Landwirtschaft und Ethik – ein Oxymoron?

Mal ehrlich: Landwirte haben ein Image-Problem. Entweder sie werden als naive Schäfchenstreichler bei ihren etwas verstockten Versuchen sich dem anderen geschlecht zu nähern zur Belustigung eines Millionen-Publikums im Fernsehen vorgeführt oder die Verantwortungslosen unter ihnen schaffen es mal wieder in die Schlagzeilen und dem geschockten Verbraucher bleibt seine 10er-Packung Grillwürstchen für 67 Cent kurzzeitig im Halse stecken, sieht er doch auf einmal, was er da unterstützt. Aber spätestens nach dem einen oder anderen Sixpack Bier ist das wieder vergessen. Und dann wird aus allen Rohren gefeuert. Der böse Mensch und die armen Tiere. Landwirtschaft und Ethik: ein Oxymoron? Natürlich nicht. Schwarze Schafe gibt es überall. Sehr wohl gibt es aber ein Wahrnehmungs-Problem, das sich dann sehr leicht manifestiert. Wie man sich dem ethischen Aspekt der Tierhaltung nähern kann, das möchte ich hier ein wenig anhand einer Broschüre des Fördervereins nachhaltiger Landwirtschaft erläutern (PDF)

Orientierungspunkte in der Tierhaltung

Fleischleistung, Milchleistung oder Legeleistung haben etwas gemeinsam: sie spielen zum einen eine große Rolle in der Landwirtschaft, zum anderen kann man sie ganz einfach messen durch Wiegen oder Zählen. Aber wie misst man Ethik? In den 1990er Jahren wurden in Großbritannien hierfür 5 Freiheiten beschrieben, denen zufolge ein Tier 

(1) weder unter Hunger, Durst, Fehlernährung

(2) Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten

noch unter

(3) Angst und Stress

oder

(4) Unbehagen

leiden sollte.

(5) Außerdem sollte es dem Tier möglich sein, seine natürlichen Verhaltensweisen auszuleben.

Die Diskussion darüber, was denn nun ethisch vertretbar sei und was nicht, wird gemeinhin emotional geführt. Ich nehme mich persönlich da keineswegs aus. Das Problem ist nur, dass Emotionen keine Probleme lösen. Dazu braucht es einen kühlen Kopf. Und ein Ethisches Bewertungsmodell zur Tierhaltung, entwickelt am Institut Technik Theologie Naturwissenschaften (TTN) in München, das sich in der oben verlinken PDF-Broschüre auf Seite 8 befindet. Daneben gibt es aber auch noch einige Fragen, die dabei helfen, einer einigermaßen rationalen ethischen Bewertung in der Tierhaltung näher zu kommen. Zuerst sollte natürlich festgelegt werden, was untersucht werden soll. Danach gilt es die rechtliche Frage zu klären. Ist es dem Landwirt erläubt eine bestimmte Technik oder Haltungsmethode zu nutzen? Die dritte Frage bezieht sich auf die oben bereits genannten 5 Freiheiten. Inwieweit wird das Wohlbefinden der Tiere beeinflusst? Um diese Frage beantworten zu können, muss man natürlich jene Bedingungen kennen, die ein Tier benötigt, um sich optimal entwickeln zu können. Ein Beispiel: Truthühner reagieren sehr empfindlich auf Transporte, laute Geräusche wie Blitz und Donner oder permanten Wechsel der sie betreuenden Menschen, was sich dann zB. in schlechteren Mastleistungen niederschlägt. Damit wären wir dann auch schon bei der nächsten Frage unserer Checkliste nach der Belastungsgrenze des einzelnen Tieres. Sollte dabei massiv in eine der 5 Freiheiten eingegriffen werden, muss die Technik oder das Verfahren fallengelassen werden. Weiter geht es mit der Nutzen-Frage: dient eine Neuerung nur dem Landwirt oder auch den Tieren oder belastet sie die Tiere gar?

