Die Prominenz der neuen Juden

Wer beobachtet, dem fällt es auf: In Deutschland gibt es sehr viele neue Juden.

Ob angehende oder schon amtierende Rabbiner und Kantoren, Religionslehrer, Professoren und sonstige Funktionsträger: Nicht nur, aber besonders in der jüdischen Prominenz, d.h. unter den "Berufsjuden", sind hierzulande gerade diejenigen deutlich überrepräsentiert, die mit sonstiger Volkszugehörigkeit geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind. Selbst in der jüdischen Blogosphäre in deutscher Sprache sind die meisten Blogger m. W. keine geborenen Juden, sondern Israel erst als Erwachsene beigetreten (was ich natürlich ganz in Ordnung finde und hier keineswegs negativ bewertet wird).

Zum jüdischen Volk, jüdischer Politik, jüdischem Denken etc. haben von jeher auch Proselyten beigetragen. So sollen etwa Schma’aja und Awtaljon, zwei frührabbinische Weise, Proselyten gewesen sein (was allerdings umstritten ist). Ab einem gewissen Punkt stellt sich aber die Frage: Wer assimiliert sich eigentlich in wen? Die neuen in die Eingeborenen oder eher umgekehrt? Denn gerade im Hinblick auf die unaufhörliche Konstruktion jüdischer Identitäten spielt die regionale sowie die überregionale Prominenz eine entscheidende Rolle.

Irgendwann hört man also auf, die Prominenz der neuen Juden als eine lustige Anhäufung von Zufällen beiseite zu schieben. Es zeigt sich dann ein Phänomen, und zwar ein anscheinend spezifisch deutsches, das es in anderen Ländern (etwa in den USA, Frankreich, England etc.) entweder nicht gibt oder sich dort erst langsam abzuzeichnen scheint (Polen, Rumänien u. Ä.).

Ein anderer Aspekt dieses Phänomens ist die relativ sehr hohe Zahl von Nichtjuden, die sich an den Universitäten den jüdischen Studien widmen. Da bilden nämlich die nichtjüdischen Studierenden die Mehrheit, m. W. überall in Deutschland, wo das Fach angeboten wird. Dass die Nichtjuden in diesem Lande sowieso die Mehrheit bilden, ist eine Korrelation, die noch keine Kausalität bedeutet: Auch in den USA sind die Nichtjuden die eindeutige Mehrheit, doch sind es da vor allem Juden, die sich diesem (eigenen) Themenbereich widmen, sowohl als Studenten wie auch später als Forscher und Dozenten.

Das heißt natürlich nicht, dass all diese deutschen Studenten gleich dem jüdischen Volk beitreten wollen (obwohl nicht wenige in diesem Fach ihre Identität suchen odar gar einen intimen Wunsch nach Übertritt zum Ausdruck bringen). Es deutet aber auf großes Interesse hin, das hierzulande ausnahmsweise gerade bei Nichtjuden besteht. Von diesen Deutschen, die sich (ob im Rahmen des Studiums oder sonstwie) für diese Thematik interessieren, treten manche dann tatsächlich über. Mir liegt natürlich keine Statistik vor, aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass es hierzulande im Vergleich mit anderen Ländern überdurchschnittlich viele Übertritte gibt. Die Auffälligkeit der Neuankömmlinge in der jüdischen Prominenz lässt sich zwar nichr nur, aber vielleicht auch vor diesem zahlenmäßigen Hintergrund erklären.

Als solches hat dieses Phänomen nichts mit Spiritualität zu tun. Diese ist bei vielen, hoffentlich sogar den meisten Übertritten ein wichtiges Moment, aber sie vermag nicht zu erklären, warum es dieses große Interesse gibt – und warum dieses Interesse relativ oft nicht Privatsache bleibt, sondern in die Öffentlichkeit führt.

Und nicht zuletzt fragt man sich auch, was jene neuen Juden, die es trotz des Übertritts erst als Erwachsene ausgerechnet in die Öffentlichkeit zieht, von denjenigen erwarten dürften, in deren Mitte sie nach dem Übertritt aufgenommen werden wollen. Ob es dabei aber überhaupt um die Eingeborenen geht?

Diese irritierenden Fragen kann ich nicht beantworten, sondern nur zwei analytische Ansätze skizzieren, die sich bei meinen Gesprächen mit anderen Beobachtern dieses Phänomens herauskristallisiert haben. Der eine Ansatz ist wohlwollender, der andere eher kritischer Natur:

1. Der Drang zur Wiedergutmachung

Diese Hypothese geht davon aus, dass das Jüdische als eines der Fundamente der abendländischen Kultur auch nach seinem Verschwinden spürbar bleibt, und zwar eben in seiner als schmerzvoll empfundenen Abwesenheit. Inbesondere dort, wo die Juden viel leisteten und von wo aus deren Verfolgung ausging, erzeugt das Fehlen dieses lebenden Kulturgutes ein tiefes, unbewusstes Unbehagen (man denke in diesem Zusammenhang an das vom deutsch-kanadischen Soziologen Michal Bodemann entwickelten Konzept von "ideological Labor", die die Juden als solche im heutigen Deutschland zu leisten haben). Dieser empirisch freilich unerfassbare Missstand wird dann von manchen Deutschen als Defizit empfunden.

Das vom kollektiven Unbewussten gesendete Signal wird empfangen – und bewegt nicht nur zum Übertritt, sondern auch zur Teilnahme am öffentlichen Diskurs. Es geht also darum, den Verlust der jüdischen Elite zu kompensieren, in dem man das, was man als intelligenter Mensch beitragen kann, eben nicht als das beiträgt, was man nun mal (gewesen) ist, sondern als Jude.

Der Übertritt ist dann ein zwangsmäßiges Resultat daraus; der Weg, den man beschreiten muss, um dem geistigen und kulturellen Defizit, das man in seinem Land spürt, als Berufsjude entgegenzuwirken.

2. Der Drang zur Selbstdarstellung

In Deutschland scheinen gerade neue Juden "prominenter" zu sein als Eingeborene. Vermutlich verfügen die prominenten Übergetretenen nicht nur über einen besseren Sinn für Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, sondern sie haben in erster Linie auch ein relativ sehr hohes Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit, welches sie dorthin drängt, wo eine solche Begabung sich vorteilhaft auswirken kann.

In diesem Fall handelt es sich also um Selbstdarstellung, und zwar vor den eigenen Landsleuten, unter denen man als Deutscher aufgewachsen ist und welche in diesem Fall auch weiterhin eine für die eigene Person extrem wichtige Bezugsgruppe bilden. "Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland", hat in Israel vor zwei Millennia ein junger, seitdem ziemlich berühmt gewordener Jude gelehrt. Wenn man aber trotzdem im eigenen Lande eine Autorität werden will, kann man sich geschickt entfremden, indem man für sich eine Position in Anspruch nimmt, die in seinem Lande als fremd empfunden wird.

Gute Erfolgsaussichten hat man auf diesem Weg allerdings nur, wenn die Minderheit, der man beitreten will, einerseits qualitativ gewichtig genug ist ("ideological Labor"?), damit man seine Geltungssucht überhaupt auf dieser Bühne verwirklichen kann, und andererseits quantitativ nur spärlich vorhanden ist, damit man auf dieser Bühne noch genug Platz findet. Mit dem Jüdischen in Deutschland erfüllen sich beide Voraussetzungen, sind also beide Seiten dieser Medaille vorhanden. Somit stellt auch diese zweite Möglichkeit ein spezifisch deutsches Moment dar, das bei diesem spezifisch deutschen Phänomen eine Rolle spielen kann.

In diesem Erklärungsansatz erscheinen die Eingeborenen, in deren Reihen man als Proselyt übergehen will, mithin als die notwendige Kulisse, ohne die die eigene Show vor der angeblich alten, aber vielleicht doch noch eigentlichen Bezugsgruppe nicht möglich wäre.

Nun darf man natürlich nicht davon ausgehen, dass diese beiden Momente in exklusiver Weise vorkommen. Denn sie schließen sich gegenseitig nicht aus, und selbst wenn sie bei einer beliebigen Person gemeinsam wirken, kann das eine Moment stärker sein als das andere.

Welcher der obigen Motivationstypen eher auf einen zutrifft bzw. ob diese für einen überhaupt von Bedeutung sind, können jedoch höchstens die Prominenzproselyten selbst wissen.

Sicherlich gibt es unter den prominenten Proselyten auch solche, die sich bei ihrem Aufstieg in der regionalen oder gar überregionalen Öffentlichkeit sozusagen "nichts gedacht haben". Das dürfte allerdings die Minderheit sein, denn sonst wäre dieses Phänomen gar nicht zustande gekommen – oder es würde sich um eine sehr seltsame Anhäufung zahlreicher Zufälle handeln.

Noch wichtiger ist es aber zu bedenken, dass selbst bei einer Person, die ganz stark von den oben skizzierten Momenten bewogen wird, nichtsdestoweniger auch die ganz "normalen" Momente vorhanden sein können, nämlich das nationale und das spirituelle. In Israel beginnt heute weltweit Schawuot, das jüdische "Pfingsten", an dem das Buch bzw. die Buchrolle Rut gelesen wird:

"[W]o du hingehst, dort gehe ich auch hin, und wo du weilst, dort weile ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!", soll die Moabiterin (das Beitrittsverbot für Ammoniter und Moabiter – s. Deut. 23:4-7 – gilt demnach und im Einklang mit der biblischen Betonung des väterlichen Stammbaums nur für männliche Angehörige dieser beiden Völker) ihrer israelischen Schwiegermutter gesagt haben. Dein Volk ist mein Volk – und erst demzufolge – dein Gott ist mein Gott: Selbst der kultisch-ideologische Aspekt soll bei der Motivation zum Beitritt zweitrangig bleiben.

Von dieser vorbildlichen Proselytin soll sogar König David gestammt haben (und folglich auch der künftige Messias). Ich glaube, dass dieses Vorbild auch in jenen Proselyten nachwirkt, die es – natürlich im Gegensatz zu anderen – vielleicht doch auch mit der zweiten der oben skizzierten Motivationsarten in die jüdische Prominenz zieht: Denn ohne Wahrhaftigkeit kann wohl keiner lange dort bleiben, wohin man sich hochgearbeitet hat.

