Versaute PR-Kampagne

„Steht das Schwein auf einem Bein ist der Schweinestall zu klein“. Was sich wie Unterhaltung für 3-jährige liest, ist nur ein Beispiel aus mehreren „Bauernregeln“, die das Bundesumweltministerium erst erfunden hat und dann auf Plakaten in Deutschland verbreiten ließ. Die Empörung darüber aus der Agrarbranche ließ nicht lange auf sich warten. Völlig zu Recht. Darüberhinaus beleidigt diese Kampagne aber auch meinen Verstand.

Ich bin bekanntlich Stadtmensch, habe also keinen familiären oder sonstigen Bezug zur Landwirtschaft. Trotzdem habe ich in den letzten Jahren viel Zeit und Energie investiert, um Landwirtschaft zu verstehen. Als Wissenschaftsblogger hier bei den Scilogs habe ich viele Studien gelesen – nur um dann festzustellen, dass ich vielleicht doch besser vorne bei den Grundlagen beginnen sollte. Das war nicht immer leicht, womit ich gar nicht die Inhalte an sich meine, sondern die Vorurteile, die ich hatte. Natürlich war ich zu Beginn der Ansicht, dass Massentierhaltung ganz furchtbar sei und wenn irgendwo ein Skandal-Video aus einem Stall breitgetreten wurde, dachte ich natürlich, dass das dort die normale Realität sei. Ich musste also erstmal mein Bauchgefühl bezwingen.

Das hat aus zwei Gründen funktioniert: erstens wollte ich ja wissen wie die Realität aussieht und mich nicht mit meinen Vorurteilen oder falschen Tatsachen begnügen, zweitens haben mir Fachliteratur und viele Praxis-Besuche landwirtschaftlicher Betriebe beim Verstehen geholfen. Gut, mein Studium natürlich auch, wobei ich mir die Tierwohl-Thematik tatsächlich autodidaktisch beigebracht habe. Was mir nicht geholfen hat: Werbung. Oder Kampagnen. Das sind einfach keine Werkzeuge, um sich konstruktiv mit einem Thema zu beschäftigen, weil die Stoßrichtung grundsätzlich einseitig ist: entweder ist alles toll und flauschig oder es ist alles ganz ganz furchtbar – womit wir uns dem Punkt nähern, weshalb mir letzte Woche ebenfalls der Arsch geplatzt ist.

Spaß ist ganz klar der Grund, weshalb ich vom Wissenschafts- zum Agrarblogger geworden bin. Dazu zählen ganz besonders die vielen sachlichen und neugierigen Kommentare in diesem Blog von Menschen, die ein tatsächliches Interesse daran haben zu erfahren wie es in der landwirtschaftlichen Tierhaltung zugeht. Dialog nennt man das wohl. Wenn man dann aber macht und tut und recherchiert, weil man schlicht überzeugt ist, dass es wichtig ist zu wissen wie etwas funktioniert, um es zu erklären und dann plötzlich das Bundesumweltministerium mal eben ein Millionen-Budget in die Hand nimmt, um uns allen eine völlig verblödende Plakat-Kampagne um die Ohren zu hauen, ist das schon ziemlich frustrierend.

Dabei hätte man die 1,6 Millionen Euro, die dieser primitive Mist gekostet hat, so viel besser einsetzen können – zB. für Aufklärung. Ich weiß, ist ein großes Wort, aber bitter nötig. Tierwohl wird nirgendwo vernünftig erklärt, obwohl Unternehmen wirtschaftliche Entscheidungen treffen – auf Basis von Umfragen, die pure Zeitverschwendung sind, weil eine Definition nicht stattfindet. Oder Ackerbau – ich bin da jetzt kein Experte, aber weshalb bspw. Glyphosat ein wichtiges Herbizid ist und weshalb „mehr Pflügen“ in diesem Zusammenhang Unsinn ist, kriege ich auch noch erklärt. Ich bin mir sicher, dass da draußen noch andere Menschen leben, die das interessiert und die die unendliche Geschichte von den alles zerstörenden und verschmutzenden Bauern ebenfalls nicht mehr hören können.

Ich würde mich wirklich freuen, wenn da noch irgendwo eine Million übrig wäre für etwas, das Landwirten und kommunizierenden Menschen wie mir das Gefühl gibt, dass wir mit unserem Interesse an fundierter Aufklärung und Diskussion in der heutigen Zeit der postfaktischen Schreihals-Mentalität nicht am ganz falschen Gleis stehen – Balsam für die Seele sozusagen.


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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

38 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Plakatkampagne haben viele als „das Bundesumweltministerium gegen die Bauern“ wahrgenommen und indirekt als „Umweltbewusste Statdtmenschen gegen umweltzerstörende AgroLobby“.
    Doch diese gegen die „industrialisierte Landwirtschaft“ gerichtete Kampagne entspricht den Bemühungen um einen geplanten Ausbau der Ökolandwirtschaft sowohl von Landesregierungen als auch des Bundes. Tier- und Naturfreundlicher, Ressourcen- und Klimaschonender, so wird die Ökolandwirtschaft gegen die industrialisierte Landwirtschaft positioniert.

    Die hier erwähnte PR-Kampagne resultiert direkt aus dieser weitverbreiteten Haltung für die Öko- und gegen die industrialisierte Landwirtschaft.

