Kaninchen in der Mast

Simultan, effektiv und die Vermehrung funktioniert nahezu plötzlich. Kürzlich erschien im Journal Animal Frontiers Grundlegendes zur Mast von Kaninchen – einem, im Vergleich zu Rind, Schwein und Geflügel, eher jungen Bereich der Produktion. Danke an Lederstrumpf für den Hinweis und Gruß an @tp_1024, der sich dafür interessierte.

Die Geschichte des Kaninchens als Fleisch-Lieferant ist – gerade im Hinblick auf die Intensivmast, sprich: Haltung im großen Stil – noch keine besonders lange. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts dienten Kaninchen eher der Eigenversorgung, wenn sie nicht schon zuvor als leckere Mahlzeit für Raubtiere endeten oder aufgrund ihrer miesen Haltungsbedingungen starben. Erst das Aufkommen entsprechender Anlagen in den 1970er Jahren mit einhergehenden Hygiene-Standards und deutliche Fortschritte in der Praxis der künstlichen Befruchtung stellten die Weichen für jene Produktion, über die wir heute sprechen.

Die Kaninchen werden dabei in Gruppenhaltung in Käfigen gemästet. Wie das alles auszusehen hat, ist in der EU-Richtlinie 98/58/EC geregelt, in Deutschland greift hier die Tierschutznutztierhaltungs-Verordnung. Das funktioniert allerdings nur in diesem jungen Alter, erwachsene Tiere entwickeln Territorial-Verhalten und gingen sich in der Gruppe mächtig gegenseitig auf die Nüsse. Sie werden einzeln gehalten. Wichtig ist hier, dass alles von der Geburt bis zur Mast in einem Betrieb – in einem geschlossenen Kreislauf – stattfindet.

Das Interesse bzw. die große globale Verbreitung der Kaninchenmast verwundert nicht (1), verfügen diese Tiere doch über zwei wichtige Eigenschaften:

  • ihre Fruchtbarkeit ist beeindruckend
  • ihre Effizienz bei der Umwandlung von Futter in Fleisch ist ebenfalls ziemlich gut (2)

Management

Natürlich ist nicht nur die Konstitution des Kaninchens effizient, auch das Drumherum überlässt nichts dem Zufall. Kaninchen haben mit 32 Tagen einen sehr kurzen Zyklus und können daher 40-60 neue Kaninchen pro Jahr zur Welt bringen, wobei ein Wurf 8-12 Tiere umfasst. Um das Überleben möglichst vieler Tiere zu gewährleisten, werden e einzelne Tiere so verteilt, dass keine Mutter mehr als 8 oder 9 Kleine zu versorgen hat.

Wenig überraschend werden die Tiere auch automatisiert über Fütterungsanlagen versorgt. Die Rezeptur beinhaltet Alfalfa (Luzerne, gehört zu den Hülsenfrüchtlern), Cerealien, Proteine, Vitamine und Mineralien. Damit auch jedes Tier das Gleiche bekommt und frisst, werden die Tiere mit Pellets gefüttert. Kaninchenhalter kennen das auch aus dem Haustierbereich.

Wenn alles wie geplant geklappt hat, werden die Mastkaninchen dann im Alter zwischen 9 und 13 Wochen geschlachtet, wobei der genaue Zeitpunkt natürlich wie alles andere nicht dem Zufall überlassen wird. In diesem Fall bestimmt kein Geringerer als der Markt, welches Gewicht und welche Größe sowie Qualität gewünscht werden. Das Schlachtgewicht liegt dann bei 2-2,6kg oder höher.

Kaninchen und Käfige

Fernseh-Szenen, die Kaninchen in ihren Käfigen zeigten, waren tatsächlich das einzige, was ich mit diesen Tieren aus landwirtschaftlicher Sicht assoziierte. Kein hübscher Anblick. Zur Haltung zitiert die Autorin eins von mehreren Papern, hier von Matics et al. aus 2004. Dem Paper zufolge habe man den Kaninchen Käfige in verschiedenen Größen angeboten mit dem Ergebnis, dass die Tiere mehrheitlich die Kleineren wählten, auch wenn die Besatzdichte dann höher war. Die grundsätzliche Feststellung, dass Kaninchen keine Freunde großer freier Flächen sind, ist jetzt nur so mittel überraschend. Aus dem gleichen Grund brauchen auch Hühner im Freilad viele Büsche oder Unterstände – zum Schutz vor Greifvögeln.

Mast statt Haustier?

Bliebe noch die Frage nach der Relevanz des Kaninchens als Fleischlieferant. Im Paper ist von nur geringem Wettbewerb um Nahrungsmittel die Rede. Der Grund ist die schon erwähnte Luzerne, welche einen großen Anteil in den Rationen ausmacht und weltweit als Viehfutter und zur Bodenverbesserung angebaut wird (Hülsenfrüchtler binden Stickstoff im Boden). Das macht Kaninchen natürlich überall dort ökonomisch interessant, wo Getreide importiert werden muss. Antonella Dalle Zotte, die Autorin des Grundlagen-Papers, spricht hier von einer wachsenden Relevanz für Kleinbauern in einigen Ländern Afrikas. Wie das angesichts der Herausforderungen an das Management dort funktionieren soll, dazu konnte sie allerdings nichts zitieren.

