Gibt es so etwas wie historische Intelligenz?

Heutzutage werden wir mit allerlei Begriffen konfrontiert, die den "traditionellen", rein kognitiven Intelligenzbegriff erweitern, und zwar meistens zu Recht. So weiß z. B. die deutschsprachige Wikipedia von emotionaler, ästhetischer oder etwa praktischer Intelligenz zu erzählen.

Nun stellt sich die Frage, ob neben der sozialen, der emotionalen und den sonstigen relativ kürzlich proklamierten Intelligenzformen oder -aspekten im bzw. am Menschen nicht auch die historische Intelligenz existiert. Damit meine ich den höheren Sinn für Geschichte, der – ohne für mich irgendeine Deutungshoheit zu beanspruchen – über die bloße Zusammenstellung von (tatsächlichen oder vermeintlichen) Ursachen und Wirkungen hinaus-, ja geradezu tiefer geht und hinter alledem einen gewissen Geist zu erfassen vermag.

In Anlehnung an Max Webers Vorstellung von "religiöser Musikalität" – er bezeichnete sich selbst bekanntermaßen als "weder antireligiös noch irreligiös", dafür aber als "religiös absolut unmusikalisch" – scheint mir der Mensch auch zu historischer Musikalität fähig zu sein (oder, wie die Universitätslandschaft nahe legt, teilweise eben nicht).

Die historische Musikalität, die in Google bereits nachweisbar ist, beschreibt in meinen Augen einen – nur einen, aber einen m. E. wichtigen – Aspekt menschlichen Verständnisvermögens: Ob man die Melodien zu vernehmen weiß, die der Weltgeist in bzw. mit der Geschichte komponiert?

…eine offene Frage an meine Besucher.

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht als Unterart der sozialen Intelligenz, dem Vermögen menschliches Verhalten auch mit dem Erfahrungen aus der Vergangenheit korrekt einzuschätzen und in Handlungsstrategien für die Gegenwart umzusetzen?

  2. Melodie

    Zuerst einmal würde ich mir da die Frage stellen, ob diese Melodie überhaupt beim einzelnen ankommen würde, ohne durch Auswahleffekte, Propaganda oder falsche Prioritäten zur Unkenntlichkeit verzerrt zu sein.

    Was konstituiert denn ein historisches Ereignis?

  3. @ adenosine

    Vielleicht. Aber kann man bei Musikalität überhaupt von Korrektem und Inkorrektem sprechen? Möglicherweise hätte Vivaldi die Melodien der Rolling Stones für völlig „inkorrekt“ gehalten, aber wir wissen ja, dass sie doch recht musikalisch waren.

    Auch das mit den Handlungsstrategien klingt für mich eher nach Verwertung… Also nicht gerade wie „l’histoire pour l’histoire“ (im Sinne von „l’art pour l’art“).

    Und wenn ich an die religiöse Musikalität/Intelligenz denke: Die ist ja auch, um ein Beispiel zu nennen, in der katholischen Kirche vorhanden. Zwar sind knapp zwei Millennia vergangen, ohne dass die Erwartungen einer Wiederkunft Christi auch nur ansatzweise in Erfüllung gegangen wären, aber ich würde nicht sagen, dass gläubige Katholiken die Erfahrungen aus der Vergangenheit nur „inkorrekt“ einschätzen und gerade in religiöser Hinsicht nur über eine „Scheinintelligenz“ verfügen.

    Mit anderen Worten: Auch wenn diese religiöse „Musik“ – oder jede andere, eigentlich – einem nicht einleuchtet, oder besser gesagt: nicht gefällt, heißt es ja nicht, dass sie gar keine ist.

  4. @ Lars

    Ich möchte gleich an das letzte Beispiel in meiner Antwort an adenosine anknüpfen: Sicherlich existieren solch große Kompositionen nur in der Gemeinschaft, die sich ihrerseits (ob das die katholische Kirche, die kommunistische Partei oder lockere Zusammenhänge sind) stets so zusammensetzt, dass sie auch für „Auswahleffekte, Propaganda oder falsche Prioritäten“ anfällig sein kann. Aber spielt diese Bewertung von außen wirklich eine so große Rolle?

    Mit anderen Worten: Ich glaube nicht, dass der Einzelne – wirklich als Einzelner – überhaupt zu solchen Melodien fähig wäre. Würde es, wenn es nur einen Menschen auf der Welt gäbe, noch Sinn ergeben, von seiner religiösen Musikalität oder ästhetischer Intelligenz zu sprechen?