Auch wenn es bis zu diesem Punkt keine Beanstandungen gibt, sollten mögliche Alternativen nicht vergessen werden, die womöglich noch besser sind. Sei es nun, dass sie effektiver sind oder dem Tier noch mehr Leid ersparen können als die momentane Lösung.

Es geht doch nur ums Geld

Die Aussagen zur Ökonomie fand ich dabei sehr interessant. "Die wollen doch alle nur Geld verdienen". Das ist ein oft gelesener Ausspruch, meist vorwurfsvoll gemeint, wenn mal wieder ein Skandal in der Tierhaltung die Runde macht. Dabei ist alles noch viel schlimmer. Landwirte wollen nicht nur Geld verdienen, sie müssen. Genau wie andere im Büro sitzen, verdienen Landwirte Geld mit angebauten Lebensmitteln oder eben aufgezogenen Tieren bzw. deren Erzeugnissen. Natürlich macht es einen Unterschied, ob man nun als Bürohengst Kugelschreiber zerbeißt und Papier transportiert oder eben als Landwirt mit Tieren arbeitet. Natürlich sollte das Argument der Ökonomie nie als Verteidigung von Tierquälerei gelten. Kann sich aber ein Landwirt neue Maschinen oder Stall-Komponenten – die das Leben der Tiere verbessern würden – ncht leisten und gleichzeitig darauf hinweisen, dass es seinen Tieren auch jetzt gut geht, so kann er das Argument durchaus nutzen. 

Und zum Schluss noch ein Dankeschön für das Finden der Broschüre an Andrea Juchem. 

Veröffentlicht von

Gestatten: Sören Schewe, Wissenschaftsblogger. Gut, das sind hier alle bei den Scilogs. Aber nicht alle bloggen über Tiere und was alles damit zu tun hat. Ich auch nicht. Eigentlich möchte ich hier über jene Tiere schreiben, die man gut ohne Hilfsmittel sehen kann. Das mit der Sehfähigkeit beginnt bei mir momentan noch bei Milben. Aber die meine ich eigentlich nicht. Viel spannender finde ich Tierparks und landwirtschaftliche Betriebe. Und genau darum soll es hier gehen: das soll sozusagen ein Zoo- und Agrarblog sein mit allem, was mich sonst noch interessiert. Wenn ich gerade mal nicht hier blogge, schreibe ich auch Gastbeiträge für den Bauernblog. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen Leser, wie ich zu dem Namen des Blogs gekommen bin. Nun, das ist schnell getan. Ich bin ein großer Fan Hunter S. Thompsons. Ich liebe seine Artikel einfach. Mit der Mischung aus messerscharfen, streng subjektiven und teils auch vulgären Analysen zum damaligen Zeitgeschehen finde ich seine Arbeiten auch heute noch unwiderstehlich. Gastblog: http://bauernblog.de/ --

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wichtig

    Ein sehr wichtiges Thema über das sich jeder Mensch der Nahrungsmittel konsumiert Gedanken machen muss (außer vielleicht vegan lebende Menschen, die haben sich ja schon dafür entschieden, dass was für sie ethischer Umgang mit Tieren bedeutet und handeln entsprechend).

    Leider denken die wenigsten darüber nach, was Billigstangebote an Fleisch oder Milch oder anderen tierischen Produkten nach sich ziehen, und dass bewusster Konsum ein ganz entscheidender Dreh- und Angelpunkt ist.

    Es liegt in der Hand jedes einzelnen die Dinge zum besseren zu wenden, nicht nur in der Hand der Landwirte.

  2. Ethik nicht nur schwammig

    Liebe Andrea,

    danke für Deinen Kommentar. Mir war hier besonders wichtig zu zeigen, dass Ethik eben kein schwammiger Begriff ist, mit dem man irgendwie etwas begründet, sondern dass man durchaus anhand bestimmter Orientierungspunkte ziemlich präzise (also auch medizinisch) vorgehen kann.

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