Sprache und Schrift: nicht zu überschätzen

Manche haben einen Hang zu Universalismus und Globalisierung. Ich nicht. Ich mag das Spezifische, das Partikulare, das Typische und Unverwechselbare. Darum auch die Fraktur.

Wertvoll ist das Einmalige und glücklich die wenigen Völker, die wie die Juden, die Armenier oder die Georgier seit der Antike bis in die globalisierte Gegenwart durch alle Geschlechter hindurch und in aller Herren Ländern eine eigene Schrift behüten und bewahren konnten. Den vom römisch-lateinischen Kulturkreis überwältigten Germanen bzw. Deutschen wurde das nicht gegönnt. Jedoch heißt es nicht, dass es in der deutschen Textkunst und -handwerk nichts Eigentümliches gibt, dass es sich dabei um eine bloße Reflektion anderer Kulturen handelt. Ganz im Gegenteil, ist der Druck ja eine deutsche Erfindung.

Will man im Schriftlichen einen deutschen Geist spüren, so kann diesen nichts besser in sich bergen als die Schriftarten, die im Deutschen beheimatet sind. Oder, genauer gesagt: waren.

Der gebrochenen Schrift widerfuhr ein hartes Los: Zunächst von Hitler als "Schwabacher Judenlettern" verboten, dann vom Nachkriegsdeutschland kaum rehabilitiert und schließlich von Neo-Nazis absurderweise als "braun" empfunden und gebraucht. Die Fraktur gehört keineswegs in proletarische, zudem leider meistens falsch buchstabierte Kneipenschilder, sondern in Tageszeitungen, Romane und Enzyklopädien, ja auch ins Internet (und wer hier technische Schwierigkeiten befürchtet, der schaue sich doch mal im hebräischen Netz um!). Wenn die Geschichte Kulturgüter "vergewaltigen" kann, ist das Schicksal der deutschen Fraktur – vor allem seit dem sog. Schrifterlass im Jahre 1941, dem im Übrigen auch die Sütterlinschrift zum Opfer fiel – ein gutes Beispiel hierfür.

Die Fraktur ist direkt der deutschen Sprache entwachsen, darum auch auf deren Merkmale und Bedürfnisse so gut abgestimmt wie keine andere Schrift. Auch die traditionelle Verwendung der Antiqua zur Wiedergabe fremder Wörter und Ausdrücke verhalf dem Deutschen auf optischem Wege zum eigenen Charakter. Zu diesen deutschen Spezifika der gebrochenen Schriften, die in anderen Sprachen nicht zur Geltung kommen konnten, gibt es im Internet so viele Artikel, dass es hier keiner Wiederholung bedarf.

Die Fraktur enthält somit die Aussage: Das Deutsche liegt nicht nur daran, was man schreibt oder liest, sondern zugleich auch am Wie. In ihr – wie heutzutage etwa auch in der jüdischen (wenn auch ursprünglich assyrischen) "Quadratschrift" – steckt ein ganzheitlicher Ansatz, der für das in sonstiger Hinsicht tief zersplitterte Deutschland eher untypisch war. Umso wichtiger war mithin seine Bedeutung: Die Fraktur war der fast greifbare Ausdruck des – um mit Goethe (Faust I, Studierzimmer II) zu sprechen – "geistigen Bands", das Literaten, ja spezifisch deutsche Literaten, in all ihren Ländern und Staaten miteinander durchs und im Deutschen vereinte.

Mit der Abschaffung der deutschen Schrift durch Hitler ging auch ein sehr wichtiges Merkmal des deutschen Kulturraums verloren. Es war ein großer Schritt zur globalen Gleichmacherei hin, begründet in des "Führers" Wunsch, die eroberten Völker Europas mögen in der Lage sein, die Sprache ihrer deutschen Herren, d.h. natürlich vor allem deren schriftliche Anweisungen, leicht zu verstehen und zu befolgen.

