Wie Neuseeland das große Artensterben plant


Ich bin ein großer Naturfreund, was ich glücklicherweise mit dem Mann gemeinsam habe. Der Mann und ich erfreuen uns an der Nichtexistenz eines motorisierten Fortbewegungsmittels in unserem Leben, Mülltrennung, Bionahrungsmitteln und was sonst noch so alles üblicherweise zu moralischer Überlegenheit beiträgt. Er treibt es dabei aber noch eine Stufe weiter, indem er sich in seinem ersten Leben der Ökologie verschrieben hatte. So einer der hinter Hummeln her läuft um deren Bewegungsmuster zu untersuchen. Er hat auch versucht mir diese ehrenwerte wissenschaftliche Disziplin näher zu bringen. Für mich, als Labormenschen, klang das verdächtig nach „Sachen zählen“, Tiere, Pflanzen, Insekten und dergleichen. So wie man Laborarbeit unter dem Oberbegriff „Sachen pipettieren“ zusammen fassen kann. Das mit dem Zählen hat sich bei uns als running gag gehalten (wobei, zugegeben, meistens nur ich darüber lache), aber den Wert der Ökologie darf der Mann mir doch immer wieder gerne erläutern. Seine Faszination daran erklärt sich sicherlich mit der neuseeländischen Kindheit.

Wie kein anderes Land betreibt Neuseeland Artenschutz und geht dabei wenig zimperlich bei der Ausrottung invasiver Arten vor. Hierzulande wird aus Gründen des Artenschutzes der Bau von Brücken gestoppt, Kröten bekommen Tunnel und Baumstümpfe werden umgesetzt. In Neuseeland schießt und haut man alle eingeschleppten Arten einfach tot, alternativ wird auch gerne großflächig Pestizid ausgebracht. Die Liste an in Neuseeland eingeschleppten Arten ist lang. Das Absurde dabei ist, dass sich die ersten europäischen Siedler große Gedanken darüber gemacht haben, wie man möglichst viel England in die neue Welt holen konnte. Was folgte, war eine gezielte und planmäßige „importation of those animals and birds, not native to New Zealand” damit sie “contribute to the pleasure and profit of the inhabitants” und helfen würden “associations with the Old Country“ zu behalten, wie es in einer Deklaration des Kolonialparlaments in 1861 verlautet wurde. Quasi die Erschaffung eines Little Britain. Das schließt übrigens auch die heute so üppigen Graslandschaften mit ein. Die heute für Neuseeland so typischen, Schafe konnten nämlich das einheimische Gras nicht fressen. Das ist zu hart und wächst in großen Büscheln und sieht außerdem sehr schön aus.

Credit: Andy king50 via commons.wikimedia.com. Tussock Grass NZ. CC BY-SA 3.0 Typisches neuseeländisches Tussock-Gras.

Aber die Schafe sind eigentlich gar nicht das große Problem. Das ist nämlich sehr viel kleiner. Dazu möchte ich kurz nochmal ausholen. Die einzigen einheimischen Säugetiere sind zwei kleine Fledermäuse. Ansonsten überwiegen hier Vögel allerlei Größe und Form. Kiwis kennt eigentlich jeder. Kakapo, Takahe, Kaka, Weka und Tui klingen nicht nur lustig, sondern sehen meistens auch so aus. Bis auf den Kakapo habe ich sogar alle live gesehen. Viele dieser Vögel sind flugunfähig, was durch den Mangel an gefährlichen Feinden auf dem friedlichen Archipel auch nicht nötig war. Dann kam der Mensch und mit ihm nach und nach allerlei kleine Säugetiere mit spitzen Zähnen und großem Hunger. Erst waren es die Kaninchen. Bereits 1876 hatten diese die Insel dermaßen überbevölkert, dass beschlossen wurde, Wiesel und Frettchen auszusetzen um die Hasen wieder loszuwerden. Die Kaninchen sind immer noch da und die Raubtiere zum großen Leid der einheimischen Vogelwelt auch. Innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten dezimierten Wiesel, Frettchen, Opossums und Ratten den Vogelbestand dramatisch. Im Fall der Kakapos so dramatisch, dass in den 1980ern alle Tiere, deren man habhaft werden konnte, auf raubtierfreie Inseln umgesiedelt wurden. Mittlerweile gibt es knapp über 100 Kakapos und jedes neu geschlüpfte Tier wird gefeiert. Der Kakapo Sirocco reist sogar als Botschafter für Artenschutz durch die Welt, mit eigenem Team, Facebook-Seite und Youtube-Beiträgen!

