Auch Wissenschaftsbloggen ist Forschung

Was mache ich hier eigentlich? Bisher hätte ich diese Frage zweifellos mit Erklären beantwortet. Schließlich geht es hier seit gut sechs Jahren um die landwirtschaftliche sowie zoologische Tierhaltung. Der Fokus liegt bei den Nutztieren, hier sammle ich emsiger als Eichhörnchen jegliche wissenschaftliche Literatur. Natürlich lese ich sie auch und so hat mich die Lektüre vieler Bücher und Studien der letzten Jahre in eine heute sehr entspannte Situation versetzt. Ich weiß verdammt gut über Tierwohl und dessen Rahmenbedingungen sowie trade offs Bescheid – ein Luxus, dessen ich mir bis vor gut drei Monaten nicht mehr bewusst war.

Zu diesem Zeitpunkt flatterte mir eine Presse-Einladung ins Postfach. Großartig, dachte ich. Ich sollte einen Zoo besuchen, nicht alleine, interessant dürfte das trotzdem werden. Alles war perfekt vorbereitet, funktionierte und sah auch noch super aus – und ob es den Tieren gut ging oder nicht, das sollte ich doch wohl eingeordnet bekommen, schließlich sagt die Körpersprache eines Tieres viel über seinen physischen wie seelischen Zustand aus. Nehmen wir mal kurz eine Kuh: wenn die Ohrmuscheln schlaff nach unten hängen und der Schwanz zwischen den Hinterbeinen eingeklemmt ist, gibt es ein Problem. Auch die ganze Körperhaltung bzw. dessen Zustand (Klauen, Gelenke) sind Indikatoren. Anderes Szenario: Gelingt mir kaum ein vernünftiges Foto, weil ständig eine Kuh unbedingt mal über die Linse schlecken möchte, ist das im ersten Moment leicht frustrierend, letztlich aber doch beruhigend zu sehen, dass ich den Kühen damit einen lustigen Morgen beschert habe und sie sich offensichtlich daran erfreuen konnten.

Ganz einfache Kiste – eigentlich. Leider unterschieden sich die Protagonisten recht stark von einer Kuh. Sie verfügten weder über Beine, noch Ohrmuscheln und ein übliches Skelett als Orientierungspunkt fehlte den Tieren ebenso gänzlich wie ein handelsüblicher Schwanz. Ich stand am Beckenrand und realisierte langsam und eindrücklich, dass ich ein Problem hatte. Ich hatte keine Ahnung. Klar, die Tiere sahen gut aus und uns standen auch alle Fachleute mit Rat zur Verfügung, aber so läuft das nicht. Nicht für mich. Ich will die Sache im Detail verstehen.

Ich bin durchaus ein bisschen stolz auf all jene Literatur, die ich im Laufe der Zeit zum Thema Tierwohl in der Landwirtschaft zusammengetragen habe. Da war auch viel Trial and Error bei, denn nicht alles mit der Aufschrift Tierwohl enthielt auch wirkliche Erkenntnisgewinne und wanderte daher in den digitalen Mülleimer. Die Zeit der Lektüre war dann leider verschenkt. Mittlerweile kann ich aber anhand der Referenzen und genannten Autoren schon recht gut abschätzen, was mich erwarten wird und ob sich die Lektüre lohnt.

Wie gesagt: so läuft das bei mir in der Landwirtschaft. Der Blick in meinen digitalen Ordner „Zootierhaltung“ zwang mich allerdings zum Umdenken. Ich musste vorne anfangen und sah mich plötzlich wieder in das Jahr 2010 versetzt. Entsprechende Fachliteratur war schnell gefunden. Hier wird es jetzt interessant. Das Suchen und Finden war kein Problem. Auch das Durcharbeiten funktioniert gut. Wirklich anstrengend ist aber die ständige Ungewissheit, ob die aktuelle Literatur auch wirklich was taugt. Als ich mich auf Twitter darüber beklagte wie sehr das doch an den Nerven zehre, antwortete Markus Pössel recht trocken, dass so eben Wissenschaft funktioniere – ein spannender Gedanke, werden Blogs doch sonst eher als Kommunikationswerkzeug denn als Forschungswerkzeug bezeichnet und diskutiert.

