Diasporische Existenzen

Hier gibt es einen aktuellen, sehr interessanten Artikel über den »letzten Deutschen in Odessa«. Freilich nicht ganz im Sinne des Grundgesetzes, doch wer würde es sich anmaßen, dem alten Herrn sein Deutschsein abzusprechen?

Doch auch wenn die heutige Redewendung vom »Deutschen im Sinne des Grundgesetzes« nur für den BRD-Bürger steht, kann man nicht behaupten, dass das Grundgesetz 1949 das deutsche Volk als Ergebnis der neuen Staatsentstehung sieht, was ein kurzer Blick auf seine Präambel oder etwa die alten Art. 23 und 146 ausreichend zu belegen vermag (um mal von noch größeren Widersprüchen, etwa in Gestalt des Bundesvertriebenengesetzes, zu schweigen).

Im Grunde genommen geht es hier um die wiederkehrende Wahrnehmung einer deutschen Diaspora, und zwar im authentischen, historisch gewachsenen, sozusagen jüdischen Sinne und im Gegensatz zur prinzipiell anderen Kategorie der BRD-Bürger, deren fester Wohnsitz außerhalb der BRD ist.

Besonders typisch erscheint mir im Artikel die Hervorhebung der von der Umgebung abweichenden Religion des »letzten Deutschen Odessas« sowie deren ausschlaggebend identitätsstiftender Bedeutung. Die Sprache allein tut’s noch nicht – hier ist nicht von einem Deutschsprachigen, sondern von einem Deutschen die Rede. Obwohl dieser enge Zusammenhang von Volk und Religion in der deutschen Diaspora keine Ausnahme darstellt und uns etwa auch aus Siebenbürgen bekannt ist, gibt es in Deutschland immer noch viele, die wohl aufgrund der hiesigen Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten glauben, gerade im deutschen Fall würde die Religion kaum eine Rolle spielen.

Aber nicht nur im deutschen Fall, sondern auch in Polen, Ungarn, Griechenland, Armenien hängt die Vorstellung vom eigenen Ethnos sehr eng mit einem bestimmten Bekenntnis zusammen (wobei die Moderne noch die Möglichkeit des Atheismus, jedoch nicht des Übertritts, eröffnet hat). Und ja, auch bei der Entstehung der jüdischen Nation ist das seit der Antike so gewesen. Historisch betrachtet stellt eher das Gegenteil dieses Normalfalls die Ausnahme dar, nämlich die postreligiöse Nationsbildung in multiethnischen Ländern wie den USA, Kanada, Australien etc., die sich als späte Konstrukte nicht zufälligerweise auf den erst später entdeckten Kontinenten befinden.

Des Weiteren habe ich mich bei der Lektüre des Artikels an Peter Gays »Freud, Juden und andere Deutsche« erinnert. Auch bei Gay ist die Staatsangehörigkeit kein relevantes Detail bei der Analyse des Deutschseins. Für ihn ist bzw. war auch Freud, ja eigentlich gerade Freud als Jude und Nicht-Reichsdeutscher, ein typischer Repräsentant des damaligen Deutschtums. Allerdings plädiert Gay für ein doch etwas anderes Verständnis des Deutschen, in welchem der deutsche Protestantismus ausnahmsweise keine Rolle spielt. Denn nach Gays Verständnis führt auch er selbst, der in Berlin noch als Fröhlich geboren wurde, gewissermaßen eine diasporische Existenz in den USA – und zwar nicht nur im jüdischen, sondern auch im deutschen Sinne.

Ganz wie im jüdischen Fall bedeutet die diasporische Existenz auch im Universum des Deutschen immer Diversität und Vielstimmigkeit. Jede Diaspora entwickelt nicht nur ihre eigene Art, Deutsch zu sein, sondern auch eine ihr eigentümliche Vorstellung vom Deutschen (oder gar mehrere). Dass dieses deutsche Selbstverständnis immer und überall mit einem »deutschen« Reisepass zusammenhängen müsste, wäre eine Zumutung, und sei es auch nur deswegen, weil kein anderer als Hitler es war, der die buchstäblich »deutsche« Staatsangehörigkeit erfunden hat. Doch »Deutschland« ist kein Staat, sondern wird bestenfalls von einem Staat beansprucht und leider vereinnahmt.

