Belege zur Landwirtschaft im Klimawandel

In meinem letzten Artikel schimpfte ich ein wenig rum und beließ es auch dabei, war es doch nur eine Art Zusammenfassung meiner letzten Artikel zur Landwirtschaft. Trotzdem möchte ich hier ein paar meiner Artikel dazu zusammenfassen und noch ein wenig ergänzen. Für regelmäßige Leserinnen und solche, die ihnen nachlaufen, ist das jetzt also alles nicht neu.

Passend zum Klimagipfel im Paris überschlagen sich gerade auch in der Landwirtschaft die Meldungen über die Möglichkeiten zur Speicherung von CO2 im Boden durch Grasland. Wenn nicht, dann kann aber ganz sicher Diesel eingespart werden durch weniger Fahrten über das Feld – die Rede ist von Direktsaat, also der pfluglosen Bodenbearbeitung. Ein paar Vorteile dieser Form der Bodenbearbeitung hatte ich schon Anfang des Jahres im Blog der DLG eV. erläutert:

Klar, eine verbesserte Bodenstruktur ist natürlich der Grund für dieses Verfahren. Brian beginnt seine Argumentation aber anders, weshalb ich hier kurz auf den Artikel des Scientific American zurückgreife. Während ein Pflug bis zu 25 cm des Bodens umwälzt und dabei Pflanzenreste der letzten Ernte untergräbt, agiert ein Grubber nur an der Oberfläche und ermöglicht dem Boden so eine eigene Struktur, die von den dort lebenden Organismen bestimmt wird. Als weiteren Vorteil erwähnt Brian die Stoppel-Rückstände, die auf den Feldern bleiben, wenn gerade nichts neues wächst. So können Regen und Schnee langsam hindurch in den Boden sickern, anstatt einfach abzufließen und Boden mitzunehmen. Klar, wenn es schüttet wie aus Eimern, passiert das trotzdem. Der dritte Vorteil geht raus an alle Regenwürmer, denn die pfluglose Bearbeitung spart auch Fahrten über das Feld, was direkt zum Thema der Verdichtung führt. Die wird dadurch reduziert, es bleiben mehr Lufträume im Boden für die Tiere und so kann auch hier Wasser besser versickern.

Aber natürlich gibt es auch Nachteile. Oder sagen wir besser Herausforderungen:

Trotz offensichtlicher Vorteile der pfluglosen Bodenbearbeitung bringt die Abstinenz eines Pfluges aber auch Probleme mit sich, kann Unkraut doch nicht mehr mechanisch bekämpft werden. Gut, da gibt es natürlich Wege, um den Unkraut beizukommen: Brian hat da zum Beispiel mit Round Up gute Erfahrungen gemacht – bei den Autoren des Bodenatlas natürlich Grund für Schluckauf. Eine weitere Herausforderung sind die schon als vorteilhaft erwähnten Rückstände der letzten Ernte, die zu Trägern von Krankheiten werden können und damit die nachfolgende Ernte infizieren. Normalerweise werden diese Rückstände einfach untergepflügt, was hier natürlich flachfällt. Hier bietet sich der Wechsel der Fruchtfolge an, also unterschiedlicher Pflanzensorten, die nicht mit den gleichen Krankheiten/Schädlingen zu kämpfen haben. So werden Krankheitszyklen und die Vermehrung von Schädlingen unterbrochen. Der gerade auch wirtschaftlich brisanteste Faktor bei der Entscheidung zur pfluglosen Bodenbearbeitung ist die Zeit. Ein Feld, das über Jahrzehnte gepflügt wurde, ändert sich nicht über Nacht. Der Aufbau der Bodenstruktur braucht in der Regel einige Jahre. Unnötig zu erwähnen, dass damit auch die Erträge erst nach und nach steigen. Was Brian hier aus seiner Erfahrung als Landwirt beschreibt, deckt sich durchaus mit den Aussagen im Bodenatlas (Seite 18-19), wenn man die typischen Seitenhiebe kurz ignoriert.

