Was heißt eigentlich „Geschichte“? Eine Betrachtung am Beispiel der Demokratie im Kaiserreich

In der Diskussion zu meiner These vom Holocaustkult habe ich schon mal die Frage behandelt, was Geschichte m. E. eigentlich ist. Infolge einer Erfahrung, die ich vor kurzem an der Universität gemacht habe, möchte ich nun etwas genauer auf diese Frage eingehen.

 

I. Einführung

Im Rahmen des IPS darf ich nämlich auch an der Humboldt-Universität Seminare besuchen. Unter anderem habe ich mir ein kulturwissenschaftliches ausgesucht, bei dem es um eine Analyse der Kulturen der Gegenwart geht. Doch bevor man von Kultur sprechen kann, stellt sich zunächst die Frage, was unsere „Gegenwartsgesellschaft“, d.h. unseren Gegenwartsbegriff ausmacht.

Außer Zweifel steht, dass die Gegenwart abgegrenzt werden soll, und zwar von einer „Vergangenheit“. Will sagen: Die Gegenwart unterscheidet sich (vorstellungsmäßig) von dem, was „vergangen“ ist bzw. dafür gehalten wird und (ob tatsächlich oder vermeintlich) nicht mehr gilt.

Vor diesem theoretischen Hintergrund muss man nun nach Merkmalen suchen, durch die sich eine Gegenwart, etwa die unserer Gesellschaft, von deren Vergangenheit unterscheidet. Spätestens damit steigt man in die Geschichte ein – und idealerweise, wie ich behaupte, gleichzeitig auch in deren Problematik.

 

II. Demokratie als historisches Merkmal

Eines der wichtigen Merkmale, durch die sich unsere Gegenwart von deren Vergangenheit unterscheidet, ist wohl die Demokratie: Das ist etwas, was wir heute haben und unsere Vorgänger eher nicht. Nun stellt sich die Frage, seit wann dieses Merkmal vorhanden ist, d.h. wie diese demokratische Gegenwart im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen sich aus der Vergangenheit entwickelt hat. Dazu sind den anderen Teilnehmen – gemeint sind Dozent und Studenten – insgesamt folgende Stichpunkte bzw. Zäsuren eingefallen:

1649: Commonwealth of England
1789: Französische Revolution
1918/19: Novemberrevolution, Weimarer Reichsverfassung
1933: „Machtergreifung“
1949: Gründung der BRD, Inkrafttreten des Grundgesetzes

Diese Zeitleiste kann nun – ganz abgesehen von kulturwissenschaftlichen Erwägungen, um die es hier nicht geht – im Hinblick auf die mit ihr vermittelten Entwicklungsgeschichte problematisiert werden.

 

III. Die Kritik

Vielen von euch ist wohl aufgefallen, dass die DDR bzw. deren Gründung bei den Teilnehmern – ganz spontan und darum auch authentisch – nicht zum Thema bzw. Stichwort „Demokratie“ zählt. Das hat vermutlich mit dem weit verbreiteten Bild der DDR als „Unrechtsstaat“ – und wenn ein Staat (ob zu Recht oder nicht) nun mal so empfunden wird, kann er sinngemäß nicht gleichzeitig auch für eine „richtige“ Demokratie gehalten werden.

Ansonsten fällt auch auf, dass das altgriechische Vorbild, nach dem man sich in der frühen Moderne ersehnte, ebenfalls unberücksichtigt blieb. Das lässt sich wohl damit erklären, dass es, ungeachtet seiner bedeutenden Rolle bei der Entstehung unserer heutigen Grundordnung, an sich doch sehr weit zurückliegt. Etwas interessanter mag vielleicht die Nichterwähnung der Schweizerischen Eidgenossenschaft sein, deren demokratische Wurzeln in den Waldstätten urdeutsch sind und schon gekeimt hatten, als Europa das altertümliche Athen entdeckte.