  2. „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“

    Das Seltsame an der Kampagne für mich ist: Ich verstehe sie nicht recht. Wahrscheinlich wäre die Auskunft des Ministeriums: Wir wollten auf humorvolle, ansprechende Art auf wichtige Themen in der Landwirtschaft hinweisen, um auf diesem Wege eine gesamtgesellschaftliche Debatte über diese Fragen zu fördern.

    Aber was ist die Aussage? Wer ist der Adressat? Bleiben wir beim zitierten Reim.

    (1) Soll ausgesagt werden, dass wir neue Vorschriften brauchen, sprich, dass Schweine nach gegenwärtigem Regelwerk zu wenig Platz haben? Dann sind die Adressaten nicht die Bauern, sondern die Politik selbst.

    (2) Soll ausgesagt werden, dass sich viele Bauern nicht an die gesetzlichen Vorgaben halten? Wenn das die Aussage ist, dann bitte Quelle. Und wenn die Quelle stimmt, dann bitte keine Plakataktion, sondern das Geld in härtere, effizientere Kontrollen von Nutztierhaltern stecken.

    (3) Soll erreicht werden, dass der Verbraucher beim Einkauf mehr auf den Faktor „Tierwohl“ schaut? Dann wäre der Adressat der Konsument – wie aber soll er von dem Kinderreim ableiten, seinen eigenen Konsum ethisch zu reflektieren? Scheint in keinem Zusammenhang zu stehen.

    Wie gesagt: Ich verstehe die Aktion nicht.

  3. Das Kastenstandsurteil (Aktenzeichen BVerwG 3 B 11.16). ist wohl keinem der bisherigen Kommentatoren ein Begriff? Da halten sich Bauern seit Jahrzehnten nicht an geltendes Recht und jammern dann herum, wenn dessen Einhaltung eingefordert wird. Passieren wird wohl wieder nichts, der Cheflobbyist sitzt ja auf dem Ministerposten und kümmert sich lieber darum, dass keiner aus Versehen in eine vegane „Wurst“ beißt. Das sind die wahren Probleme. Prost Mahlzeit.

    • @Joe User: Dass sich in Sachen Kastenstand „Bauern seit Jahrzehnten nicht an geltendes Recht“ halten würden, möchte ich nicht so stehen lassen. Dies ist eine pauschale Diffamierung der Sauenhalter, mehr nicht.

      Fakt ist: Kastenstände, in denen Muttersauen gehalten werden, gehören auf den meisten Ferkelerzeugungsbetrieben zum Standard.

      Fakt ist aber auch, dass die Kastenstände in der Regel nach geltendem Recht erstellt wurden. Das Gesetz lässt leider einen gewissen Interpretationsspielraum zu, der in Ausführungsbestimmungen der zuständigen Behörden präzisiert wurde. Das Bundesverwaltungsgericht hat nun das Gesetz anders interpretiert, so dass die Ausführungsbestimmungen geändert werden müssen. Daraus werden sich zukünftige Folgen ergeben, sowohl für Neubauten als auch für bestehende Ställe. Rückwirkende Gesetzesvertöße lassen sich daraus aber nicht ableiten.

      Übrigens war der Auslöser des Urteils des BVerwG, dass ca. 10% der Kastenstände auf einem Betrieb des A. Straathof NICHT den bisher geltenden Ausführungsbestimmungen nicht entsprachen, weil zu schmal. Selbst bei Straathof entsprachen also 90% der Kastenstände dem Gesetz.

      Fakt ist übrigens auch, dass viele Praktiker (auch an den Forschungsinstituten) der Meinung sind, Kastenstände nach den bisher gültigen Ausführungsbestimmungen böten mehr Tierwohl als die nach diesem Urteil zu erwartenden Lösungen, die den Sauen zwar mehr Bewegungsfreiheit bieten, aber auch z.B. zu mehr Verletzungen führen werden.

      • Hallo Harald,

        vielen Dank für den Kommentar. Ich muss die Geschichte nochmal recherchieren, aber soweit ich weiß, sind die Kastenstände in Australien sogar als besonders tierwohl-gerecht eingestuft worden.

  4. Ich denke, die Bundesumweltministerin will die Stadtbevölkerung gegen uns Landwirte aufstacheln.Die Plakataktionen sollen auch nur in Großstädten stattfinden.
    Die wehnigsten Stadtbewohner kennen die wahre Landwirtschaft und ihre Zusammenhänge (Boden, Klima, Fruchtfolgen, Düngung, Tierhaltung Tierernährung usw) und ihre Wechselwirkungen untereinander.Die meißten Landwirte haben nach ihrer 3 jährigen Berufsausbildung noch 2jährige Fachschule und den Meister oder ein Agrarstudium gemacht.
    Und dann wird die Landwirtschaft in 3- zeiligen Schüttelreimen mit negativen Botschaften und fachlicher Falschausage dargestellt So wird eine negative Grundstimmung gegen die Landwirtschaft aufgebaut.
    Wenn man solch eine Stimmung erzeugt hat, hat man sich bei anschließenden Diskusionen über die Zukunft und Ausrichtung der Landwirtschaft einen riesen Vorteil verschafft.

    • Ob es direkt ein Aufstacheln ist, kann ich nicht beurteilen. Ganz sicher werden hier aber Vorurteile, die man aufgrund fehlenden Wissens und aggressiver Berichterstattung ansammelt, bestätigt. Auch bei jenen, die vielleicht eher still sind und gar nicht so sehr im großen Geschrei mitmachen. Das halte ich für ein Problem.

