Kann sich die Vergangenheit ändern?

Wir wissen ja, dass Geschichte als Wahrnehmung sich natürlich ändern kann; gäbe es wirklich »die Geschichte«, die allen gemeinsame, allumfassende, feste Vorstellung wie zu Rankes Zeiten, so würde sie nichtsdestoweniger mit der Arbeit eines jeden Historikers, mit jeder neuen Deutung oder Umdeutung der Vergangenheit Änderungen durchmachen. Geschichte kann sich nicht nur, sondern sie muss sich ändern durch die Arbeit von Historikern.

Aber im letzten Beitrag habe ich erklärt, dass auch die Vergangenheit, deren Wahrnehmung sich ändert, wiederum das Ergebnis von Wahrnehmung ist; dass diese Grundlage, auf welche sich jede Geschichte, jede Deutung des Vergangenen stützt, keineswegs solide ist, sondern allenfalls als solide gilt; und dass sie, ändert man seine Frage bzw. Perspektive, ebenso bezweifelt werden kann oder soll. Kann sich also auch die Vergangenheit ändern – und zwar nachträglich, d.h. nachdem sie bereits verging?

Auf den ersten Blick ergibt die Frage keinen Sinn: Schließlich wird die Vergangenheit aus der theoretischen Perspektive so definiert, dass sie sich unserer Einflussnahme (aus der Gegenwart heraus) entzieht; sobald etwas vergeht, kann es ja nicht mehr geändert werden. Diese Vorstellung verleiht manchem Historiker ein Gefühl der Sicherheit, wenn er über diese scheinbar unabänderliche Vergangenheit schreibt. Doch dieses Gefühl trügt.

Wie bereits in den letzten Beiträgen erklärt, arbeiten Historiker nicht mit der rein theoretischen Vorstellung einer »rohen«, aber inhaltsleeren Vergangenheit. Überhaupt kann sich der Mensch nur von spezifischen, mit Details befüllten Vergangenheiten ein Bild machen, das er anderen Menschen vermitteln könnte. In der Praxis also stützt der Historiker seine Arbeit auf eine Grundlage, die aus Details besteht, welche sich ihrerseits ändern können. Andere Historiker können genau das in Frage stellen, worauf er seine Deutung aufbaut. Dann ändern sie eben die Vergangenheit, auf die sich seine Geschichte bezieht.

Denken wir z. B. an das Jahr 1967. Eine bis dahin im historischen Sinne unbedeutende Person namens Benno Ohnesorg wird am 2. Juni jenes Jahres »dignum memoriae«, also der (historischen) Erinnerung wert. Denn an diesem Tag wird er in Berlin von Karl-Heinz Kurras, einem Polizisten, umgebracht. Dieses Geschehen sollte sich noch mannigfaltig auf die damalige Zeit auswirken – bis hin zu der deutschen Terroristenbande »Bewegung 2. Juni« (»Mit diesem Datum im Namen wird immer darauf hingewiesen, daß sie zuerst geschossen haben!«). Dem Zurückblickenden bzw. dem Historiker hat somit der Schuss durch Kurras, Beamte und Stellvertreter des Staates (»sie«), eine historische Bedeutung.

Der Schuss selbst ist aber seitdem Vergangenheit und somit die Grundlage für Geschichten, die sie deuten; sie werden gedruckt und veröffentlicht, viele davon erscheinen im »Jubiläumsjahr« 2007. Doch zwei Jahre später, nämlich 2009, wird bekannt, dass Kurras 1967 SED-Mitglied und Stasi-IM war.

Was ändert sich durch diese Entwicklung? Nicht die Geschichten, die bereits 2007, also vor der Änderung, in unzähligen Publikationen zum Ausdruck kamen. Diese Bezugnahmen auf die Vergangenheit, diese Deutungen von Vergangenem können sich nicht mehr ändern, weil eine Entwicklung im Jahre 2009 keine früheren Wahrnehmungen rückgängig machen kann, sondern nur neue anregen. Was sich hier also ändert, ist eigentlich die Vergangenheit selbst; zwar nicht in ihrem theoretischen Sinne, dafür aber im Sinne der historischen Praxis.

Die Grundlage jedes Textes aus dem Jahre 2007, der sich auf Ohnesorg bezog und seinen Tod in eine Geschichte wob, ist 2009 erschüttert worden. Die Vergangenheit, welche diese Texte analysieren und deuten, hat sich in einem wichtigen Punkt tatsächlich nachträglich geändert.

