschauer finde ich Doping schlecht, wenn es der Gegner meines Favoriten einsetzt – voll unfair! Als (richtiger) Zuschauer bin ich generell gegen alles Verletzen von Regeln. Als Vermarkter betrachte ich das Thema Doping als normalen business case. Das Risiko, dass der vermarktete Sportler/Event verseucht ist, muss ich einkalkulieren (vielleicht vertraglich absichern?)

    Und GD muss sich keine Sorgen machen. Seine Schreibe hält er schon recht lange konsistent durch – unverwechselbar! Wenn da ein Ghost im Hintergrund schreibt, sollte er gut bezahlt werden oder in den Vordergrund geschoben. Dann wäre ich allerdings genauso enttäuscht wie wenn mein ungedopter Liebling gegen einen Gedopten verliert.

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