    Genauso scheint es sich mir bei der Geschichte zu verhalten, die es gar nicht gäbe, wenn es keine Kollektive gäbe (die sich meistens als Völker verstehen), die jeweils ihr kollektives Gedächtnis – eine große Komposition mit viel Spielraum für persönliche Variationen – tradieren und weiterentwickeln würden. Die Geschichte ist, was als Geschichte empfunden wird, und erst durch eine solche – gemeinschaftliche – Kanonisierung seitens des jeweiligen Kollektivs wird eine unbedeutende Begebenheit zu einem „historischen Ereignis“. Was von Generation zu Generation nicht komponiert, nicht in die Komposition des kollektiven Gedächtnisses aufgenommen worden ist, kann wohl auch nicht vom Einzelnen vernommen werden.

    Solche Kompositionen mögen in meinen Ohren ziemlich „verzerrt“ klingeln, aber dadurch hören sie nicht auf, das zu sein, was sie sind. Die kommunistische Geschichtsauffassung war (und ich hoffe, hier das Präteritum verwenden zu dürfen), obwohl sie ihren Gegenstand als Wissenschaft begriff (deren „Experimente“ bzw. Vorgänge vom „Urkommunismus“ ausgehen mussten und dialektisch immer nur zu einem Ergebnis, dem modernen Kommunismus, führen durften), nichtsdestoweniger sehr musikalisch, was ich bei aller Abneigung gegen kommunistische Parteien etc. weder bestreiten kann noch will.

  5. @ Yoav

    „Aber kann man bei Musikalität überhaupt von Korrektem und Inkorrektem sprechen?“

    Hängt vom Stil ab. Schreibt man im Bachstil, so sind z.B. Quint-und Oktavparallelen unschön. Von korrekt und inkorrekt kann da sicher nicht gesprochen werden, denn selbst Bach hat sich so manches mal darüber hinweggesetzt. Was ich stets bedauere, ist die Gepflogenheit, Formen zu zertrümmern ohne einen Inhalt und eine Empfindsamkeit zu haben, die sich nur aufgrund dessen nach einer erweiterten, größeren Form sehnt. So mußte Beethoven die Formen sprengen, da er sich in den alten Formen nicht mehr ausdrücken konnte. Das bloße Niederreißen einer Form ist kindisch.

  6. @ Yoav

    Lieber Yoav, den hier aufgeworfenen Gedanken finde ich auf jeden Fall sehr reizvoll! Denn es ist ja schon so: Für einige Menschen ist das historische Geschehen einfach Produkt eines Zufallsrauschens, anderen „ergibt“ sich daraus die Wahrnehmung höherer Prinzipien oder eines waltenden Willens. Und solche Deutungen können nicht nur religiöser, sondern auch weltanschaulicher Art sein. So benannte z.B. Richard Dawkins sein Buch über die Evolution des Menschen: „The Ancestor’s Tale“ und sprach von dessen „Pilgrimage“, also „historisch musikalische“ Begriffe benutzend. Auch in vielen Videos wird die „Schönheit“ des evolutionären Geschehens gefeiert, also eine ästhetische Qualität jenseits der Kausalitäten gesehen:
    http://www.scilogs.eu/…njoying-the-story-of-life

    Also, von mir her ein: Ja – wenn es auch empirisch nicht nachweisbar ist, dass eine historische „Melodie“ das Universum durchzieht, so erfahren (konstruieren?) doch viele Menschen offenkundig Varianten einer solchen.

  7. Im wissenschaftlichen Sinn gibt es diesen Begriff wohl nicht. Allerdings verwenden Schriftsteller und Literaturkritiker den Begriff „historische Intelligenz“ ab und an. Gemeint ist wohl der kluge und sensible Umgang mit „Erinnerung“.

    Beispiel:
    „Adolf Muschg, Schweizer Schriftsteller und ehemaliger Präsident der Akademie der Künste, kritisierte die Reduktion von Bildung auf Ausbildung. Die so geschulten Menschen sollten in einem Betrieb funktionieren, den sie kaum mehr übersehen. „Historische Intelligenz, sensible Erinnerung gehören zur nötigen Grundausstattung des Europäers, ohne die er buchstäblich nicht weiß, was er soll, und noch weniger, was ein vereinigtes Europa soll und kann.“ Muschg sprach sich für eine bestimmte Haltung der „Noblesse“ im Umgang miteinander aus. Europa – das sei ein menschengerechter Umgang mit dem anderen und mit den Widersprüchen, in welche die Geschichte ihre Teilnehmer verwickelt hat und verwickelt bis auf den heutigen Tag.“

    Von hier (letzter Absatz):
    http://www.goethe.de/…r/lp/ges/pok/de4455781.htm

    Und hier (7. Absatz) :
    http://www.literaturkritik.de/…n.php?rez_id=4688

  8. Sprache

    Sprach- und Musikverarbeitungsgbiete liegen im Gehirn nahe beieinander. Aus diesem Grund haben die einzelnen Sprachen eine eigene Sprachmelodie.

