Historiographische Poesie

…ist vielleicht etwas übertrieben. Doch manchmal schreibt einer so, dass seinen Worten nichts hinzuzufügen ist, wie etwa der österreichische Historiker Fritz Fellner in den 1980er Jahren:

"Statt die österreichisch-deutsche Problematik aus unserem Geschichtsbild zu verdrängen, sollten wir sie in jenen Mittelpunkt stellen, den sie in Politik, Kultur und Geschichte jahrhundertelang gehabt hat. Jetzt, wo sie aufgehört hat, von politischer Relevanz zu sein, sollten wir sie als historisches Phänomen nicht länger verleugnen."

"Deutsche Geschichte, gesehen nicht als zwangsläufige Entwicklung zur deutschen Einheit, sondern als Entfaltung der deutschen Vielfalt […] – eine solche Betrachtung der deutschen Geschichte läßt die Geschehnisse nach 1945, die neue Teilung Deutschlands in drei Staaten, in einem ganz anderen Licht sehen, im Lichte einer Rückkehr zu einer unterbrochenen Entwicklung, einer Rückbesinnung auf den ursprünglichen Weg der deutschen Geschichte, einer Vielfalt der Realisierungen einer deutschen Nation. Und entkleidet seines Uniformitätsanspruches könnte der Begriff ‚deutsche Nation‘ als jene Überordnung kultureller Gemeinsamkeit von allen jenen anerkannt werden, die zur Wahrung der Eigenständigkeit ihrer kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Selbstverwirklichung sich vom Nationalismus der deutschen Einheit abgewandt haben. […] [I]n einer solchen Interpretation lässt sich auch die Geschichte Österreichs in allen Phasen ihrer Vergangenheit bis in ihre Gegenwart unter den Begriff einer deutschen Geschichte subsumieren, so selbstverständlich, wie sie unter den Begriff einer europäischen Geschichte subsumiert werden kann. In einer solchen auf die Gemeinsamkeit der Vielfalt und nicht auf die Unterordnung unter eine Einheit ausgerichteten Auffassung des Begriffes ‚deutsch‘ – parallel zur Einsicht, daß der wesentliche Charakterzug des modernen Europa dessen Pluralität gewesen ist – läßt sich die österreichische Gegenwart so einbetten, wie die österreichische Vergangenheit ihren Platz hat in der Geschichte des [Heiligen] Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen höchste Repräsentanten so lange mit ihrer Person das übergreifende Band zu einem anderen, dem Habsburgerreich, gewesen sind."

aus: "Die Historiographie zur österreichisch-deutschen Problematik als Spiegel der nationalpolitischen Diskussion", Erstdruck 1982 

Und ferner:

"Befangen in den Denkkategorien nationalstaatlichen Einheitsstrebens, hat die deutsche Geschichtswissenschaft verabsäumt, die deutsche Vergangenheit anders als in den Vorstellungen der nationalen Einheit zu sehen und zu erklären; sie hat das Geschichtsbild des Bismarckschen "Zweiten Reiches" noch kaum zu überwinden vermocht und sollte die Frage aufwerfen, ob das Postulat der Einheit der Nation und die machtpolitische Durchsetzung dieses Postulates im Grunde genommen nicht im Widerspruch steht zur Realität der deutschen Politik und Geschichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nicht uniforme Einheit der Nation, sondern reichgestaltete Vielfalt des nationalen Lebens ist meiner Ansicht nach das Wesensmerkmal der deutschen Geschichte bis zu dem Zeitpunkt, in dem diese Vielfalt, in der die eigentliche Größe der deutschen Kultur begründet lag, im Dienste einer vermeintlichen Notwendigkeit der Erfüllung der Einheit der Nation verlorenging."

aus: "Das Problem der österreichischen Nation nach 1945", Erstdruck 1985 (basiert auf einem 1983 gehaltenen Vortrag)

Wer genaue Literaturangaben haben will, kann sich gerne melden. 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Meistergeschichten

    Ich bin mir ja nicht sicher ob die Poesie in die Geschichte gehört, aber da ich ja ein Verfechter des narrativen bin verweise ich dich mal auf Simon Shama – Dead Certainties. Das ist historiographische Poesie und hier im Gegensatz zur Wissenschaft auch als solche markiert.

    Zudem find ich es nichts desto trotz als kritisches Merkmal wenn einer so schreibt, dass nichts mehr hinzuzufügen ist, da ich das als Hinweis deute, dass er einiges weggelassen hat um zu seiner widerspruchslosen und sich ganz klar ergebenden (nur ganz geringfügig von der Gegenwart diktierten) Deutung zu kommen.

  2. Inwiefern „nur ganz geringfügig…

    ..von der Gegenwart diktiert“?

    Deutsche Einheit gibt es nach deren weitgehender, wenn auch nicht gänzlich vollzogener, jedenfalls von bekannten Kosequenzen begleiteter Verwirklichung 1938-1945 heutzutage wieder nicht mehr. Und das steht auch mit dem historischen Weg, den das deutsche Mitteleuropa seit Europas mittelalterlichen Anfängen beschritten hat, ganz im Einklang. Nur die Bundesrepublik hält sich noch am vermeintlichen Nationalstaat „Deutschland“ fest.

    Und apropos „Deutschland“: Wie lange das wohl noch dauern könnte…? Ob Großbayern sich auch weiterhin darauf einlässt? Oder auf Franken verzichtet und nicht mehr nach der Pfeife des nicht ratifizierten Grundgesetzes tanzt? Die Gegenwart ist also doch nicht so klar und eindeutig, wie es manch Zeitgenosse gerne hätte.

  3. Keineswegs revisionistisch

    war dieser Ansatz gemeint sondern vielmehr auf eine postmoderne Kritik hinsichtlich von Meistererzählungen gerichtet.
    Das die Nation als solche eine interessant zu verfolgende Erfindung der Neuzeit unterstreich ich mit fettem Pinsel, und dass dieses Konstrukt aus den Köpfen muss auch (hierzu übrigens interessant Patrick Geary).
    Meine Kritik lief viel mehr dahin, dass die Theorie mit der sich dass so schön ergibt bei Fellner ein wenig von der Gegenwart diktiert ist, was unvermeidlich ist und auch legitim wenn mans sagt.

    Kann ich hier eigentlich nicht eingelogt Kommentare geben?

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