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

44 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @ Yoav

    „denn ganz ohne Wahrhaftigkeit schafft es selbst der beste Schauspieler nicht“ – hier bin ich anderer Meinung.
    Nur der Durchschnittsschauspieler braucht unbedingt Wahrhaftigkeit, um es zu schaffen. Der gute Schauspieler schafft es auch ohne Wahrhaftigkeit. Der Geniale aber, der schafft es ohne Mühe, dort wo sich die Guten quälen.
    Wenn also ein „Neuer“ erscheint, der es nicht vollkommen schafft, sein Publikum zu überzeugen, gibt es folgende Varianten (unter anderen): entweder ist er ein Durchschnittsschauspieler, oder ist er ein Wahrhaftiger, der aber Fehler macht (irgendwie „verständlich“, wenn er noch am Lernen ist, als „Neuer“; wenn er aber noch so sehr am Lernen ist, sollte er vielleicht nicht vor eine Gemeinde gehen wollen, mit der Absicht, sie zu leiten!). Und noch heikler ist es mit denen, die perfekt überzeugen: die sind entweder geniale Schauspieler oder aber überdurchschnittliche Wahrhaftige.

    Aber, genug über Schauspiel!… Unter den Neuen, auch sogar unter den Eingeborenen, wenn es um Gott geht : Wie schön und wie selten sind die innerlich Wahrhaftigen!

    Und jetzt zurück zur Wirklichkeit: du betonst in deinem Beitrag, wie das Phänomen in Deutschland aussieht. „In Deutschland scheinen gerade neue Juden ’prominenter‘ zu sein als Eingeborene“. Ich würde ergänzen, dass es (leider) bei den meisten Konversionen weltweit so ist, dass der Konvertit mehr (ggf. demonstrativen) Enthusiasmus aufweist, als der Eingeborene…

    Ein Symptom der Unwahrhaftigkeit ist gerade die Eile, auf die Bühne zu gelangen. Ein Übertritt ist meiner Meinung nach eine ernsthafte Angelegenheit, eine Umstellung (der Seele? und nicht „nur“!) in Lebensstil, Denkensweise und tausenden von täglichen Details. Das braucht Zeit. Ein „wahrhaftiger“ Übergetretener wird sich nur selten in die Prominenz drängen, denn das Lernen gehört zum Übertritt und die Geduld gehört zum Lernen und die Bescheidenheit gehört zur Geduld.. (Weil das Lernen, die Geduld und die Bescheidenheit ganz einfach zum Glauben gehören, auch für die Eingeborenen).

    Jedoch kenne ich auch solche, die nach Übertritt auf der Bühne sind und die es wirklich wert sind, auf der Bühne zu sein. Auf die bin ich stolz. Aber, du hast Recht: das sind die wenigsten.

  2. @ Christine

    Ich meine, dass man ohne diese Wahrhaftigkeit nicht dort bleiben kann, wo man sich hinaufgearbeitet hat.

    Will sagen: Auch wenn das anfängliche Moment ein anderes war als der einfache Wunsch, ohne besondere Leistungen zur jüdischen Nation anzugehören, muss es in einem jeden Führungsproselyt doch auch etwas „Authentisches“ geben, was nur er als Einzelperson innehat und anbieten kann.

    Zugegebenermaßen drängt sich mir bei manchen die Frage auf, was sie denn nun wirklich zu sagen haben (abgesehen von nicht so subtilen Hinweisen darauf, wie jüdisch sie nun sind). Aber irgendwas muss da sein, wovon sich andere angesprochen fühlen, denn sonst würde das öffentliche Interesse, das sie für sich erarbeitet haben, wohl ziemlich schnell nachlassen.

    Das gilt natürlich sowohl für Proselyten als auch für Eingeborene, aber bei Letzteren stellt sich natürlich nicht die Frage, warum sie im Himmel der deutschen Öffentlichkeit gerade als Juden scheinen wollen. Vielleicht liegt es ihnen gar nicht daran, als Juden aufzutreten, sondern sie wollen einfach einen Beitrag zum öffentlichen Diskurs leisten und sind nun mal das, was sie sind.

    Bei den Proselyten aber rührt der Auftritt als Jude von einer ganz bewussten Entscheidung ab, im Gegensatz zur bisherigen Sozialisierung nun ausgerechnet Jude zu werden – und für sich dann erst mit diesem Status eine führende Position zu beanspruchen.

    Wenn das nur Einzelfälle wären, würde sich die Frage nicht stellen. Da es aber ein Phänomen ist und da dieses Phänomen ein spezifisch deutsches ist, ist dieser merkwürdige Zusammenhang erklärungsbedürftig.

    Dass nur die wenigsten Proselyten es wert wären, auf der Bühne zu sein – das habe ich nicht gesagt.

    Auch in puncto Lernen bin ich anderer Meinung: Die Führungsproselyten zeichen sich, sofern man hier verallgemeinern kann, durch hohe kognitive Fähigkeit aus. Wie gesagt: Gerade unter den Berufsjuden – Rabbinern, Kantoren, Religionslehrern etc. – sind sie deutlich überrepräsentiert. Das hätten die Proselyten nicht erreicht, wenn sie es nicht mit ihrer Intelligenz untermauern könnten (ob sie auch außerhalb Deutschlands eine gute Chance hätten?).

    Desgleichen mit der Bescheidenheit: Es lässt sich m. E. nicht feststellen, dass die altjüdischen Prominente hierzulande irgendwie bescheidener sind als die neujüdischen. Das kann ich aber nachvollziehen: Die Öffentlichkeit ist ein Dschungel – und wer allzu bescheiden ist, der schafft es wohl nicht. Wir kriegen also von vornherein nur jene Juden vor Augen geführt, die sich zu behaupten wissen. Und das ist auch gut so, denn sonst gäbe es in der Öffentlichkeit wohl keine Juden.

  3. AT

    Das Alte Testament stammt von jüdisch/israelitischen Schriften ab. Wer sich für den christlichen Glauben interessiert, wird sich vermutlich auch mit dessen Wurzeln auseinandersetzen wollen => daher Interesse an diesem Studiengebiet

  4. @ Richard

    Du gehst also davon aus, dass das hierzulande relativ große Interesse am Jüdischen eher auf das eigene Bekenntnis zum Christentum zurückzuführen sei. Aber mit der hebräischen Bibel, die hierfür am relevantesten ist, befasst man sich auch an christlich-theologischen Seminaren. Ein Studium der jüdischen Studien erscheint also bei dieser Motivation eher unnötig.

    Zudem würde dieser Ansatz andeuten, dass es hierzulande aufgrund der relativ sehr großen Beteiligung von Nichtjuden an jüdischen Studien ein weit größeres Interesse am Christentum gäbe als etwa in den USA, wo jüdische Studien vor allem von Juden konsumiert werden.

  5. @ Yoav

    Ja, jetzt ist es mir klarer geworden: man kann es ohne Wahrhaftigkeit vielleicht schaffen, sich hinaufzuarbeiten (das hab ich betonen wollen), aber man kann es nicht schaffen, dort zu bleiben (das hast du eigentlich schon im Beitrag gemeint, hab ich nur nicht von Anfang an so verstanden). Beides richtig, würde ich sagen; stimmst du dem zu?

    „Dass nur die wenigsten Proselyten es wert wären, auf der Bühne zu sein – das habe ich nicht gesagt“. Hast du auch nicht. ABER ich habe den folgenden Satz vor den Augen gehabt: „Sicherlich gibt es unter den prominenten Proselyten auch solche, die sich bei ihrem Aufstieg in der regionalen oder gar überregionalen Öffentlichkeit sozusagen ’nichts gedacht haben‘. Das dürfte allerdings die Minderheit sein“. UND ich hab das so verstanden, dass es also die wenigsten sind, die sich nicht in erster Linie die Öffentlichkeit zum Ziel nehmen, in ihrem Aufstieg, sondern hoffentlich den Inhalt den sie sich eben angeeignet haben und den sie jetzt vermitteln/weitergeben wollen. Diese Letzteren, die sich (hoffentlich) auf den Inhalt konzentrieren, die sind es in meinen Augen auch wert, auf der Bühne zu stehen, aber die sind ja auch die wenigsten bzw. die Minderheit.
    Das hab ich vielleicht in deine Worte hineininterpretiert, aber es ist meiner Meinung nach nicht ganz falsch. (Obwohl alles unter der Reserve stehen sollte, dass ich ein Außenseiter in diesem Bereich bin, also alles „von draußen“ sehe.)
    Und zu diesem kommt in meinen Augen auch noch etwas aus deiner Antwort hinzu, nämlich: „Zugegebenermaßen drängt sich mir bei manchen die Frage auf, was sie denn nun wirklich zu sagen haben (abgesehen von nicht so subtilen Hinweisen darauf, wie jüdisch sie nun sind)“. Das grenzt in meinen Augen (wieder „in meinen Augen“!) ans Thema Bescheidenheit, denn: der unbedingte Wille zur Öffentlichkeit (nicht nur als Erfolg vor Publikum, sondern auch als Anerkennung seitens der Anderen in der neuen Identität – manifestiert in der Form von „nicht so subtilen Hinweisen“ darauf), wenn er als Ziel VOR der Vermittlung eines Inhaltes steht; UND das Deklarative (also die Betonung der Form), wenn es dem Deklarierenden WICHTIGER ist als die Betonung des Inhaltes – die beiden sind mir ein Zeichen der Unbescheidenheit. Wobei der Eingeborene nicht extra „bescheiden“ zu sein braucht, aber dadurch auch nicht „unbescheiden“ wird. Denn: der Eingeborene „ist“ auf natürliche Weise, was der Konvertierende durch Option „sein will“, bzw. dann „seit kurzem geworden ist“, also was der Konvertierende jetzt auch „ist“, aber nicht auf natürlicher Weise (Geburt) sondern durch Option. Bescheidenheit verstehe ich in diesem Zusammenhang, beim Übergetretenen, als das ins-Bewusstsein-rücken dieser Differenz zwischen Geburt und Option, deren sich der Konvertit im klaren sein sollte, damit er sich mit der Öffentlichkeit doch zweitrangig beschäftigt, und erstrangig mit dem Inhalt. Was ja so sein sollte, oder? Und: als ich von Bescheidenheit bei den Eingeborenen gesprochen habe, war es vielleicht nicht das richtige Wort. Bei denen ist es ja normal, nicht deklarativer zu sein, als es nötig ist, um ihre eigene Identität zu behaupten. Ersetzen wir also in Bezug auf die Eingeborenen das Wort „Bescheidenheit“ mit dem Wort „Normalität“ und lassen wir in Bezug auf die Übergetretenen das Wort „Bescheidenheit“ offen, als Garantie zu einer in ihnen sich noch formenden „Normalität“.