Nicht zuletzt zeigt uns auch der aktuelle Fall Schottlands, ungeachtet des am Donnerstag erwarteten Ergebnisses, dass die (etwa britische) Staatsangehörigkeit und die (schottische) Nationalität bzw. Volkszugehörigkeit nicht miteinander identisch sind, und zwar auch jenseits des Fußballs.

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

48 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein Deutscher in der Diaspora oder ein Deutscher in Deutschland. Was ist ein Deutscher? Sie haben ganz gewiß viel darüber geschrieben. Ich denke, als Deutscher wird man nicht geboren, sowenig, wie man als Christ oder Jude geboren wird. Alles Erziehung, man kann auch Indoktrination dazu sagen. Was sind wir sonst noch? Menschen! Gewiß, denn Götter sind wir nicht, denn die sind per definitionem unsterblich. Ansonsten Deutsche, weil sie in den Grenzen eines Siedlungsgebietes wohnen? Ausgewandert sind? Sich sonst irgendwie mit der Kultur verbunden fühlen? Ist Putin Deutscher, weil er Kant verehrt? Er mag es bezweifeln. Ist er Russe? Wahrscheinlich. Oder auch nicht. Sterblich ist er allemal, so, wie auch Merkel irgendwann verscheiden muß. Sie merken schon, ich kann mir einen Sarkasmus nicht verkneifen.

      • Eine Nation, die in die Knie gegangen ist? Ich habe das hinter mich gebracht. Nation, Deutsche, Polen, Russen, Franzosen, Amerikaner -alles Blödsinn. Was geht mich eine Herde an, die am Ende doch wieder nach einem Hirten schreit. Ich muß immer lachen, wenn ein Moderator irgendwo sagt: die Deutschen ängstigen sich, die Deutschen fragen etc. Ich ängstige mich nicht und ich stelle meine Fragen an mich selbst. Ergo, ich kann kein Deutscher sein. Ich brauche so etwas auch nicht.

          • Heikles Thema. Meine Freundin sieht es nicht gern, daß ich nicht wählen gehe. Die Demokratie sei in Gefahr -man kennt die Einwände gegen das Nichtwählen. Ich kann nicht, ich bleibe mit gewissen Bauchschmerzen zu Hause. Es widerstrebt mir -ich müßte alles verraten, woran ich glaube. Ich lehne Hirt und Herde aus tiefster Überzeugung ab, daher kann ich auch bei keinem Hirten ein Kreuzchen machen.

  2. Interessanter Blick auf die Diaspora, Yoav. Wie steht es mit der jüdischen Diaspora? Ist sie demnach der der deutschen nicht sehr ähnlich? Und verbirgt sich hinter allem nicht wiederum das Religiöse, ob jüdisch oder christlich? Ist es nicht vielmehr alles eine Frage des Religiösen, welches die Menschen durch ihr Leben hindurch begleitet, egal wo sie leben? S.H.

    • Nein, es ist nicht „alles eine Frage des Religiösen“. Das Religiöse ist ein Teil moderner Identitäten, eine oft sehr wichtige Komponente, aber eben eine Komponente, nicht „alles“.

      • Gilt gleiche Aussage auch für den Islam oder schränkst du diese durch deinen Begriff „moderne Identiät“ dahingehend ein? Stichwort „Islamischer Staat“

        S.H.

        • Der „Islamische Staat“ ISIS ist eine überspitzte Form fast jeder islamischen Staatsverfassung, ist also nicht ganz ein Novum, allenfalls in quantitativer, jedoch nicht qualitativer Hinsicht.

