Geantwortet: Offener Brief an Colin Goldner

Vor kurzem hatte ich einen Artikel beim Humanistischen Pressedienst veröffentlicht und mich dort ziemlich deutlich für die Notwendigkeit von Zoos ausgesprochen. Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Colin Goldner hat es sich nicht nehmen lassen, seine Argumente zu diesem Thema ebenfalls darzulegen. Damit habe ich in gewisser Weise gerechnet und formuliere hier nun meine Antwort in Form eines offenen Briefes:

Sehr geehrter Herr Goldner,

ich stimme Ihnen zu. Obwohl es in den heutigen Zoos viele interessante Info-Tafeln zu den verschiedenen Tieren gibt, werden die nicht automatisch von allen Besuchern aufmerksam gelesen. Von einigen aber doch, weshalb diese Tafeln und auch Flyer richtig und wichtig sind. Sie greifen die Haltung der Tiere auf. Selbstverständlich ist diese nicht mit den heimischen Lebensräumen auf diesem Planeten zu vergleichen. Wie auch? Deshalb habe ich in meinem Plädoyer auch die vier nördlichen Breitmaulnashörner angeführt, die jetzt in einem kenianischen Reservat leben. Denn obwohl sie ihre eigentliche Heimat nie gesehen und erlebt haben (Sudan wird sich daran vermutlich nicht mehr erinnern können), fühlen sie sich doch hier am wohlsten, was sich auch gleich in einem erhöhten sexuellen Interesse der Tiere widerspiegelte.
Spannend wird es gegen Ende Ihrer (zitierten) Replik. Dort ist zu lesen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Verbesserung der Zootierhaltung ohne diese nicht nötig wären. Natürlich nicht! Ohne Autos bräuchten wir auch keine Straßenverkehrsordnung oder Kfz-Mechaniker. Und der letzte Absatz hat mich dann wirklich zum Staunen gebracht. Ich zitiere mal kurz: Bei näherem Hinsehen bleibt von den Argumenten der Zoobefürworter nicht viel übrig, Grund genug, um die Existenzberechtigung von Zoos in Frage zu stellen und Konzepte für die Zukunft zu entwickeln…

Wir brauchen unter den derzeitigen Umständen keine Zoo-Debatte

Auch hier haben Sie vollkommen Recht. Es braucht tatsächlich neue Konzepte. Und die werden auch kommen, da bin ich mir ziemlich sicher. Nur wer liefert das Know-How, Grundlagen, Erfahrungen? Die Post? Oder sind es doch eher Zoologen, Tiermediziner und Pfleger? Acht verbliebene nördliche Breitmaulnashörner haben keine Zukunft mehr, in die man irgendwelche ominösen Hoffnungen projizieren könnte – genauso wenig übrigens wie all die anderen Nashorn-Arten auf diesem Planeten. Und auch Sabah-Nashorn, Orang-Utan, Nashorn-Vogel und Co. erleben die tägliche Vernichtung ihres Lebensraumes. Womit wir endlich zum eigentlichen Punkt kommen: es geht hier doch gar nicht um eine Zoo-Debatte, Herr Goldner. Ebenso wenig sollte es um eine Tierrechts-Debatte gehen. Ich muss keineswegs ein flammender Zoo-Befürworter sein, um zu wissen, dass wir keine Zeit mehr haben für großartige Projekt-Planungen, während 2010 auf dem afrikanischen Kontinent so viele Nashörner gejagt wurden wie noch nie zuvor. Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber ich möchte nicht in äußerst absehbarer Zeit hier im Blog darüber berichten müssen, dass wir irgendeine Nashorn-Art für immer verloren haben, weil irgendwelche dekadenten Einfaltspinsel mit dicker Geldbörse die Nachfrage nach dem Horn der Nashörner hochhalten, um sich dann depperten Dekorations-Dummfug ins Wohnzimmer zu stellen. Derweil wachsen und gedeihen in Indonesien die Palmöl-Plantagen, damit wir hier Biosprit tanken können, bejubelt von Politikern, die in der 7. Klasse Biologie beim Thema Ökosystem offensichtlich permanent Kreide holen mussten. Wussten Sie eigentlich, was Tiger und Nashörner gemeinsam haben? Auch der Tiger wird massiv bejagt und stellt wie die Nashörner eine Art Rohstoffquelle für die Traditionelle Chinesische Medizin dar. Und auch über dessen finales Ableben möchte ich hier nicht berichten müssen.