    Und jetzt das „Lernen“. Ich habe nicht gesagt, dass die Übergetretenen nicht über „hohe kognitive Fähigkeit“ verfügen oder über Intelligenz. Auf keinen Fall. Ich sehe (von draußen!) aber die Religion über die wir gerade sprechen, als Religion des Lernens, ganz abgesehen davon, ob man jetzt eingeboren ist oder konvertiert hat. Ich kann nur hoffen, dass es einigermaßen auch so ist, und dass ich mich nicht irre; nochmals: als Außenseiter ist es mir sowieso schwer, es zu verstehen – das heißt nicht, dass ich aufgebe. Aber: es ist mir ungemütlich, es zu sagen/schreiben, denn ich bin mir nie sicher, ob ich es richtig verstehe oder nicht. Wenn ich also falsch liege, bitte ich um Entschuldigung und Erläuterungen. Wenn ich nicht falsch liege, und es auch um eine Religion des Lernens geht, dann ist dieses Lernen ein Prozess und nicht ein abgeschlossener Zustand. In dem Sinne gehört das Lernen, so wie ich es verstehe, ins Leben der Eingeborenen. Umso mehr ist es die richtige Einstellung bei den Proselyten, die dieses Lernen halt lernen wollen.

  6. Zu bedenken…

    Lieber Yoav,

    zu bedenken ist aber m.E. auch, dass gerade in Deutschland einerseits enorme Anforderungen an und auch Förderungen des jüdischen Gemeindelebens erfolgen (einschließlich der gewünschten Zuwanderung von Juden z.B. aus der GUS), andererseits aber immer noch ein massiver Mangel an Leuten besteht, die entsprechende Ämter annehmen und ausfüllen können und wollen. Für sehr viele Aufgaben werden händeringend Leute gesucht – es fehlt oft (z.B. im Gegensatz zu islamischen Gemeinden) noch die breite Mitgliederbasis, aus der sich ausreichend Funktionäre rekrutieren könnten. Wenn dann noch deutsche Sprach- und Verwaltungskenntnisse hinzukommen, bieten sich Konvertiten da also schnell und mit guten Gründen Chancen.

    Nimm noch den Effekt hinzu, dass der Übertritt mithin ein religiöses Engagement beinhält – es also im Regelfall eine selbst gewählte Einbindung in eine Gemeinde bereits seit einiger Zeit gibt, was nicht bei allen der Fall ist, die in Deutschland oder der GUS als Juden geboren wurden. So wird m.E. deutlich, warum in Deutschland Konvertiten eine auch sichtbar größere Rolle spielen als in Ländern, in denen Juden nicht verfolgt wurden bzw. ein geförderter Wiederaufbau von Strukturen in Gemeinde, Wissenschaft etc. unterblieb.

    Dass mancher Konvertit durch den Identitätswechsel aber auch „die Sünden der Väter“ überwinden möchte, hat anhand von Interviews auch bereits Tanya Gold im Guardian und dann in der Jüdischen Zeitung nachgezeichnet:
    http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.1474.html

    Dass das Engagement von Konvertiten dem Judentum in Deutschland ggf. ein eigenes Gesicht gibt, sehe ich von aber nicht als problematisch oder unecht – denn jedes Land (inkl. Israel) hat nun einmal jüdische Gemeinden und Mitglieder, die durch eine je spezifische Geschichte geprägt wurden. Jede religiöse und ethnische Identität ist Ergebnis auch stetiger Konstruktionsprozesse im Austausch mit der jeweiligen Umgebung.

    Und zur Frage der Selbstdarstellung: Ich erlebe da im täglichen Umgang mit Juden qua Geburt oder Konversion eigentlich keinen quantitativen Unterschied. Klar, Konvertiten in eine neue Religion müssen ihre neue Identität öfter erläutern und freuen sich (zu Recht) auch über Zuspruch – dafür spielt mancher jüdische Geborene gerne das Prädikat „echt“ gerade im Vergleich aus, auch gerne „subtil“ in der Blogosphäre oder im persönlichen Gespräch über Dritte. Mir scheint, die Darstellung erfolgt da je aus der eigenen Situation heraus – was wiederum für Menschen völlig normal ist.

    Dir und allen Menschen jüdischen Glaubens auf jeden Fall einen fröhlichen Schawuot!

  7. @ Christine

    Ja, das Gegenteil von meiner Aussage bzgl. der kognitiven Fähigkeiten bzw. der hohen Intelligenz hast du natürlich nicht gesagt. Ich bitte um Entschuldigung, dass dieser Eindruck entstanden ist. Bei mir hat sich in der Eile nämlich der Zwischensatz verschluckt, dass sie diese vermutlichen Fähigkeiten stets anzuwenden und somit deinen richtigen Anforderungen durchaus gerecht zu werden scheinen. Darum ist es in meinen Augen nicht so, dass ein – wenn ich dich recht verstehe: in puncto Lernen ernster – Proselyt „sich nur selten in die Prominenz drängen“ würde.

  8. @ Yoav

    Freut mich, dass wir uns doch verstehen 🙂
    Ich glaube, in Sachen Drang nach oben, geht es letztendlich um die Proportion. Ich werde misstrauisch (aber nicht unüberwindbar misstrauisch), wenn sich jemand nach vorne BEEILT. In dem von dir gerade zitierten Satz fällt die Betonung auf DRÄNGEN…
    Das heißt, ich wünsche mir bei denen eine gewisse Geduld, denn darin sehe ich den Willen zur Genauigkeit und das so gesunde sich-selbst-fragen-wollen. Diese letzteren Eigenschaften können einen Aufsteigenden wahrhaftig nach oben bringen, aber halt langsamer, unauffälliger und weniger demonstrativ als einen… Streber.

  9. @ Michael

    Ich hab dir eine ausführliche Antwort geschrieben, aber sie ist in meinem Browser verschwunden.

    Wenn ich wieder die Zeit und die Lust dazu finde, befasse ich mich abermals damit…

  10. @ Michael (Teil 1)

    Zu deinen ersten beiden Absätzen:

    Du beschreibst also, wie dieses Phänomen überhaupt möglich ist, d.h. warum so viele Proselyten hierzulande in die jüdische Prominenz sowohl auf regionaler als auch auf der überregionalen Ebene kommen *können*.

    Wenn ich dich recht verstehe, führst du damit näher aus, was ich im obigen Beitrag mit dem Hinweis auf die noch relativ offene Bühne als eine der Voraussetzungen für einen erfolgreichen Aufstieg beschreibe und als einer der Gründe dafür gebe, dass dieses Phänomen ein spezifisch deutsches ist.

    Ob du aber auch eine Hypothese zur Motivation hast? Warum *wollen* so viele Proselyten – trotz des Übertritts als Erwachsene – sich ausgerechnet in die Prominenz hineinbringen?

  11. @ Michael (Teil 2)

    Zu deinem dritten Absatz:

    Tanya Gold befasst sich mit einem anderen, wenn auch verwandten Phänomen, zu dem sie auch eine andere Erklärung gibt als die im obigen Beitrag vorgeschlagene.

    Dass mancher Deutsche aufgrund der von Deutschen ausgehenden Verbrechen am jüdischen Volk seine Volkszugehörigkeit wechseln und das Deutschland zum Opfer gefallene Volk stärken will, ist eine Motivation zu einer als *quantitativ* zu bezeichnenden Wiedergutmachung (inwiefern hier was genau wieder gut gemacht wird, ist eine andere Frage und vor allem eine subjektive).

    Hier geht es hingegen darum, warum es (so oder anders zum Beitritt motivierte) Proselyten in die Prominenz zieht und inwiefern dabei ein vermutlicher Drang zu einer *qualitativen* Wiedergutmachung eine Rolle spielen darf.

    Bei einzelnen Personen mag es zwischen beiden Phänomenen bzw. Motivationen eine Kongruenz geben, sodass beide zugleich wirken, aber diese mögliche Kongruenz ist keine Notwendigkeit. Eine mögliche Korrelation lässt nämlich auf keine Kausalität schließen.

    Mit anderen Worten: Nicht jeder, der Israel aus dem Drang zur quantitativen Wiedergutmachung beigetreten ist, will Berufsjude werden und sich in der jüdischen Prominenz einen Platz sichern. Auch nicht jeder, den es in die Prominenz drängt, ist Israel aus der von Tanya Gold beschriebenen Motivation beigetreten; das gilt auch dann, wenn er aus dem Drang zur qualitativen Wiedergutmachung Berufsjude geworden ist.

  12. @ Michael (Teil 3)

    Zu deinem vierten Absatz:

    „Dass das Engagement von Konvertiten dem Judentum in Deutschland ggf. ein eigenes Gesicht gibt, sehe ich von aber nicht als problematisch oder unecht“ – Ich übrigens auch nicht. Aber ab einem gewissen Ausmaß wird dieses merkwürdige Phänomen erklärungsbedürftig.

    „jedes Land (inkl. Israel) hat nun einmal jüdische Gemeinden und Mitglieder“ – Im ausländischen Sinne gibt es das bei uns nicht. Man kann das Zusammenleben in Israel auch kaum mit den hiesigen Kirchengemeinden gleichsetzen, nicht zuletzt auch aufgrund der unterschiedlichen Rechtslage.

    „die durch eine je spezifische Geschichte geprägt wurden“ – Genau das fehlt den allermeisten Proselyten, die über keine jüdische Geschichte, keine jüdische Familie, keine jüdische Kindheit, keine jüdische Sozialisierung etc. verfügen und dies bestenfalls nur in künstlicher Form nachholen können. Bei dem normalen Proselyten ist es nun mal so, wie es ist, vergleichbar mit dem Migrantenzustand. Bei prominenten Juden darf man sich die Frage stellen, was das bedeuten kann und wie es zu bewerten ist, denn die Prominenz spielt, wie oben erklärt, eine sehr wichtige Rolle bei der Konstruktion jüdischer Identitäten (aber nicht um diese Fragen geht es hier).

    „Jede religiöse und ethnische Identität ist Ergebnis auch stetiger Konstruktionsprozesse im Austausch mit der jeweiligen Umgebung“ – Ja, das steht, anders formuliert, auch im obigen Beitrag geschrieben.

  13. @ Michael (Teil 4 – der letzte)

    Zu deinem letzten Absatz:

    „Konvertiten in eine neue Religion“ – Leider ist das Judentum, wie schon mehrmals erklärt, keine richtige Religion, was den allermeisten Proselyten auch klar ist und sie, weil sie mit Religionen nicht zufrieden sind, geradezu zum Beitritt zu Israel bewegt.

