Tierkinder mögen es süß

Vor kurzem stieß ich auf eine Twitter-Diskussion, die schon eine Weile lief, weshalb ich den Grund nicht mehr genau ausmachen konnte. Es ging um die Verwendung von sogenannten Futtermittelzusatzstoffen, genauer gesagt um denn Sinn und Zweck von Süßstoff und Vanille und die Aussage, inwieweit Süßstoff eine Rolle in der Ferkelmast spielt. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, mal einen kleinen Grundlagen-Artikel einzuschieben und hier auf Basis meiner Unterlagen den Hintergrund ein wenig zu erklären.

Wer kennt das nicht? Kleine Kinder lieben süße Sachen, egal ob Lutscher, Bonbons oder süßes Obst – Kinder macht es einfach glücklich. In dieser Hinsicht unterschieden sich kleine Menschenkinder so gut wie gar nicht von kleinen Tierkindern – auch sie lieben es, wenn das Futter leicht süß oder auch nach Vanille schmeckt. Aber nicht nur Jungtiere stehen auf bestimmte Geschmacksrichtungen, auch erwachsenen Tieren kann so zum Beispiel eine Futter-Umstellung erleichtert werden. Vermeidung von Stress ist hier das Stichwort. Das Bundesinstitut für Risikobewertung zählt Aromastoffe wie Süßstoff oder Vanille zu den sensorischen Zusatzstoffen. Am Beispiel des Vanille-Aromas lässt sich gut der Unterschied zwischen "künstlichem" und "natürlichem" Aroma zeigen. So wird der Vanille-Extrakt direkt aus der Pflanze gewonnen, während Vanillin synthetisch hergestellt wird. Die chemische Struktur des Vanillins ist baugleich zur "natürlichen" Variante.

Gründe für die Verwendung von Aromen

Ferkelumstellung: Das Wort habe ich gerade so erfunden, bedeutet aber nichts anderes als die Umstellung der Ferkel von ihrer gewohnten Milch auf Trockenfutter. Um die Belastung der Jungtiere ob dieser neuen Situation möglichst gering zu halten, ist es möglich, dem Futter ein gewisses Aroma zu verleihen, das dem der Muttermilch ähnelt.

Futter-Umstellung: Aber auch bei erwachsenen Tieren kann eine Futter-Umstellung zu einer Reduzierung der Aufnahme führen und damit die Leistung der Tiere vermindert werden. Generell erlaubt es die moderne Futter-Versorgung den Tieren nicht, ihre Nahrung groß auszuwählen, da diese zumeist streng nach wissenschaftlichen Standards auf die bestimmten Anforderungen der Tiere abgestimmt ist. Hier können Aromen die Akzeptanz erleichtern.

Appetit: Das dürfte der eine oder andere auch von sich selbst kennen. Wenn es in der Küche – oder wahlweise auch dem Restaurant – besonders gut riecht, läuft einem schon mal sprichwörtlich "das Wasser im Mund zusammen". Genau diesen Effekt gibt es auch bei Tieren. Wird der Appetit angeregt, werden auch verstärkt Verdaungssäfte (Speichel, Galle, Enzyme) produziert, die nachher die Aufnahme und Verwertung des Futter verbessern. 

Geschmackliche Vorlieben

Geborene Kälber erhalten zuerst ihre Kolostralmilch, um ihr Immunsystem aufzubauen. Die danach folgende Milch ist allerdings dem Verbraucher vorbehalten, während die Kälber ein Milchaustausch-Produkt erhalten. Damit die jungen Kälber diesen Ersatz auch akzeptieren, wird mithilfe von Vanillin versucht, möglichst nah an den Geschmack der natürlichen Milch heranzukommen. Schon etwas ältere Kälber entdecken dann ihre Vorlieben für Süßes (Melasse und Süßstoffe).

Kommen wir jetzt aber mal zu den Schweinen, die in der Diskussion des öfteren erwähnt wurden. Nicht umsonst werden Schweine gerne als Allesfresser bezeichnet, sie mögen viele verschiedene Aromen – von fleischähnlich über käseähnlich bis zu Fruchtaromen. Um den Stress während des Absetzens möglichst gering zu halten, werden sie mit einem Futter versorgt, das ein süßes, milch-ähnliches Aroma besitzt. Die Gründe für das frühe Absetzen der Ferkel von der Sau sind einerseits ökonimischer Natur, andererseits wird so das Verdauungssystem schon früh an das "richtige" Futter der folgenden Aufzuchtphase gewöhnt. Damit die Ferkel nicht nur genügend futtern, sondern auch ausreichend trinken – Wassermangel ist ein weiterer Stressfaktor – wird das zur Verfügung stehende Wasser einfach mit Vanille- oder Frucht-Aroma versetzt. Stehen Kindheit und Jugend also ganz im Zeichen süßer Geschmäcker, ändert sich das bei älteren Schweinen, die eher würzige Kräuternoten bevorzugen.