  5. Interessant, vor allem auch, dass sich Uli gleich mit einer „Verschwörungskampagne gegen die Landwirte“ konfrontiert sieht. Wenn man die anderen Kommentare und den Slogan der Kampagne gelesen (und verstanden) hat, sollte doch klar sein, dass es dem Umweltbundesamt hauptsächlich um zwei Dinge geht: Erstens: (und das hängt halt mit dem „Zerren ins Licht der Öffentlichkeit“ zusammen) – Marketing pro Umweltbundesamt – „wir kümmern uns“ – obwohl kümmern bedeuten würde, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu Stallgröße etc. nicht nur zu proklamieren, sondern auch zu kontrollieren und bei Verstößen zu sanktionieren (konsequent).
    Zweitens: Warnung an Missachter der gesetzlichen Regelungen – wir haben ein Auge auf euch (das anscheinend leider häufig genug müde ist…

    Jedem Landwirt sollte klar sein: Wenn jeder nach den Regeln spielt ist der Preis fürs Fleisch (oder anderes) zwar höher, die Nachfrage dadurch etwas geringer – aber es lässt sich über den Qualitätsaspekt aber besser bewerben..
    Momentan wird dir Schweinefleisch im Supermarkt doch nahezu hinterhergeworfen – und es kann doch nicht angehen, dass Fleisch zum Teil günstiger als Gemüse ist! Die OPEC hatte aber ähnliche Probleme – wer dringend Geld braucht, verkauft halt auch günstig – nur um die Produktion am Laufen zu halten…
    Und das ist jetzt keine Kriminalisierung von Landwirten – ihr müsst nur besser zusammenarbeiten und lernen, dass ihr nur gemeinsam stark seid und Eure Interessen am Markt durchsetzt – wenn diese dann auch noch mit den Interessen der Tierwohl-Befürworter konform gehen umso besser =)

    • Das geht leider nicht so einfach. Selbst, wenn sich 50% aller Schweinehalter zusammen rotten würden und auf einen Schlag alles anders machen würden:
      Die Stalleinrichtung, die hier verflucht und als nicht Tierwohl-gerecht angesehen wird, die wird abgebaut und direkt hinter der Grenze wieder aufgebaut. So, wie es mit den Hühnerkäfigen auch gelaufen ist. Dann wird das Fleisch ganz einfach nicht mehr in DE produziert, sondern ein Häuschen weiter. Klar, bei den Fleischprodukten, die direkt verkauft werden (Wurst, etc.) mag das helfen, aber sobald das Fleisch industriell weiter verarbietet wird und nur noch ein Inhaltsstoff ist (wie der größte Teil der in DE verbrauchten Eier), dann wird das günstige Zeug aus dem Ausland her genommen.
      Kaum eine Kantine, keine Pommesbude und kein Fastfoodrestaurant legt wert auf regionale Grundprodukte. Da wird gekauft, wo und was günstig ist.

    • [quote=“Prian Purche“]Momentan wird dir Schweinefleisch im Supermarkt doch nahezu hinterhergeworfen – und es kann doch nicht angehen, dass Fleisch zum Teil günstiger als Gemüse ist![/quote]

      Wieso nicht? Wenn die Kosten der Erzeugung niedriger sind, dann ist das so. Bei Gemüse spielt Produktion eher weniger aber der lange Land-Transport oft eine erhebliche Rolle bei der Preisbildung. Auch die hohen Verlustquoten durch Verfall, Qualitätsmängel und Nachfrage. Fleisch wird im besten Fall ein paar hundert Gramm gegessen die Woche, Gemüse aber durchaus zwei drei Kilo die Woche.

      Schweinefleisch ist an sich auch günstiger, weil die Tiere alles fressen und wenig Wachstumsphase brauchen und die Ausbeute Tier zu Schlachtkörper nicht so übel ist. Beim Rind ist da viel mehr geringwertige Bestandteile wie die Mägen und Co.

      Ausserdem ist beim Schwein weniger hochwertiges Fleisch dafür solide Massenware zu berücksichtigen, auch weil es günstiger ist.
      Schnitzel sind gefragt, Haxen und Nacken wegen des Fettgehaltes weniger, auch Schweineschulter ist manchmal übertrieben günstig, meiner Auffassung nach das Beste vom Fleisch mit 8-12% Fettgehalt noch absolut im Rahmen. Trotzdem gibt es hier Vorurteile gegenüber dem Schwein und das hat auch mit der Gesundheitsdiktatur zu tun.

      Im Übrigen stellt sich die Frage von welchem Gemüse Sie reden? Mir fallen auf die Schnelle sicher 10 Produkte ein, die pro Kilo günstiger sind als das Schweinefleisch im Supermarkt und Discounter. Es wird sogar schwer

      Es ist also falsch Äppel mit Birnen zu vergleichen. Gemüse ist kein Fleisch. Deshalb sind Vergleiche für unterschiedliche Nahrungsmittelgruppen einfach nur an den Haaren herbeigezogener Quatsch.

      Also mit solcherart sachfremder Diskussion „Gemüse teurer als Fleisch! BUH!“ kommt man nicht weiter. Es gibt dafür Gründe und seien sie nur dem Handel geschuldet, der in der Lage ist mehr Geld für Gemüse zu erzielen weil es heute dem Gesundheitsdiktat entspricht Gemüse zu mümmeln und das Fleisch liegen zu lassen. Bekanntlich führt geringere Nachfrage zu niedrigeren Preisen. Rückgang des Konsums.
      Ausserdem sind Marketing und Preisgestaltung Sache des Handels: Das Fleisch ist häufig ein beworbenes Lockangebot.