Natürlich gibt es auch – oder meiner Wahrnehmung nach gerade – in diesem Bereich viele Diskussionen um Tierschutz, Tierwohl sowie Auflagen. Diese Aspekte habe ich jetzt mal weggelassen. Betrachtet das hier also als Grundlagen-Artkel.


Anmerkungen

  • (1) Zahlenfüchse hier? Bitteschön:

Today the rabbit is reared systematically on a vast scale, with global rabbit meat production reaching 1.8 million metric tonnes a year. Such production is, in decreasing order, concentrated in Asia (48.8%), Europe (28.4%), Americas (18.1%), and Africa (4.7%; Figure 2; FAOSTAT,
2012). China is the major rabbit meat producer (735,021 tonnes/year), mainly for the purpose of export, followed by Italy, Spain, Egypt, and France (262,436; 67,775; 56,338; and 52,955 tonnes/year, respectively; FAOSTAT, 2012). In Italy, rabbit farming is the fourth leading zootechni- cal sector, accounting for 9% of the gross domestic product. About 100 million animals are slaughtered each year, and annual consumption is 2.3 kg per capita (averaging commercial and rural estimates).

  • (2) Etwas verwunderlich: als Vergleich werden Rind, Schwein und Schaf genannt, dabei ist gerade das Geflügel hier ziemlich weit vorne.

Reference

Rabbit farming for meat purposes

Antonella Dalle Zotte

Department ofAnimal Medicine, Production and Health. University of Padova, Viale dell’Università 16, 35020 Legnaro (PD) Italy

doi:10.2527/af.2014-0035

Veröffentlicht von

Gestatten: Sören Schewe, Wissenschaftsblogger. Gut, das sind hier alle bei den Scilogs. Aber nicht alle bloggen über Tiere und was alles damit zu tun hat. Ich auch nicht. Eigentlich möchte ich hier über jene Tiere schreiben, die man gut ohne Hilfsmittel sehen kann. Das mit der Sehfähigkeit beginnt bei mir momentan noch bei Milben. Aber die meine ich eigentlich nicht. Viel spannender finde ich Tierparks und landwirtschaftliche Betriebe. Und genau darum soll es hier gehen: das soll sozusagen ein Zoo- und Agrarblog sein mit allem, was mich sonst noch interessiert. Wenn ich gerade mal nicht hier blogge, schreibe ich auch Gastbeiträge für den Bauernblog. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen Leser, wie ich zu dem Namen des Blogs gekommen bin. Nun, das ist schnell getan. Ich bin ein großer Fan Hunter S. Thompsons. Ich liebe seine Artikel einfach. Mit der Mischung aus messerscharfen, streng subjektiven und teils auch vulgären Analysen zum damaligen Zeitgeschehen finde ich seine Arbeiten auch heute noch unwiderstehlich. Gastblog: http://bauernblog.de/ --

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Erstmal vielen Dank an unseren roten Knorpelfisch. 🙂

    Eine kurze Diskussion auf Twitter über die Kaninchen am Kaninchenzaun in Australien führte verleitete mich zur Suche nach einem Video auf Youtube, weil ich mich an Bilder von Gruppen von Kaninchen in freier Wildbahn erinnerte. Der eine oder andere wird ahnen, was dann kam.

    Zuerst einmal den Zaun betreffend:
    https://www.youtube.com/watch?v=pgPhn4tYxJQ

    Es stellte sich heraus, dass die Gruppen von Kaninchen junge Kaninchen sind, die von älteren Artgenossen vertrieben wurden. Dieses Video führte nahtlos zu der Dokumentation „The Rabbit in Australia“ (1979), die auch weniger ungewöhnliche Lebensumstände der Kaninchen zeigt:
    https://www.youtube.com/watch?v=LT0d990lauE

    Woraufhin ich in der Suchleiste einen „Lehrfilm“ (eher Werbematerial) aus Kenia (Ostafrika) fand, der die Haltebedingungen sehr gut zeigt, auch wenn die Ställe offensichtlich brandneu sind (die Interviewte Kaninchenhalterin war selbst erst 2 Monate im Geschäft): https://www.youtube.com/watch?v=SkRe1TmJ8mM

    Ganz ähnliches findet man auch in Ghana (Westafrika), wo auch überdachte Ställe in einem Gebäude gezeigt werden: https://www.youtube.com/watch?v=97yMFdEH86w

    Ein Film aus Indien zeigt noch die realistischsten Bedingungen, auch wenn es sich hier um einen Preisträger handelt – in anderen Betrieben dürften die Bedingungen leider schlechter sein: https://www.youtube.com/watch?v=g1Jgrqmk0Ns

    Und zuletzt noch ein Film aus einer Kaninchenfarm in New York: https://www.youtube.com/watch?v=97yMFdEH86w

    • Grüß Dich,

      gerne und danke für die vielen Videos. Bei Rindern hätte ich Dir jetzt eine Einschätzung gegeben, was gut oder schlecht ist, das kann ich hier bei Kaninchen aber noch nicht. Aber ich werde mir die Videos natürlich ansehen 😉

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