Zurück zur oben erwähnten Diskussion und der Frage, ob Süßstoffe in der Ferkel-Mast eine Rolle spielen: nennt mich Erbsenzähler, aber diese Frage würde ich am liebsten mit "Jein!" beantworten. Natürlich ist es das Ziel der Aromen, dass die Tiere möglichst viel Futter aufnehmen, was der Gewichtszunahme zuträglich ist. Aber das gleiche Ziel einer möglichst hohen Futteraufnahme und einer damit verbundenen guten körperlichen Entwicklung wird auch bei Milchrindern, Mastrindern oder Geflügel verfolgt.

Ich denke, in diesem Überblick über die Gründe für den Einsatz von Aromen in Futtermitteln ist trotz des recht groben Überblicks deutlich geworden, dass Süßstoff nicht unmittelbar mit der eigentlichen Mast zu tun hat. Es fördert wie alle anderen Aromen die Futteraufnahme dadurch, dass es den Tieren gut schmeckt und pysiologische Verdauungsprozesse in Gang setzt.

 


Quelle: Unterlagen, Buch: Futtermittelzusatzstoffe – Technologie und Anwendung (Herausgeber: Horst-Christoph Pape), Seite 163-170

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ferkelumstellung

    Ferkelumstellung: Das Wort habe ich gerade so erfunden

    Ja, das kann sein. Wenn ich bei google danach suche, kommt nicht viel, aber Du bist ganz oben dabei.

  2. @Martin: Milch

    zum ersten Kommentar: Danke, musste sehr lachen…

    zu Deiner Frage: die Kolostralmilch oder auch Biestmilch ist für den ersten Aufbau des Immunsystems bei Kälbern wichtig. Dadurch ist das junge Tier für die nächste Zeit vor Angriffen der Außenwelt geschützt.
    Kolostralmilch ist deutlich dunkler als normale Milch und enthält Immunglobuline. Bei Kühen muss diese erste Phase abgewartet werden, bevor dann die normale Milch gemolken werden kann.

  3. Fast, die Kolostralmilch wird wie die „Konsum-Milch“ von der Kuh produziert und dann auch genau so ohne Veränderungen oder Zusätze dem Kalb gegeben. Entweder das Kalb saugt selbst oder die Kolostralmilch wird gemolken und dann dem Kalb verabreicht.
    Erst danach wird das Kalb mit einem Milch-Austauscher versorgt, dessen Geschmack möglichst nah an dem der Milch ist und wir Verbraucher erhalten die Milch.

  4. @Martin Huhn

    Nein so wie ich dsa jetzt verstanden hab ist es die Milch die die Kuhmutter in den ersten Wochen nach der Geburt produziert, wie auch alle andere Muttermilch enthält diese Milch zu Beginn viele Antikörper (Immunglobuline). Später ändert sich bei der Mutter die Zusammensetzung und diese Milch trinken wir dann.

  5. Lesermithilfe

    Liebe Christina,

    es freut mich immer sehr, wenn Leserinnen und Leser sich untereinander helfen. Und ja, genau so war es gemeint. In diesem Sinne vielen Dank für Deinen Kommentar!

  6. @ Stacke

    Nach dem ersten Lesen von Sörens Beitrag habe ich mir gedacht, daß das eine besondere Milch im Anfang der Stillzeit sein könnte. Aber im Kommentar von Sören hörte es sich für mich anders an. Wahrscheinlich habe ich es nicht sofort geblickt, weil ich mich mit Stillen und Muttermilch nicht so gut auskenne.

    Tagesziel erreicht! Heute wieder was neues gelernt. Kolossalmilch. 😉

  7. Aroma- und appetitanregender Stoff

    Interessanter Beitrag! Leider schreiben Sie zum Schluss: „Ich denke, in diesem Überblick über die Gründe für den Einsatz von Aromen in Futtermitteln ist trotz des recht groben Überblicks deutlich geworden, dass Süßstoff nicht unmittelbar mit der eigentlichen Mast zu tun hat. …“

    Da muss ich widersprechen.“Saccharin ist laut der Futtermittelverordnung als „Aroma- und appetitanregender Stoff“ bei der Aufzucht von Ferkeln zugelassen“.
    Quelle:
    http://www.stern.de/…ick-machen-kann-610512.html

    Auch Menschen die abnehmen wollen müssen da aufpassen:
    http://www.focus.de/…s/saccharin_aid_237181.html

  8. Süßstoff als Hilfe

    Liebe Mona,

    mir war das durchaus bewusst, deshalb habe ich ja auch geschrieben, dass ich die Frage nach der Rolle für die Mast mit Jein beantworte. Die Süßstoffe dienen der erhöhten Futteraufnahme, da in diesem Futter eben all jene Stoffe enthalten sind, die ein Tier für ein gutes Wachstum benötigt und dadurch befördern sie die Zunahme an Gewicht. Inwieweit die Süßstoffe auch an sich für eine Zunahme verstnwortlich sind, müsste ich vielleicht noch mal genauer nachsehen. Dieser Beitrag war etwas ungeplant^^
    Vielleicht findet sich ja auch noch ein Leser, der genaueres weiß.