    „müssen ihre neue Identität öfter erläutern“ – Wenn wir schon beim Thema sind, geht es in diesen Fällen meiner Erfahrung nach eher darum, die neue Identität bzw. sich selbst zu behaupten. Denn „erklären“ kann man etwas in der Regel erst, nachdem man danach gefragt worden ist. Die Eingeborenen aber sehen meistens von solchen Fragen ab und wollen die neuen – meiner Erfahrung nach – nicht mit sehr persönlichen Fragen belasten (insbesondere in Deutschland ist man längst daran gewöhnt, dass man von Proselyten umgeben ist). Wenn schon, dann kommt es eher dazu, dass man seine neue Identität nicht „erklärt“, sondern aus eigener Initiative (meiner Erfahrung nach bisweilen in passiv-aggressiver, suggestiver Weise) durchsetzt, und zwar auch dann, wenn eigentlich kein Widerspruch besteht.

    „und freuen sich (zu Recht) auch über Zuspruch“ – Manchmal umso mehr über Widerspruch, damit die Selbstbehauptung nicht nach einem unnötigen Präventivangriff ausschaut. Zudem dürften sich dann manche Proselyten in ihren inneren Erwartungen bestätigt fühlen. Denn ich muss gestehen, dass solche unnötigen Selbstbehauptungen m. E. bei prominenten Proselyten öfter an die Oberfläche kommen als bei den normalen Proselyten, die für sich nichts Besonderes beanspruchen. Darum vermute ich bei den Prominenten eine Art Abwehrmechanismus, der aus dem verständlicherweise unsicheren Migrantenzustand hervorgeht. Ich fürchte also, dass es bei manchen Proselyten und gerade bei den prominenten nicht so idyllisch aussieht, wie du es dir vorstellst. Oft scheint es – von außen – so, dass es in ihrer inneren Welt eine andauernde Auseinandersetzung gibt, ein stetiger Kampf gegen einen selbst um diese Selbstbehauptung als Jude, von dem die normale Umwelt nur gelegentliche Ausbrüche dieser heftigen Debatte zu spüren bekommt. Das ist freilich nicht bei allen so, aber zusehends bei vielen. Nur: Kann es beim einen oder anderen Einzelnen überhaupt anders sein? Schließlich setzt ein so tiefgründiger Identitätswechsel eine komplexe Persönlichkeit voraus. Und das ist wohl gut so.

    „Mir scheint, die Darstellung erfolgt da je aus der eigenen Situation heraus – was wiederum für Menschen völlig normal ist.“ – Ja, das stimmt, aber wenn ich dich recht verstehe, dann geht es hier nicht darum. Denn ich meine hier keine normale Selbstdarstellung (im einfachen, wörtlichen Sinne des Wortes), wie sie jeder Mensch tagtäglich unausweichlich treibt, sondern, wie oben steht, den Drang danach. Die zweite Hypothese bezieht sich also nicht darauf, wie ein Prominent sich jeweils selbst darstellt und ob diese Weise der Selbstdarstellung „echt“ oder „unecht“ ist (beides m. E. irrelevant), sondern darauf, dass die Sehnsucht nach Selbstdarstellung, also nach Öffentlichkeit und Publikum, sich wohl leichter über die jüdische Bühne sättigen lässt – und zwar aus den Gründen, die im obigen Beitrag erklärt und in deinen ersten beiden Absätzen näher ausgeführt werden.

  14. @Yoav , Standpunkt

    In christlich-theologischen Seminaren über die hebräische Bibel erfährt man die christliche Sichtweise darüber.
    Möglicherweise haben Studenten auch Interesse daran, die jüdische Sichtweise besser kennen zu lernen um den geistigen Horizont zu erweitern. Daher das Interesse.

  15. @Yoav, Standpunkt – Nachtrag

    Man sollte für manche Studienwahl nicht unbedingt tiefere religiöse Interessen vermuten. Vielleicht hat sich bloß der Ruf bestimmter Dozenten/Unis als positiv herumgesprochen – oder andere, ähnlich banale Gründe. Hier wäre Ursachenforschung interessant.

    Z.B. Es gab in den 1970er Jahren eine Umfrage unter weiblichen Studenten in technischen Studienberufen. (Man wollte deren Studiengründe wissen, um noch mehr Frauen zum Studium technischer Berufe zu ermuntern.)
    Dabei stellte sich heraus, dass ein großer Teil dieser Frauen aus einer einzigen Schule kam – und dort konnte es speziell eine einzige sehr selbstbewusste weibliche Lehrerin als Hauptursache für die Wahl der Studienrichtung ausgemacht werden. Sie hatte die Bereitschaft bei den Schülerinnen erhöht, auch solche Berufe zu ergreifen, die bisher als ´Männer´-berufe galten.

  16. @ Richard

    Ja, aber: Dass das Interesse am Jüdischen irgendwas mit religiösen Beweggründen zu tun haben könne, hast in dieser Diskussion erst du behauptet.

    Übrigens ist das Fach „Jüdische Studien“ kein Beruf und kann daher keine „Bereitschaft“ voraussetzen.

    Es kann natürlich durchaus sein, dass manche, die in diesem Fach länger als eines oder zwei Semester bleiben, es wegen der Qualität der Dozenten am jeweiligen Seminar oder Institut tun. Das ist ja in diesem Fach so.

    Aber warum immatrikulieren sie sich von vornherein für dieses Fach – und warum sind das vor allem Nichtjuden? Wie gesagt, auch in den USA sind die Juden eine winzige Minderheit und trotzdem werden da jüdische Studien vor allem von Juden konsumiert bzw. produziert.

    Meine Vermutung ist, dass es nur ein Aspekt eines größeres Phänomens ist, bei dem es gerade Nichtjuden sind, die – in verschiedener Weise – in Deutschland Jüdisches betreiben und manchmal sogar die Verantwortung für die Entfaltung des Jüdischen in Deutschland übernehmen.

  17. @ Yoav: Interessanter Unterschied

    Lieber Yoav,

    diese Diskussion verdeutlicht auf jeden Fall einen interessanten Unterschied zwischen Christentum und Judentum (die sich natürlich auch je beide als besondere Völker in der Nachfolge Gottes verstehen, vgl. auch die islamische Umma): Während in christlichen Gemeinden Konvertiten meist besonderen Respekt genießen, da sie ihre Entscheidung bewusst getroffen hätten (und manche Kirchen daher sogar die Säuglingstaufe ablehnen), gilt nach Deinen o.g. Worten ein Konvertit zum Judentum als weniger „echt“ und nicht „wirklich jüdisch sozialisiert“.

    Für Dich selbst erstrebst Du eine gesamtgesellschaftlich wirkende, intellektuelle Rolle in Deutschland (siehe hier:
    http://www.chronologs.de/…h-rabbiner-werden-will ), bei prominenten Konvertiten vermutest Du dagegen weniger schmeichelhafte, psychologische Motive für ihr Wirken auch nach außen.

    Immerhin hast Du hier auch einmal klar beantwortest, dass nach Deiner Definition Religionswechsel auch einen Wechsel der Volkszugehörigkeit bedeuten können. Auch da sind wir wohl etwas unterschiedlicher Meinung – ich sehe z.B. null Problem darin, dass es deutsche, russische, französische, schwäbische, bayerische etc. Juden, Christen, Muslime, Hindus etc. geben soll und käme auch nicht auf den Gedanken, einem Angehörigen der katholischen Kirche (offiziell kirchenrechtlich natürlich auch: des Volkes Gottes) die Staatsangehörigkeit oder Volkszugehörigkeit des Vatikanstaates zu attestieren. Staatsangehörigkeit, ethnische und religiöse Zugehörigkeit sind m.E. nicht einfach ineins zu setzen – im Zweifelsfall hat hier m.E. stets der jeweilige Mensch selbst das Recht auf die Konstruktion der eigenen Identität. Aber wir müssen uns ja auch nicht über alle Begriffe einig werden.

  18. @ Michael

    1.

    Wie sind denn deiner Meinung nach das Christentum und später auch der Islam auf die (bei ihnen freilich weitestgehend sublimierte) Vorstellung gekommen von einem „Volk Gottes“ bzw. einer Ummah/Nation?

    Ich erwarte deine Antwort und bemerke nebenbei, dass anständige Christen, und von denen gibt’s manche hierzulande, mit der Usurpation Israels durch die kirchliche Erblehre („verus Israel“ etc.) schon abgebrochen haben. Das sind die Christen, mit denen man hierzulande wirklich arbeiten kann und die mir Hoffnung verleihen für dieses Land.

    2.

    Von verringerter „Echtheit“ habe ich nicht gesprochen. Und die Problematik der Sozialisierung ist nicht meine Meinung, sondern eine objektive Tatsache, die übrigens – wenn auch in immer unterschiedlichem Ausmaß – auch für manche Eingeborenen in Deutschland gilt.

    Sonst bitte ich dich (ggf. schon wieder?), nicht per Anführungszeichen den Eindruck zu vermitteln, du würdest mich zitieren, wenn das nicht der Fall ist.

    3.

    Natürlich spielen psychologische Motive eine Rolle. Kennst du ein menschliches Phänomen, wo das nicht der Fall ist? Und übrigens geht es nicht nur um das Wirken nach außen bzw. bei Nichtjuden. Die Erlangung einer prominenten Stellung ist auch mit viel Streben „nach innen“ verbunden.

    Die Frage, die hier gestellt wird und um die es gehen soll(te), ist aber *nicht*, warum sie gesamtgesellschaftlich agieren wollen (das finde ich vollkommen einleuchtend), *sondern*, warum man das ausgerechnet als Jude machen will, was man ja in diesen Fällen als Erwachsener zunächst überhaupt werden musste, *und* wie es sich erklären lässt, dass wir hier nicht mit seltenen Einzelfällen, sondern mit einem richtigen Phänomen zu tun haben (das Phänomen selbst wird hier notabene nicht bewertet).

    4.

    Da du offensichtlich dieselbe Auffassung des Judentums – nicht jedoch dieselben Ziele – pflegst wie die islamischen Terroristen, die Israel als jüdischem Nationalstaat mittels ihrer eigenen Vorstellung vom Judentum als Religion jedwede Existenzberechtigung absprechen, muss ich dir die ganz ernst gemeinte Frage stellen: Welche raison d’être hat deiner Meinung nach der Staat, aus dem ich komme und der sich – wohl nicht zufälligerweise – Israel nennt?

    Auch auf diese Frage erwarte ich deine ehrliche Antwort.

  19. Fragen & Antworten

    Lieber Yoav,

    gerne beantworte ich Deine Fragen.