Die Kultur- und Identitätskrise des heutigen Deutschland ist von der Schriftfrage unlöslich; sie wird in dieser geradezu widergespiegelt. Ein deutscher Frühling, eine Rückkehr des Deutschen in die Geschichte, sofern in unserem Zeitalter noch denkbar, müsste (auch) mit der Rehabilitierung der deutschen Schrift beginnen, mit der Erlösung des typisch Deutschen aus dessen vermeintlich hitlerscher Gefangenschaft.

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Willkürlich

    Mir erschließen sich derartige Forderungen nicht wirklich. Warum bei der Fraktur halt machen? War die „germanische bzw deutsche Identität“ mit Runen nicht viel deutlicher ausgeprägt? Das Problem mit „Wiederherstellungsforderungen“ ist doch, dass die wiederherzustellenden Zeitpunkte weitgehend willkürlich gewählt sind.
    Gibt es, davon einmal abgesehen, überhaupt eine deutsche Identitätskrise und ist einer Nation durch weniger Kommunikation mit anderen und mehr Isolation von anderen überhaupt geholfen? Ich persönlich halte die Antwort darauf ja für offensichtlich.

  2. @ Stefan

    Zu den Runen: Theoretisch ja, warum nicht? Je größer die Vielfalt, desto reicher die Welt. Ich fände es ganz schrecklich, wenn alle Menschen (selbst bei verschiedenen Sprachen) nur eine einzige Schrift verwenden würden. Nur in praktischer Hinsicht ist es ja unmöglich, da die deutsche Sprache sich durch ihre Entwicklung ganz wesentlich auf den lateinischen Zeichensatz stützt.

    Ohnehin kann ich nicht nachvollziehen, warum du meinst, eine bis vor siebzig Jahren noch durchgängig, auch heutzutage gelegentlich verwendete Schrift wäre mit einer seit vielen Jahrhunderten, ja Jahrtausenden de facto gestorbenen gleichsetzbar. Wenn die FAZ täglich ihren Titel nicht in Fraktur, sondern in Runenschrift drucken würde, könnte ich dein Argument nachvollziehen.

    Außerdem: Nach deinem Argument war die Wiederherstellung der deutschen Einheit auch ein reiner Willkürakt – schließlich kam die deutsche Teilung nur vier Jahre später zustande als das hitlersche Frakturverbot.

    Und ja, es gibt eine deutsche Identitätskrise. Gerade die Inlandsdeutschen sind größtenteils nicht in der Lage, sich selbst eine Erklärung zu geben, was es überhaupt bedeutet, Deutscher zu sein. Zu gleicher Zeit aber gibt die Bundesregierung Gelder aus, um unter Auslandsdeutschen die gemeinsame Identität zu bestärken. Wozu? Nur damit sie, wenn nach Deutschland zurückgekehrt, hier plötzlich „rausfinden“ müssen, dass die deutsche Identität vermeintlich nur eine Frage des Reisepasses ist, nach dem sie im Ausland doch nicht als Deutsche gegolten hätten? Das ist ja lächerlich.

  3. Ist diese Schrift nicht ein bißchen zu schlecht zu lesen? Die Zeit hat man doch heutzutage nicht mehr. 😉

    Ich habe die Frakturschrift nicht richtig kennengelernt und vermisse sie somit auch nicht. Und ich denke, der Einfluß der Schriftform auf ein kulturelles Gemeinwesen ist nicht so hoch wie die Sprache selber. Von daher würde ich den Schwerpunkt eher bei der Sprache anstatt der SChrift setzen.

  4. @ Martin

    Es ist – wie alles im Leben – eine Gewöhnungssache. Sicherlich fällt es dir leichter, den Fraktursatz zu lesen als irgendwas in hebräischer Sprache – aber nicht, weil die hebräischen Zeichen an sich schwieriger zu erkennen sind, lebt doch an der Mittelmeerostküste ein ganzes Volk, das mit dieser Schrift mühelos seinen Alltag verbringt.

    Deiner Ansicht zum Einfluss der Sprache auf das Gemeinwesen stimme ich völlig zu; die Frage der Schrift ist in diesem Zusammenhang nur ein ergänzender Aspekt.