          Denn fast jeder andere Staat in der Region definiert sich schon seit langem kraft seiner Verfassung als „islamischer Staat“, in dem die Scharia gilt. Schau dir mal einfach die Verfassungen an, meistens ist der Paragraph zur islamischen Staatsführung gleich der erste oder zweite.

      • Eine Frage brennt mir noch auf den Socken:
        Wie ist das denn eigentlich mit der Konversion deiner Frau zum Judentum, die damit ja die „Identität“ des Judentums annimmt? Ist sie nun Jüdin oder Deutsche oder vielleicht einfach deutsche Jüdin, so wie deutscher Christ etc. ? Und bekommt sie nun jüdische Kinder? Oder sind das dann in Deutschland sozialisierte Kinder, wie meine Vorfahren, die einfach nur ihre Religion ausübten und ein bürgerliches Leben führten. Wird man zum Juden per Geburt, wenn man hier aufgewachsen ist. Ich habe immer noch das Problem, dass hier Religion/ Nation/ Herkunft und Volk in einen Sack gesteckt werden.

        Shalom

          • Und ist der Gott der Juden ein anderer, als der Gott der Christen oder auch der Muslime?
            Wenn man schon aus religiöser Sicht Konversionen betreibt, warum kann man nicht einfach so bleiben, wie man in diese Welt geboren wurde… Egal ob als Jude, Christ, Moslem, Buddhist etc. Und kann man nicht einfach nur Mensch sein und sich vom Hokuspokus der Religion verabschieden? Was sagt das Judentum dazu? Ist es nicht so, dass ein säkulares Judentum, wie heute sein Jüdischsein dahingehend verlieren und sich damit selbst auflösen würde, wäre da nicht die ethnische Komponente, sprich die Herkunftsdenke im Spiel? Fragen über Fragen… Ist das Judentum nun eine Religion oder eine Ethnie mit Wurzeln im heutigen Israel?
            Ist ein großer Teil des Jüdischseins,genauso wie das Christsein und das Muslimsein nicht doch eine religiöse Weltanschauung? Und wenn nicht eine zutiefst abzulehnende Vorstellung von „Blutsverwandtschaft“ im Nazijargon „Rasse“ genannt?

            S.H.

          • Mit Rut(h) meinst du sicherlich die Moabiterin und Proselytin und nicht deine Frau, die ja Nathalie heißt (schöner Name, schöne Frau):

            „Ruth bekannte, dass der Gott Noomis ihr Gott und das Volk Noomis auch ihr Volk sei.“

            Du beziehst dich also auf den Tanach, auf die biblische Überlieferung und nicht auf deine Frau:

            „Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Rut 1,16-17 EU)

            Shalom

            P.S.: Wobei wir wieder bei den religiösen Geschichten wären… Von Frauenemazipation war damals sicherlich noch nicht die Rede, wie aus den Zeilen zu lesen 🙂

      • Mit anderen Worten Yoav:

        Auch wenn es dir nicht passt: Du wirst doch nicht die Überlieferung der Thora, gelehrter Priester und Intellektueller, die das Volk der Juden „erfunden“ haben und damit einen Glauben an den „einen Gott der Israeliten“ konstruiert haben, damit rechtfertigen, dass alle Juden aus dem heiligen Land Israel stammen… Genau darum geht es doch. Darum geht es auch in der Debatte um die Diaspora… Wie schön, dass es sie gibt, dass es das Judentum in der Diaspora gab und gibt… Dies an einem Volkstum im ethnisch-herkunftsmäßigen Sinne festzumachen ist und war die Grundlage des Nationalismus/ Zionismus und damit auch des nationalsozialistischen Rassismus… Ist denn das Judentum was Besonderes? Da gab es schon ganz andere Völker in der Weltgeschichte… Aber keines hat solch große Aufmerksamkeit aufgrund der monotheistischen Religion erlangt + seiner Leiden, wie das Judentum…

        Geschichte ist grausam

        Shalom

  3. Deutschland ist bis dato nicht nur ein Staat, sondern (wenn die korangläubigen Muslime mit ihren relgiösen Wahn die säkulare Zivillgeselschaft nicht zunehmend zerstören) ein konsolidierter Nationalstaat.