Passend dazu ist dieses Jahr auch ein Review zu dieser Thematik im Journal Frontiers in Plant Science erschienen. Dort lesen wir unter anderem, dass die Direktsaat größtenteils in den USA, Australien und Brasilien praktiziert wird, überwiegend auf den größten Farmen, die es gibt.

To different degrees, this has led to widespread adoption of no-till and CA on large farms in Australia (Llewellyn et al., 2012; Kirkegaard et al., 2014a), Brazil (Bolliger et al., 2006), and North America (Egan, 2014). By 2009 it was estimated that 62–92% of Australian farmers practiced no-till on 73–96% of their cropland (Kirkegaard et al., 2014a). By contrast, adoption by smallholder farmers is limited to only 0.3% of the farm land worldwide under CA (Derpsch et al., 2010).

Die oben erwähnten Diesel-Einsparungen waren der Grund für die großflächige Etablierung der Direktsaat in Brasilien – neben der Tatsache natürlich, dass auf diese Weise viele Ackerböden geschützt und erhalten werden konnten. (siehe dazu: No-till agriculture in Southern Brazil von Ruy Casao Junior).

Aber auch auf dem afrikanischen Kontinent tut sich in dieser Hinsicht etwas:

In Africa, CA is now government policy in Tanzania, Kenya, Malawi, Mozambique Zimbabwe, Zambia, and Lesotho and is actively promoted by regional organizations [e.g., the African Conservation Tillage Network (ACT), the New Partnership for Africa’s Development (NEPAD), Southern African Development Community (SADC)], in research for development projects of international research centers (CIMMYT, ICRISAT, CIRAD, ICARDA, and ICRAF), by many local and international development NGOs, including many church-led organizations, and private donors such as the Howard G. Buffet Foundation.

Tierhaltung

Zur Tierhaltung hatte ich ja auch schon zuvor einiges erläutert. Zum Beispiel:

Womit wir dann auch zum eigentlichen Punkt dieses Artikels kommen: statt nur auf ein für die Tiere eh nicht umzusetzendes genetisches Potenzial der Milchleistung zu setzen, wäre es viel effektiver auf lokale Rassen zu setzen und diese optimal zu halten und zu versorgen. Ebenfalls spannend ist auch eine Studie, die ich im Asian Australasian Journal of Animal Science gefunden habe: Stockmanship Competence and Its Relation to Productivity and Economic Profitability: The Context of Backyard Goat Production in the Philippines Auf den Philippinen sind Ziegen sehr beliebte Nutztiere, weil sie günstig zu halten sind, was letztlich auch an ihren geringen Ansprüchen bzgl. ihrer Fütterung liegt. Da können Schweine und Geflügel nicht mithalten. Trotz dieser Tatsache haben natürlich auch Ziegen Ansprüche für einen ordentlichen Stall, welchen die Halter gerecht werden müssen. Was passiert, wenn Ziegen vernünftig gehalten, ordentlich versorgt und gut behandelt werden, war Bestandteil der Studie. Gut, die Erkenntnisse sind aus unserer Sicht jetzt kein Brüller. Das Gesundheitsniveau und die Leistungen der Tiere verbesserten sich deutlich, je besser ihre Halter sie unterbrachen, versorgten und behandelten.

Das klingt jetzt erstmal alles sehr grundsätzlich, dennoch ist genau das die Realität vieler Klein- und Kleinstbauern in den Entwicklungs- und Schwellenländern weltweit. 800 Millionen sind eine ganze Menge. Denen ist mit einem 100 Milchvieh-Stall nicht geholfen.

Bei uns sieht das alles ein bisschen anders aus. Die Sache mit der Effizienz haben wir schon in der Vergangenheit perfektioniert, siehe meinen Artikel „Milchvieh früher und heute“ im DLG-Blog.