    Allerdings kann die Schriftfrage wiederum auf die Frage zurückwirken: In Fraktur wird nur Deutsches gesetzt, Fremdwörter hingegen in Antiqua, was Fremdwörter deutlich, weil optisch, von der eigenen Sprache, also auch vom Eigenen schlechthin, abgrenzt (ohne das Fremde hiermit zu bewerten, notabene).

    Das bedeutet, dass z. B. Anglizismen nicht so leicht in die deutsche Sprache hätten eindringen können, da sie den natürlichen Textfluss wesentlich gestört hätten. Das lässt sich z. B. im heutigen Hebräischen beobachten: Anglizismen gibt es, aber schon aus optischen Gründen werden sie jeweils relativ schnell durch (bald gut, bald weniger gut) hebräisierte Formen ersetzt.

  5. Anglizismen

    Warum sollte die Frakturschrift die Anglizismen stoppen? Sind doch auch lateinische Buchstaben. Dann werden die halt auch in Frakturschrift gesetzt. Oder meinst Du davor hätte man zurückgeschreckt?

  6. @ Matin

    Es gehört(e) zur deutschen Rechtschreibung, dass man Fremdwörter u. Ä. nicht in Fraktur, sondern stets in Antiqua schreibt. Das Fremde klingt also nicht nur anders, sondern schaut auch deutlich anders aus und wird somit von der deutschen Sprache abgegrenzt.

    Ein zufälliges Beispiel aus dem Edikt von Potsdam (s. hier: http://upload.wikimedia.org/…66/EdiktPotsdam.jpg): Die damaligen Fremdwörter „Edict“, „Privilegia“, „Nation“ und „Octob[e]r“ sind in Antiqua geschrieben.

    Dieses Merkmal deutscher Rechtschreibung ging mit dem Frakturverbot komplett verloren, da nunmehr alles nur noch in Antiqua gesetzt wird.

  7. @Yoav Sapir

    Bei der deutschen Einheit handelt es sich doch nicht um die Wiederherstellung eines historischen Grenzverlaufs, sondern um die Vereinigung zweier einst zusammengehörender Populationen und von Gebieten mit einmaligem Grenzverlauf zu einem Staat mit ebenfalls einmaligem Grenzverlauf. Die Wiedervereinigung hat also etwas neues geschaffen und nicht etwas historisches wiederhergestellt. Die Nachbarländer Deutschlands wären über die Wiederherstellung historischer Grenzen wohl auch nicht begeistert gewesen.

    Ich möchte auch das Argument „Fremdes“ abzugrenzen nicht unwidersprochen stehen lassen. Die Entwicklung von Sprachen ist kontinuierlich und unaufhaltsam. Manche Menschen sehen darin eine Bedrohung. Doch das ändert nicht das Wesen der Sprache. Bei der Abgrenzung stellt sich also ebenfalls die Frage, welche Sprachstufe als „richtig“ zu setzen ist. Mir erscheint eine Schrift, die die Offenheit und Flexibilität der Sprachen unterstützt und nicht zuverhindern versucht nicht nur ethisch sympathischer, sondern auch ganz konkret praktischer.

    Zur Diagnose einer Krise müsste man in erster Linie „Symptome“ nennen und einen damit einhergehenden Leidensdruck belegen, um zu überzeugen.

  8. Zustimmung

    Ja, eine Rückkehr des Deutschen in die Geschichte, wie sie sich etwa Friedrich Hölderlin erhoffte und geradezu prophetisch vorhersagte (oder auch Heinrich Heine) müßte heißen, eine Rückkehr des Deutschen als deutscher Kultur (nicht im wesentlichen als deutscher Politik). (Gerne auch als deutscher Wissenschaft, die ich unter die Rubrik Kultur zähle.) Und es würde sich um Kultur handeln, die der Welt etwas zu sagen hätte, so wie etwa um 1800 herum oder um 1900 herum.