Meine Aufmerksamkeit erregte aber das auffällige Fehlen anderer, sehr wichtiger Stichpunkte. Gemeint sind die gescheiterte Revolution 1848/49 sowie die Gründung des Deutschen bzw. (eigentlich) großpreußischen Kaiserreichs 1871. Dass das Commonwealth in England beachtet und diese beiden Zäsuren übersehen wurden, ist an sich nicht so problematisch gewesen, denn diese beiden Hinweise sollten die Tragfähigkeit bzw. Berechtigung der Zeitleiste, für die man sehr wohl argumentieren kann, nicht unterminieren, sondern das subjektive Moment beleuchten, welches ihr zugrunde liegt.

Doch die Hinweise auf 1848/49 und 1871 haben sich als problematischer erwiesen, als ich es zunächst vermutet habe. Denn der Professor hat sie – vor allem den Hinweis auf 1871 – grundsätzlich abgelehnt, und zwar unter Berufung darauf, „was in den Büchern steht“. Somit ist es zu einer Diskussion gekommen, bei der es nicht so sehr um die Abgrenzung der Gegenwart von irgendeiner Vergangenheit ging wie darum, was Geschichte eigentlich ist: Ob wirklich das, was in irgendwelchen, von Sterblichen verfassten Büchern steht?

 

IV. Das Bismarcksche Kaiserreich als Beginn der real existierenden, wenn auch nur teilweisen Demokratie?

Die Nichterwähnung von 1848/49 hat der Dozent damit begründet, dass die bürgerliche Märzrevolution ja scheiterte. Ob aber die Tatsache, dass gerade diese nicht umgesetzte Reichsverfassung eine gewichtige Rolle bei der Entstehung der Weimarer Reichsverfassung 1919 spielte, nicht ausreicht, damit diese Zäsur als Teil der demokratischen Entwicklung erachtet wird? Lassen wir diese Frage offen, denn mit ihr soll nur gezeigt werden, wie sehr es auf die persönliche Perspektive ankommt, etwa desjenigen, der ein Buch schreibt, auf das andere sich später berufen.

Als noch schwieriger hat sich aber der nächste Punkt erwiesen: Weder der Dozent noch die Stundeten konnten nachvollziehen, was 1871 mit demokratischer Entwicklung zu tun gehabt haben kann.

Es war jedoch die Bismarcksche Reichsverfassung, die, auf die Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 zurückgehend, erstmals in der Geschichte Deutschlands parlamentarische Kontrolle auf Reichs- bzw. „Bundesebene“ einführte (die jeweils unterschiedliche Situation in den souveränen Mitgliedstaaten ist ein anderes Kapitel). Zwar lagen wichtige Kompetenzen nach wie vor im Ermessen des Kaisers und der ihm unterstehenden Reichsregierung, jedoch bedurfte es gerade in wichtigen Angelegenheiten der Bewilligung durch den Reichstag, bei dem nicht zuletzt auch die Entscheidung über die Genehmigung des Reichshaushalts lag. Mit anderen Worten: Die Volksmasse konnte damals noch nicht „selber“ regieren, doch auch die fürstliche Elite war ihrerseits, zumindest auf Reichsebene, auf die Unterstützung der demokratisch gewählten Volksvertreter angewiesen.

Mit diesem konstitutionellen Gleichgewicht zwischen Reichstag und Kaiser endete der Willkürstaat (ein Budgetrecht hatte der preußische Dreiklassen-Landtag zwar schon vor dem Norddeutschen Bund, doch wurde dieses von Bismarck ignoriert) und begann die real existierende Demokratie in Deutschland, auch wenn sie sich in wesentlichen Punkten von heutzutage gängigen Vorstellungen von Demokratie unterscheidet. So durften z. B. nur männliche Bürger im Alter von mind. 25 Jahren vom aktiven Wahlrecht Gebrauch machen; dies war aber in der Schweizerischen Eidgenossenschaft sogar bis 1971 noch der Fall. Ob das nun zum Schluss führen sollte, dass es in der Schweiz, Wiege und Bastei der (postantiken) Demokratie, bis 1971 doch keine Demokratie gegeben hätte?