    1. Was die monotheistischen Religionen von vielen anderen unterscheidet, ist das eindeutige Bestehen darauf, dass alle Menschen von den gleichen Vorfahren abstammen, gleich an Würde sind und grundsätzlich gleichen Zugang zu Gott haben. Im biblischen Noah-Bund wendet sich Gott darüber hinaus ausdrücklich allen Menschen zu und bietet ihnen den Bund an, beide Abraham-Söhne erhalten göttlichen Segen usw.

    In diesem Kontext verstehe ich Erwählung stets als Verantwortung, der jede Gemeinschaft gerecht werden muss, die sich auf Gott beruft. Wie warnt Gott doch so klar in der Bibel? (Amos 9.7) „Seid ihr für mich mehr als die Kuschiter, ihr Israeliten? Spruch des Herrn: Wohl habe ich Israel aus Ägypten herausgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir.“

    Wenn es also Christen, Muslime, Juden, Sikhs, Bahai, Israelis, Amerikaner, Russen, Römer etc. je wichtig finden, sich als besonders erwählte Völker Gottes zu verstehen, so begrüße ich das. Solange diese das als Verantwortung verstehen und die Menschenrechte auch aller anderen respektieren. Deren ersten beiden Artikel lauten übrigens:

    „Artikel 1

    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

    Artikel 2

    Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“

    Dem habe ich nichts hinzu zu fügen.

    2. Abgesehen davon, dass die katholische Kirche ebenfalls eine Religionsgemeinschaft ist (deren Mitglieder sich als Volk Gottes verstehen) und dennoch niemand dem Vatikanstaat die Existenzberechtigung abspricht: Israel ist als eigenständiger Staat längst anerkannt und hat sein Existenzrecht darüber hinaus in den Menschen, die ihm angehören (übrigens neben Juden auch Muslime, Christen und andere Minderheiten). Wer Expansionspolitik im 21. Jahrhundert aufgrund religiöser oder historischer Ansprüche betreiben will, verdient den Widerstand aller Demokraten – ob er Israelis aus Tel Aviv oder Araber aus Ostjerusalem vertreiben will. Sollen etwa die Griechen Istanbul zurück fordern, die Deutschen den Elsaß, die Araber Spanien, die Aborigines Australien? Wo soll das aufhören? Wir müssen die Welt nehmen, wie sie ist, und unser Zusammenleben endlich so gestalten, dass alle Menschen, Völker und Religionen in Frieden und Freiheit leben können. Die EU hat gezeigt, dass auch Jahrhunderte gegenseitiger Kriege und Gebietswechsel durch Versöhnung und Frieden zu überwinden sind.

    Und daher meine ich, dass im Nahostkonflikt sowohl religiöse wie nationalistische, sowohl islamische, christliche wie jüdische Extremisten endlich in die Schranken gewiesen gehören und eine faire Friedens- und Zweistaatenlösung erreicht werden muss. Von Hetze, Krieg und Gewalt aufgrund völkischer, religiöser oder sonstwie ideologischer Ansprüche hatte dieser Planet wirklich genug! Jeder Jude, Christ, Muslim, Anders- und Nichtglaubende hat m.E. das Recht auf Leben, Freiheit und die Menschenrechte – dafür trete ich ohne Abstriche ein.

  20. @ Michael

    Danke für deine Antworten, aber sie haben leider nicht viel mit meinen Fragen zu tun.

    ad 1.

    Ich habe nicht gefragt, was die Auserwähltheit für die „monotheistischen Religionen“ oder für dich selbst bedeutet. Ich habe dich gefragt, woher das Christentum und später der Islam die Vorstellung davon haben, ein Volk bzw. Ummah/Nation darzustellen – ganz abgesehen davon, ob sie wirklich so ein Volk darstellen.

    Dieser Frage kann ich jetzt im Anschluss an deine Antwort noch zwei hinzufügen: Woher haben sie die Vorstellung von der Auserwähltheit und, sofern du das in der hebräischen Bibel begründet siehst, woher haben sie die hebräische Bibel bzw. (im Fall des Islam) biblischen Erzählstoff (wenn auch in oft stark verzehrter Form)?

    ad 2.

    Der Vatikan ist nur der semi-staatliche Ausdruck einer Religion – und nebenbei bemerkt, finde ich es schlecht, dass es heutzutage noch Staaten gibt, die sich (man denke etwa an das noch gültige Reichskonkordat von 1933) darauf einlassen. Die Katholiken sind auch kein richtiges Volk; oder gibt es etwa katholische Literatur, die zumindest teilweise nichts, aber gar nichts mit Religion zu tun hat, wie das etwa mit der jüdischen Literatur der Fall ist?

    Ohnehin hast du geschrieben, dass Israel als Staat seine Existenzberechtigung – zumindest für dich – in den Menschen hat, die ihm angehören. Das kann ich als Historiker nicht wirklich nachvollziehen. Ich denke zum Beispiel an die Tschechoslowakei, die heute nicht mehr existiert, weil sie ihre Existenzberechtigung eben nicht in den Menschen hatte, die ihr zwar auf dem Papier angehörten, in Wirklichkeit aber Tschechen, Slowaken, Ungarn und andere waren.

    Oder man denkt an Deutschland: Die Bundesrepublik schöpft ihre Existenzbereichtigung aus ihrem Selbstverständnis als Deutscher Nationalstaat heraus. Dieses Selbstverständnis untermauert sie, indem sie für sich allein den Status des Rechtsnachfolgers des Deutschen Reichs beansprucht und sich somit als Völkerrechtssubjekt auf den 18.01.1871 zurückführt. Dieses Selbstverständnis wirkt in der Gesetzgebung (etwa im Bundesvertriebenengesetz, dem deutschen Äquivalent des jüdischen Rückkehrgesetzes), im Grundgesetz (etwa in der Präambel oder im alten Art. 23) sowie in der Rechtssprechung (etwa im Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes zum Grundlagenvertrag 1973: „Das Grundgesetz […] geht davon aus, daß das Deutsche Reich den Zusammenbruch 1945 überdauert hat und weder mit der Kapitulation noch durch Ausübung fremder Staatsgewalt […] noch später untergegangen ist […] Das Deutsche Reich existiert fort […] besitzt nach wie vor Rechtsfähigkeit […]“). Diese Existenzberechtigung der Bundesrepublik ist übrigens auch heutzutage nicht unumstritten, kann sich aber noch weitaus besser durchsetzen als andere Vorstellungen (man denke etwa an die Bayernpartei).

    Dein Vorschlag für Israel bedeutet vielmehr, dass es nur um seiner selbst willen existieren sollte, also gar ohne Existenzberechtigung. Aber ein Staat, der nicht mehr in der Lage ist, seine Existenz zu legitimieren, wird inneren und äußeren Herausforderungen nicht lange standhalten können (vgl. Donaumonarchie 1918-20, Österreich 1938, DDR 1989, die vorerwähnte Tschechoslowakei, Jugoslawien usw. usf.). Gerade ein Staat wie Israel wird ohne seine historische Legitimation nicht die innere Kraft auftreiben können, um die vor allem äußeren Bedrohungen auch weiterhin abzuwehren.

    Ansonsten hast du noch von „Anerkennung“ gesprochen. Anerkennung ist nicht die Grundlage für eine gute Existenzberechtigung, sondern die Folge einer guten Existenzberechtigung. Nicht zufälligerweise weigern sich die islamischen Palästinenser bis zum heutigen Tage noch, im Gegensatz zur jüdischen Anerkennung eines palästinensischen Nationalstaates (bin ich denn kein Palästinenser?!) den Staat „Israel“, der notabene nicht zufälligerweise so heißt (oder?), als den jüdischen Nationalstaat anzuerkennen. Denn die stärkste Waffe der Araber war und ist die einfache Behauptung, dass die Juden kein Volk darstellen und daher keinen eigenen Staat brauchen. Leider gelingt es ihnen, immer mehr Leute davon zu überzeugen.

    Ich frage mich also, was eine „Anerkenntung“ wert sein kann, wenn man zu gleicher Zeit – genauso wie die schlimmsten Gegner dieses Staates – grundsätzlich nicht bereit ist, sein amtliches Selbstverständnis zu akzeptieren, aus dem seine historische Bodenständigkeit herausschöpft: der nur allzu lange ersehnte Nationalstaat des jüdischen Volkes zu sein.

    Deswegen möchte ich dir die Frage stellen, was du vom jüdischen Rückkehrgesetz hältst, das jedem Juden den Anspruch auf Einbürgerung in seinem Nationalstaat gewährt. Ist dieses Gesetz für dich – als Außenseiter – akzeptabel? Findest du, dass es mit demokratischen Prinzipien vereinbar ist? Oder meinst du, dass man es abschaffen soll?

  21. Geschichte

    Lieber Yoav,

    dass sich sowohl Christentum wie Islam auch auf jüdische Überlieferungen beziehen, ist religionsgeschichtlich unstrittig. Ebenso unstrittig hat sich das Judentum zahlreiche Anregungen aus dem (lange persischen!) Zoroastrismus und der ägyptischen Religionswelt geholt. Und Du verwendest übrigens in Deinem Blog lateinische Buchstaben und arabische Ziffern. Die Idee, dass man aus diesen wechselseitigen Prozessen irgendwelche politische Forderungen aneinander ableiten könnte, finde ich… überholt. Für mich belegen Religions- und Kulturgeschichte allenfalls historische Verwandschaftsverhältnisse, keine Enteignungsansprüche. Deswegen ist Archäologie m.E. hoch interessant, aber kein Mittel der Politik und hypothetisch auftretende Nachfahren des Königs Melchisedek von Jerusalem (dem auch Abraham die Referenz erwies) hätten m.E. deswegen noch lange kein Recht, Juden, Christen, Muslime, Anders- und Nichtglaubende aus der Stadt zu weisen.

    Zu Staat & Volk: Sorry, ich kann mit Deinen völkischen Entwürfen nichts anhaben. Völker sind ausnahmslos historische Konstruktionen, die sich immer auch im Austausch mit anderen definieren. Sowohl das deutsche, amerikanische, israelische, türkische, russische etc. Volk bestehen aus Hunderten Subgruppen und Millionen Einzelpersonen mit je individueller Geschichte und multiplen Identitäten. Genetisch sind wir alle über zig Ecken miteinander verwandt, Du & ich dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit Allele sowohl von Dschingis Khan wie von Abraham besitzen. 🙂 Weder Israel noch das Judentum waren und sind je ethnisch einheitlich, die jüdische Identität begründet sich religiös. Wie Du selber geschrieben hast, kann man z.B. durch die religiöse Konversion ja zum „Volk Israel“ (analog zur Kirche, Umma etc.) hinzutreten, dann auch übrigens nach Israel wandern. Freiheitliche Gesellschaften erkennen an, dass Identitäten wählbar sind.