    Zu beiden Zeiten war es selbstverständlich in Deutschland, sich der deutschen Schreib- und Druckschrift zu bedienen, ohne dabei seine eigene Weltoffenheit zu verlieren.

    Schrift wirkt auf Emotionen zurück.Sozusagen: So wie ich schreibe, so wie ich lese, BIN ich auch. Seit Dürer WOLLTEN die Deutschen so sein. Aber anstelle dessen sind wir heute schriftmäßig ziemlich „globalisiert“ und deshalb, wie ich meine, manipulierbarer, als wenn wir in eigenen örtlichen, heimatlichen kulturellen Traditionen wurzeln würden.

    Ich frage mich schon seit Jahren, ab wann ich meinen eigenen Blog in Frakturschrift schreiben kann – einfach von den technischen Voraussetzungen her. Dazu ist mir aber noch nichts bekannt geworden.

    Da scheinen Chinesen, Russen, Juden heute noch weniger globalisiert als wir Deutschen.

    Wenn allerdings die Verhältnisse in Deutschland weiter so eskalieren wie bei Kirsten Heisig beschrieben, wird man auf einen solchen wünschenswerten neuen deutschen Frühling wohl vergeblich hoffen.

  9. @ Ingo

    Deine Vorstellung von der Rückkehr des Deutschen in die Geschichte in „kultureller“ Form hat wohl sehr viel mit meiner Vorstellung von der Rückkehr in „vergeistigter“ Form gemeinsam, zu der sicherlich auch gewisse Botschaften und Visionen (Geist) gehören.

    Und ja: Die Juden, Chinesen etc. sind tatsächlich weniger globalisiert, d.h. gleichgeschaltet. Dazu trägt nicht zuletzt auch die Bewahrung und Verwendung einer eigenen Schrift bei.

    Und danke für deinen sehr interessanten Kommentar.

  10. @ Stefan

    1. Ich verstehe nicht so recht, was du mit dem Grenzverlauf meinst. Ich habe doch von der Wiederherstellung der deutschen Einheit gesprochen. Oder meinst du, es hätte bis 1990 in der deutschen Geschichte keine deutsche Einheit gegeben, darum 1990 auch keine „Wiederherstellung“? Das ist keine falsche These (s. hier: http://www.chronologs.de/…2008-06-12/deutschland), nur gibt es demzufolge auch nach 1990 keine deutsche Einheit. Mit anderen Worten: *Wenn* heutzutage von der deutschen Einheit die Rede sein kann, dann nur insofern, als diese 1990 wiederhergestellt worden ist. Dann stellt sich notwendigerweise die Frage, warum etwas, was 1945 zustande kam (die deutsche Teilung), wiederhergestellt werden darf, aber etwas anderes, was 1941 zustande kam (das Frakturverbot und der darauf folgende Frakturverzicht), nicht wiederhergestellt werden bzw. die Vorstellung hiervon gleich als absurd gelten sollte. Für eine solche Bewertung scheint mir die vierjährige Differenz zwischen 1941 und 1945 kaum auszureichen.

    2. Sicher hören Sprachen nie auf, sich fortzuentwickeln. Und dennoch gibt es immer das Eigene (z. B. das Wort „Schicksal“) oder das bereits zu Eigen Gemachte (z. B. das Wort „Kolonisierung“) einerseits, das Fremde oder das noch Fremde andererseits. Wenn alles den gleichen Wert hat, ist nichts von Wert. Es geht also nicht darum, die eine oder andere Sprachstufe zu verewigen, sondern darum, einen gewissen Grad von, sagen wir mal, sprachlichem Selbstbewusstsein beizubehalten. Eine wichtige Komponente hiervon ist die eigene oder zumindest teilweise eigene Schrift.