An diesem Punkt zeigt sich übrigens, warum die Subjektivität der Geschichte nicht als Beliebigkeit verstanden werden darf: Im Gegensatz zur Belletristik erhebt die Geschichtsschreibung einen ethischen Anspruch, wenn sie über die Vergangenheit erzählt. Es ist zwar niemandem verboten, gilt aber unter Historikern als unethisch, für sich eine Grundlage, eine Vergangenheit heranzuziehen, die man sich beliebig zusammenstellt, ohne Rücksicht darauf, was unter Historikern jeweils als umstritten oder eben unumstritten gilt (natürlich kann man eine bis dahin unumstrittene Tatsache in Frage stellen, nur gehört diese dann eben zur Fragestellung des Historikers, also zu seiner eigenen These, mit der er die bis dahin unumstrittene Tatsache widerlegen will; sie ist dann also nicht die Grundlage, die in seiner Arbeit als unumstritten gilt und auf der er seine These begründet). Die handwerkliche Ethik zwingt also seit 2009 die Historiker, in ihrer subjektiven Deutung und Auswertung des Falles Kurras die neuen Erkenntnisse zu berücksichtigen und nicht so zu tun, als ob diese 1967-Vergangenheit, über die sie im Jahre 2015 schreiben, sich nicht im Jahre 2009 geändert hätte und noch immer so wäre, wie sie etwa im Jahre 2005 war.

Sich vorzustellen, dass eine Vergangenheit sich nachträglich ändern kann, ist eine zwar schwierige und verunsichernde, aber nichtsdestoweniger notwenige Aufgabe für den kritischen Historiker. Dass im Jahre 2009 etwas Neues bekannt und bewusst wird, bedeutet zwar nicht, dass die Ereignisse von 1967 sich selbst rückwirkend ändern würden; aber wie bereits erklärt, haben wir zu diesen Ereignissen bzw. zu der Vergangenheit »an sich« sowieso keinen epistemologischen Zugang; diese »rohe« Vergangenheit ist ein rein theoretisches Konstrukt. Die real existierende Vergangenheit jedoch, nämlich die von uns wahrgenommene Vergangenheit von 1967, hat sich sehr wohl verändert, indem 2009 uns etwas Neues bewusst geworden ist.

Vor diesem Hintergrund kann man schon sagen: Für den Historiker sind die tatsächlichen Ereignisse nur von theoretischer Bedeutung; sie besitzen kaum praktische Relevanz außer in dem Gedanken, dass man alles Bekannte, alle »Tatsachen« bezweifeln kann oder soll. Die tatsächlichen Ereignisse, wie sie im rankeschen Sinne »eigentlich gewesen« seien, kann der Historiker weder darstellen noch analysieren, sondern nur die Ereignisse, wie sie ihm bekannt und bewusst sind, auch wenn diese nicht den tatsächlichen entsprechen sollten. Darum sind in der historischen Praxis die Ereignisse in unserem kollektiven Bewusstsein wesentlich wichtiger, weil wirksamer; denn die vergangenen Ereignisse können nur so existieren, wie wir uns ihrer bewusst sind. Auch die historischen »Tatsachen«, auf deren Basis der Historiker seine Geschichte entwickelt, sind das Ergebnis von Bewusstsein und Wahrnehmung, also Tatsachen auf Vorbehalt, die sich manchmal ändern können.

Jede historische Tatsache ist also nur insofern eine Tatsache, als wir sie als solche annehmen und akzeptieren – meistens nur, weil und solange wir keinen Grund haben, sie zu bezweifeln. Das bedeutet, dass keine Tatsache wirklich außer Zweifel stehen kann; vielmehr ist alles historische Wissen ein Wissen mit Vorbehalt, eine Konvention. Die geschichtete Geschichte ist ein riesiges Gewebe aus Konventionen, die schichtweise voneinander abhängen. Das sind die Relationen, welche jeder Geschichte eine bestenfalls relative, niemals absolute Geltung verleihen.

Das macht jeden Historiker von unendlich vielen anderen abhängig. Auch wenn der heutige Historiker ein relativ neues Handwerk ausübt, steht er in einer epistemologischen Kette, die wesentlich weiter zurückreicht und bis an die Anfänge menschlicher Sprachfertigkeiten vor ca. 70.000 Jahren führt. Keine Geschichte steht für sich allein; sie ist immer nur eine Schicht, die auf anderen Schichten, also auf bereits früher entstandenen Wahrnehmungen aufbaut. Ihre Bedeutung erhält sie erst in der Relation zu solch anderen, früheren Schichten und Geschichten, wobei natürlich keine der vorangegangenen Schichten als »objektiv« gelten kann; als Wahrnehmungen ihrer jeweiligen Vergangenheiten stehen sie alle stets unter Vorbehalt. Darum kann jede Vergangenheit, die uns vermittelt wird, so solide sie uns momentan erscheinen mag, geändert werden.