 

V. Geschichte als Erzählung

Wie man also 1848/49 oder 1871 bewertet und in (s)ein Geschichtsbild integriert, kommt schließlich auf seine subjektive Perspektive an. Wenn man eine kleine Geschichte der abendländischen und insbesondere deutschen Demokratie skizziert, wie es im hiesigen Beispiel die Teilnehmer am Seminar gemacht haben, hängt diese Geschichtskonstruktion weitgehend davon ab, wie man sich „Demokratie“ vorstellt. Noch wichtiger ist aber die Frage, inwiefern man der Tatsache, dass „Demokratie“ im Laufe der Zeit unterschiedlich verstanden wurde, Rechnung zu tragen weiß (man denke in diesem Zusammenhang an das „archäologische“, auf den jeweiligen Diskurs abzielende Moment im Geschichtsverständnis Paul Veynes, der sich wiederum von Michel Foucault und dessen „Archäologie des Wissens“ hat anregen lassen).

Während eine sozusagen „trockene“ Chronik als eine bloße Liste von Daten erstellt werden kann (was sie freilich auch nicht objektiv macht, denn der Chronist kann und muss immer noch darüber entscheiden, was angegeben wird, was nicht und vor allem wie), ist bei dem Weben solcher Daten zu einer sinnstiftenden Erzählung bzw. Geschichte das subjektive Moment von entscheidender Bedeutung. Dass Eidgenossinnen erst seit 1971 ein Stimmrecht haben, wird wohl niemand bestreiten, doch die historische Bedeutung dieser Tatsache unterliegt der subjektiven Interpretation desjenigen, der aus der Chronik eine Geschichte entwickelt.

Leopold von Rankes Forderung, der Historiker möge nur zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist, kann ich daher – wie viele heutzutage – nicht akzeptieren, wenn sie nicht nur auf das Faktische, sondern auch auf dessen kausale Erklärung angewandt wird. Man kann ihr also nur gerecht werden, wenn man sie nicht auf die Geschichte als Ganzes bezieht, sondern auf die Chronik reduziert (und selbst da wäre es nur eine Annäherung, weil auch die Chronik, wie oben angemerkt, aus dem subjektiven Ermessen des/der Chronisten hervorgeht).

Denn in historischer Hinsicht ist nur das geschehen, was für den Zurückblickenden von Bedeutung ist, und das Geschehene ist dann so geschehen, wie der Zurückblickende es deutet. Die Geschichte – jede Geschichte – ist folglich nichts anderes als in der Gegenwart verankerte Vorstellungen von Vergangenem, also von Gewesenem, was aber nicht das „eigentlich“ Gewesene ist.

 

VI. Geschichte in den Wissenschaften

Mit Ausnahme der reinen Naturwissenschaften (und selbst dort nicht ganz) sind alle anderen zur Stütze ihrer Thesen bald weniger, bald mehr auf die Geschichte angewiesen. Doch genauso wie in der Atomforschung ist es auch in der Geschichte unmöglich, direkt auf den Betrachtungsgegenstand, also das Vergangene, zuzugreifen, ohne es dabei (ggf. stark) zu beeinflussen. Wir können uns Vergangenes nicht „an sich“ vergegenwärtigen. Das Vergangene ist mithin immer eine Vorstellung von Vergangenem, ein Bild desselben.

Soll das Vergangene auch Sinn ergeben (und somit dem Bedürfnis des Menschen nach demselben gerecht werden), so wird erst recht darin eingegriffen. Denn die Sinngebung ist nichts anderes als die Historisierung des Vergangenen, die Umwandlung der Chronik mittels interpretatorischer, subjektiv verstandener Abstrakta wie „Demokratie“, „Deutschland„, „Arbeiterklasse“, „Nation“ oder „Holocaust“ in eine Geschichte bzw. Erzählung, die folglich eine nur sehr wackelige Stütze sein kann.

 

VII. Der Wert der Geschichte

Ob die Geschichte damit entbehrlich wird?