    3. Ich glaube dir vollends, dass du diese Krise nicht wahrnimmst, auch nicht wahrnehmen kannst. Du bist höchstwahrscheinlich in diese Krise geboren, in ihr aufgewachsen, durch sie sozialisiert worden. Daher verzichte ich von vornherein auf den Versuch, dich davon zu „überzeugen“. Ich könnte genauso gut versuchen, einem Afrikaner in der Sahara, der noch nie von anderen Orten gehört hat, das Phänomen von Dauerfrost und Gletschern zu erklären. Es ist also nicht deine Schuld, trotzdem bin ich mir für solch sinnlose Kämpfe zu schade.

  11. @Yoav Sapir

    Zu 1.: Ich spreche davon, dass die heutige Bundesrepublik Deutschland keinen exakten historischen Vorgänger bezogen auf Bevölkerung und Territorium hat und damit nicht sinnvoll als eine Wiederherstellung irgendeines historischen Zeitpunktes gewertet werden kann. Am einfachsten lässt sich das an den Grenzverläufen von deutschem Reich und Bundesrepublik Deutschland sehen. Die Wiedervereinigung ist daher im besten Fall nur eine teilweise Wiederherstellung eines historischen Zustands.
    Ich persönlich bin jedoch der Ansicht, dass wer die Wiedervereinigung als Wiederherstellung eines historischen Zustands interpretiert, die Wiedervereinigung nicht verstanden hat.

    Zu 2.: Das Wort „Schicksal“ geht auf das niederländische „schicksel“ zurück und ist erst seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen belegt. Die endgültige Eindeutschung durch Anpassung des Suffix auf -sal ist noch jünger. Die „Kolonie“ geht auf lateinisch „colonia“ zurück, ist ebenfalls seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen belegt und bekam mit -ie ebenfalls eine Standardendung.
    Der Hauptunterschied zwischen beiden ist also nicht der, den du machst: Es handelt sich nicht um eigen vs eigen gemacht. Der Unterschied liegt in der Verwendung. „Schicksal“ gehört zum Standardwortschatz, „Kolonie“ dagegen zum erweiterten Wortschatz/Fachwortschatz.
    Die Idee, es gäbe besonders genuin „deutschlanddeutsche“ Wörter (um mit einer österreichischen Freundin zu sprechen), welche besonders beschützenswert seien und einen höheren Wert als andere deutsche Wörter hätten, ist untrennbar mit der Beibehaltung willkürlicher Sprachstufen und Wortschätze verbunden.
    Wenn dir bereits teilweise eigene Schriften als Bewahrung des Eigenen ausreicht – sicherlich angesichts der Fraktur eine notwendige Einschränkung – stellt sich zusätzlich die Frage, was du an ö, ä, ü, ß auszusetzen hast. Das sind wie die Fraktur im Deuschten verwendete auf latein-basierende Zeichen, die es im Lateinischen nicht gab und Eigententwicklungen darstellen.

    Zu 3.: Wenn eine Krise real existiert und nicht nur deiner Enttäuschung entspricht, dass die Deutschen nicht so sind, wie du sie dir ausmalst, dann muss es zwingend objektive Kriterien geben, die du nennen kannst. Dinge in denen sich die Krise auswirkt. Insbesondere negative Dinge, die eindeutig als negativ bewertet werden können. Fehlen diese Auswirkungen oder können sie nicht als klar negativ bewertet werden, ist das Reden von einer Krise nicht gerechtfertigt.
    Natürlich kann es dir passieren, dass ich die objektive Kriterien anders bewerte als du. Aber das negiert nicht die Existenz derartiger Auswirkungen – falls tatsächlich von einer Krise gesprochen werden kann. Und nach diesen Auswirkungen habe ich dich gefragt und frage ich noch immer. Mir die grundsätzliche Erkenntnisfähigkeit abzusprechen ist als Antwort aber kaum überzeugend.

  12. @ Stefan

    1.

    Dann suchst du dir gerade die Aspekte aus, die dir gefallen, und siehst von allem anderen ab.

    Entweder gab es in der deutschen Geschichte auch vor 1990, also etwa 1871-1918, staatliche Einheit (z. B., wenn man aus Gesinnungsgründen die Schweiz und Österreich nicht dazu zählt); dann kann seit 1990 von der Wiederherstellung der deutschen Einheit die Rede sein. Oder es gab sie vor 1990 nie (z. B. wegen der Eigenständigkeit der Eidgenossen, der Deutschösterreicher etc.), doch dann gibt es sie auch seit 1990 nicht.