    Und genau dieser garantiert die Renten, leider auch für jene Minderheiten, die diesen Staat – befördert durch seine Toleranz und Fremdenfreundlichkeit unterminieren, vereinnahmen und zerstören wollen.

      • Dass dieses deutsche Selbstverständnis immer und überall mit einem »deutschen« Reisepass zusammenhängen müsste, wäre eine Zumutung, und sei es auch nur deswegen, weil kein anderer als Hitler es war, der die buchstäblich »deutsche« Staatsangehörigkeit erfunden hat.

        Echt jetzt, Herr Sapir, Hitler hat I.E. die ‚ „deutsche“ Staatsangehörigkeit erfunden ‚ ?

        Tut es Deutschland oder die „Bundesrepublik Deutschland“?

        Der Nationalstaat BRD?

        MFG
        Dr. W

        • Ja, echt. Siehe Antwort an Stephan Happ. Dass die Urheber der zentralen, gleichgeschalteten Staatsangehörigkeit nicht zufälligerweise die Nazis waren, wird seitdem gerne verschwiegen. Denn gerade das war der Hintergrund der Auseinandersetzung mit bzw. gegen Bayern 1949 („Deutschland braucht nicht mehr zu entstehen, Deutschland ist!“), nachdem Bayern mittels eines eigenen Staatsangehörigkeitsgesetzes in den prä-hitlerischen Staatenbund zurückkehren wollte.

          • @ Herr Sapir :

            Ja, echt. Siehe Antwort an Stephan Happ. Dass die Urheber der zentralen, gleichgeschalteten Staatsangehörigkeit nicht zufälligerweise die Nazis waren, wird seitdem gerne verschwiegen.

            Ja, Herr Sapir, da liegen wohl unterschiedliche Kenntnisstände vor [1], Sie dürfen natürlich gerne substanziell werden; was Sie nicht erwarten müssen, ist ein Eingehen auf Aussagen Ihrerseits, die gegenüber jener Person erfolgt sind.

            MFG
            Dr. W

            [1] generell Staatsangehörigkeiten betreffend womöglich auch

  4. Zitat: „Dass dieses deutsche Selbstverständnis immer und überall mit einem »deutschen« Reisepass zusammenhängen müsste, wäre eine Zumutung, und sei es auch nur deswegen, weil kein anderer als Hitler es war, der die buchstäblich »deutsche« Staatsangehörigkeit erfunden hat. Doch »Deutschland« ist kein Staat, sondern wird bestenfalls von einem Staat beansprucht und leider vereinnahmt.“

    Dass Hitler die deutsche Staatsangehörigkeit (Deutsches Reich/ Weimar) erfunden hat wäre mir neu. Hitler hat das Staatsangehörigkeitsrecht an der Rasse des Deutschtums festgemacht, der Blaupause zum Judentum und anderer nicht sog. Blutsdeutscher, die Geburt des nationalisitschen Volkstums!!

    siehe: http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/viewArticle/471/510

    In welcher Zeit lebst du eigentlich?

    Shalom

    • Doch doch. War auch hier im Blog mehrmals Thema. Hitler musste 1934 die deutschen Staaten abschaffen, um 1935 die Juden zentral ausbürgern zu können. Das nannte man Gleichschaltung. Denn bis dahin war das Reich ein Staatenbund (und nicht wie heute ein Bundesstaat). Es gab also keine deutsche, sondern nur die preußische, bayrische etc. Staatsangehörigkeit.