Dass die Geschichte als solche einen sehr hohen Subjektivitätsgrad aufweist, bedeutet m. E. nicht, dass sie nichts wert ist. Im Gegenteil: Vorstellungen bilden die mächtigste Kraft, die den Menschen bewegt. Unsere Vorstellungen von unsrer Vergangenheit bestimmen unsere Erwartungen an die Zukunft und beeinflussen somit sehr stark unsere Gegenwart. Dass die Geschichte so sehr von Vorstellungen abhängt, macht sie meiner Meinung nach umso interessanter, sowohl an sich wie auch als politisches Werkzeug.

Man denke etwa an den identitätsstiftenden Geschichtsunterricht in einem beliebigen Land oder, da dies jetzt immerhin die Nacht vom 8. auf den 9. Mai ist, an Richard von Weizsäckers Umdeutung der Niederlage in eine Befreiung in seiner Rede am 8. Mai 1985. Dieser gedankliche Schritt war keine Chronik, sondern Geschichte par excellence: Eine vormals gewagte Vorstellung, die ihren Weg hinaufarbeitete, bis sie sich mittels des damaligen Bundespräsidenten durchsetzen konnte.

Die Geschichte ist also trotz der ihr immanenten Umstrittenheit noch „wahrer“, weil relevanter als die Chronik, die an sich noch keinen Sinn vermittelt und für die sich außer den Chronisten (bzw. falschen Historikern), deren Gegenstand sie ist, und den (richtigen) Historikern, deren Rohstoff sie ist, zu Recht nur relativ wenige interessieren. Obwohl die Geschichte sich nach wie vor an der (ihrerseits bestenfalls tunlichst objektiven bzw. berichtartigen) Chronik zu orientieren hat, die sie interpretiert und der sie Sinn abzugewinnen sucht, tut eine Emanzipation der Geschichte von darüber hinausgehenden, positivistischen Anforderungen not, denen sie weder gerecht werden kann noch soll.

Im Gegenzug muss man allerdings hinnehmen, dass es unmöglich ist, eine objektive Geschichte (etwa der Demokratie) zu konstruieren und eine (vielleicht sogar kollektiv empfundene) „Gegenwart“ somit eindeutig von der „Vergangenheit“ abzugrenzen.

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Frauenstimmrecht in der Schweiz@Yoav

    Ein sehr interessanter Artikel. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt umfassender auf deine Ausführungen eingehen. Ich beschränke mich auf einen kleinen Teilaspekt, der aber insofern interessant ist, da er exemplarisch aufzeigt, wie sehr die Geschichtsschreibung dem subjektiven Standpunkt des Schreibers unterworfen ist.

    Yoav stellte die Frage, ob die Schweizerische Eidgenossenschaft als Demokratie gelten konnte, da das Frauenwahl – und Stimmrecht auf nationaler Ebene erst 1971 verwirklicht wurde. Damit waren rund die Hälfte der erwachsenen Bürger der Schweiz von der politischen Teilhabe weitgehend ausgeschlossen.

    Die etablierte Geschichtsschreibung wertet diesen Fakt als Beweis für männliche Dominanz im ausserhäuslichen Bereich, als Beleg für eine patriarchale Gesellschaftsform, in welcher Männer den Frauen „natürliche Rechte“ verweigerten und sie bevormundeten.
    Die Erlangung des Wahl – und Stimmrechts erscheint in diesem Kontext als der Kampf der progressiven Frauen und einiger progressiver Männer gegen reaktionäre Männerbünde, welche sich den berechtigten Forderungen der Frauen widersetzten. Dies ist aber eine verkürzte, ideologisierte Darstellung, welche dem zeitgenössischen Geschlechterdiskurs entstammt.

    In der Schweizerischen Eidgenossenschaft waren und sind alle männlichen Bürger wehrdienstpflichtig.

    Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz war die Partei, welche sich das Wahl – und Stimmrecht für Frauen schon in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hatte. „Gleiche Rechte – gleiche Pflichten“ war ihre Parole.