      Als juxiger Gedanke am Ende: Essen Sie bzw. insgesamt die Deutschen mehr Schweinefleisch, dann wirds durch steigende Nachfrage auch wieder teurer :> Also besonders die ungeliebten Stücke Nacken, Haxen und Bauch. Guten Hunger!

  6. Danke Pit! Das ist leider die Realität. Der landwirtschaftliche Erzeuger ist mit Abstand das schwächste Glied unserer Nahrungskette. Er hat nämlich so gut wie keinen Einfluss auf die Preise, die er für seine Produkte erhält. In der Praxis werden sie ihm von der verarbeitenden Industrie im Grunde vorgegeben. Diese steht wiederum unter dem Preisdiktat des Lebensmitteleinzelhandels, der seine Marktmacht gnadenlos ausnutzt. Schweinefleisch und andere Frischeprodukte beispielsweise werden dabei mit Tiefstpreisen sehr gern als Lockmitteln genutzt, um die Kunden in die Kaufhalle zu holen, denn sie sind verderblich und müssen sowieso schnell abverkauft werden. Der Landwirt kann seine Schlachtschweine ja nicht wochenlang „parken“ und auf bessere Angebote warten. Jeder zusätzliche Masttag kostet ihn Futtergeld und wertet den Schlachtkörper ab (Verfettung). Leider haben die meisten klugen Ratgeber (s. o.) null Ahnung von der Agrarrealität. Wenn der Bauern Glück hat verdient er heutzutage 5 € am Mastschwein! Wenn er Glück hat. Oft genug zahlt er sogar drauf. Im letzten Jahr haben z. B. die Milchviehhalter aufgrund der schlechten Preise im Schnitt 1000 € Verlust pro Milchkuh gemacht. Da nutzen auch die Erzeugerzusammenschlüsse und Molkereigenossenschaften nichts. Es gibt für den LEH und die Verarbeiter halt genug Milch auf dem Weltmarkt.
    Zur „Bauernregelkampagne“: Das Ganze ist mit mehr Weitblick initiiert, als es im ersten Moment scheint. Am 2. Februar starte die EU eine öffentliche Konsultation als erste Phase der Modernisierung und Vereinfachung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Drei Monate lang kann sich jedermann (respektive jede Frau) an einer Internetbefragung beteiligen, deren Ergebnisse in die künftige EU-Gesetzgebung und -Subventionszahlung einfließen sollen. Kommissar Hogan will „EU-Volkes Wille“ dann im Juli in Brüssel vorstellen. Das ist vermutlich der Grund, warum sich Frau Hendricks nicht scheut, mit 1,6 Mio. € aus dem Staatssäckel ihre Ansicht von „der richtigen Landwirtschaft“ unters (Stadt-)Volk zu bringen.

    • Hallo Christoph,

      danke Dir für den Kommentar. Grundsätzlich stimme ich Dir zu, Landwirte einzig als machtlos Spielbälle möchte ich aber auch nicht so stehen lassen. Du hast die Michpreise angesprochen, die aufgrund der politischen Sanktionen gegen Russland und einer verlangsamten Wirtschaft in China weltweit im Keller waren, weil es einfach zu viel Milch auf dem globalen Markt gab. Korrigiere mich bitte, wenn ich da was übersehen habe, aber während Australien, Neuseeland und Russland mit China kooperieren und US-Unternehmen Know-how und Technik an China verkaufen, setzt man in Deutschland auch seitens der Bauernverbände immer noch auf den Markt und Wettbewerb. Ich habe allerdings so meine Zweifel, dass das Konzept angesichts der Entwicklungen noch Zukunft hat. Qualitativ hochwertige und sichere Milch zu produzieren ist kein Hexenwerk mehr. Das Wissen ist da. Auch das passiert in China: man kauft massiv Wissen ein und stellt die eigene Milch-Branche komplett neu auf – mit dem Ziel, bald deutlich weniger Milch importieren zu müssen. Und dann wird es für Deutschland eng.

      • @Sören Schewe

        Das sehe ich auch so! Die Russlandsanktionen führten zu einem starken Verfall der Erzeugerpreise. Viele Bauern sind auf Zuschüsse seitens der EU oder auf staatliche Hilfsangebote angewiesen. Da man die Bauern jedoch nicht ewig am Tropf hängen lassen kann, muss der Viehbestand nun rasch verkleinert werden. Außerdem werden die Bauern ihre alte Marktposition nicht zurückerhalten, weil die russische Kundschaft längst Ersatzlieferanten für landwirtschaftliche Erzeugnisse gefunden hat. Damit die Verbraucher höhere Preise akzeptieren startet man nun eine Kampagne auf unterstem Niveau, die sich gegen Umweltvergehen wendet, über die die Politik jahrelang hinwegsah. Verlierer sind wieder mal die kleinen Familienbetriebe. Wobei der Trend zu immer größeren Betrieben anhält, was die damit verbundenen Probleme nicht aus der Welt schafft. Insofern sind die „neuen Bauernregeln“ Augenwischerei, das Geld für die Aktion hätte man sinnvoller verwenden können. In Österreich geht man andere Wege:
        http://derstandard.at/2000052335766/Neues-Agrarbuero-soll-Fleischexporte-pushen

        • Hallo Mona,

          Schweinefüße und anderen Kram exportiert Deutschland schon jetzt in Länder, die sich drüber freuen. Da ist also kein Extra-Büro notwendig. Aber wo Christoph und Du schon die Bestandsgrößen erwähnt, kommt mir für Milchvieh in diesem Zusammenhang ein anderer Gedanke: den Bestand reduziert haben wir ja schon durch die stark erhöhte Effizienz bei der Milchproduktion. Im Hinblick auf die Göttinger Erklärung wäre es vielleicht deutlich besser, die Zuchtziele neu aufzustellen und „neue“ Kühe mit geringerer Laktation zu entwickeln.