Credit: Mike Bodie for DOC via commons.wikimedia.com. Sirocco full length portrait. CC BY 2.0. Sirocco der Kakapo, Botschafter für den Artenschutz.

Auch wenn Neuseeland ein großes Archipel ist, und nicht nur aus den beiden Hauptinseln besteht, ist es trotzdem auf Dauer keine Lösung alle bedrohten Vögel auf Inseln zu verfrachten. Irgendwie muss man die Raubtiere wieder loswerden. Die europäische Methode wäre es wohl die Plagegeister zu fangen und umzusiedeln oder dergleichen. Kiwis (also die Menschen), sind da deutlich pragmatischer. Deren Ziel ist es, bis 2050 sämtliche Schädlinge zu beseitigen, und zwar endgültig. Bisher konnten weltweit 1000 Inseln vollständig von invasiven Arten befreit werden, 200 davon von Neuseelandern. Die größte dieser Inseln ist, mit 128 Quadratkilometern, die australische Macquarie Island. Die beiden neuseeländischen Hauptinseln mit jeweils etwa 113.000 und 150.000 Quadratkilometern sind da schon eine andere Nummer. Wenn man in Neuseeland wandern geht, stößt man häufig auf die Schilder unten. Das Gift 1080 ist dort besonders weit verbreitet.

Credit: Greg O’Beirne via commons.wikimedia.org, 1080PoisonWarning. CC BY-SA 2.5. Neuseeländisches Warnschild zur Verbreitung von 1080 Gift.

Der Hauptbestandteil von 1080 ist das hochgiftige Natriumfluoracetat. Es unterbricht den Citratcyklus, wodurch es besonders in Organen mit erhöhtem Energiebedarf zu Gewebeschäden kommt, also insbesondere im Gehirn, Herz, Lunge. Kein schöner Tod. In Neuseeland wird das Zeug allerdings in enormen Mengen per Hubschrauber ausgebracht um in kurzer Zeit ganze Landstriche von invasiven Nagetieren zu befreien. Da durch das Gift aber auch andere einheimische Arten, wie der Kea oder eben auch der Mensch betroffen sein können, gibt es zunehmend Bestrebungen neuartige Pestizide zu entwickeln. Ganz vorne mit dabei sind ausgefeilte Köder und Fallen. Besonderes Interesse liegt dabei auf der „Humanität“ dieser, letztendlich, Tötungsmethoden. Ich finde das etwas merkwürdig, da 1080 ja auch nicht unbedingt für ein sanftes Ableben sorgt. Humane Schädlingsbekämpfung kann dann so aussehen wie die Fallen der neuseeländischen Firma Goodnature: das zu bekämpfende Viech steckt seinen Kopf in die Falle, beißt den Köder und bekommt eine Ladung CO2 ins Gehirn gepustet. Das nunmehr tote Viech fällt vom Baum und die Falle ist wieder frei. Und das ganz ohne Gift. Wie gesagt, ein sehr praktisches Volk.

Die neuesten Überlegungen gehen wieder ein eine ganz andere Richtung. Durch Genome Editing via CRISPR/Cas9 sollen genetisch veränderte Tiere gezüchtet werden, die einen Letalfaktor tragen. Diese Elterngeneration wäre dann unfruchtbar. Über Gene Drive kann man dann dafür sorgen, dass diese genomischen Abschnitte an möglichst alle Nachkommen (und nicht nur die Hälfte) weitergegeben werden. Das funktioniert so: Arten, die sich sexuell vermehren, besitzen jeweils zwei Kopien ihrer genetischen Information. Diese beiden sogenannten Allele können gleich oder verschieden sein. Es sind jeweils immer zwei Kopien vorhanden. Bei der Reproduktion wird dann nur eine Kopie an die Nachkommen weitergegeben, eine Kopie von jedem Elternteil. Es gibt aber auch Allele, die sich während der Evolution derart entwickelt haben, dass sie eine größere Chance als 50% haben, bei der Reproduktion weitergegeben zu werden. Diese Eigenschaft, also den Drive, kann man z.B. über CRISPR/Cas9 auf synthetische Gene übertragen, so dass diese sich schneller in einer Population verbreiten können, obwohl sie eigentlich einen negativen Einfluss haben. Bekannt ist diese Methode spätestens seit sie für die Ausrottung von Malaria-übertragenden Moskitos zur Verfügung steht. Durchsetzt man eine bestehenden Population mit 1% dieser Tiere, sollen innerhalb von 10 Generationen sämtliche Nachkommen unfruchtbar sein. Da es ja keine Interspezies-Weitergabe des Letalfaktors gibt, sollte das auch sicher sein und nicht auch andere Spezies treffen. Durch massive Inzucht könnten die Tiere der Ausrottung allerdings entgehen. Ob, bzw. in welchem Umfang, das stattfinden würde, ist allerdings nicht abzuschätzen. Es gibt aber noch eine andere Methode, die gerade in Neuseeland erforscht wird. Diese Methode nennt sich die Trojan Female Technique. Dabei wird ausgenutzt, dass unsere Mitochondrien ein eigenes Minigenom besitzen, Mitochondrien aber immer nur von der mütterlichen Seite vererbt werden. Mutationen im Mitochondriengenom haben einen großen Einfluss auf die Beweglichkeit von Spermien. Da die Mutationen nur von den trojanischen Weibchen weitergegeben werden, kann so die natürliche Selektion übergangen werden. Die weiblichen Nachkommen können sich normal vermehren und so die Mutationen weitergeben, während die männlichen Nachkommen steril wären. Ich wünsche den Neuseeländern bei ihren Ausrottungsbemühungen jedenfalls viel Erfolg! In diesem Sinne: einen glücklichen Valentinstag allerseits! 