      • 1. Es gab bereits seit 1913 neben den Staatsangehörigkeiten der deutschen Bundesstaaten auch eine unmittelbare Reichsangehörigkeit:

        http://www.documentarchiv.de/ksr/1913/reichs-staatsangehoerigkeitsgesetz.html

        Mit dieser Norm disponiert der Zentralstaat bereits über die Staatsangehörigkeiten der Bundesstaaten. Warum Hitler das nicht abenfalls hätte tun können, ist mir nicht klar.

        2. Dass die Bundesstaaten „abgeschafft“ werden mussten, um „die Juden zentral auszubürgern zu können“, ist nicht zu erkennen. Ich würde die Notwendigkeit bestreiten. Die „Ausbürgerung“ der Juden sollte mittels Elfter Verordnung zum Reichsbürgergesetz

        http://www.verfassungen.de/de/de33-45/reichsbuerger35-v11.htm

        bewirkt werden. Warum § 1 der Verordnung nicht als „Ein Jude, der seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland hat, kann nicht die Staatsangehörigkeit eines deutschen Bundesstaates oder die unmittelbare Reichangehörigkeit besitzen.“ hätte formuliert werden können, ist mir nicht einsichtig.

        3. Wenn ich mir das jetzt richtig ergegoogelt habe, hat Hitler neben die Staatsangehörigkeit den neuen Begriff der Reichsbürgerschaft gesetzt:

        http://de.wikisource.org/wiki/Reichsb%C3%BCrgergesetz

        Danach blieb die Staatsangehörigkeit nach dem RStAG unberührt. (§ 1 Abs. 2 RBG „Die Staatsangehörigkeit wird nach den Vorschriften des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes erworben.“) Interessanter als das RGB sind allerdings die dazu erlassenen Verordnungen:

        http://de.wikipedia.org/wiki/Reichsb%C3%BCrgergesetz

        • Über Hitlers Beweggründe kann man streiten, aber gerade was die „deutsche“ Staatsangehörigkeit angeht, ist doch klar, dass es auch nach 1913 noch keine einheitliche gab. Im Gegenteil, denn auch das „Reichsstaatsangehörigkeitsgesetz“ bestätigt die unabhängige Kompetenz der Bundesstaaten, die bis 1934 fortbestand. Somit war das damalige Deutschland eher eine „Deutsche Union“ gleichsam die heutige „Europäische Union“. Über diese Vorwegnahme der EU habe ich schon mal in diesem „Grundtext“ geschrieben: http://scilogs.spektrum.de/un-zugehoerig/deutschland/

          • 1. Ich habe nirgendwo über Hitlers Beweggründe gestritten. Wo haben Sie das gelesen?

            2. Ich bin Ihrer Behauptung entgegengetreten – so habe ich Sie jedenfalls verstanden –, dass Hitler zunächst eine deutsche Staatsangehörigkeit einführen musste (Ihre Wortwahl!) um sie anschließend den (im Ausland sich aufhaltenden!, meine Ergänzung) Juden zu entziehen. Mich stört die Behauptung einer Notwendigkeit. Er musste aber gar nicht. Er hätte auch jedem preußischen Juden die preußische Staatsangehörigkeit entziehen können, das wäre eine reine Formulierungsfrage gewesen.

            Ihrer Beobachtung, dass er zunächst die Hoheitsrechte der Länder im Rahmen des Gesetzes über den Neuaufbau des Reichs [1] auf das Reich übertragen hat, ist richtig. Und auch richtig ist, dass es jedenfalls formal keine Deutsche Staatsangehörigkeit gab. Diese Einführung der deutschen Staatsangehörigkeit war aber keine „Bedingung der Möglichkeit“, um den Juden ihre deutsche(n) Staatsangehörigkeit(en) zu entziehen.

            [1] http://www.verfassungen.de/de/de33-45/neuaufbau34.htm

          • Diese Einführung der deutschen Staatsangehörigkeit war aber keine „Bedingung der Möglichkeit“, um den Juden ihre deutsche(n) Staatsangehörigkeit(en) zu entziehen.