    Jedenfalls ist es nicht so wichtig, wie du es siehst, da der deutsche Nationalstaat nunmehr einen Nationalfeiertag namens „Tag der deutschen Einheit“ hat, d.h. der Staat vertritt offensichtlich die Position, dass die Deutschen sich heute staatlicher Einheit erfreuen können; sofern es heute der Fall ist, gilt das natürlich umso mehr für die Zeit bis 1945. Ich will jetzt nicht darüber urteilen, ob diese offizielle Sichtweise richtig ist oder nicht, sondern nur auf Folgendes hinweisen: *Wenn* diese Sichtweise richtig ist und die Deutschen im Jahre 2010 wirklich in staatlicher Einheit leben, dann nur, weil die 1945 aufgezwungene Teilung 1990 überwunden und diese oft beschworene Einheit wiederhergestellt wurde.

    Mit der Frage, ob mit der wiedergewonnenen Einheit auch der Grenzverlauf des früheren Territoriums wiederhergestellt worden wäre, hat es nichts zu tun, darum heißt es ja: „Tag der deutschen Einheit“ und nicht „Tag der deutschen Reichsgrenzen“.

    2.

    Im 16. Jh. gibt es noch keine deutsche Standardsprache, geschweige denn eine niederländische. Im 16. Jh. sind die Niederlande (je nach Region, offiziell sogar bis zum Westfälischen Frieden 1648) noch im Reich, also noch in Deutschland, sofern von einem damaligen Deutschland überhaupt die Rede sein kann.

    Es gibt also, abgesehen von leider weit verbreiteten Rückprojektionen, keinen – ob sprachlichen oder politischen – Grund, gewisse niederdeutsche Dialekte schon zu diesem historischen Zeitpunkt von anderen niederdeutschen Dialekten abzugrenzen, auch wenn aus den einen später eine deutsche Hochsprache, aus den anderen eine niederländische Schwestersprache entstehen sollte.

    Und wie schon oben gesagt: Die Entwicklung der Sprache bedeutet weder, dass das bereits zu Eigen Gemachte immer schon das Eigene war, noch bedeutet sie, dass das noch Fremde immer fremd bleiben würde. Doch auch wenn die Grenzen verschwommen sind und sich langsam hin und her bewegen, gilt es, sie zu beachten und nicht so tun, als ob „auf Wiederschauen“ und „see you“ auch heute schon gleichermaßen deutsch wären – auch wenn man nicht ausschließen kann, dass „see you“ eines Tages doch in irgendeiner Form eingedeutscht würde.

    Im Gegensatz zum Großen Kurfürsten bzw. dessen Zeitgenossen würde ich also inzwischen eingedeutschte Wörter wie „Edict/Edikt“ und „Privilegia/Privilegien“ heute nicht mehr durch die Antiquaschrift abgrenzen, dafür aber andere Wörter wie z. B. „Internet“ oder „Firewall“, die eines Tages wiederum vielleicht doch auch durchgängig eingedeutscht würden (oder auch nicht).

    Deswegen geht es hier, wie schon oben erklärt, nicht um die Verewigung der einen oder anderen Sprachstufe, sondern um die Beibehaltung eines dem jeweils aktuellen Zustand entsprechenden, die voreilige Gleichmacherei hemmenden, sprachlichen Selbstbewusstseins.

    Die Frage des lateinischen Alphabets ist bereits oben diskutiert worden.

    3. Nein, „objektive“ Kriterien in puncto Identität und Kultur muss es, ja kann es auch nicht geben. Außerdem braucht hier keiner seine Wahrnehmung vor dir zu rechtfertigen oder dich von irgendwas zu überzeugen.