  7. Hallo Sören,
    das Gegenteil von Markt und Wettbewerb ist Planwirtschaft. Damit hat ein Teil der Deutschen bereits seine Erfahrungen gemacht. Oder gibt es noch einen dritten Weg? Danone, Arla & Co. künftig mit Strafzöllen aus dem Edeka-Kühlregal zu verbannen, wäre wohl vermutlich der amerikanische. Das letzte Jahr hat gezeigt, dass nur eine verminderte Weltproduktion die Preise heben kann. Das bedeutet aber, viele Höfe müssen sterben. Was in Deutschland ja bereits passiert. 2016 mussten vor allem in Ostdeutschland etliche aufgegeben (geringere Eigenkapitalqoute und weniger Familienangehörige mit Hang zur Selbstausbeutung in den Betrieben), ohne allerdings, dass die Gesamtkuhzahl in gleicher Weise gesunken wäre. Leider kennt bislang niemand den Königsweg. International geltende Regulierungen wie die weggefallene Milchqoute sind in dieser global handelnden Wirtschaft unerwünscht oder werden von Protestbewegungen bekämpft. Jede Region bzw. jedes Land wie auch jede NGO denkt am Ende immer nur an den eigenen Vorteil. Egal was ein Bauernverband oder andere berufsständige Interessenverteter wünschen oder auch nicht. Mit China hast du übrigens Recht. In der Helin Dairy Farm in der Region Hohot werden z. B. rund 5000 Milchkühe gemolken, und Unternehmen wie AustAsia und Modern Dairy investieren kräftig in der Provinz Shangdong. Am Hwangho entstehen mit Kapital aus Sinagpur gerade Rinderfarmen mit 4000 bis 10000 Stallplätzen!

    • Es geht mir nicht um das Gegenteil von Wettbewerb, sondern um über einen bestimmten Zeitraum gesicherte Produkt-Abnahmen, sodass Landwirte zumindest für diese Zeit sicher sein können, dass sie ihre Erzeugnisse zu einem ordentlichen Preis verkaufen können. Das sollte möglich sein. Natürlich ist das nix für die nächsten 100 Jahre, aber für 10 Jahre sollte da was gehen. Wie gesagt – und Du bestätigst das ja auch – in China sehe ich für Deutschland keinen Spielplatz mehr, höchstens für eine kurzfristige Bedarfsdeckung, langfristig dürften wir raus sein.

      • Billige Lebensmittel sind seit Wirtschaftswunderzeiten die wirkungsvollste Inflationsbremse überhaupt. Und genau deshalb gibt es Agrarsubventionen. Nicht umsonst benötigen wir immer weniger von unserem Grundeinkommen für die Ernährung. Das ist gewollt, denn nur so haben wir das nötige Kleingeld für iPhone und Mallorca, nur so können wir immer weiter kräftig konsumieren, die Maschine am Laufen halten.
        Die Zuchtzieldiskussion läuft schon seit geraumer Zeit, und sie ist richtig! Aber die Zuchtverbände tun sich noch schwer damit. Langlebigkeit bzw. hohe Lebensleistung und Fruchtbarkeit, sind leider multifaktoriell und nicht so gut zu vermarkten wie mega Laktationsleistungen oder übergroße Schautiere.

        • Och, vermarkten ließe sich das schon. Tierwohl kommt ja immer gut. In diesem Zusammenhang sollte doch was gehen, wenn die „neuen“ Kühe bspw. ein größeres Temperatur-Spektrum nach oben vertragen können und dann im Sommer öfter auf die Weide können. Ebenfalls interessant wäre es, wenn die Kühe nach der Geburt seltener in ein tiefes Ernährungs-Defizit rutschten.

          Das fällt mir jetzt spontan ein.

        • @Christoph Feyer

          „Billige Lebensmittel sind seit Wirtschaftswunderzeiten die wirkungsvollste Inflationsbremse überhaupt. Und genau deshalb gibt es Agrarsubventionen. Nicht umsonst benötigen wir immer weniger von unserem Grundeinkommen für die Ernährung.“

          Allerdings muss ich als Verbraucherin mit meinen Steuergeldern für diese Agrarsubventionen erst einmal aufkommen. Auf diese Weise zahle ich zweimal, erst für die Subventionen und dann nochmal an der Supermarktkasse. Zudem kann ich mir nicht aussuchen wer die Subventionen bekommt. Das Handelsblatt schreibt dazu: „Wer glaubt, dass dieses Geld vor allem bei den kleinen Bauern ankommt, der irrt gewaltig. „Während die Branchenriesen finanziell gemästet werden, sind die ansonsten spendablen staatlichen Geldverteiler bei den kleineren Betrieben eher knauserig.“ (…) Die knapp 200.000 kleinen Betriebe in der EU bekommen lediglich rund 300 Millionen Euro, also 1.500 Euro im Schnitt. Rund 30 dieser Betriebe bleiben täglich auf der Strecke. Auf der anderen Seite bekommen Firmen Gelder aus dem Subventionstopf, die man nun wahrlich nicht als Empfänger vermutet hätte – wie zum Beispiel RWE, Rheinmetall oder Ferrero.“

          Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/lebensmittel-produktion-agrar-subventionen-fuer-rwe-und-rheinmetall/6629862-2.html

          • @ Mona
            Gestatte mit kurz einen Exkurs zu den Agrarsubventionen. Mein Äußerung war da wohl etwas flach. Seit 1992 sind Agrarprodukte den Regeln des internationalen Warenhandels unterworfen und heute gibt es keine direkten Preisstützungen mehr und auch die Regulierung der Agrarmärkte durch Marktordnungen wurde seit dem Schritt für Schritt aufgegeben. Zuletzt fielen Zuckerrüben- und Milchqoute. Im Gegenzug bekommen die Landwirte heute entkoppelte Direktzahlungen (aus der sogenannte erste Säule). Das sind flächenbezogene Gelder. Wenn RWE, Ferrero und Co. Agrarflächen besitzen, haben auch sie darauf Anspruch. Der Beitrag im Handelsblatt ist leider sehr tendenziös, denn um kleinere Betrieb in der Förderung besser zustellen, gibt es seit 2014 einen bundeseinheitlichen Zuschlag in Höhe von 50 €/ha für die ersten 30 Hektare und 30 Euro für weitere 16 Hektar. Um sicherzustellen, dass Direktzahlungen nur aktiven Landwirten zu Gute kommen, gilt seit 2015 eine sogenannte Negativliste. Dazu gehören Flughäfen, Eisenbahndienste, Wasserwerke, Immobilienunternehmen und permanente Sport- und Freizeitanlagen. In Deutschland wurde entschieden, zusätzlich Bergbauunternehmen in die Negativliste aufzunehmen. Und Bauernverband hat mit den Zahlungsmodalitäten nichts zu tun. Das ist EU-Recht. Er versucht nur seine Ziele in Brüssel durchzusetzen und dabei fühlen sich nicht alle Landwirte gleich gut vertreten. Aber das ist eine weites Feld. Alle Zahlungen sind übrigens an die Einhaltung von gewissen Standards gebunden (Cross Compliance). 30 % sind beispielsweise direkt an die Einhaltung der sogenannten Greening-Auflagen zur Fruchtartenvielfalt, zum Dauergrünlanderhalt und zur Anlage von Ökologischen Vorrangflächen geknüpft. Des Weiteren hat sich Deutschland entschieden, jährlich ca. 230 Mio. € Direktzahlungen von der ersten in die zweite Säule der GAP umzuverteilen (zweite Säule = ländlicher Raum). Diese Mittel werden zweckgebunden für die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft zu verwenden. Dazu gehören vor allem Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen, die Förderung besonders tiergerechter Haltung und Tierwohl, die Stärkung von Grünlandstandorten sowie die Förderung von ökologischem Landbau oder Gebieten mit natürlichen Beeinträchtigungen. Das klingt für mich nun nicht wirklich nach Steuerverschwendung. Und da wären wir wieder bei den Hendricks-Reimen, die schon. Und auch Landwirte sind Verbraucher und zahlen Steuern, wenn sie was verdienen oder kaufen.

  8. @Christoph Feyer

    Danke für den „Exkurs zu den Agrarsubventionen“. Dieser mag in Bezug auf die Landwirte richtig sein, die „Förderung des ländlichen Raums“ ist allerdings recht vielfältig und beschränkt sich nicht auf die erwähnten Maßnahmen. Auf der Seite der „Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung“ heißt es dazu: „Die Fördermaßnahmen richten sich nicht nur an Land- und Forstwirte oder Waldbesitzer, sondern auch an viele andere Akteure im ländlichen Raum (z. B. Kommunen, lebensmittelverarbeitende Betriebe).“ Fördermittel fließen zudem in folgende Bereiche: Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete, Agrarinvestitionsförderung, Maßnahmen zur Marktstrukturverbesserung, Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen, Erhaltung und Verbesserung des ländlichen Erbes, Integrierte Ländliche Entwicklung, Leader, Küsten- und Hochwasserschutz, Waldumwelt- und andere Forstmaßnahmen.
    https://www.agrar-fischerei-zahlungen.de/agrar_foerderung.html
    Der ländliche Raum ist ein so weites Feld, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es dort jemanden gibt der keine Förderung bekommt.

  9. 3 Sachen:
    1) Da ich Ihre Erklärung zum Blog bisher nicht gelesen hatte, bin ich davon ausgegangen, dass Sie wahrscheinlich Landwirt sind oder ein in der Landwirtschaft eingebundener Forscher. – Wie man sich doch irren kann!

    2) Obwohl ich selbst auch in der Grossstadt lebe, habe ich von dieser Plakatkampagne bisher nicht viel, genauer gesagt: gar nichts gesehen. Entweder findet die also hier im Ruhrgebiet nicht statt oder (eher wahrscheinlich) ich bin an entsprechenden Plakaten noch nicht vorbei gekommen, bzw. hab sie nicht bemerkt.

    3)

    Oder Ackerbau – ich bin da jetzt kein Experte, aber weshalb bspw. Glyphosat ein wichtiges Herbizid ist und weshalb „mehr Pflügen“ in diesem Zusammenhang Unsinn ist, kriege ich auch noch erklärt.

    Oh ja, machen Sie mal.