            Genau das habe ich mit „über Beweggründe streiten“ gemeint. Rein rechtlich – damit kenne ich mich nicht aus – wäre es wohl auch ohne die Aufhebung der Bundesstaaten möglich gewesen wäre, die Juden 1935 auszubürgern und in bloße „Angehörige“ zu verwandeln, doch dann eben mehrfach, also in jedem Bundesstaat für sich, und nicht so feierlich und zentral wie es tatsächlich gemacht wurde, nämlich auf dem Reichsparteitag in Nürnberg. Denn das Bürgerrecht war nur deswegen eine reine „Reichssache“ geworden, weil es seit 1934 eben keine Bürger der einzelnen Staaten mehr gab. Im Übrigen verloren auch inländische Juden ihre Bürgerrechte, nicht nur die im Ausland befindlichen.

            Damit will ich natürlich nicht sagen, dass es der einzige Beweggrund dafür war – die Vorteile einer Umwandlung des Staatenbundes in einen zentralisierten, „gleichgeschalteten“ Staat gingen für Hitler zweifelsohne sehr weit über diese „Bequemlichkeit“ in Nürnberg hinaus.

          • Genau das habe ich mit „über Beweggründe streiten“ gemeint.

            Nein. Wir streiten nicht über Beweggründe! Unter einem Beweggrund verstehe ich einen dem handelnden Subjekt bekannten Umstand (Tatsache), ohne dessen Kenntnis die in Frage stehende Handlung nicht vorgenommen wird.

            Was ist hier die Handlung und was der bekannte Umstand?

            Die Handlung ist die Entrechtung der Juden und Hitlers Beweggrund ist eine angenommene umfassende „Volksunverträglichkeit“ [1] zwischen Juden und Deutschen, die zugunsten der Deutschen aufzulösen sei.

            Denn das Bürgerrecht war nur deswegen eine reine „Reichssache“ geworden, weil es seit 1934 eben keine Bürger der einzelnen Staaten mehr gab. Im Übrigen verloren auch inländische Juden ihre Bürgerrechte, nicht nur die im Ausland befindlichen.

            Was ist den jetzt „das Bürgerrecht“? Es gab die Staatsangehörigkeit und später die Reichsbürgerschaft. Das sind zunächst einmal nur staatlicherseits erfolgende Zuschreibungen (also keine biologischen Eigenschaften), an die der staat Rechtsfolgen knüpft.

            In der Tat haben die Juden bereits vor der Neugliederung des Reiches bestimmte Rechte verloren. Siehe hier:

            http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Wiederherstellung_des_Berufsbeamtentums

            zu der Zeit bestanden noch die Staatsangehörigkeiten der Länder. Es geht also anscheinend auch ohne.

            [1] 2 Treffer bei google, von denen ich keinen gelesen habe.

          • Sie verwechseln hier verschiedene Sachverhalte. Ausgebürgert wurden die Juden erst 1935 in Nürnberg und zwar zentral, was ohne die Reform von 1934 so nicht möglich gewesen wäre. Diese Reform war die „Handlung“, ein wahrscheinlicher Beweggrund hierfür die wohl sehr bewusste Absicht, den jüdischen Staatsbürgern im In- und Ausland eben diese Bürgerschaft abzusprechen.

          • Ausbürgerung und Staatszugehörigkeit, wie Yoav richtig anmerkt sind hier auch klar zu unterscheiden. Die Juden des deutschen Reiches wurden ja nicht staatenlos, ihnen wurden die Bürgerrechte und insb. die Ausübung staatstragender Berufe (Beamte, Lehrer etc.) entzogen. Meinem Urgroßvater in Berlin ging es damals ähnlich. Ab 1941 musste er dann den Judenstern tragen.

            Eine interessante Zusammenstellung des Themas Staatsangehörigkeit des Dritten Reiches gibt es hier: http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/viewArticle/471/510

            Den Link habe ich glaube ich schon an anderer stelle gepostet.