    Wenn du aber darauf bestehst, dann schau dir doch mal die Lage der deutschen Philosophie an, die in den letzten Jahrzehnten einen historischen Tiefpunkt erreicht hat. Da wird von manchen – mangels echter Geistesgrößen – sogar ein Jürgen Habermas zu einem Philosophen verklärt.

    So gibt es, im Grunde genommen, zwei Möglichkeiten: Entweder zählt man zu denjenigen, die durch solche Zuschreibungen den Tiefpunkt bestenfalls zu vertuschen suchen, schlimmstenfalls aber gar nicht mehr wahrnehmen können; oder man zählt zu denjenigen, die auf eine reiche Tradition zurückblicken, daraus Ansprüche schöpfen und vom deutschen Volke folglich viel mehr erwarten als das, was es in den letzten Jahrzehnten geliefert hat (womit ich übrigens nicht sagen möchte, dass die Situation in anderen europäischen Völkern besser wäre; das ganze Abendland steckt seit dem letzten Krieg in einer tiefen Krise, nur kommt diese in Deutschland aus durchaus verständlichen Gründen besonders deutlich zum Vorschein).

  13. Philosophen. Schon wieder.

    1.

    Was ich sage ist eigentlich furchtbar einfach: Die heutige Bundesrepbulik hat so weder in ihrer Gesamtheit noch in Aspekten wie Territorium oder Bevölkerung als historisches Ebenbild existiert und kann daher nicht sinnvoll als ein Beispiel für Wünsche nach einer Wiederherstellung historischer Gegebenheiten herangezogen werden.

    Und nur um es anzumerken, da du es selbst ansprichst: Offiziell handelt es sich um das Erlangen einer Einheit (z.B. im Einigungsvertrag oder beim Tag der Deutschen Einheit), nicht um die Wiederherstellung eines historischen Zustands.

    2.

    Es gab keine Standardsprache im heutigen Sinn für das Gebiet und die gesamte deutschsprachige Bevölkerung. Seit dem 8. Jahrhundert spricht man aber verallgemeinernd vom Hochdeutschen (genauer Althochdeutschen) aus dem letztlich die deutsche Standardsprache hervorgeht. Aus dem Grund nennen Etymologie-Wörterbücher auch bereits seit dem 8. Jahrhundert schriftliche Belege für „das Deutsche“. Im 17. Jahrhundert hat sich sogar weitgehend die Schriftsprache des Hochdeutschen herausgebildet. Die Existenz des Hochdeutschen im 16. Jahrhundert – das Frühneuhochdeutsche also – zu bestreiten dürfte schwierig werden. Insbesondere unterscheiden sich das Hochdeutsche und das Niederdeutsche zu diesem Zeitpunkt durch die hochdeutsche Lautverschiebung bereits deutlich.

    Dass du anderer Meinung als ich bist und sogar die Gleichwertigkeit aller deutschen Wörter für ein Totschlagargument gegen selbige hältst (zumindest verwendest du es so, wenn du behauptest, Gleichwertigkeit bedeute Wertlosigkeit), scheint in einem unwissenschaftlichen, präskriptiven Bild von Sprache begründet zu sein. Ein solches Bild der Sprache ist zweifelsohne weit verbreitet, was auch der Grund ist, weswegen die Linguistik sehr lange benötigt hat, dieses unwissenschaftliche Sprachverständnis zu überwinden.
    Die Linguistik, die Wissenschaft, arbeitet dagegen deskriptiv. Das lässt sich überspitzt und vereinfacht als „Deutsch ist, was Deutsche sprechen und verstehen“ formulieren. Das wissenschaftliche Sprachverständnis ist auch der Grund, weswegen Wörter wie „Party“ oder „googeln“ in Deutsch-Wörterbücher stehen. In der Wissenschaft ist kein Platz für Wertungen. Bei Kultur auch nicht.

    3.