    Entwicklungspsychologen der Uni Würzburg verglichen die Lautmelodie von deutschen und französischen Wörtern mit dem Geschrei von max. fünf Tage alten Babys. => Ergebnis: Sie schreien im Rhythmus ihrer Muttersprache
    (aus: Gehirn & Geist, 1-2/2010, Kleine Stimmenimitatoren.

    Dieses Experiment zeigt, das es historische Musikalität gibt. Sie wäre z.B. in der Entwicklung der einzelnen Sprachfamilien/-melodien über die Jahrtausende zu finden.

  9. @ KRichard

    Schreien sie schon mit fünf oder weniger Tagen deswegen „im Rhythmus ihrer Muttersprache“, weil sie diese nur nachahmen, also wirklich schon „Imitatoren“ sind, oder weil der Rhythmus der Muttersprache ihnen angeboren ist?

    Aus moralischen Gründen darf man’s nicht prüfen – wäre dazu doch ein mehrfacher Baby-Tausch von gleich nach der Geburt bis zum fünften Lebenstag notwendig…

    Allerdings habe ich, sofern ich dich hier recht verstehe, das mit der historischen Musikalität ganz anders gemeint. Es gibt nicht um die durch die Geschichte hindurch vermittelte (normale) Musikalität, sondern um das Verständnis, den Sinn für die Geschichte, der über die Chronik hinaus- bzw. weit tiefer geht – wie die (normale) Musikalität sich nicht aufs Technische, auf die Virtuosität beschränkt (desgleichen übrigens in der Kunst). Daher die Anlehnung an Max Webers Vorstellung von religiöser Musikalität.

  10. @Yoav Sapir

    „Ja, aber würdest du nun sagen, dass dieser Gebrauch des Begriffs für andere irgendwie verbindlich ist?“

    In der Wissenschaft (noch) nicht, da es kein standardisierter Begriff ist. Allerdings kann sich jeder etwas darunter vorstellen und Sprache ist ja auch etwas lebendiges, sich ständig veränderndes. Insofern kann er ja eines Tages, wie andere Intelligenzarten, durchaus als Unterart z.B. der sozialen Intelligenz angesehen werden.

  11. @ Mona

    Interessant, diese Entscheidung deinerseits. Ich würde die historische – genauso übrigens wie die musikalische – Intelligenz vielmehr der ästhetischen unterordnen.

  12. @Yoav Sapir

    Der Sprach-Rhythmus ist den Babys nicht angeboren, sondern er ist erlernt.
    Das Gehör eines Fetus arbeitet ca. ab der 24. Woche. Und es gibt Versuche, die zeigen, dass ein Fetus im 7. Monat die Stimme der eigenen Mutter erkennt.

    Zu Deinem eigentlichen Blogthema (Geschichte) fällt mir leider nichs passendes ein.

  13. Ich glaube, daß die Analogie zur „religiösen Musikalität“ die Sache
    trifft. Insofern kann man zwischen akzidentiellen (tagespolitischen,
    psychologischen, chronologischen, soziologischen etc) und wahrhaft historischen Momenten unterscheiden, so wie man Kunst von Nicht-Kunst (Handwerk, Kitsch, Kunstgewerbe, Gebrauchsgegenstände…) trennen kann. Die Geschichte wäre dann in der Tat eine Kategorie wie die Ästhetik.

    Sie ist eng verknüpft mit dem Mythos, und im Grunde ist der Weltgeist nur ein anderes Wort dafür. Der Mythos hält ein Volk jahrhundertelang in Spannung, aber wenn der Weltgeist seine Melodie ausgepfiffen hat (und alle Geschichten müssen enden), bleiben nur mehr die Chronik und das Fellachentum. Ich denke auch, daß die religiöse und die geschichtliche Musikalität eng miteinander verwandt sind. Ich würde sogar sagen, im Judentum sind sie beinah identisch.

  14. Pingback: Sprache als Geschichte › un/zugehörig › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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