    Die Armee und mit ihr die allgemeine Wehrpflicht ( für Männer ) war stets ein unantastbarer Pfeiler, auf dem das Selbstverständnis der Eidgenossenschaft aufbaute und den Mythos des wehrhaften Kleinstaates, umringt von mächtigen Feinden, nährte.

    Zur damaligen Zeit, um 1920, war es selbstverständlich, dass jeder Stimmberechtigte dieses Recht seiner Bereitschaft verdankte, notfalls im Krieg sein Leben zu opfern, um den Fortbestand des Kleinstaates zu sichern, insbesondere auch gegen das militaristische Deutschland.

    Das Stimm – und Wahlrecht des Bürgers war damit an die Wehrpflicht gebunden. Deshalb waren sehr viele Frauen Gegner dieser Bestrebungen, erachteten sie es doch als selbstverständlich, dass mit der Einführung des Frauenwahl – und Stimmrechts auch die Verpflichtung zum militärischen Dienst oder allenfalls zu einem zivilen Ersatzdienst die logische Folge sei. Erst als klar wurde, dass Frauen nicht zu Diensten am Staat herangezogen würden, stiess die Forderung auf breite Unterstützung bei den Frauen.

  2. @ Peter

    Eine Nebenbemerkung zu deiner Bemerkung:

    Umso absurder erscheint mir nun die Situation in Deutschland, wo man zunächst einmal bestraft wird, weil man Mann ist, und dann gleich nochmals, weil man ein gesunder Mann ist.

    Denn: Ist man Frau oder ein kranker Mann, so muss man keine kostbare Lebenszeit aufopfern.

    Wenn schon, dann sollten alle, die zum Wehrdienst nicht taugen, aber sonst doch ganz lebenstauglich sind, ersatzweise Zivildienst leisten müssen. Oder man erhebt den Wehrdienst in eine freiwillige Heldentat, was ich auch in Bezug auf Israel für richtig halten würde.

    Aber so, wie es jetzt ist? Wo ist die Gleichstellung? Und wo die Emanzipation – diesmal der Männer?

  3. Wehrpflichtersatz@Yoav

    In der Schweiz ist es so, dass derjenige, der keinen Militärdienst leistet, Wehrpflichtersatz zu zahlen hat, und zwar auch dann, wenn er aufgrund seiner körperlichen oder geistigen Vorraussetzungen gar nicht in der Lage ist, seinen Militärdienst zu leisten, und aus diesen Gründen als „untauglich“ eingestuft wird.

    Ich zitiere:
    „«Mir geht es hier um Gerechtigkeit», sagt Hans Glor aus Dällikon ZH gegenüber dem «Zürcher Unterländer». Der 61-Jährige hat im Namen seines Sohnes Sven Glor vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die Schweiz verklagt, da sein Sohn Militärpflichtersatz zahlen muss, obwohl er Militärdienst leisten wollte. Als Diabetiker jedoch scheidet er als untauglich aus. «Das ist ungerecht, denn er wollte ja Dienst leisten», meint Glor.“

    http://www.tagesanzeiger.ch/…onen/story/15881866

    Gruss Peter

  4. Geschichtsschreibung

    Yoav, ich erlaube mir, zum vorliegenden Thema ein paar Gedanken zu äussern, zu einer Thematik, der ich seit langer Zeit grosses Interesse entgegenbringe.

    Wie Yoav treffend dargestellt hat, ergibt eine Geschichtsschreibung als die Aneinanderreihumg von „Fakten“ noch keinen Sinn. Dass die „Fakten“ selbst in vielen Fällen umstritten sind und manchmal manipuliert werden oder schlicht erfunden sind, lass ich hier mal unbeachtet.

    Die subjektive Interpretation der geschichtlichen Ereignisse beginnt bereits mit der Auswahl, d.h mit der Unterscheidung, was denn für die Geschichtsschreibung relevant und was nicht relevant ist, um die Geschichte und die in ihr wirkenden Kräfte als zielgerichtete Veränderung darzustellen, die im Jetzt und Heute ihren momentanen und vorläufigen Abschluss findet ( sofern wir die These vom Ende der Geschichte verwerfen ).