Deshalb brauchen wir Zoos und Reservate

Wissen Sie, Herr Goldner, was Sie und ich über Zoos denken, ist völlig irrelevant. Solange es einen florierenden Markt für "Rhino-Horn" gibt, viele weitere Tiere dieser Welt in ihren natürlichen Habitaten einer ungewissen Zukunft engegensehen und es auch von Ihrer Seite keine Alternativen gibt, braucht es Zoos und Reservate, denn sonst laufen wir Gefahr, dass wir in Zukunft womöglich zwar ganz tolle neue Konzepte zum bisher bekannten Zoo entwickelt haben, uns dann aber schlicht die zu rettenden Tiere fehlen, weil sie mittlerweile in freier Wildbahn gänzlich ausgerottet wurden. Und das wäre dann wirklich eine völlig unakzeptable Verschwendung von Geldern sowie wissenschaftlicher Erkenntnisse. Selbstverständlich werden derartige Projekte nicht nur Erfolge bringen, sondern auch scheitern. Dass diese unerfreuliche Möglichkeit besteht, sollte uns aber keineswegs dazu veranlassen die Hände in den Schoß zu legen und einfach mal auf die wie auch immer geartete Lösung in der Zukunft zu warten. Zum Glück passiert das auch gar nicht. Seit 2010 sind kompetente Fachleute des IZW und Leipziger Zoos damit beschäftigt, eine zoo-ähnliche Infrastruktur in Sabah aufzubauen. Woher haben die nur das dafür nötige Wissen? Richtig, aus Jahrzehnten wissenschaftlicher Forschung in Zoos. Darüber hinaus ist im Januar 2011 ein Projekt zur Wiederaufforstung des Lebensraumes gestartet. Also ich wünsche diesen Menschen viel Erfolg bei dieser Mission, sollen doch auch weitere Generationen über das Sabah-Nashorn, seinen Lebensraum und seine Mitbewohner erfahren – und damit meine ich nicht nur aus Büchern!

Übrigens: die vier nördlichen Breitmaulnashörner Sudan, Suni, Najin und Fatu waren nicht nur in Tschechien eingesperrt, sondern sind es auch in Kenia und werden dort -. ebenso wie südliche Breitmaulnashörner, Spitzmaulnashörner, Elefanten, Hyänen und viele weitere Tiere – überwacht wie Schwerverbrecher. Und das nicht etwa, um mit ihnen ordentlich Profit zu erzielen, sondern um sie vor genau diesem zu schützen…

Wir brauchen Zoos, aber keine Zoo-Debatte. Vielmehr sollte es um eine Ergründung der Hintergründe gehen, denn Zoos und Reservate als letzte Refugien unserer Tierwelt wären eine Katastrophe und sind auch keineswegs das Ziel derer, die im Zoo arbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Sören Schewe


Begonnen hat alles mit meinem Plädoyer für Zoos, auf das eine Replik Goldners folgte.

Interessante Infos über die Arbeit von Zoos und Reservaten bietet zum Beispiel die Ol Pejeta Conservancy oder das Projekt WAZA. Hier gibt es noch eine PDF-Information des WWF über die Rolle der Zoos beim Artenschutz und just heute stieß ich noch auf die Geschichte des iberischen Luchses.

Und selbstverständlich dürfen hier keine Links zur Situation der Nashörner dieser Welt fehlen: hier der Artikel zur Jagd auf dem afrikanischen Kontinent und hier die Bemühungen um das Sabah-Nashorn und seinen Lebensraum

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Gestatten: Sören Schewe, Wissenschaftsblogger. Gut, das sind hier alle bei den Scilogs. Aber nicht alle bloggen über Tiere und was alles damit zu tun hat. Ich auch nicht. Eigentlich möchte ich hier über jene Tiere schreiben, die man gut ohne Hilfsmittel sehen kann. Das mit der Sehfähigkeit beginnt bei mir momentan noch bei Milben. Aber die meine ich eigentlich nicht. Viel spannender finde ich Tierparks und landwirtschaftliche Betriebe. Und genau darum soll es hier gehen: das soll sozusagen ein Zoo- und Agrarblog sein mit allem, was mich sonst noch interessiert. Wenn ich gerade mal nicht hier blogge, schreibe ich auch Gastbeiträge für den Bauernblog. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen Leser, wie ich zu dem Namen des Blogs gekommen bin. Nun, das ist schnell getan. Ich bin ein großer Fan Hunter S. Thompsons. Ich liebe seine Artikel einfach. Mit der Mischung aus messerscharfen, streng subjektiven und teils auch vulgären Analysen zum damaligen Zeitgeschehen finde ich seine Arbeiten auch heute noch unwiderstehlich. Gastblog: http://bauernblog.de/ --