Aber letztlich ist das auch gar nicht so falsch. Nicht alles mit der Bezeichnung Paper – oder deutsch: Studie – ist deshalb gleich gut und treibt die Erkenntnisse unaufhaltsam voran. Gar nicht so selten sind Studien auch Murks oder der Erkenntnis-Gewinn tritt auf der Stelle. Dann gilt es zu trennen – die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen.

Das braucht allerdings Zeit. Sicher, für Außenstehende spart man eine Menge, wenn man mit zwei bis drei Blicken die Qualität von Publikationen (Studien, Bücher etc.) einschätzen kann. Um das zu schaffen, muss man aber vorher einiges an Zeit investiert haben. Keine Angst, ich beginne jetzt nicht zu jammern, schließlich finde ich das Thema Tierwohl in der landwirtschaftlichen wie zoologischen Tierhaltung irre spannend – und Wissenschaftsblogger bin ich ja auch freiwillig geworden. Nur leider habe ich den zoologischen Teil arg vernachlässigt. Diese Situation muss ich erst noch ändern und zwar auf jene Weise, die für mich schon in der Landwirtschaft blendend funktioniert hat: recherchieren, prüfen, speichern, löschen und wieder von vorne.

Was ich hier eigentlich sagen wollte: manchmal habe ich das Gefühl, dass in diesem Blog mehr Forschung als Kommunikation steckt, zumindest dominiert die Wissenschaft den Hintergrund weit mehr als es selbst mir manchmal lieb ist. Aber wenn ich durch meine Artikel ein wenig Licht in den Dschungel des Tierwohls bringen kann, indem ich nach und nach alle tollen wissenschaftlichen Referenzen ausgrabe, ist das doch auch schön.
Ach, und der Artikel zur Pressereise kommt ganz bestimmt, nur eben noch nicht jetzt. Frei nach Bud Spencer:

…denn wenn ich nicht richtig recherchiere, kann ich auch nicht richtig bloggen. Und…wenn ich nicht richtig bloggen kann, dann bin ich kein richtiger Mensch mehr – und mit Liebe ist dann auch nichts, is klar?

In diesem Sinne

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In gewisser Hinsicht ist, wenn die Wissenschaft soft ist, das sogenannte Tierwohl bleibt hier gemeint, alles Forschung, sogar wissenschaftsnahe (vs. wissenschaftliche) Verkündung inklusive Feedback hier.
    Beim sogenannten Tierwohl könnte dies besonders klar sein, wenn ethische Maßstäbe, also nicht nur die Produktion meinende, gemeint sind.
    Das Tierwohl meint letztlich heutige und in gewissem gesellschaftlichen Verbund festgelegte, und somit fortlaufend auszuhandelnde [1] Bezüge zum Tier, auch zum Nutz-Tier.

    Böse formiert: Sie werden immer (gerne auch: theoretisierender) [2] Bauer bleiben.
    Nett formuliert: Und dies ist auch gut so.

    MFG
    Dr. Webbaer (Katzen-Halter)

    [1]
    Besondere politische Bezüge sind keineswegs fortlaufend auszuhandeln, auch wenn dies einige so finden.
    Das Tier und das grundsätzliche Verhältnis zu diesem bleibt aber fortlaufend gesellschaftlich auszuhandeln, oder? [3]

    [2]
    Vgl. auch mit :
    Temple Grandin und so…

    [3]
    Kann u.a. auch nicht sprechen, das gute Stück, insofern bedarf es Fürsprecher, die durchaus auch gelegentlich „Schnitzelabsicht“ haben könnten.
    Wie Dr. W beispielsweise.

    • Sie haben schon Recht, Tierwohl ist zu einem nicht ganz unerheblichen Teil auch kulturbedingt. Schlichte wissenschaftliche Fakten können von unterschiedlichen Exprten teils völlig konträr bewertet werden. Das genaue Beispiel dazu bekomme ich gerade nicht zusammen, aber es geht um Kastenstände für Schweine.

      Gehen wir allerdings ins Detail, sieht es weit weniger schwammig aus. Scchließlich zählen auch Management (hierzu zählt die Fütterung, Wasserversorgung etc) und Genetik der Tiere. Und da lassen sich durchaus präzise Aussagen machen, wissenschaftlich fundiert und ohne kulturellen Interpretationsspielraum.