Claudia Davenport hat in Potsdam und Hannover Biochemie studiert und promoviert mittlerweile über Insulin-produziernende Surrogatzellen aus embryonalen Stammzellen zur Behandlung des Diabetes Typ 1. Wenn sie gerade mal nicht im Labor am Durchbruch arbeitet, der die Welt verändern wird, ist sie gerne im Grünen, radelt durch die Gegend oder geht Kaffee trinken.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn solche gentechnischen Methoden eingesetzt werden, kann man natürlich nur hoffen, dass diese Tiere oder deren Nachkommen nicht auf irgend einem Weg Neuseeland verlassen und die Populationen in anderen Teilen der Welt auch ausgerottet werden.
    Der Kaka zum Beispiel wird durch die erst in den 1980er Jahren eingeschleppte Gemeine Wespe bedrängt, diese bildet in Neuseeland gewaltig große Nester mit 100 000 Individuen und frisst den Honigtau mit dem eigentlich der Kaka seine Küken ernährt. Aber auch für die Insektenwelt sind die Wespen ein Problem, da sie ihren Eiweißbedarf auch durch Insektenjagd decken. Man kann gespannt sein, wie die Neuseeländer dieses Problem lösen wollen.

    • Wenn einzelne Tiere auf andere Inseln ueberwandern, wuerde das extrem lange dauern. Wenn es ueberhaupt ein Problem werden wuerde. Neuseeland ist geografisch ausserdem stark isoliert. Viele Inseln des Archipels sind ohnehin bereits nagerfrei. Ein Problem ist das natuerlich dennoch, weshalb es ja auch nur eine Idee ist und kein Plan.
      Die grossen Insekten Weta werden durch die von Ihnen angesprochenen Wespen ja auch stark bedroht. In einem anderen Kommentar wird erwaehnt, dass man Drohnen fuer die Wespenjagd einsetzen koennte. Auch eine ziemlich verrueckte Idee.

  2. Artenschützer wie sie von T.C.Boyle im Buch When the Killing’s Done beschrieben werden, könnten tatsächlich die ersten sein, welche einen „Gene Drive“ einsetzen, der eine invasive Art auslöscht. Denn diese besitzen den heiligen Furor, den es braucht um eine umstrittene Methode wie den Gene Drive durchzusetzen.
    Selber hätte ich eher erwartet, dass zuerst eine der Malaria übertragenden Mücken dran glauben muss. Doch Malaria tötet ja nur Menschen und nicht etwa schützenswerte Arten. Es gibt also weniger zu allem bereiten Anopheles Feinde als es engagierte Feinde von invasiven Arten gibt.

    • Ich habe in letzter Zeit viel von TC Boyle gelesen. Aber das von Ihnen genannte Buch kenne ich noch nicht. Ich werde es mir morgen gleich mal besorgen. Ich wuerde mein Geld auch eher auf die Muecke setzen, da scheint mir das Gesamtinteresse doch deutlich hoeher sein. Die im Artikel angesprochenen Ideen werden wohl genau das bleiben (Hoffentlich, sowas kann nur nach hinten los gehen. Gerade die Neuseelaender sollten das wissen!).