    • Hallo Hans,

      die Kampagne wurde jetzt wieder zurückgezogen aufgrund der großen Empörung, die war also in der Öffentlichkeit entweder noch gar nicht oder sehr partiell verbreitet worden.

      Zum Thema Ackerbau, hatte ich die <Direktsaat schon mal für die DLG erklärt:
      https://agrarblogger.de/2015/03/12/pfluglos-uber-den-acker/

      Und nochmal eine kleine Einordnung hier im Blog:
      http://scilogs.spektrum.de/vom-hai-gebissen/glyphosat-fuer-den-regenwurm/

      Solltest Du noch Fragen haben, sag Bescheid 😉

      PS: Sehe gerade, dass ich Sie geduzt habe. Sagen Sie mir doch bitte, ob das ok ist, sonst stelle ich für später noch auf ein Sie um…

      • die Kampagne wurde jetzt wieder zurückgezogen aufgrund der großen Empörung, die war also in der Öffentlichkeit entweder noch gar nicht oder sehr partiell verbreitet worden.

        Ah okay, dann kann mir davon auch noch nichts aufgefallen sein. 😉

        Zum Thema Ackerbau, hatte ich die <Direktsaat schon mal für die DLG erklärt:
        https://agrarblogger.de/2015/03/12/pfluglos-uber-den-acker/

        Hm… – ja gut. Die wesentliche Aussage dieses Artikels ist die, das es also bei wenig bis gar nicht gepflügtem Acker nicht oder fast nicht ohne Herbizide geht. Dabei scheint Glyphosat wohl das am meissten verbreitete zu sein, obwohl es auch andere gibt.

        Und nochmal eine kleine Einordnung hier im Blog:
        http://scilogs.spektrum.de/vom-hai-gebissen/glyphosat-fuer-den-regenwurm/

        Da steht aber auch nix darüber, wie gut das Zeug dem Regenwurm oder anderen „wilden Nutztieren“, also etwa Insekten bekommt und welche Nebenwirkungen es sonst noch hat. Aber gerade das möchte ich ja wissen, ohne mich selber durch die diversen, teilweise widersprüchlichen Studien kämpfen zu müssen, da ich nicht genügend Ahnung von Biologie und Chemie habe (ganz abgesehen von der Zeit, die nötig ist, um sie zu lesen), um deren Aussagen sachlich richtig einordnen und bewerten zu können.

        PS: Sehe gerade, dass ich Sie geduzt habe. Sagen Sie mir doch bitte, ob das ok ist, sonst stelle ich für später noch auf ein Sie um…

        Ach das ist jetzt nicht so tragisch. Es ist nur schon längere Zeit her, seit ich in diesem Blog zuletzt was kommentiert habe. Ich glaube, das war bei einem Beitrag über die Hygienemassnahmen in Schweineställen im Gegensatz zu Kuhställen. Und ich weis nicht mehr, wie ich es da gehalten habe, deshalb hab ich hier erstmal so gemacht. Das kann ich aber auch wieder ändern.

        • Ok, dann…grüß Dich Hans,

          danke Dir für das Feedback bzgl. Glyphosat. Das ist ja auch für mich wichtig, schließlich kann ich nur dann auf gewünschte Aspekte achten, wenn sie mir von Euch genannt werden. Ich behalte das also mal im Auge.

  10. Opi Dr. Webbaer erklärt wie folgt:

    Mandatsträger, idF auch Amtsträger, die dem Willen den Souveräns folgend angestellt worden sind, haben nicht die Aufgabe das Wahlvolk zu belehren.

    Kampagnen, den Wahlkampf meinend, sollen durchgeführt werden, aber das Amt nicht missbraucht.
    Kampagnen dieser Art nicht.
    Das Amt hat per se neutral zu bleiben (Gesetze dürfen stattdessen – ohne „Promo“- erlassen werden, das Fachwort.


    Die BRD befindet sich dbzgl. und auch in Verbindung von staatlicher Benachrichtigung, wie sie erfolgen oder NICHT erfolgen sollte oder darf, allgemein in einer Krise – aufklärerische Gesellschaftssysteme zugrunde gelegt, an einem Wendepunkt. [1]

    MFG
    Dr. Webbasr

    [1]
    Good Luck, Gentleman

  11. Schade, dass Ministerin Hendricks eingeknickt ist. Auf jeden Fall war das Geld für diese Kampagne gut angelegt, wenn man das erzielte Echo zum Maßstab nimmt.

    Und ehrlich, wieso können die Schweine-Züchter denn nicht zustimmen, wenn es heißt: „Steht das Schwein auf einem Bein, …“, sehen die das etwa anders?

    • Ich denke. genau dort liegt das Problem: es gibt leider immer noch Menschen in Politik, Journalismus und PR, die ernsthaft glauben, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen dem wunden Punkt und der Lautstärke jener, die sie getroffen zu haben glauben, gäbe.

      Ich sehe das anders. Wie gesagt, ich komme nicht aus der Landwirtschaft, habe also keinerlei Bedürfnis etwas Familiäres oder eine Tradition verteidigen zu müssen. Ich habe aber viel Zeit investiert mich landwirtschaftlich zu bilden, ich schrieb ja schon im Artikel, weshalb. Dieses Wissen erlaubt es mir auf den Punkt zu kritisieren, was ich auch schon getan habe, wofür ich durchaus Anerkennung aus der Landwirtschaft bekam.