    Auch Dein Beispiel Tschechoslowakien unterstreicht doch den Punkt: Wenn sich die Menschen überwiegend für getrennte Staaten entscheiden wollen, können sie das friedlich tun. Auch Belgien, Kanada etc. könnten sich teilen und in Bayern gab es lange Sezessionsbewegungen, ohne dass deswegen irgendwer Truppen in Marsch setzen muss. Die Menschen sind frei, sich ihre Staaten und Staatsformen in demokratischen Prozessen selbst zu geben, solange sie die Menschenrechte anderer dabei nicht verletzen. Dass z.B. die Quebecois historisch sehr jung sind und aus Einwanderern verschiedener Herkunft und Religionen bestehen, ändert doch daran gar nichts.

    Das Gleiche gilt übrigens auch für Einwanderungsfragen: Selbstverständlich dürfen sich alle Staaten, also je Israel, Deutschland, die USA, Russland etc. Gesetze über Immigration und Staatsbürgerschaft geben. Deutschland hat doch auch Juden aufgenommen und erkennt z.B. Spätaussiedlern die deutsche Staatsangehörigkeit an, die Türkei bzw. das osmanische Reich, die USA und Kanada wählen seit Jahrhunderten Zuwanderer aus und verleihen Staatsbürgerschaften an Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion – so what? Ein Verstoß gegen die Menschenrechte wäre es lediglich, Menschen aufgrund ihrer Religionszugehröigkeit die jeweilige Staatsangehörigkeit abzuerkennen – Du musst also, insofern Du die Menschenrechte anerkennst, auch in Zukunft christliche und muslimische Israelis akzeptieren.

    Meines Erachtens muss Israel sein Existenzrecht ebensowenig an völkischen Konstrukten festmachen wie andere Staaten auch (wie sollten das die USA oder Australien z.B. auch schaffen?). Die Menschen leben dort und haben sich eine gemeinsame (längst mehrere Religionen umfassende) Identität und Staatsform gegeben, Israel ist von Dutzenden Staaten anerkannt, nun ist eine friedliche Regelung und gegenseitige Anerkennung mit den Nachbarn anzustreben. Und wer da immer für sich und sein Volk (seine Kirche, seine Umma etc. pp.) eine besonders enge Bindung zu Gott behauptet, der sei ermutigt, dieses doch einfach durch vorbildliches, Frieden stiftendes Verhalten aufzuzeigen. Einen solchen „Wettbewerb im Guten“ kann die Welt gut brauchen!

    Schalom und Salam

    Michael

  22. Konvertiten und ihre Motive

    Es wäre interessant, wenn einige Konvertiten sich hier über ihre Motivation äussern würden.

  23. @ Michael

    Michael,

    du hast hier abermals den Diskussionsrahmen zersprengt und allerlei Fragen einbezogen, die bestenfalls nur indirekt mit den beiden Themen zu tun haben, die wir hier besprechen. Um nur zwei Beispiele zu geben:

    Keiner hat hier behauptet, dass Völker heutzutage noch ethnisch einheitlich oder nicht das Ergebnis von Vorstellungen wären. Völker stützen sich heutzutage auf Narrativen. Diese Narrativen stiften Identität und bestimmen die Politik. Sie können dazu führen, dass Staaten, nach denen ein Bedürfnis besteht, entstehen und andere, die sich nicht mehr legitimieren können, verschwinden. Das bedeutet: Vorstellungen sind die mächtigste Kraft in der Welt der Menschen und die Konstrukte, die du so leichtfertig abtust (als ob die Menschenrechte kein Konstrukt wären), folglich ein sehr wichtiges Moment in unserer Realität.

    Auch hat keiner behauptet, die USA, Kanada oder Australien wären Nationalstaaten. Im Gegenteil: Dort wird vom Staat ausgegangen, von dem wiederum eine Staatsnation abgeleitet wird. Natürlich ist die kanadische Staatsnation genauso fiktiv wie das polnische Volk, dafür aber auch genauso wirksam.

    Und jetzt bitte ich, dass wir aufs Thema zurückkommen:

    1.

    Dass die Vorstellung des Christentums und des Islam vom Volk/Ummah ihren Ursprung in Israel hat, wollte ich von dir aus folgendem Grund hören:

    Du hast ja behauptet, dass das Selbstverständnis des Judentums als ein Volk namens Israel noch nichts zu bedeuten hat, weil ja auch das Christentum und der Islam diese Vorstellung haben, obwohl sie ja Religionen sind. Damit hast du versucht, aus diesen Religionen auf Israel zu schließen: Wenn diese Religionen sich ein Volk nennen und doch keines sind, dann könne sich Israel, so deine Logik, doch bis zum Ende aller Zeiten als Volk verstehen und trotzdem keines sein, sondern nur eine Religion.

    Nun, wo du selbst zugegeben hast, dass diese Religionen die Vorstellung vom Volk nicht aus sich selbst hervorbrachten, sondern von Israel nahmen, soll dir klar werden, dass dein Versuch, die späte Sublimierung bzw. Verbildlichung des Volksbegriffs im religiösen Kontext des Christentums und des Islams auf Israel anzuwenden, nicht standhält.

    Das bedeutet: Israel versteht sich als Volk, *weil* es von Anfang an eines gewesen ist. Die von dir genannten Religionen verstehen sich als Volk, *obwohl* sie nie eines waren, d.h. sie tun es nur deswegen, weil sie während ihrer Entstehung das israelische Selbstverständnis auf sich selbst anzuwenden suchten. Aus diesem Sachverhalt zu schließen, dass auch das den Religionen vorausgehende Israel ebenfalls eine Religion sein müsste, ist keine Logik.

    Von einem Religionswissenschaftler hätte man, wenn ich ehrlich sein darf, Besseres erwarten dürfen. Anscheinend ist das Fach in Deutschland – zumindest mancherorts – vollkommen ideologisiert, sodass einfache Sachverhalte nicht mehr wahrgenommen werden.

    2.

    Mit „meinen völkischen Entwürfen“ brauchst du nun gar nichts „anzuhaben“. Schön wär’s aber, wenn du dich der Wirklichkeit annähern könntest:

    Das slowakische Volk z. B. ist kein Resultat der jungen Republik der Slowakei. Im Gegenteil: Die slowakische Republik ist nur deswegen entstanden, weil das ihr vorausgehende (!) Volk der Slowaken nach der Überwindung des Kommunismus den völlig legitimen Anspruch auf einen eigenen Nationalstaat erhob und erfolgreich durchsetzte. Genauso funktioniert es auch in Israel, das nur deswegen entstanden ist, weil das jüdische Volk wieder im eigenen Land souverän werden wollte. Ohne ein jüdisches Volk wäre dieser Staat nicht entstanden, ohne ein jüdisches Volk gäbe es auch heute diesen Staat nicht.

    Auch der Bundesrepublik als deutschem Nationalstaat liegt das Postulat (oder aus wohlwollender Sicht: die Erkenntnis) zugrunde, dass es ein deutsches Volk gibt, das auf einen eigenen Nationalstaat Anspruch hat, und dass dieses Volk nicht mit der bundesrepublikanischen Bürgerschaft identisch ist. Nur deswegen durften Deutsche aus dem Ausland, wie etwa die Verwandten von Christine (deren Beiträge hier ich dir nur empfehlen kann!), sich anhand eines Nachweises ihrer deutschen Volkszugehörigkeit in die Bundesrepublik als deutschen Nationalstaat einbürgern lassen. Nur weil ein – so postuliertes – deutsches Volk dieser Republik vorausgeht, heißt sie überhaupt „Deutschland“ und nicht, wie Bayern es im Hinblick auf die bayerische Nationalität wollte, „Bund deutscher Staaten“.

    Der Punkt ist also, dass bei Nationalstaaten – was längst nicht alle Staaten sind – ein Volk dem Staat vorausgeht, den es für sich beansprucht. In diesen Fällen ist es nicht der Staat, der einer von ihm abgeleiteten Staatsnation die Identität gibt, sondern das Volk, das dem von ihm abgeleiteten Nationalstaat die Identität gibt (nichtsdestoweniger gibt es in jedem Nationalstaat auch andere Völker als das staatstragende, wie etwa die Sorben in Deutschland oder die Ungarn in der Slowakei). Dass solche Entwicklungen – ob in Richtung Einheit wie in Deutschland oder in Richtung Trennung wie in der Tschechoslowakei – mit Gewalt einhergehen müssen, hat doch keiner behauptet, sodass deine ganze Belehrung hier vollkommen falsch am Platze war.

    Du kannst es also so drehen wie du willst; am Ende bleibt es doch so, wie es ist: Vieles haben die Juden geopfert, um gegen zahlreiche und mächtige Feinde ihren Anspruch auf einen Nationalstaat im jüdischen Lande durchzusetzen. Und siehe, dieses kleine Volk hat Erfolg gehabt: An der Ostküste des Mittelmeers brachte es weder einen zweiten Vatikan, noch ein zweites Kanada, sondern einen Staat zustande, der sich nicht anders versteht als der jüdische Nationalstaat.

    Dass dieses Volk als keines gelten müsste, kannst du natürlich auch weiterhin behaupten. Das ist ja selbst mangels Beweismaterial nicht verboten… Aber solange Israel einen eigenen Staat hat und solange dieser Staat seinen Namen trägt, können solche Behauptungen einfach nicht ernst genommen werden. Ich habe versucht, es dir zu erklären. Nun hast du deine Meinung und ich die meinige – aber die Wirklichkeit ist in dieser Diskussion leider nicht objektiv.

    Schade nur, dass du damit den extremistischen Arabern genau das richtige Benzin lieferst, auf das sie angewiesen sind. Wie heißt es auf Deutsch? Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

  24. @ Peter

    Meinst du die Proselyten in der jüdischen „Prominenz“? Oder einfach irgendwelche?

    Ich frage, denn um Letztere geht es hier nicht, s. dazu meine Antwort an Michael vom 29.05.2009 um 19h37.

  25. ???