    Um die Komplexität der geschichtlichen Ereignisse fassbar darzustellen, muss notwendigerweise kategorisiert werden ( Yoav spricht von gedanklichen Abstrakta), um aus dem unüberschaubaren Dickicht überlieferter Zeugnisse einen Sinn zu destillieren. Die Kategorisierung ist sozusagen die Blaupause des gedanklich bereits vorhandenen Deutungsmusters.

    Erhellend sind in diesem Zusammenhang die Kategorisierungen des Marxismus und des Nationalsozialismus und ihre Geschichtsdeutung mit universalem Geltungsanspruch.

    Die marxistische Lehre deutet die Geschichte bekanntermassen als die Geschichte der permanenten Klassenkämpfe. Damit war eine universal anwendbare Kategorisierung und Geschichtsdeutung gefunden, welche auch scheinbar zusammenhangslose geschichtliche Ereignisse in einem übergeordneten Rahmen integrierte und ihnen Sinn verlieh. Die Geschichte hatte gemäss der marxistischen Lehre somit einen mythischen Anfang ( die Gesellschaft des klassenlosen Urkommunismus ), ein wirkmächtiges Prinzip ( der Klassenkampf als Folge der Ausdifferenzierung durch Arbeitsteilung ) und eine Ende, den „modernen Kommunismus“.

    Es ist nicht verwunderlich, dass eine derartige reduktionistische Kategorisierung, die als Mittel einer universalen Geschichtsdeutung verwendbar ist, eine grosse Wirkmächtigkeit entfaltete.

    Eine Ideologie, welche den Anspruch erheben wollte, dem Marxismus fundamental entgegenzutreten, musste idealerweise über eine ebenso universal anwendbare Kategorisierung verfügen, welche zu einer völlig andersartigen Deutung der Geschichte hinführte. Der Nationalsozialismus war diese Reaktion, und seine Deutung der Geschichte ergab sich unmittelbar aus seiner gleichermassen reduktionistischen Kategorisierung. Dies führte zur nationalsozialistischen Geschichtsinterpretation, welche sich der Kategorien Volk, Rasse und Lebensraum bediente, wodurch die Geschichte zu einer fortdauernden Geschichte des Kampfes der Völker und Rassen um Lebensraum wurde.

    Beachtenswert ist nun, dass beide Ideologien ihre Geschichtsdeutung „materialisierten“, d.h das gedankliche Konstrukt mit seinen Kategorien wurden die Unterscheidungskriterien, welche die politischen Handlungen vorzeichneten. Sie erschufen sich gewissermassen ihre eigene Wirklichkeit und das Ziel, auf welches die Geschichte zusteuerte.

    Die abschliessende Frage wäre nun, welcher Kategorien sich die zeitgenössische(n) Geschichtsschreibung(en) bedienen. Damit wird die Subjektivität sichtbar, und alternative interpretationen werden möglich.

    Gruss Peter

  5. @ Peter

    Herzlichen Dank für deinen wichtigen Beitrag zur Diskussion.

    Kategorien sind zwar auch Abstrakta, aber ein besonderer Fall hiervon. Um uns Vergangenes zu vergegenwärtigen, sind wir alle auf Abstrakta angewiesen, ohne die wir uns nicht einmal unsere heutige Welt vorstellen können. Die von dir zu Recht thematisierten Kategorien sind jedoch entkontextualisierte Abstrakta, die zu einem allgemeinen, durchgängigen Merkmal des Menschen und seiner Geschichte erhoben, zurückprojiziert und folglich auch auf Zeiten angewandt werden, wo sie nicht nur diskursanalytisch, sondern völlig falsch am Platze sind.

    Der Holocaust z. B. ist ein Abstraktum, der uns hilft, Form und Inhalt der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung zu begreifen, und dabei auch gleich bestimmte, nicht zuletzt auch zahlenmäßige Vorstellungen von derselbigen vermittelt. Er ist aber noch keine historische Kategorie, es sei denn, man würde jetzt eine Geschichte der Welt konstruieren, die sich um ein allgemein-menschliches Phänomen „Holocaust“ drehen würde. Selbst der eher neutrale Begriff des „Völkermords“ wäre m. E. noch kein ausreichendes Moment, um auf dieser gedanklichen Basis eine Geschichte der Welt aufzubauen.