  9. Zum Stichwort „Kolostrum bzw. Kolostralmilch weiß die Wikipedia:

    Das Kolostrum (lat. colostrum, auch Colostrum) ist die Erstmilch für Säugetiere, die von der weiblichen Milchdrüse produziert wird, um das Neugeborene in den ersten Tagen optimal zu ernähren. […] Menschliche Vormilch: Aufgrund seines hohen Eiweißgehaltes ist das Kolostrum etwas schleimig, dickflüssig und von gelblicher Farbe, manchmal auch mit Blut versetzt. Es wird dem Neugeborenen direkt nach der Geburt zur Verfügung gestellt und ändert beim Menschen innerhalb der nächsten 18 bis 36 Stunden seine Zusammensetzung, bis nach etwa fünf Tagen die „normale“ Milch erzeugt wird.

    Wer Kind(er) hat und die gestillt hat, kennt das.

    Zur Frage, wie die Diskussion zwischen Dir, mir, @pulegon und @Esowatchcom aufkam: In der ARD kam ein Beitrag über Lebensmittel, und über Süßstoffe wurde geurteilt (Gedächtnisprotokoll):

    Süßstoffe werden in der Scheinemast eingesetzt, damit diese schnell viel Fett ansetzen, daher sind sie ungesund.

    Das ist nunmal halb wahr, halb falsch. Es mag sein, dass Süßstoffe den Stoffwechsel beeinflussen und letztlich eine Gewichtszunahme sogar begünstigen, wie ein kurzer Blick in Pubmed nahelegt.

    Trotzdem wird, wie du oben ja sehr schön ausführst, den Futtermitteln nicht massiv Süßstoff zugesetzt, damit Tiere schnell ansetzen. Vielmehr spielt das Zeug eine Rolle bei der Umgewöhnung. Insofern ist der viel genannte Zusammenhang „damit werden Schweine gemästet -> wer das isst, wird fett, wie ein Mastschwein“ schon ziemlich irreführend, auch wenn die Futterumstellung natürlich im Rahmen der Mast geschieht, die ja Fleischproduktion bedeutet.

    In der menschlichen Ernährung spielt ja auch so etwa wie das kariogene Potenzial von Lebensmitteln eine Rolle, Stichwort „Zahnfreundlichkeit“.

    Ich muss im Übrigen zugeben, dass ich den Stand der Forschung unterschätzt habe. Süßstoffe werden in der Tat inzwischen mit Gewichtszunahme verbunden. So paradox, wie das klingt, scheint das ein vorwiegend neurologischen Phänomen zu sein: Der Körper erwartet Zucker, baut Blutglucose ab, und man bekommt wieder Hunger und frisst dann umso mehr. Ähnliche Probleme scheint es auch mit dem High Fructose Corn Syrup zu geben, der vor allem in den USA in Cola und Co reinkommt. Auch die Fructose wird mit Gewichtszunahme verbunden, obwohl das Thema zugegebenermaßen da ziemlich kompliziert zu sein scheint

    Interessant wäre in dem Zusammenhang, wie stark der Effekt von moderatem Einsatz von Zuckerersatzstoffen in einer normalen menschlichen Ernährung nun wirklich ist … Sicher scheinen sie auf jeden Fall zu sein, sagt das BfR.

    Im Übrigen können Schweine nur Saccharin schmecken, Aspartam und andere sollen nicht schmeckbar sein, wegen der vom Menschen so verschiedenen Physiologie.

    Und noch ein Übrgens: Glycyrrhizin, also Lakritze, ist ebenfalls ein (natürlicher) Süßstoff und ist 50 mal süßer als Haushaltszucker. Daneben ist es aber noch antimikrobiell und hämolytisch.

    (Manchmal bin ich ja froh, dass so viel nicht in einen Tweet passt ;))

  10. .. und manchmal bin ich nicht so froh, alles mögliche an Halbwissen kurz vor dem Zubettgehen noch schnellschnell in deine Kommentare zu kippen.

    Vieles von dem, was ich da oben geschrieben habe, ist Quatsch. Udo Pollmer hat dazu mal was geschrieben, da wird dann auch Literatur verlinkt, die belegt, dass andere Süßstoffe als Saccharin auch bei Schweinen „süß“ schmecken:
    http://www.das-eule.de/…_aktuelle_themen_-5.html

    Sorry für die Ladung Halbwissen da oben also.

  11. @Martin: Kommentare

    Moin Martin!
    Das scheint Dich ja letzte Nacht noch umgetrieben zu haben. Ich lasse den Kommentar trotzdem so stehen, da der erste Teil den Hintergrund erklärt, der letztlich den Anstoß zu diesem Artikel gegeben hat.
    Zu den genauen Auswirkungen wie Gewichtszunahme durch Süßstoff kann ja vielleicht mal jemand von uns hier einen Beitrag schreiben.

  12. Thanks for the shared excerpt. I really appreciate your hard efforts on such a share. Just do not forget to keep it up, and I’ll surely visit your blog again!

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