    Lieber Yoav,

    Du hast natürlich Recht: Jeder, der es wagt, eine andere als Deine Meinung zu haben, arbeitet extremistischen Arabern zu. Und jeder, der Deinen sehr speziellen, völkischen Ansichten nicht folgt, stellt natürlich das Existenzrecht Israels in Frage. Und wer als Dein Diskussionspartner auch noch mit einer Muslimin verheiratet ist und sich seit Jahren für den Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen engagiert, kann nur ein naiver Gutmensch, keinesfalls aber ein ernstzunehmender Wissenschaftler sein. So einfach ist das.

    Wir sind alle sehr beeindruckt, von Dir gelernt zu haben! Ciao! 🙂

  26. Welche jüdische Prominenz ?@Yoav

    Wer sind diese Konvertiten, von denen Du sprichst ? Könntest du einige ( „typische“ ) Vertreter dieser prominenten Proselyten nennen ? Ich kenne keine, d.h ich weiss wahrscheinlich nicht, dass dieser oder jener prominente Jude ein Konvertit ist. Haben sie sich möglicherweise an andrer Stelle über ihre Motivation geäussert ( das nehme ich doch an )?

    Etwas grundsätzlicher zu deinen Ausführungen : Ich empfinde deine Argumentation als ambivalent. Einerseits lässt du erkennen, dass es einem Proselyten möglicherweise ( du schränkst dies aber ein ) an einer jüdischen Identität mangle, da er sich seine jüdische Identität sozusagen angeeignet habe. Im Gegensatz dazu der Jude, dessen jüdische Identität als Ergebnis am Ende einer langen jüdischen Genealogie steht. Der Proselyt ist somit nicht Teil der jüdischen Geschichte der Vergangenheit, seine Wurzeln sind nicht jüdische. Dies wäre ein völkisches Verständnis von Identität. Ich meine das nicht abwertend. Der Begriff „völkisch“ ist vollständig diskreditiert. Die Gründe brauche ich hier nicht auszuführen. Ich benutze ihn aber im Wortsinn und ignoriere die zahlreichen negativen Konnotationen.

    Wäre die zentrale Frage nicht, ob man sich eine ( jüdische ) Identität aneignen kann, oder ob da etwas ist, ein Etwas, das sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt, welches sich der Proselyt nicht aneignen kann, sondern ein Etwas, das nur über Generationen weitergegeben wird ? Ist dieses Etwas die Genealogie, die sich mythologisch bis zu den tausende Jahre alten Überlieferungen zurückführen liessen und die dem Volk Israel eine Existenz in der Weltgeschichte attestieren, die einmalig genannt werden darf ? Deine Antwort, Yoav, ist ein Nein, aber – mit einem grosses Aber.

    Interessant ist, dass Du, Yoav, auch am Beispiel der prominenten Proselyten eine Thematik aufgreifst, die Du schon einige male aufgegriffen hast und die dich offensichtlich sehr beschäftigt : Die Usurpation jüdischen Kulturguts durch Nichtjuden.

    Gruss Peter

  27. @ Michael

    Du hast geschrieben:

    „Jeder, der es wagt, eine andere als Deine Meinung zu haben, arbeitet extremistischen Arabern zu.“ – Nein, nicht jeder, sondern etwa diejenigen, die wie du genau, aber genau dieselben Behauptungen verbreiten wie die extremistischen Araber, dass die Juden eine Religion wären und nichts anderes bzw. nichts mehr.

    „Und jeder, der Deinen sehr speziellen, völkischen Ansichten nicht folgt, stellt natürlich das Existenzrecht Israels in Frage.“ – Erstens sind das nicht meine „sehr speziellen“ Ansichten, sondern das, was sowohl im jüdischen Staat als auch bei vielen Auslandsjuden ganz normal ist. Und zweitens: Nein, nicht jeder, sondern etwa diejenigen, die wie du das Selbstverständnis dieses Staates, aufgrund dessen dieser Staat überhaupt erkämpft wurde und aus dem dieser Staat seine Existenzberechtigung herausschöpft, strengstens ablehnen.

    „Und wer als Dein Diskussionspartner auch noch mit einer Muslimin verheiratet ist und sich seit Jahren für den Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen engagiert, kann nur ein naiver Gutmensch, keinesfalls aber ein ernstzunehmender Wissenschaftler sein.“ – Erstens weiß ich nicht, was dein Privatleben in dieser Diskussion zu suchen hat bzw. warum du abermals mit deiner Frau zu „argumentieren“ versuchst. Zweitens: Was du *sonst* als Wissenschaftler machst, geht mich nichts an, aber eines sage ich ganz deutlich: Deine Weigerung, die *Realität* der Juden wahrzunehmen, d.h. deine Beharrung darauf, *allen* Juden und somit auch den Millionen, die das Judentum nicht auf eine Religion reduzieren wollen, deine ganz subjektive Auffassung vom Judentum aufzuzwingen, sowie die – wie oben erklärt – nicht tragfähigen Argumente, mit denen du diesen Zwang „beweisen“ willst, sind alles andere als wissenschaftlich. Genauso wie ich oder der jüdische Nationalstaat keinem Menschen, der sich als Jude versteht, zwingt, sich zum jüdischen Volk zu bekennen, darf auch kein ernster Wissenschaftler Millionen Juden gebieten, sich so – und nur so – zu verstehen, wie er sie verstehen will.

    „So einfach ist das.“ – Nein, „so einfach“ willst du es dir anscheinend machen…

  28. @ Peter

    Ich möchte bitten, dass die Diskussion hier allgemein bleibt: Es geht hier um das Phänomen und nicht um die eine oder andere Einzelperson.

    Weiteres zu deinem letzten Kommentar kommt später.

  29. @ Michael: PS

    Ich frage mich, was du all den richtig sozialistischen Juden in den Kibbutzim (von denen es heute weit weniger gibt als früher, aber immerhin) sagen würdest, die vollkommen atheistisch sind und nichts mit einer jüdischen Religion zu tun haben wollen, aber sich trotzdem (oder aus ihrer Sicht: gerade deswegen) durchaus als Juden verstehen. Würdest du ihnen sagen, dass sie sich alle täuschen? Dass sie in einer Lüge leben, weil ein gewisser Michael Blume aus Württemberg (in seiner Kompetenz als… was genau?) beschlossen hat, dass die Juden eine Religion wären?

    Ferner frage ich mich, wie es aus deiner Sicht bewertet werden kann, dass die Juden 1948 ihrem hart erkämpften und noch zu erkämpfenden Staat den Namen ihres Volkes gegeben haben, nämlich „Israel“. Wenn die Juden, wie du ja behauptest, nur eine Religion wären, gäbe es kein jüdisches Volk namens Israel. Demzufolge wäre „Israel“ nur ein theologischer Begriff im Gedankengut mehrerer Religionen, darunter etwa der Katholizismus. Ob die Namensgebung 1948 dann nicht als eine unzulässige Usurpation dieses Begriffs zu verstehen wäre? Also als Verstoß gegen die Rechte der Katholiken, von denen wohl nicht alle damit einverstanden sind (oder sich damit abfinden können), dass es heute einen Staat namens Israel gibt, der nichts mit der Kirche, dem „verus Israel“, zu tun hat?

  30. Zum Abschluss

    Lieber Yoav,

    ob Du über jüdische Konvertiten oder Muslime herziehst oder Mitdiskutanten beschimpfst: Dir scheint sehr oft zu entgehen, dass Du Dich über Menschen äußerst, die genau das gleiche Recht auf Respekt haben wie Du. So bezeichnest Du die Weltreligion des Islam in sehr verletzender Weise als Ideologie (z.B. hier) http://www.chronologs.de/…/gesch-tzte-ideologien

    reagierst aber umgekehrt sehr empfindlich, wenn jemand Deinen völkischen Narrationen nicht folgt. Schon das Eintreten für eine Zweistaatenlösung (übrigens die offizielle Position der gesamten EU) wertest Du als Infragestellung Israels. Du spekulierst über die Motive von deutsch-jüdischen Konvertiten, willst aber lieber keine konkreten Personen benennen, schimpfst über Muslime und empörst Dich auch noch über den Hinweis (z.B. auf meine Familie), dass dies konkrete Menschen (be-)trifft, die und deren Religion solche „Urteile“ nicht verdienen.

    Okay, Dein Ding, nicht meines. Ich verabschiede mich, mit freundlichen Grüßen, aus den Diskussionen, die früher (als Du noch weniger völkisch und dafür respektvoller gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden argumentiert hast) noch durchaus Freude gemacht haben.

    Herzliche Grüße

    Dein Michael

  31. @ Michael

    Nach den bodenlosen Vorwürfen in deinem letzten Kommentar und angesichts der Tatsache, dass du keine sachliche, weil argumentative Diskussion führen willst, ist mir dieser Abschied nicht unrecht.

    Wenn du dich in deinem (ehrlich gesagt: imaginären) Opferstatus wohl fühlst, dann tu das meinetwegen weiter. Es ist in Deutschland inzwischen zu einer bewärten Taktik geworden, zu einer Art Totschlagargument. Besonders wissenschaftlich ist das aber auch wieder nicht…

  32. @ Peter

    Grundlage aller Erkenntnisse ist der Vergleich, erlaube mir also, dir folgende Frage zu stellen:

    Kann man sich eine deutsche/polnische/ungarische Identität aneignen, oder ist da etwas, ein Etwas, das sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt, welches sich der werdende Deutsche/Pole/Ungar nicht aneignen kann, sondern ein Etwas, das nur über Generationen weitergegeben wird?

    Völker sind Konstrukte; aber diese sind sehr *real*. Darum würde ich sagen: Ja, man kann sich eine deutsche/polnische/ungarische/jüdische Identität aneignen, aber wie du richtig geschrieben hast: mit einem Aber. Dieses Aber besteht in den vielen Aspekten, die man nicht einfach so „erzeugen“ kann.

    Wie würdest du diese Frage beantworten?

  33. „Kann man sich eine deutsche/polnische/ungarische Identität aneignen, oder ist da etwas, ein Etwas, das sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt, welches sich der werdende Deutsche/Pole/Ungar nicht aneignen kann, sondern ein Etwas, das nur über Generationen weitergegeben wird?“

    Ist denn ein Jude unbedingt wie ein zweiter? Sprich: so homogen, daß, wenn ein „Fremder“ von außen hereinkommt, er immer und unbedingt, und über x Generationen als fremd wahrgenommen wird? Wir sind doch untereinander dermaßen inhomogen, daß beispielsweise sich ein assimilierter säkularer Jude aus dem Land X. sich durchaus einem zum liberalen Judentum konvertierten Neujuden aus dem Land X. näher fühlen kann als zu einem der orthodoxen FFB’s, deren Ururgroßeltern aus dem gleichen Shtetl kamen wie seine eigenen. Und fühlen sich die unterschiedlichen Juden miteinander immer so heimisch? Sefarden mit Aschkenasen, Jemeniten mit Litvakim und so weiter? Ich denke, es kommt immer ganz auf den Fall an – pauschalisieren kann man auf jeden Fall nicht.