    Ein Beispiel für eine heutzutage gängige Kategorie ist vielleicht das Konstrukt der „Menschenrechte“, das bis in den deutschen Bauernkrieg (die Zwölf Artikel von Memmingen 1525) zurückprojiziert wird. Und wenn schon, dann warum nicht auch in die hebräische Bibel? Jedoch ist mir noch keine große Geschichte, als etwa eine Geschichte Europas bekannt, die um dieses Konstrukt kreist und den Hergang der europäischen Zivilisation (in Europa und sonstwo) als andauerndes Erkämpfen von Menschenrechten zu erklären versucht.

  6. Ergänzung@Yoav

    Yoav schrieb : „Der Holocaust z. B. ist ein Abstraktum, der uns hilft, Form und Inhalt der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung zu begreifen, und dabei auch gleich bestimmte, nicht zuletzt auch zahlenmäßige Vorstellungen von derselbigen vermittelt. Er ist aber noch keine historische Kategorie, es sei denn, man würde jetzt eine Geschichte der Welt konstruieren, die sich um ein allgemein-menschliches Phänomen „Holocaust“ drehen würde.“

    Du vertrittst die These von der Singularität des Holocaust. Es wiederstrebt dir deshalb, den Holocaust in eine Kategorie geschichtlicher Ereignisse einzuordnen. Ich respektiere das, halte es aber für nicht zielführend. Ziel wäre, aus der Geschichte zu lernen.

    Holocaust als singuläres geschichtliches Ereignis ( singulär ist grundsätzlich jedes geschichtliche Ereignis, und sei es nur in Raum und Zeit ) könnte aber in die Kategorie „Genozid“ eingerreiht werden. Der Genozid wiederrum ist gemäss der nationalsoziaistischen Geschichtsinterpretation der Ausdruck des Kampfes um Lebensraum der Völker und Rassen.

    Etwas schwieriger gestaltet sich die Einordnung des Holocaust in die marxistische Lehre des permanenten Klassenkampfes. Die Juden generell als Vertreter der „Kapitalistenklsse“ zu deuten war paradoxerweise den Nationalsozialisten vorbehalten, die deshalb vom Finanzjudentum und Ähnlichem schwadronierten.

    Geschichte kann gemacht werden. Indem die Nationalsozialisten den Juden das Lebensrecht verweigerten, machten sie die Geschichte, zumindest die wenigen Jahre, die sie tausend nannten, tatsächlich zu einem Kampf um Lebensraum. Das meinte ich mit „materialisieren“, oder “ sich seine eigene Wirklichkiet erschaffen „.

  7. @ Peter

    In deinem vorletzten Kommentar hast du geschrieben: „Um die Komplexität der geschichtlichen Ereignisse fassbar darzustellen, muss notwendigerweise kategorisiert werden (Yoav spricht von gedanklichen Abstrakta), um aus dem unüberschaubaren Dickicht überlieferter Zeugnisse einen Sinn zu destillieren.“

    Als ich in meiner Antwort darauf das Beispiel „Holocaust“ herangezogen habe, ging es mir nur darum, zu zeigen, dass, obwohl jede Geschichtskategorie ja ein Abstraktum ist, nicht jedes Abstraktum gleich eine Kategorie darstellt.

    Mit anderen Worten: Es ging mir nicht um die Singularität des Signifikats bzw. der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung, sondern – wenn schon von Singularitäten die Rede ist – dann höchstens um die Singularität des Signifikants bzw. des Abstraktums „Holocaust“ (als Begriff, wie etwa auch das Abstraktum „Französische Revolution“ singulär ist).