      Es geht also. Man kann die Agrarbranche kritisieren und die hören sogar zu. Die hören aber nicht bei einer solchen Kinderkacke zu.

  12. Umweltministerin Hendricks verteidigte gestern in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse ihre umstrittene Öffentlichkeitskampagne: „Es sei nach ihren Worten nicht zu bestreiten, dass die Landwirtschaft ihren Anteil daran habe, dass es Verluste in der Artenvielfalt gibt, es in weiten Teilen Deutschlands kein gesundes Grundwasser mehr gibt und die Bodenerosion zunimmt. „So kann es auf Dauer nicht weitergehen“, erklärte die Umweltministerin: „Die Landwirtschaft kann kein Interesse daran haben, ihre eigene Basis zu zerstören.“ In der Sache mag die Ministerin recht haben, es ist jedoch der falsche Ansatz die Bauern für etwas zu kritisieren, was durch Gesetze geregelt gehört. Der kleine Bauer mit dem ich mich am Wochenmarkt unterhalte sieht durchaus ein, dass die Landwirtschaft nicht unsere Lebensgrundlagen zerstören darf. ABER: „Die Struktur der Landwirtschaft ändert sich. Durch effizientere Bewirtschaftung der Großen geraten die Kleinbauern unter Druck. Allein in Deutschland gehören rund 70 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr den Bauern, die sie bewirtschaften.“ https://www.welt.de/wirtschaft/article151170043/Ruecksichtslose-Jagd-auf-den-neuen-alten-Bodenschatz.html

    Ackerland ist zu einem Renditeobjekt für Investoren und Kapitalgesellschaften geworden, die immer mehr landwirtschaftliche Flächen aufkaufen. Diesen Leuten ist die Umwelt piepegal, die wollen Geld verdienen und sonst nichts. Der Deutschlandfunk beschrieb einige der Probleme in diesem recht interessanten Artikel:
    http://www.deutschlandfunk.de/renditeobjekt-ackerland.724.de.html?dram:article_id=244778

    Insofern finde ich es widersinnig, wenn die Ministerin niedliche neue Bauernregeln propagiert und dabei die großen Agrarkonzerne außer Acht lässt. Außerdem exportieren industrielle Tierhalter in den Niederlanden jedes Jahr tausende Lkw-Ladungen Gülle nach Deutschland, weil die Gesetze zur Ausbringung von Gülle hier weniger streng sind. Und dann wundern wir uns, warum wir ein Nitrat-Problem haben.

    • @Mona: Bodenerosion, keine Artenvielfalt auf Äckern undKuhwiesen und Nitrat-/Kuhmistausschwemmungen sind kein alleiniges Problem der industrialisierten Landwirtschaft. Ich behaupte sogar: Die europäische und speziell deutsche Landwirtschaft ist wesentlich umweltschonender als die afrikanische. In Afrika ist die Praxis des slash und burn, also des Niederbrennnes von Wald und trockenen Wiesen zum Zwecke der Bodendüngung weit verbreitet. Solche Feuer führen als Nebenwirkung zu Entwaldung, Erosion und Bodenverlusten. Solche Praktiken sind mit ein Grund, dass weite Teile Afrikas trotz der immer noch dünnen Besiedelung eine durchschnittlich tiefe Bodenqualität haben. Afrika scheint aber auch von Natur aus viele schlechte Böden zu haben.

      In den meisten Weltgegenden fehlt das Bewusstsein für schlechte Bodenbearbeitungspraktiken weitgehend. In Europa und den USA ist es dagegen vorhanden und die Landwirte selbst bemühen sich so bodenschonend wie möglich vorzugehen.

      • „Ich behaupte sogar: Die europäische und speziell deutsche Landwirtschaft ist wesentlich umweltschonender als die afrikanische.“

        Wer betreibt in Afrika eine nicht umweltschonende Landwirtschaft? Afrika ist am stärksten von „Landgrabbing“ betroffen. „Gemeint sind großflächige Käufe hauptsächlich von privaten, aber auch staatlichen Investoren und Agrarunternehmen, die Agrarflächen kaufen oder langfristig pachten, um sie in eigener Regie zur Herstellung von Agrarrohstoffen zu nutzen. Dabei bewegen sich die internationalen Investoren ebenso wie die staatlichen, halbstaatlichen oder privaten Verkäufer oft in Grauzonen des Rechts und in einem Niemandsland zwischen traditionellen Landrechten und modernen Eigentumsverhältnissen. Häufig könnte man bei Landgrabbing von einer Landreform von oben sprechen oder der Etablierung neuer, privatwirtschaftlicher Kolonialverhältnisse.“ http://www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichts/landgrabbing.html

        „In den meisten Weltgegenden fehlt das Bewusstsein für schlechte Bodenbearbeitungspraktiken weitgehend. In Europa und den USA ist es dagegen vorhanden und die Landwirte selbst bemühen sich so bodenschonend wie möglich vorzugehen.“

        Durch die intensive Landwirtschaft hat man hier wie dort Probleme mit verseuchtem Grundwasser, ausgelaugten Böden und Bodenerosion. Allerdings könnte man diese durch gezielte Gegenmaßnahmen auch wieder eindämmen. Patentrezepte gibt es keine, diese müssen den Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Hier ein Beispiel:
        http://www.uni-landau.de/umwelt/study/content/files/archiv/H.Schulz/WS09/Oekoregionen_und_Makrooekologie/Makrooekologie_9_Schadt.pdf
        http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/entwicklungslaender-gier-nach-land-1.2886878

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