    Du willst deine Wahrnehmung nicht rechtfertigen? Das ist für mich ok. Mein zentrales Anliegen ist bereits erreicht, wenn du zugibst, dass es sich um eine subjektive, persönliche Wahrnehumg von dir handelt und nicht um eine objektive, zweifelsfrei existierende Krise. Denn dein bisheriges Auftreten inklusive der Feststellung von der angeblichen Krise Betroffene könnten sie nicht wahrnehmen ist eher das Gegenteil.

    Wenn die deutsche Identitätskrise sich besonders in einer Krise der (deutschen) Philosophie zeigt, dann kann ich mich ja beruhigt zurücklehnend. Ich hatte schon befürchtet, etwas Wichtiges könnte davon betroffen sein. Philosophen mögen das naturgemäß anders sehen. Es erklärt aber, wieso es kaum auffällt und noch weniger Auswirkungen hat.

  14. @ Stefan

    1.

    Du möchtest Kriterien festlegen, die die Geschichte per definitionem nicht erfüllen kann und die eigentlich bedeuten würden, dass es in der Geschichte nie und nirgends Kontinuitäten gäbe, dass es also keine echte Geschichte gäbe. Die meisten Deutschen indes, die im Zustand seit 1990 ihre staatliche Einheit erblicken, verstehen diesen Zustand als etwas, was es *im Wesentlichen* auch früher schon mal, nämlich bis 1945, gab. Du siehst es anders und das ist auch in Ordnung so, noch mehr braucht zum Thema nicht gesagt zu werden. Mit der eigentlichen Frage – ob das 1941 zustande Gekommene wirklich so weiter zurückliegt als das 1945 zustande Gekommene – hat diese Diskussion eh nur noch wenig zu tun.

    2.

    Du widersprichst dir selbst. Zunächst unterscheidest du (fälschlicherweise) zwischen dem „Niederländischen“ und dem „Deutschen“ im 16 Jh., dann jedoch (diesmal zu Recht) zwischen dem „Nieder-“ und dem „Hochdeutschen“. Es bleibt aber bei einem: Im 16. Jh. ist das „Niederländische“ noch keine Fremdsprache, sondern es zählt noch ganz zum niederdeutschen Sprachraum. Die standardisierte Form „Schicksal“ ist mithin keiner Fremdsprache entnommen, wie du vorher behaupten wolltest.

    „In der Wissenschaft ist kein Platz für Wertungen. Bei Kultur auch nicht.“ – Tja, da hast du aber ein völlig technisches Wissenschafts- und Kulturverständnis. Meinetwegen. Dazu kann ich nur sagen: Wem alle Kulturen gleichwertig sind, der hat keine Kultur. Nimm’s nicht persönlich.

    3.

    Wie schon mal gesagt: Ich glaube dir vollends, dass du diese Krise weder wahrnimmst noch wahrnehmen kannst. So ergeht es den meisten Deutschen (sonst gäbe es vielleicht keine Krise mehr). Freilich ist meine Wahrnehmung subjektiv, aber wie schon mal gesagt, gibt es keine „objektiven“ Identitäts- und Kulturkrisen. In solchen Fragen ist grundsätzlich keine „Objektivität“ möglich. Wer trotzdem und wissentlich so etwas voraussetzt, der *will* solcherlei gar nicht wahrnehmen.

  15. Blogs in Fraktur sind schon möglich

    Falls hier noch jemand liest, meine seitherigen Erkenntnisgewinne:

    1. Man kann sich ja kostenlos Frakturschriften für Microsoft-Rechner aus dem Netz runterladen:

    http://www.fonts-online.de/

    2. Es gibt schon einen Fraktur-Blog: „Die Verwendung der Fraktur im Internet ist möglich – und ebenfalls das Verfassen eines Blogs in Fraktur!“

    Siehe:

    http://unifraktur.blogspot.com/

    3. Es gibt ein Frakturforum (Ein Blog in Fraktur?)

    Siehe:

    http://unifraktur.sourceforge.net/…hp?p=258#p258

    4. Es gibt einen Frakturschriften-„Konverter“, mit dem man auch Probleme wie lang-s, ch, st etc .pp. lösen kann

    http://www.romana-hamburg.de/Fraktur.htm

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