Temple Grandin – ein Rockstar im Kuhstall

Es stimmt mich immer ein wenig nachdenklich, wenn ich sehe, wer heute so alles prominent bzw. bekannt ist. Nicht wenige glänzen da eigentlich nur durch ihre pure Existenz, während die Zeit nach der Geburt nicht weiter erwähnenswert ist. Dabei gibt es durchaus Menschen, die etwas geleistet haben, was sich in gewisser Weise auf unser aller Alltag auswirkt, ohne dass sie es an die große Glocke hängen. Eine dieser Menschen ist Temple Grandin – in den USA unter Fachleuten fast schon gefeiert wie ein Rockstar.

The woman who thinks like a cow – in der ersten Szene sieht man wie eine Frau über einen Zaun klettert und auf eine Herde Rinder zugeht. Plötzlich legt sie sich in einfach in die Mitte der umstehenden Tiere, die sichtlich überrascht sind. Aus dem Off erklärt die Frau, dass die Tiere hin- und hergerissen sind zwischen Angst und Neugier. Sie wollen eigentlich ganz nah ran, trauen sich aber nicht. Schließlich überwinden sie sich doch, aber nur solange sich diese merkwürdige Person nicht bewegt. Mir war nicht auf Anhieb klar, um wen es sich bei dieser Peron handelte, also verschaffte ich mir erstmal per Suchmaschine einen kleinen Überblick. Dr. Temple Grandin ist Professorin für Tierwissenschaften an der Colorado State University und bekannt geworden durch ihre Anlagen, die sie für die Tierhaltung in der Landwirtschaft entworfen hat. Ich könnte hier jetzt einen ganze Roman über ihr wissenschaftliches Wirken schreiben, was ich auch sicherlich noch tun werde. Jetzt möchte ich aber erstmal auf die Person Temple Grandin eingehen.

Temple Grandin ist keineswegs eine normale Wissenschaftlern, wobei die Bezeichnung "normal" immer eine gewisse Grat-Wanderung darstellt. Sie ist Autistin. Bis zum Alter von drei Jahren konnte sie nicht sprechen. Für sie war das Erlernen der Muttersprache wohl vergleichbar mit dem Erlernen einer Fremdsprache für uns. Davon merkt man in Vorträgen allerdings nichts. Neben der älltäglichen Kommunikation und dem Halten vieler Vorträge sind auch Wortwitze kein Problem. Das liest sich zuerst sicher etwas merkwürdig, allerdings darf man nicht vergessen, dass zwischen-menschliche Beziehungen für sie eine große Herausforderung sind. Im Gegensatz zu Nicht-Autisten kann sie mit Gefühlen wie Liebe nichts anfangen. In einer der Szenen der Reportage sagt sie das auch sehr direkt. Schaut sie sich zum Beispiel einen Film an, dann meistens so etwas wie Wallace and Gromit. Liebesfilme oder eben solche, in denen es um menschliche Beziehungen geht, langweilen sie. Es ihren engagierten Eltern zu verdanken, dass sie uns jetzt mit ihren Ideen und spannenden Blickwinkeln beglücken kann. Die haben sie nämlich unentwegt gefördert, sie auf Privat-Schulen geschickt und so die Grundsteine für die Zukunft gelegt. Dabei war es gar nicht mal Grandins großes Ziel, so durchzustarten. Allerdings haben Besuche auf dem Hof ihrer Tante großen Eindruck hinterlassen. Dort konnte sie sich mit den Tieren beschäftigen, sie beobachten und erste Schlüsse ziehen. Später folgte dann ein Studium der Tierwissenschaften. Die Kombination aus ihren Fähigkeiten als Autistin und dem nun vorhandenen wissenschaftlichen Hintergrund hat den Weg geebnet für eine andere Begabung – das Verstehen von Tieren auf eine Art und Weise, wie es sie vorher noch nicht gegeben hat.  

Ihre damals neuartigen Ideen, umgesetzt in Haltungssystemen für landwirtschaftliche Betriebe und Schlachthöfe, beruhen auf für uns geradezu marginalen Details, die dann aber bei genauerer Betrachtung eine große Wirkung haben. Dazu wird es dann einen weiteren Artikel geben, der im Übrigen schon fast fertig ist…

Wer sich ebenfalls für die Lebens-Geschichte Temple Grandins interessiert, dem lege ich die Reportage auf youtube ans Herz:

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Was mich sehr gefreut hat, war der Hinweis auf ihrer Homepage grandin.com, dass alle dort veröffentlichten Inhalte frei verwendet werden dürfen, solange Temple Grandin entsprechend gewürdigt wird. Sicher hätte ich das jetzt auch mit "solange die Quelle erwähnt wird" übersetzen können. Wollte ich aber nicht.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kinofilm

    Hallo Michael,

    vielen Dank für den Link, ich bin auf youtube über ihren Kanal gestolpert. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, ist dieses Jahr auch ein Film über sie erschienen, allerdings mehr über ihr Leben von Kindheit an. Das mag die erhöhte Aufmerksamkeit erklären…

  2. Tierhaltung und -schlachtung

    Mich würden die marginalen Details, di sie an den Schlachthöfen verbessert hat brennend interessieren, denn dazu findet man beim recherchieren recht wenig. Bin also sehr gespannt auf den angekündigten Folgeartikel!

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