Jude Capper, Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Animal Sciences, hat mit zwei Kollegen dazu mal einen aufschlussreichen Vergleich für den Milchvieh-Sektor der USA zusammengestellt. Dafür zogen sie Daten aus den Jahren 1944 und 2007 heran. Die Ergebnisse sind durchaus spannend. So zählte die US-amerikanische Milchvieh-Herde 1944 ingesamt 25,6 Millionen Tiere, während es 2007 nur noch 9,2 Millionen waren. Diese Verkleinerung der Herde war aber nicht in einer sinkenden Nachfrage begründet, denn während die 25,6 Mio. Kühe 1944 “nur” 53 Milliarden Liter Milch produzierten, brachten es die 9,2 Mio. Tiere 2007 auf ziemlich sagenhafte 84,2 Milliarden. Auch in Deutschland ist die Zahl der Milchkühe im Zeitraum 1950 bis 2011 von 5,7 Millionen auf 4,2 Millionen gesunken.

Viel effizienter geht das nicht mehr – zumindest nicht in diese Richtung, weshalb das Zuchtziel seit einiger Zeit auch auf Langlebigkeit liegt. Mal schauen wie sich das entwickelt.

Das ist jetzt nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was ich mir in der letzten Zeit angeschaut habe. Ganz ehrlich: sieht doch alles gar nicht so furchtbar aus. Natürlich kann jeder, der möchte, weiter jammern und die Welt beklagen und dafür einen Platz im Feuilleton der FAZ ergattern. Aber wer will das schon?

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Weiterführende Quellen

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, es gibt/gab Fortschritte beim Ertrag sowohl von Getreide als auch bei der Milchmenge pro Kuh. Das ist wohl der Grund dafür, dass in den USA seit 1930 die kultivierte, für die Landwirtschaft genutzte Fläche immer gleich gross geblieben ist. Und das trotz einer Zunahme der Bevölkerung von 120 Millionen 1930 auf 315 Millionen im Jahr 2014. Und die 315 Millionen von 2014 essen im Durchschnitt erst noch mehr als die 120 Millionen von 1930.

    Dazu betrachte man die Abbildung 1 aus The Return of Nature, die einen steilen Anstieg der US-Getreideproduktion seit 1930 anzeigt und das bei gleich gross bleibenden Anbauflächen.

    Die Ertragssteigerungen bedeuten einen enormen Fortschritt in Bezug auf die Beanspruchung von Landflächen für die Nahrungsmittelerzeugung. Kritiker der modernen Landwirtschaft erwähnen das kaum und sie wissen auch, dass ihre Adressaten – die Stadtmenschen – darüber kaum etwas wissen – oder wenn sie es wissen, dann hat es für sie keine Bedeutung.

  2. Pfluglose Bodenbearbeitung wird sich wohl erst mit neuen Methoden der Unkrautbekämpfung durchsetzen. Eine davon ist die lokale Unkrautbekämpfung mit autonomen, leichtgewichtigen, robotischen Fahrzeugen. Diese erkennen Unkraut und vernichten es mit lokaler Applikation von Herziziden oder sie vernichten es mechanisch (einstampfen, ausreissen). Eine Übersicht findet sich im Artikel Autonomous robotic weed control systems: A review und ein gutes Bild eines solchen autonomen Unkrautvernichtunsvehikles findet sich hier

    • Quatsch. Pfluglose Bodenbearbeitung hat sich schon längst durchgesetzt, siehe das von mir zitierte Review. Es gibt Gründe, weshalb wir es in unseren Gegenden seltener erleben werden. Zitat:

      The enhanced timeliness of crop establishment made possible through no-till can enhance yields by better using available moisture and reducing off-season heat stress. Mulch can reduce soil temperatures, which is beneficial in heat stressed environments. By contrast, in wetter and colder climates, tillage accelerates warming, and drying of soils thereby extending the length of the growing season (Kirkegaard and Hunt, 2010). This is one of the reasons why few farmers practice no-till in northern and western Europe, whereas its use is increasing in Mediterranean countries (Soane et al., 2012).

      Kleinbauern sind von dieser Technik allerdings noch ausgeschlossen, weil die nötigen Geräte, Pestizide etc. zu teuer sind.