    Zur Frage des Genozids etc. habe ich ja geschrieben: „Selbst der eher neutrale Begriff des „Völkermords“ wäre m. E. noch kein ausreichendes Moment, um auf dieser gedanklichen Basis eine Geschichte der Welt aufzubauen.“ Das heißt: Auch wenn sich der „Völkermord“ oder der „Genozid“ in eines der von dir erwähnten Geschichtsbilder einordnen und mithilfe der jeweiligen Kategorien erklären lässt, ist es an sich ja noch keine „Kategorie“.

    Übrigens wurde im sozialistischen Deutschland, soweit ich mich entsinnen kann, die Judenverfolgung und -vernichtung (also eben nicht den uns heute bekannten „Holocaust“) oft vor deren ökonomischem Hintergrund interpretiert und als ein Resultat des faschistisch-kapitalistischen Ausbeutungsmechanismus erklärt: Von der Arisierung jüdischen Vermögens über die Ausnutzung der Arbeitskräfte bis hin zur Verwertung von Goldzähnen und Menschenhaar. Inzwischen hat sich auch Götz Aly damit befasst, und zwar sehr intensiv (s. „Hitlers Volksstaat“, weiteres dazu hier: http://www.perlentaucher.de/buch/20266.html).

    Das mit der Materialisierung des jeweiligen Geschichtsbildes im Sinne von Anwendung desselben auf und dessen Verwirklichung in der Gegenwart finde ich sehr interessant. Es gibt viele Hinweise darauf, dass es den Nazis eben nicht um Nutzen und Verdienst ging, sondern um die Führung eines von ihnen tatsächlich so wahrgenommenen Rassenkampfes ging, und zwar trotz abträglicher Auswirkungen auf die konventionelle Kriegsführung.

  8. Yoav schrieb : „Jedoch ist mir noch keine große Geschichte, als etwa eine Geschichte Europas bekannt, die um dieses Konstrukt ( Menschenrechte* ) kreist und den Hergang der europäischen Zivilisation (in Europa und sonstwo) als andauerndes Erkämpfen von Menschenrechten zu erklären versucht.“

    Tut nicht die marxistische Geschichtsschreibung genau dies, indem sie den Klassenkampf als vom Streben des Menschen nach Freiheit und Gerechtigkeit getrieben interpretiert ?

    Noch eine kleine Ergänzung zu meinen Ausführungen betreffend Singularität und Holocaust.

    Es ist mir ein Anliegen, hier nicht missverstanden zu werden. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass für Juden der Holocaust nicht in einer Kategorie eingereiht wird, „unter anderem“ sozusagen. Denn das Ziel war nichts weniger, als das Jüdische aus der Geschichte zu tilgen. Wenn die Geschichtsschreibung eine jüdische ist, dann ist es gerechtfertigt, den Holocaust als unvergleichlich, in seiner Intention als einzigartig darzustellen.

    Yoav : „Selbst der eher neutrale Begriff des „Völkermords“ wäre m. E. noch kein ausreichendes Moment, um auf dieser gedanklichen Basis eine Geschichte der Welt aufzubauen.“

    Für dich nicht, für einen Nationalsozialisten aber schon. Der Genozid ist für den Nationalsozialisten das Ergebnis des Kampfes der Völker um Lebensraum. Je reduktionistischer die Geschichtsschreibung, desto leichter fällt die vorgezeichnete Interpretation. Auf diese Parallele der marxistischen und nationalsozialistischen Geschichtsdeutungen wollte ich hinaus, da beide ein universales, zeitloses und wirkmächtiges Prinzip postulierten.

    Stellen wir uns mal vor, die Nationalsozialisten hätten den totalen Sieg errungen und all jene ausgerottet, die gemäss ihren Rassentheorien nicht als arisch gelten konnten. Hätten dann nicht die Nationalsozialisten mit ihrer Geschichtsdeutung recht behalten, und die Geschichte als Ganzes hätte im Rückblick immer auf diesen von den Nationalsozialisten angestrebten „Endkampf“ zugesteuert ? Wäre in dieser fiktiven Welt eine Geschichtsschreibung abseits nationalsozialistischer Kategorisierungen überhaupt noch denkbar ?

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