  3. Ich vermute, dass man zumindest grössere Tiere aus invasiven Arten vollständig eliminieren kann, wie durch Bejagen ja in Australien und auf Neuseeland viele Arten komplett ausgestorben sind (wobei man fairerweise sagen muss, dass bereits die Maori eine ‚invasive Art‘ waren und ganze Arten ausgerottet haben, wie wir Menschen (‚Out of Afrika-Hypothese‘) auch in weiten Teilen der Welt eine invasive Spezies sind. Ich bezweifle aber, dass das bei invasiven Pflanzenarten wirklich flächendeckend gelingt bzw. den Aufwand lohnt, denn wenn diese langlebige Samen oder Sporen haben oder weiträumigen Pollenflug, so dürfte es kaum möglich sein, ohne noch grössere Schäden anzurichten, etwa durch die erwähnten Herbizide, die ja niemals nur artspezifisch wirken, aller Pflanzen UND Samen Herr zu werden. Ein weiteres Problem wird sich Neuseeland aber durch den Vormarsch der Gentechnik http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=417965 einfangen oder eingefangen haben, nehme ich an. Diese neigen nämlich auch dazu, dass deren künstlich verpflanzten Gene die Eigenschaft haben, teilweise artübergreifend zu wandern, d.h. selbst, wenn man sie erfolgreich regional „einsperrte“ wäre man noch lange nicht sicher, dass man deren von anderen Arten und anderen Kontinenten stammenden GENE aus der einheimischen Pflanzenwelt auf Dauer würde fernhalten können. Neuseelands Fauna, ja weltweit, wird daher nach dem Auspflanzen von GMO-Pflanzen nie mehr sein wie zuvor, ob das nun schlecht sein mag oder sich unbemerkbar festsetzt, soll dabei dahingestellt bleiben.

    • Die Maori haben ja auch die ersten Ratten nach Neuseeland eingeschleppt. Pflanzen auszurotten halte ich auch wesentlich komplizierter, wobei deren negativer Einfluss ja weltweit mindestens so verheerend ist, wie der eingeschleppter Tiere und Insekten. Dabei darf man aber bitte nicht vergessen, dass Pflanzengenetik nicht auf Genetik in Tieren zu uebertragen ist. Da `springen` keine Gene, da Interspezies-Paarungen meines Wissens nach entweder nicht stattfinden oder unfertil bleiben.

  4. Das ist ja mal Intelligent Design in der Praxis: Der Mensch kämpft mit der großen Keule gegen die Evolution. 🙂

    Bestimmte Tiere & Pflanzen vernichten, um bestimmte Tiere & Pflanzen zu schützen, weil zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmter Naturzustand vorherrschte. Einfach nur irre.

    • @Tim;
      Das haben Sie wohl falsch verstanden. Der Begriff „invasive Art“ suggeriert, dass eine Art in einen anderen Lebensraum eindringt, in Wirklichkeit geht es aber um Arten, die von Menschen in fremde Lebensräume verschleppt werden. Mit Evolution hat das also nichts zu tun, vielmehr ist es aus Sicht der heimischen Arten eine Revolution, meistens zu ihrem Nachteil und mit der Gefahr der Ausrottung, ohne Möglichkeit der Gegenwehr oder Anpassung.

  5. Der Wikipedia-Eintrag Invasive species in New Zealand listet mehr als 30 invasive Tiere und mehr als 50 invasive Pflanzen. Es gibt die Behörde „Biosecurity New Zealand“ und Gesetze zu den tierischen Invasoren aus den Jahren 1953 und 1956, sowie den Beschluss von 2016 alle räuberischen Invasoren (vor allem Ratten, Opposums, Wiesel, Frettchen) bis 2050 auszurotten. Nach der Studie Predator-Free New Zealand: Conservation Country könnte dieses Ausrottungsvorhaben über die nächsten 50 Jahre bis zu 5 Milliarden US-Dollar kosten, was aber immer noch weniger wäre als Ratten, Opposums, Wiesel und Frettchen in der gleichen Zeitperiode an Schaden anrichten („Possums and ferrets are the main carriers of bovine TB“).

    Interessant: Zu den invasiven Tieren gehören auch die Katzen. Und tatsächlich werden heute ja Hauskatzen weltweit für ein Massensterben unter Kleintieren verantwortlich gemacht. In der New Yor Times findet man dazu den Artikel: „That Cuddly Kitty Is Deadlier Than You Think“

  6. Nicht Wettbewerb um Lebensraum macht invasive Arten gefährlich, sondern räuberisches Verhalten macht dies, wobei Füchse, Katzen und Ratten weltweit die grösste vernichtende Wirkung haben. Dies ist die These, die im Artikel Friendly Invaders vertreten wird. Tatsächlich wurden nur 3 indigene neuseeländische Pflanzen durch invasive Pflanzen (von denen es hunderte gibt) eliminiert.

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