      • War halt ein Mops: [1]

        Wissenschaftsbloggen ist Forschung Überschrift des hiesigerweise und dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Eintrags]

        Auch bspw. bei…

        Schlichte wissenschaftliche Fakten können von unterschiedlichen Exp[e]rten teils völlig konträr bewertet werden.
        […]
        S[]chließlich zählen auch Management (hierzu zählt die Fütterung, Wasserversorgung etc) und Genetik der Tiere.

        …steift Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund zumindest im Moment nicht direkt positiv auf.

        Das Tier ist im Ethischen sozusagen das Tier in uns. [2]
        Kann ja nicht sprechen und so.
        Will insofern so behandelt werden, wie von uns zu verantworten ist.
        Sie müssen hier sozusagen auch Philosoph sein, sind Sie ja auch.

        MFG
        Dr. Webbaer

        [1]
        ‚Mops‘ = ‚möglicher Klops‘, landschaftlich, lautmalerisch und nett gemeint.

        [2]
        Andy Warhol und so, angefragt, was dieses oder jenes denn bedeute, antwortete vor einiger Zeit sinngemäß und vely schlau, wie einige finden, dass dieses X genau das bedeutet, was sich der Beobachter hinzudenkt.
        Old Warhol war immer schon eine Marketing-Kraft und Philosoph…

  2. *

    Wissenschaftsbloggen ist Forschung [Überschrift des hiesigerweise und dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Eintrags]

  3. Sören Schewe schrieb (6. Oktober 2016):
    > Frei nach Bud Spencer:
    > …wenn ich nicht richtig bloggen kann, dann bin ich kein richtiger Mensch mehr

    Stimmt erstmal.
    (Allerdings könnte gerade ein Mensch, dessen öffentlich bekundetes Interesse vor allem das Tierwohl ist, vielleicht noch engagierter und pointierter so formulieren:

    Wenn jemand nicht richtig bloggen kann, dann ist mir nicht wohl.
    )

    Und hinsichtlich der Eignung als Werkzeug kann man wohl (frei nach James Moriarty) feststellen,
    dass die schiere Möglichkeit, öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten, eine wunderbar schärfende Wirkung (auf die Sorgfalt) hat.

    • Guter Punkt Herr Wappler, das hätte ich pointierter formulieren können.

      Ihre zweite Aussage muss ich allerdings partiell korrigieren. Sie haben da sicherlich Recht, was mich angeht – wenn man so tief in ein Thema einsteigt, um keinen Unsinn zu schreiben, kann man nicht jeden Tag oder jede Woche einen Artikel veröffentlichen.

      Grundsätzlich würde ich Moriarty aber mit Blick auf so ziemlich alle Kampagnen wie bspw. gegen TTIP oder CETA widersprechen wollen. Da geht es ausschließlich um Aufmerksamkeit, während fachliche Korrektheit der Kritik bestenfalls zweitrangig ist.

      • Sören Schewe (7. Oktober 2016 @ 18:04):
        > […] Ihre zweite Aussage muss ich allerdings partiell korrigieren.
        > […] geht es ausschließlich um Aufmerksamkeit

        Wenn auch nicht unbedingt eine Korrektur, so ist doch zumindest eine Erläuterung der fraglichen Aussage am Platz:

        Ich hatte mir erlaubt, die geläufigere Bemerkung „A deadline has a wonderful way of concentrating the mind.“ zu interpretieren.

        Das trifft sowohl auf Köpfe zu, die vorrangig mit Gedanken an Wissenschaft erfüllt sind und sich ggf. noch besonders darauf konzentrieren (und an die man beim Lesen des obigen SciLog-Artikels sicher zuerst denken mag), als auch auf solche von vorrangig anderem Inhalt;
        einschließlich solchen, die vor allem Aufmerksamkeit an sich beschäftigt sein mögen (und die, sobald nur eine entsprechende Chance zu wittern wäre, dann sorgfältig und hochkonzentriert darauf zusteuern.)

        Im Übrigen betrachte ich die erste Aussage als konsensfähig; auch wenn damit verbunden ist, dass uns hinsichtlich des Richtig-Bloggen-Könnens aller daran Interessierten nicht ganz wohl sein sollte.

        • Was Sie mit Ihrer letzten Aussage meinen, habe ich noch nicht ganz verstanden, es würde mich aber doch interessieren…

          • Sören Schewe schrieb (8. Oktober 2016 @ 00:40):
            > Was Sie mit Ihrer letzten Aussage meinen, habe ich noch nicht ganz verstanden […]

            Vielleicht hilft eine noch etwas pointiertere Formulierung zum Verständnis:

            Ich, zum Beispiel, hab leider keinen SciLog [*], und damit ist mir zumindest nicht ganz wohl.
            Dir etwa ?? …

            .

            [*: der mich zumindest dabei unterstützen könnte, meine Recherchen zu fokussieren; eventuell auch Ergebnisse mitzuteilen und womöglich sogar, Ungewissheiten zu reduzieren. ]

          • Hallo Frank,

            ja, wir können uns auch gerne duzen 😉 Ich kann da jetzt nur für mich sprechen, aber ehrlich gesagt finden meine Recherchen oder findet auch der Blickwinkel, den ich über Zeit auf die Landwirtschaft erlangt habe, weitesgehend im Stillen statt. Sicher, Eure Kommentare hier haben da auch einen ganz beträchtlichen Beitrag geleistet, aber als jemand, der nicht aus der Landwirtschaft kommt, musste ich ganz vorne damit anfangen mein medien-geprägtes Bild von der Landwirtschaft komplett zu verwerfen. Sich einzugestehen, dass man irgendwie trotz Medien-Konsum keinen Plan hatte, war nicht einfach, aber notwendig. Das Wissen an sich hat sich dann nach und nach aufgebaut – eine Mischung aus Studium (Tiermedizin) und Autodidaktik (Kenntnisse über Stockmanship, Mensch-Tier-Interaktionen, Hintergründe zu Tierwohl).

            Das Gefühl der Ungewissheit wird man dabei nie los, daran muss man sich gewöhnen. Das gehört zur Wissenschaft, aber auch zum wissenschaftlichen Denken und Diskutieren dazu – egal, wo man oder ob man überhaupt bloggt. Auch, wenn ich oben schrieb, dass ich mich beim Thema Tierwohl für einigermaßen kompetent halte, nagt hier ebenfalls ständig ein Zweifel.

          • Sören Schewe schrieb (8. Oktober 2016 @ 14:43):
            > ehrlich gesagt finden meine Recherchen [… weitest]gehend im Stillen statt.

            Schon möglich. Aber doch sicherlich weitgehend im Gedanken daran,
            dass es wünschenswert ist, „richtig recherchieren“ zu können (Bud Spencer lässt grüßen);
            und vielleicht sogar mit der Vorstellung, dass das darauf ggf. basierende „richtig bloggen„-Können ein wesentlicher, wenn nicht sogar entscheidender Maßstab dafür wäre, was überhaupt mit „richtig recherchieren“ gemeint ist.

            (Dazu möchte ich auch bemerken, dass meine eigenen Recherchen weitestgehend in Verbindung mit innerem Dialog ablaufen;
            den Eindruck von Stille hab ich dabei jedenfalls nicht.)

            > Das Wissen an sich hat sich dann nach und nach aufgebaut –
            eine Mischung aus Studium […] und Autodidaktik

            > Das Gefühl der Ungewissheit wird man dabei nie los, daran muss man sich gewöhnen. Das gehört zur Wissenschaft, aber auch zum wissenschaftlichen Denken und Diskutieren dazu

            Um so wichtiger erscheint es aber, sich (zuerst, und auch wiederholt) gewissen Gewissheiten zu vergewissern:

            Ich weiß, dass du mir nicht mehr Wissen zutrauen kannst, als du selbst schon weißt oder für erlernbar hälst.
            — Du etwa nicht ??
            .

            > egal, wo man oder ob man überhaupt bloggt.

            Wo könnte man denn überhaupt bloggen,
            so dass, wer auch immer Interesse (Fragen, Kritik, Neuigkeiten) hätte, direkt auffindbar daneben bloggen könnte,
            oder wenigstens einigermaßen Barriere-frei kommentieren
            ??

            SciLogs, offenbar.
            Scienceblogs, sicherlich auch.

            Aber sonst ??
            (Und wie schon an anderer Stelle betont, würde ich für eine solche, allgemeine Möglichkeit auch gern einen Gutteil meines Rundfunkbeitrags eingesetzt wissen.)

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