  3. Zitat.„Speicherung von CO2 im Boden durch Grasland.“ Ja, die Biosequestration von CO2 wird ab 2050 ganz wichitg werden. Denn, wie stark wir auch unsere Zivilisation dekarbonisieren, ein Rest von CO2-Emissionen – beispielsweise durch Verwendung von Zement/Stahl oder Flugzeuge – wird übrigbleiben. Und dieser Rest könnte ab dem Jahr 2050 immer noch 10 Gigatonnen CO2 pro Jahr betragen (heute sind es weltweit 35 Gigatonnen an CO2-Emissionen pro Jahr), was immer noch deutlich zu viel ist. 10 Gigatonnen sind nur schon darum realistisch, weil ganz Indien und Afrika ihre Industrialisierung noch vor sich haben. Und eine Industrialisierung ohne Erhöhung der CO2-Emissionen ist heute (und in abgeschächter Form wohl auch in Zukunft) nicht denkbar.
    Biosequestration von CO2 meint die Bindung von CO2 durch biologische Prozesse. Das kann die Aufforstung sein (Indien will mit Aufforstung viele Megatonnen CO2 pro Jahr binden), die Begrünung von Wüsten oder es können auch eigentliche Geoengineering-Methoden sein, wie die Verwendung von Holzkohle, die über Pyrolyse aus Pflanzenmasse gewonnen wurde. Dabei wird die Bio-Holzkohle zur Düngung des Bodens verwendet, eine Technik, die im Amazonas die Terra preta (schwarze Erde, die sehr fruchtbar ist) hervorgebracht hat. Schliesslich kann man sich vorstellen, dass man in Zukunft Pflanzen anbaut, bei denen ein Teil der Pflanze nach dem Absterben im Boden bleibt. Das gibt es bereits in Form der sogenannten Phytolythe, die gewisse Pflanzen erzeugen ( Phytoliths are microscopic spherical shells of silicon that can store carbon for thousands of years).

    Heute am wichtigsten ist aber wohl die Verbesserung von bestehenden Landbebauungstechniken wie eben die pfluglose Bodenbearbeitung um möglchst wenig Bodenkohlenstoff als CO2 in die Luft zu bringen. Die pfluglose Bodenbearbeitung kann sogar zur Biosequestration von CO2 beitragen.

  4. Moin,

    selbstverständlich gibt es in der heutigen Landwirtschaft keine Möglichkeit der Kohlendioxid-Sequestration (also der dauerhaften Einlagerung von Kohlenstoff in den Boden aus der Atmosphäre). Das gilt sowohl für die Bio- als auch die industrielle Produktion. Schließlich ist die Landwirtschaft nur eine Art Pumpe, die das CO2 in einem Kreislauf umwälzt, wobei dieser Kreislauf selbstverständlich auch den Endverbraucher (uns) mit einschließt.

    Wollten wir wirklich CO2 „endgültig“ einlagern, müssten wir zu steinzeitlichen Produktionen zurückkehren, in denen durchaus große Kohlenstofflagerstätten (bspw. Moore, Boden des tropischen Regenwalds) entstanden sind, während sich die Tiere und die Menschen von „natürlich anfallenden“ Pfanzenbestandteilen ernährt haben.

    Das wird ganz offensichtlich nicht funktionieren.

    • Hallo Robert,

      doch, das wird funktionieren – und zwar auf die steinzeitliche Art, wie Du es nennst, über silvo-pastorale Systeme, die günstig sind und daher von Wiederkäuern genutzt werden können. Wie gesagt, wir reden hier von 800 Millionen Menschen. Natürlich muss neben vielen anderen Faktoren das Weidemanagement stimmen, um Schäden der Grasnarbe zu vermeiden. Gut gemacht sehe ich da aber durchaus Möglichkeiten. Diskutiert wird die Sequestration auch bei der Direktsaat, aber da schwirren gerade noch zu viele Begriffe und Definitionen rum, weshalb es aus der Wissenschaft meinen Infos nach noch keine präzisen Analysen dazu gibt.

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