Jerusalem und Wien, Berlin und Tel Aviv

Im letzten Text habe ich versucht zu erklären, auf welcher gedanklichen Ebene sich das Deutsche und das Jüdische (wie anderes auch, von dem ich allerdings weniger Ahnung habe) abspielen. Nun stellt sich die Frage, wie sich beides manifestiert, mit der ich mich hier häufig beschäftigt habe. Darunter auch das Wo, und zwar das geographische Wo, das hier auch schon mal besprochen wurde. Ich möchte jetzt einen anderen Aspekt dieses Wo beleuchten, der einen jüngeren Text „abschließt“.

Auf die Frage des Wo lautet die Antwort im Prinzip: überall. In den USA z. B. gibt es viele Deutsch- wie auch Jüdischstämmige, die Tradiertes fortsetzen etc. Doch auch wenn der deutsche Weihnachtsbaum und die jüdische Chanukkija häufig in den USA vorkommen, ist „Amerika“ weder ausgeprägt deutsch noch ausgeprägt jüdisch.

Wenn wir uns nach „ausgeprägt“ deutschen oder, worauf ich mich jetzt konzentrieren will: jüdischen Orten schauen, dann sind wir heutzutage wohl auf Städte angewiesen und zwar auf mehrheitlich jüdischen Städten. Vor diesem Hintergrund fallen mir zwei Städte ein, die man heutzutage als die bei weitem wichtigsten jüdischen Städte erkennen kann: Jerusalem und Tel Aviv (zugegebenermaßen eine ziemlich banale Feststellung, obwohl es in beiden Städten große nichtjüdische Minderheiten gibt).

Für mich stehen diese beiden geographischen Manifestationen des Jüdischen – Jerusalem und Tel Aviv – symbolisch für die Heterogenität desselben. Jerusalem hat eher mit der Vergangenheit zu tun, mit Tradiertem, mit Geschichte etc., während Tel Aviv die pulsierende Gegenwart versinnbildlicht, vielleicht auch die Zukunft des Jüdischen im 21. Jahrhundert.

Wer dieses Blog verfolgt, weiß schon, welche Äquivalente ich hierfür im Deutschen finde: Wien und Berlin. Auch hier habe ich das Gefühl, dass wir hier mit zwei eigenständigen und jedoch aufeinander angewiesenen Zentren zu tun haben, wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse (tatsächlich wäre es mal interessant, dem theoretischen Versuch von Deutschland als elliptischer Konstruktion nachzugehen).

Obwohl man wegen der früheren Teilung und heutiger Einheit Berlin oft mit Jerusalem vergleicht, würde ich in diesem Zusammenhang gerade Wien als das Gegenstück zu Jerusalem ziehen (wegen der Vergangenheit etc.). Berlin hingegen scheint mir sehr viel mehr mit Tel Aviv zu tun zu haben, etwa kulturell.

Diese „elliptische Spannung“ zwischen den beiden Städten bzw. Brennpunkten des Deutschen ist es nun, was ich kürzlich versucht habe, in meinem naiven „Lob einer Ausstellung“ zum Ausdruck zu bringen. In der besagten Ausstellung, die übrigens noch eine Woche läuft, habe ich diese (intime? unheimliche? anziehende?) Spannung sehr ausgeprägt erlebt.

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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  1. Manifestiert hat sich unser „Zusammenleben“ im geistigen Stillstand seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ – Mensch wartet dabei auf die Erfüllung der (logischen) Vorsehung, obwohl aus den Texten ziemlich deutlich wird, daß das Schicksal des Menschen abwendbar und ganz anders erfüllt werden kann! 🙂

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