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hier noch ein Link, der deutlich macht, dass die Bedrohung der Tiere noch auf sehr lange Zeit sehr real sein wird: http://news.yahoo.com/…p_on_bi_ge/rhino_poaching

    Ich war früher auch kein großer Freund von Zoos und mir wäre es auch heute lieber, wir lebten in einer Welt, in der alle notwendigen Lebensräume groß genug und geschützt genug wären, dass wir keine Arten extra schützen oder züchten müssten. Das würde natürlich auch Bedeuten, die Zahl der Menschen, die auf diesem Planeten so rumfahren, essen, wohnen und nicht zuletzt Sex haben wollen, drastisch zurückzufahren.

    Seit den Menagerien barocker Adliger und später reicher Bürger hat sich bei der Haltung exotischer Tiere doch einiges getan: Hagenbeck nahm die kleinen Käfige weg und richtete Freigehege mit natürlicher Anmutung ein, Grzimek nutzte seine Position in Frankfurt dazu, große Reservate zu unterstützen und Zuchtprogramme aufzulegen. Heute gibt es ein weltweites Netz zur Arterhaltung in Zoos, die Haltung in großzügigen Gehegen, die Bespaßung, damit die Tiere nicht durchdrehen, gehört zum Standard.

    Kinder in der ganzen Welt sehen die Artenvielfalt zuerst im Fernsehen, aber erleben sie dann im Zoo der nächsten Stadt. Das ist wichtig, denn nur so entsteht eine realistische Sicht und emotionale Bindung. Ich möchte nicht, dass zukünftige Generation Flipper, Clarence und Judy repräsentativ für Delphine, Löwen und Schimpansen sehen.

  2. Botschaft verstanden!

    Danke Dierk. Damit hast Du in Deinen Worten nochmal wiederholt, was ich aussagen wollte. Botschaft – oder besser das Problem – ist angekommen. Freut mich!

  3. Schöne Replik. In einer perfekten Welt gäbe es wohl keine Zoos – aber man bräuchte sie eben auch nicht.
    nd ergänzen möchte ich noch: Ohne Zoos wären viele Nicht-Zoo Projekte kaum finanziert werden. Zoos sorgen ja auch für Interesse – und für Sponsoren.

  4. Ja, genau swas: Genrell werben Zoos (oder schaffen ein Bewusstsein für) Umweltprojekte. Das können natürlich Reservate für Nashörner sein, aber auch Regenwaldprojekte u.ä. In einigen Zoos gibt es da auch spezielle Infos + Partnerschaften für. Aber auch wenns die nicht gibt: Wenn man nicht weiß, was man da eigentlich schützt, machts auch niemand.

  5. Einverstanden

    Hallo Peer,

    danke, dass Du das etwas präzisiert hast. Dem kann ich jetzt auch so zustimmen, wobei wir nicht unbedingt etwas kennen müssen, um dafür Empathie empfinden zu können. Ich muss zum Beispiel keinen Japaner persönlich kennen um zu wissen, dass die Situation dort momentan reichlich unschön ist und an eine dort aktive Hilfsorganisation spenden.
    Durchaus vergleichbar ist das mit den Tieren in Reservaten. Denn wer fährt schon mal eben nach Kenia?^^

  6. @ – Sören: Tolle Replik

    „Derweil wachsen und gedeihen in Indonesien die Palmöl-Plantagen, damit wir hier Biosprit tanken können, bejubelt von Politikern, die in der 7. Klasse Biologie beim Thema Ökosystem offensichtlich permanent Kreide holen mussten.“ – Köstlich! Ich warte ungeduldig auf Dein erstes Buch.

  7. Danke!

    Lieber Edgar,

    Danke für das Lob! Da ich nach der Lektüre Deines Buches weiß, dass Du ebenfalls sehr süffisant schreiben kannst, helfe ich Dir auch gerne mal aus, vorrausgesetzt, Du schreibst mal über ein bio-ethisches Thema.

    Ansonsten bin ich wirklich mal gespannt, was sich noch so alles durchs Bloggen ergibt^^

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