  34. @ Simbe

    Ich stimme dir grundsätzlich zu. Aber sind Deutsche nicht genauso heterogen? Der eine ist Katholik, der andere Evangelischer; der eine kommt aus Sibirien, der andere aus Südwestafrika; der eine ist Sozialist, der andere Liberalist usw. usf.

    Oder wir fragen uns:

    Ist denn ein Ungar unbedingt wie ein zweiter? Sprich: so homogen, daß, wenn ein „Fremder“ von außen hereinkommt, er immer und unbedingt, und über x Generationen als fremd wahrgenommen wird?

    Und fühlen sich die unterschiedlichen Slowaken miteinander immer so heimisch?

    Darum denke ich auch: Es kommt immer ganz auf den Fall an – pauschalisieren kann man auf jeden Fall nicht.

  35. @ Simbe

    …und dennoch gibt es einen deutschen/polnischen/slowakischen/ungarischen Nationalstaat, und keiner wirft den Deutschen/Polen/Slowaken/Ungarn vor, sie würden aufgrund der (eigentlich ja ganz normalen) Heterogenität nur eine Religion darstellen.

    Oder zielst du mit deinem „Nu?“ auf etwas ganz Anderes ab?

  36. @ Michael

    Bei mir ist heute der Verdacht entstanden, dass du möglicherweise noch nicht die palästinensische Nationalcharta kennst. Das habe ich nämlich bislang vorausgesetzt, aber wie ich mir jetzt denke, hätte ich das vielleicht nicht voraussetzen dürfen. Denn wenn du sie nicht kennst, dann ist deine Verwunderung vielleicht verständlicher.

    Ich darf dir also aus Art. 20 zitieren (s. hier: http://www.palaestina.org/…he_nationalcharta.pdf):

    „Das Judentum ist eine Religion und nicht eine unabhängige Nationalität“ – ist also dein subjektives Judenbild demjenigen der arabischen Ideologen nicht erstaunlich ähnlich?

    Darum unterstützt du – hoffentlich nicht absichtlich – mit deiner Bereitwilligkeit, solche Behauptungen zu verbreiten, just jenen Extremisten, die grundsätzlich nicht bereit sind, im kleineren, cisjordanischen Teil Palästinas einen jüdischen Staat anzuerkennen, geschweige denn seine historische Existenzberechtigung akzeptieren und im weit größeren, transjordanischen Teil Palästinas friedlich neben dem jüdischen Volk zu leben.

    Diese antisemitische Ideologie, die den Juden ihr Recht auf Selbstbestimmung abspricht, und insbesondere die Behauptung, die jüdische Nation wäre null und nichtig, ist, wie oben erklärt, die stärkste Waffe der Extremisten. Und indem sie auf diesem Unsinn beharren, gelingt es ihnen, jede Aussicht auf nachhaltigen Frieden zu verunmöglichen.

  37. Assimilation

    Yoav : „Kann man sich eine deutsche/polnische/ungarische Identität aneignen, oder ist da etwas, ein Etwas, das sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt, welches sich der werdende Deutsche/Pole/Ungar nicht aneignen kann, sondern ein Etwas, das nur über Generationen weitergegeben wird?“

    Ich würde dies einen Assimilationsprozess nennen. Es ist möglich, allerdings ist dieser Prozess mehr als ein Bekenntnis und die Auseinendersetzung mit der fremden Kultur.
    Anhand der Zweitgeneration ( der Einwanderer aus der Türkei als Beispiel ) sehen wir, dass eine Assimilation nicht zwangsläufig stattfindet oder zumindest länger länger als zwei Generationen dauern kann. Ein Konvertit kann sich beim wohl in eine Gemeinschaft integrieren, aber mit Sicherheit nicht vollständig assimilieren. Eine vollständige Assimilation würde bedeuten, dass er seine vorangegangene soziale Prägung wegwischt und durch eine neue ersetzt. Das ist nicht möglich.
    Als vollständig assimiliert würde ich eine Person bezeichnen, die sich ;

    – kulturell assimiliert hat ( Übernahme der Sitten und Bräuche, der Wertvorstellungen u.a )

    – sozial assimiliert hat ( „normaler“ sozialer Status, soziale Beziehungen vorwiegend ausserhalb der eigenen sozialen Gruppe )

    – emotional assimiliert hat ( Identifikation mit der „neuen“ Gruppe oder Gesellschaft )

    Die kulturelle Assimilation kann von einem Konvertiten ( oder Einwanderer der ersten Generation ), so scheint mir, nicht erfüllt werden.

    Gruss Peter

  38. @ Peter

    Ja, so ist es.

    Der Über- bzw. Beitritt bedeutet in seiner besten Ausprägung den Wunsch nach Assimilation in jenes Volk, das sich Israel nennt.

    Man denke in diesem Zusammenhang an das biblische Vorbild der Proselyten, nämlich an die (im obigen Beitrag schon erwähnte) Moabiterin Rut bzw. an deren Israelisch-Werdung:

    „Dein Volk ist mein Volk“ – und erst deswegen: – „dein Gott ist mein Gott“, d.h. dein(e) Kult(ur) ist mein(e) Kult(ur).

  39. „…und dennoch gibt es einen deutschen/polnischen/slowakischen/ungarischen Nationalstaat, und keiner wirft den Deutschen/Polen/Slowaken/Ungarn vor, sie würden aufgrund der (eigentlich ja ganz normalen) Heterogenität nur eine Religion darstellen.“

    Nein, ich ziele auf nichts „anderes“ ab.
    Es ist absurd, das Judentum auf Religion zu reduzieren (wie es leider unlängst Charlotte Knobloch bei der Ordination der zwei Rabbiner des Hildersheimer Seminars wieder getan hat – offensichtlich hat ihr Gemeinderabbiner bisher hier ihren Horizont nicht erweitern können). Daß es dennoch viele versuchen, Israel auf eine Religion zu reduzieren und ihnen damit das Recht, ein Volk zu sein mit einem Recht auf einen eigenen Nationalstaat, ist mir hinlänglich bekannt – in und außerhalb der Netzwelt wird darüber immer wieder diskutiert.

    Mein Nu? zielte eigentlich nur darauf ab, daß eigentlich verstanden sein müßte, daß es manchmal zwischen den Geborenen und Gewordenen große Unterschiede geben KANN, aber nicht geben muß. Und manchmal eben die Unterschiede so minimal sind, daß man sie getrost in der Diskussion um ein für oder wider unter den Tisch fallen lassen kann, weil sie nicht mehr argumentativ sind (ohnehin werde ich das Gefühl nicht los, daß es hier primär nicht um die Sache, sondern um Gefühle geht, und da läßt sich manchmal schlecht argumentieren).
    Nochmals also: der Einzelfall betrachtet muß betrachtet werden.
    Und somit eine Diskussion darüber, ob und wer sich „die Dinge“ in welchem Zeitraum manchmal aneignen kann oder nicht, recht obsolet ist.

  40. @ Simbe

    Um aber etwas zu wissen, muss man verallgemeinern. In tragfähiger, weil nachvollziehbarer Weise, aber immerhin.

    Und das Thema besteht nicht, weil Herr X oder Frau Y sich hochgearbeitet hat, sondern weil es so viele sind, d.h. weil die Proselyten in der jüdischen Prominenz so sehr überrepräsentiert sind. Nur deswegen, also nur aus der etwas entfernten Perspektive, zeigt sich das Phänomen. Dabei wird man wohl keine zwei Prominenten haben, deren Motivation, gerade als Juden aufzutreten, die gleiche wäre; aber irgendwelche allgemeinen Tendenzen – ob die oben als Vermutungen zur Diskussion gestellten oder andere – gibt es sicherlich, denn sonst hätten wir nur wenige Einzelfälle, d.h. dieses Phänomen wäre dann gar nicht zustande gekommen.

  41. Ich kenne mich nicht so aus, weil ich mich nicht in den Kreisen bewege, in denen die „Proselyten in der jüdischen Prominenz so sehr überrepräsentiert sind“, aber aus „Funk und Fernsehen“ fallen mir eigentlich nur ein Rektor und ein (nicht wenige) Studenten eines liberalen Rabbinerausbildungsinstitutes ein, ferner ein amtierender Rabbiner im norddeutschen Raum und eine amtierende konservative Rabbinerin. Das finde ich zwar innerhalb des liberalen Spektrums nicht wenig, aber gesehen auf das „Gesamtvolumen“ an Rabbinern (der ORD, von Lubavitch und Lauder) und Rabbinatsstudenten (von Lubavitch und Lauder) in der BRD nicht „überrepräsentiert“.
    Wie gesagt, ich habe vielleicht nicht den richtigen Einblick und es ist so, wie Du schreibst. Aber könnte es auch eine „gefühlte“ Überrepräsentanz“ sein?

    Die Frage stellt sich, was Du Dir mit der ganzen Diskussion erwünscht: das auf die Problematik, die Du vorstellst, aufmerksam gemacht wird, daß eventuell die, die tatsächlich damit angesprochen sind, sich Gedanken dazu machen oder/ und daß sich diese Situation ändert?

  42. @ Simbe

    Mit „jüdischer Prominenz“ meine ich nicht nur diejenigen, von denen auch Außenseiter unbedingt wissen müssten, sondern überhaupt Personen, die – nicht nur in ihrem Privatleben – das Judentum im heutigen Deutschland mitgestalten. Das können auch Kantoren sein, Religionslehrer, Zeitungsautoren usw., nicht zuletzt auch diejenigen, die im Internet schreiben. Nicht wenige von den prominenten Proselyten sind übrigens nicht liberal.

    Mir geht’s es dabei aber nicht um die von dir genannten Punkte. Ich finde das Phänomen, das mir aus anderen Ländern (vor allem westlich Deutschlands) nicht bekannt ist, an sich sehr spannend. Darum wollte ich hier ein paar Ansätze zur Diskussion stellen, die es vielleicht erklären können.

    Allerdings ist es ein von seiner Beschaffenheit her soziologisches Phänomen, sodass ich hier nur Vermutungen schildern kann, die sich aus Gesprächen mit anderen Beobachtern ergeben haben.

    Es hätte mich gefreut, wenn die Leser auch ihre eigenen Vermutungen geäußert hätten. Aber vielleicht kommt das doch noch.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben