Ein Orca in die Freiheit

[PROLOQUE]

Diese Schildkröte wird nicht mehr lange hier sein. Wurde verletzt am Strand gefunden. Wir haben sie behandelt und aufgepäppelt. Demnächst kommt sie wieder zurück ins Meer.

[PROLOQUE ENDE]

Nicht die gelbe Linie überschreiten. Ich hielt mich dran. Dass ich keinen Ärger wollte, war nebensächlich, vielmehr hatte ich großen Respekt vor den Tieren auf der anderen Seite. Vielleicht war ich auch tierdoku-geschädigt und hatte wenig Lust als Ersatz-Robbe zu enden. Sowas tun Orcas nun mal – ganz fix auf den Strand rutschen und abgreifen, was den Ernst der Lage nicht schnell genug begriffen hatte. Ein Blick in die Blecheimer beruhigte mich. Im Loro Parque steht eher Fisch und weniger Agrar-Blogger auf der Karte. In den anderen Eimern war übrigens Wackelpudding. Rot. Das diene zur besseren Hydration der Tiere, erklärte mir der Tierarzt. Öhm. War ja jetzt nicht so, dass es an Wasser mangelte – nur einer von vielen Momenten, die mich realisieren ließen, dass ich hier weit vorne beginnen muss.

Können wir Orcas in einem Zoo auf eine Art und Weise halten, die dem Wohl der Tiere gerecht wird? Es folgte eine lange und sehr beschwerliche Reise in die literarische Welt der Orca-Haltung. Ich begann mit dem beigefügten Presse-Material. Das half mir aber null weiter und Hannes Jaennicke als „kritischer Aktivist“ ging mir eh schon immer auf den Geist. Also ab zu Google. Das Problem: wenn man sich mit der fachlichen Diktion nicht auskennt, ist es schlicht unmöglich halbwegs objektive Infos zu finden. In der Landwirtschaft kenne ich dieses Problem schon lange nicht mehr, aber hier bin ich echt verzweifelt. Als ich dann „zwischen den Jahren“ erneut einen Versuch startete, fand ich ein opinion paper – Editor: Clive Philipps. Erleichterung. Paper, in die er involviert war, haben mir immer geholfen.

Orcas streicheln

In dem opinion paper Orca Behavior and Subsequent Aggression Associated with Oceanarium Confinement berichten die Autoren Robert Anderson, Robyn Waayers und Andrew Knight über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Orcas Ende der 70er bzw. zu Beginn der 80er Jahre im Seaworld San Diego. Zu dieser Zeit gab es dort „petting pools“, an denen ganz normale Besucher mit den Tieren interagieren konnten. Zur Erleichterung der Interaktion gab es Fisch. Auf Mensch-Tier-Interaktionen wollte ich hinaus. Gut, landwirtschaftlich vorbelastet finde ich das Konzept „jeder darf mal an den Orka packen“ aus Sicht der Hygiene und Schutz vor Krankheiten ziemlich daneben, aber egal: ich kam langsam auf Kurs. Mensch-Tier-Interaktionen sind elementare Bestandteile des Tierwohls.

Die Autoren haben ihre Erlebnisse im direkten Kontakt genossen. Neben ihren eigenen subjektiven Erlebnissen und Beziehungen mit den Orcas, die sie großzügig als Freundschaft mit den Tieren interpretierten, erwähnten sie auch John Hargrove – einen Orca-Trainer, der bis 2012 für Seaworld gearbeitet hat. Bingo! Ich erwarb sein Buch und war direkt gefesselt. Hargrove wollte seit seiner Kindheit Tier-Trainer werden und mit Orcas arbeiten.

Hargroves Ausführungen gefielen mir. Er schreibt anschaulich und meine Frage bzgl. der Trainingsmethoden wurde ausführlich beantwortet. Ebenso interessant beschreibt er die Beziehungen zwischen ihm und „seinen“ Orcas. Ich habe daher keine Zweifel, dass eine Beziehung zwischen den Trainern und Tieren existiert.

Womit wir bei Morgan wären – einem Orca-Weibchen, welches 2010 als Jungtier im holländischen Wattenmeer gestrandet ist. Dort liegen und sterben lassen wollte man sie nicht und sammelte sie deshalb ein. In einem holländischen Delphinarium fand sie vorerst eine neue Heimat und wurde dort ein Jahr lang aufgepäppelt. Das funktionierte derart gut, dass sich die Holländer 2011 nach einem neuen Zuhause für das gewachsene Tier umsahen. Es sollte der Loro Parque werden. Als die Trainer mit Morgan zu arbeiten begannen, stießen sie auf ein kurioses Problem: Morgan reagierte auf keinerlei akustische Signale, weshalb im November ein Team vom IMARES (Institute for Marine Resources & Ecosystem Studies) Wageningen im Loro Parque eintraf, um mit den Tieren einige Hörtests durchzuführen. Das Ergebnis bestätigte die Vermutung der Trainer. Ob Morgan völlig taub ist, konnten auch die Fachleute nicht einwandfrei feststellen, zweifellos hört sie – verglichen mit den anderen Orcas im Loro Parque – aber weitaus weniger.

Die Schildkröte

Jetzt kommen wir endlich zur eingangs erwähnten Schildkröte. Verletzt am Strand von Teneriffa gefunden, wurde sie im Loro Parque behandelt und wieder aufgepäppelt – mit dem Ziel bald wieder gesund und munter im Meer schwimmen zu können. Das kommt immer mal wieder vor und ist wichtig für die weitere Argumentation. Eine solche Freilassung wird nämlich von einigen Menschen auch für Morgan gefordert, schließlich sei sie ebenfalls in Freiheit geboren und gehöre deshalb wieder dorthin zurück. Das halte ich für äußerst problematisch.

The Culture of Wales

Walgesänge wurden nicht in Wellness-Hotels erfunden, sondern sind ein elementarer Bestandteil der Kommunikation untereinander. Auch Orcas leben in Familien, die sich mit Hilfe spezifischer Dialekte untereinander austauschen und begrüßen, während ältere Tiere den jüngeren das Wichtigste zum Überleben beibringen. Falls nötig entwickeln sie auch neue Techniken zum Fischfang. Verhalten ist, was Du tust.

Kultur ist die Art und Weise wie Du es tust. Shane Gero ist Verhaltensökologe und Walforscher. In der New York Times schrieb er einen Artikel über seine Forschung an Pottwalen und die Rolle der Kultur.

Whales’ codas appear to broadcast their identities. One coda pattern distinguishes individuals, a set of others identifies their families, and a special one marks the cultural clan. The 1+1+3 coda (click pause click pause click click click) is unique to the Eastern Caribbean, is made by all the whales in the Eastern Caribbean Clan, and has remained identical for at least 30 years. Calves spend at least two years learning to make it correctly. And they learn to produce it with great fidelity, which most likely ensures that their clan membership is recognizable over their large geographic ranges and across the diversity of other whales they encounter.

Fassen wir nochmal zusammen: Morgan ist ein Orca und wurde als Jungtier gefunden und aufgezogen. Ja, in menschlicher Obhut – ihr fehlt also die gesamte Sozialisation der Familie sowie nötige „Sprachkenntnisse“. Nun ja, und ihre Gehörlosigkeit macht die Situation nochmal um einiges schwieriger. Im Zoo ist das kein Problem. Da die Kommunikation zwischen den Trainern und Morgan über akustische Signale nicht funktionierte, setzt man bei ihr auf Licht und hat sie auf diese Weise integriert.

Kommen wir nochmal zu John Hargrove, jenem Orca-Trainer, der seit seiner Kindheit nur diesen einen Traum hatte, seit dem Ende seiner Karriere 2012 aus gesundheitlichen Gründen allerdings als engagierter Kritiker der Orca-Haltung sowie des Unternehmens Sea World auftritt.

Jetzt kann ich die Korrektheit seiner Kritik an Sea World nicht beurteilen, aber wie das so ist – ich glaubte ihm, schließlich war er als Trainer mittendrin. Ich hatte sein Buch beinahe beendet, da kam er plötzlich auf Morgan zu sprechen. Die Kurzform: Ja, Morgan wurde am Strand gefunden und aufgepäppelt. Dem Gesetz nach hätte Morgan danach wieder freigelassen werden müssen, stattdessen hat der Loro Parque die Gunst der Stunde genutzt und sich den Fisch unter den Nagel gerissen.

slowclap 

Was bei einer Schildkröte klappt, kann beim Orca nicht verkehrt sein. Oder wie? Für mich tragisch: Hargrove hätte es besser wissen müssen. Er beschreibt die Komplexität in der Zusammenarbeit und die kognitiven Leistungen der Tiere schließlich selbst sehr genau.

Ja, es gibt Probleme bei der Haltung von Orcas im Zoo – zu einer Einordnung dieser fühle ich mich aber noch nicht in der Lage. Fürs erste bin ich mir in zwei Punkten aber sehr sicher: Zum einen sehe ich auf der Ebene der Mensch-Tier-Interaktionen erstmal keine grundsätzlichen Probleme. Orca-Trainer wird man nicht mal eben so. Das ist kein Job, um die Miete zu bezahlen. Orca ist auch nicht gleich Orca. Vielmehr haben die Tiere Vertrauenspersonen statt Tierpfleger. Die Menschen sind für die Tiere weit mehr als nur die Figuren mit den Fisch-Eimern. Andersherum gilt das natürlich auch aus Sicht der Menschen. Eine enge Mensch-Tier-Beziehung ist wichtig, um Stimmungen oder auch potentielle Erkrankungen der Tiere zu erkennen. Fehler oder Missverständnisse können für Mensch wie Tier tödlich enden. In Hargroves Worten wurde es immer dann gefährlich, wenn eines der Tiere „auf die dunkle Seite wechselte“, die Tiere also plötzlich aggressiv gegenüber den Trainern wurden. Aber auch simple durch Fehler entstehende Zusammenstöße in Trainingseinheiten oder während der Shows gewinnen schnell an Brisanz, wenn man als Mensch mit ein paar Tonnen Orca kollidiert. Die Arbeit mit den Tieren im Wasser ist mittlerweile aber abgeschafft, die Trainer dürfen sich also nur noch am Beckenrand bewegen.

Ein Orca ist keine Schildkröte. Nach allem, was ich bisher über die Kultur der Wale und die Wichtigkeit der Familie zum Überleben zusammengetragen habe, ist die zwar künstliche, aber kontrollierte Umgebung des Zoos für Morgan die beste Option. Eine grundsätzliche Einordnung der Haltung von Walen in Zoos und Bemühungen um den Schutz dieser beeindruckenden Tiere muss aber noch warten. Die Reise ist noch nicht vorbei…

Disclaimer

Ich wurde vom Loro Parque zusammen mit einigen anderen Journalisten eingeladen.

Quellen und Verweise

  • Mein Besuch im Loro Parque im August 2016
  • Opinion Paper Orca Behavior and Subsequent Aggression Associated with Oceanarium Confinement
  • Beneath the Surface by John Hargrove
  • Whales and Dolphins by Philippa Brakes
  • Assessment of basic audiometric functions in killer whales (Orcinus orca) at Loro Parque, Tenerife, Spain by IMARES
  • The lost Cultures of Whales by Shane Gero
  • (alles per Google gut zu finden)

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

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