Vergangenheiten können aber auch in einem anderen Sinn geändert werden. Erinnern wir uns noch einmal daran, dass eine Vergangenheit in unserem Geiste nur insofern existiert, als wir dieses und jenes über sie wissen; ihre tatsächliche, nicht nur theoretische Existenz reicht nur so weit wie die Inhalte, die uns über sie bekannt und bewusst sind. Der Historiker ist also nicht nur derjenige, der solche Inhalte bzw. Überlieferungen verwendet; auch seine Geschichte über diese Vergangenheit wird bei der fortlaufenden Schichtung der Geschichte wiederum zu einer solchen Überlieferung. Seine Analyse, seine Darstellung, seine Erklärung – so subjektiv sie notwendigerweise auch sind – vermögen die Existenz dieser spezifischen Vergangenheit im Bewusstsein des Menschengeschlechts über ihre bisherigen Grenzen hinaus zu erweitern.

Der Historiker kann also die Vergangenheit ändern – zwar nicht in ihrem theoretischen Sinne, aber sehr wohl in ihrem praktischen Sinne. Er ändert nämlich die einzige Vergangenheit, die wir wirklich erfahren können; jene, die wir uns anhand bestimmter Inhalte bzw. Überlieferungen vorstellen können, aber durch seine Arbeit nunmehr anders wahrnehmen und verstehen als zuvor. Durch neue Fragen, neue Geschichten und neue Erkenntnisse, dank neu erarbeiteter Paradigmen und Perspektiven befindet sich nicht nur die historische Wissenschaft, sondern auch die für uns relevante Vergangenheit selbst, d.h. die uns bekannte und bewusste Vergangenheit, im stetigen Wandel.

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „aber wie bereits erklärt, haben wir zu diesen Ereignissen bzw. zu der Vergangenheit »an sich« sowieso keinen epistemologischen Zugang; diese »rohe« Vergangenheit ist ein rein theoretisches Konstrukt. Die real existierende Vergangenheit jedoch, nämlich die von uns wahrgenommene Vergangenheit von 1967, hat sich sehr wohl verändert, indem 2009 uns etwas Neues bewusst geworden ist.“

    Ich finde das problematisch formuliert, das kann Missverständnisse verursachen. Unser Wissen über die Vergangenheit ändert sich und ist nie fest, dass stimmt selbstverständlich. Ich würde bevorzugen zu sagen, dass sich das Bild der Vergangenheit ändert, wenn neue „Fakten“ bekannt werden. Eine von uns wahrgenommene Vergangenheit ist m.E. keine „real existierende Vergangenheit“, sie schien real zu sein. Wenn ich mein Haus verlasse, nehme ich ganz „naiv“ an, dass es auch noch steht, wenn ich es nicht mehr wahrnehme (ein Unglück mal ausgeschlossen). Man muss die Realität nicht komplizierter machen, als sie ist. Wir gehen doch alle davon aus, dass es außerhalb unseres eigenen Gehirns etwas gibt, was „real“ ist und kontinuierlich existiert, auch wenn es hier unter den Kommentatoren in scilog schick ist, das rauf und runter zu diskutieren.

    • Aber was ist denn so ein »Faktum« über Vergangenes, wenn nicht ein Bild – oder meinetwegen ein Bildchen – von diesem Vergangenen? Im Endeffekt kommen wir nie an die »eigentliche« Vergangenheit, sondern nur an Bilder von ihr, die wiederum aus vielen kleinen Bildchen zusammengesetzt sind. Die »eigentliche« Vergangenheit bleibt nur in der Theorie. Der Stoff, auf den sich Historiker in der „Realität“ beziehen, besteht eben nur aus solchen Bildern, Darstellungen. Diese nenne ich mal „wahrgenommene Vergangenheiten“. Und weil sie die einzigen sind, mit denen wir wirklich zu tun haben, sind sie (für mich) auch die einzigen Vergangenheiten, die nicht in der Theorie, sondern hier, als Arbeitsstoff von Historikern, „real existieren“.

      • „Aber was ist denn so ein »Faktum« über Vergangenes, wenn nicht ein Bild – oder meinetwegen ein Bildchen – von diesem Vergangenen?:

        Es sind schriftliche und auch andere materielle Dokumente, die aus einem Kontext stammen, der real existiert hat. Ich würde sie eher Mosaiksteinchen nennen. Zeugnisse von etwas, der Historiker muss herausfinden, von was (das hängt natürlich auch von der Fragestellung ab). Die Welt von heute ist physisch das Ergebnis der Welt von Gestern, insofern gibt es einen Wirkungszusammenhang. Geschichtsschreibung hat auch eine archäologische (metaphorisch wie auch konkret gemeint) und eine detektivische Seite.
        Es geht in dieser Diskussion auch darum, welches Bild oder welche Metaphern wir für die Arbeit von Historikern gebrauchen, sie können das Selbstverständnis dieser Arbeit prägen, Wege und Abwege weisen.

        Ansonsten finde ich Deine Texte zu diesem Thema schon sehr interessant.

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