            S.H.

          • Sie verwechseln hier verschiedene Sachverhalte.

            Welche und wo?

            Ausgebürgert wurden die Juden erst 1935 in Nürnberg

            Das kann ich nicht nachvollziehen. Sie wurden 1935 nicht ausgebürgert:

            http://de.wikipedia.org/wiki/Ausb%C3%BCrgerung#Zeit_des_Nationalsozialismus

            Zitat „Das „Dritte Reich“ machte umfassenden Gebrauch von der Ausbürgerung, […] insgesamt wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 39.006 Personen ausgebürgert“. Diese meinen Sie mit Ausbürgerung der Juden nicht (es gab ja mehr als 40.000 Juden). Weiter: „Mit den Nürnberger Gesetzen behielten Juden zwar noch ihre deutsche Staatsangehörigkeit, waren faktisch aber keine gleichberechtigten Staatsbürger mehr.“ Auch nicht gleichberechtigte Staatsbürger sind noch Staatsbürger. Und weiter: „Nach dem 25. November 1941 verloren Juden ihre Staatsbürgerschaft, wenn sie die deutsche Reichsgrenze überschritten.“ Das deckt sich mit meinem Eindruck.

            und zwar zentral, was ohne die Reform von 1934 so nicht möglich gewesen wäre.

            Es ist sinnlos, sich über vermeintliche Notwendigkeiten einer Sache zu unterhalten, die nicht stattgefunden hat.

          • „Auch nicht gleichberechtigte Staatsbürger sind noch Staatsbürger.“

            Eben nicht. Ihre neue Rechtsstellung entsprach de facto meiner heutigen. Eigentlich noch schlimmer.

          • Brumlik [1] schreibt was man aber auch selbst in der Verordnung nachlesen kann:

            Für die wirtschaftliche Beraubung der Juden spielte die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 eine entscheidende Rolle. Nach dieser verloren alle Juden, die ihren gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland hatten oder zukünftig im Ausland nahmen, mit dem Grenzübertritt die deutsche Staatsangehörigkeit.

            Das würde keinen Sinn ergeben, wenn sie der Staatsangehörigkeit schon 1935 verlustig gegangen wären, weil man nur verlieren kann, was man noch besitzt.

            [1] Micha Brumlik: Gesetzliches Unrecht: rassistisches Recht im 20. Jahrhundert, Campus Verlag, 2005, S. 99

          • Um Himmels willen… Diese „Staatsangehörigkeit“ ohne Bürgerrechte war nichts anderes als die heutige Duldung. Noch genauer: eine „Fiktionsbescheinigung“, wie es heutzutage heißt.

            Und die besagte Verordnung hatte keinen anderen Sinn als die Einbeziehung des Vermögens infolge der Deportation „rechtlich“ zu ermöglichen.

        • Jeder meldeamtlich eingetragene Wohnsitz – wenn Sie so wollen: Die Stadt-Angehörigkeit – hat mehr praktische Relevanz (etwa bei der Zweitwohnungssteuer) als das tote Institut der Bayerischen Staatsangehörigkeit.

          Bei der Staatsangehörigkeit geht m.E. im Kern um die Frage, welche Personen ein Staat im eigenen Namen in den Krieg schicken darf. Und da Bayern kein außenpolitisch souveränes Subjekt ist, erübrigt sich eine ernsthafte Diskussion.

          • Man darf aber nicht vergessen, dass es 1946 bei der Verabschiedung bzw. Wiederherstellung des Bayerischen Staatsangehörigkeitsgesetzes ganz anders aussah. Wer hätte damals gewusst bzw. wissen können, dass gerade in diesem Punkt das hitlersche Erbe nicht überwunden werden sollte?

          • Nun wollen wir nicht so tun, als ob eine fremde Besatzungsmacht für die bayrische Nation spricht wie die bayrische Nationalversammlung (damals eben noch kein „Landtag“!).

          • Also was Bayern betrifft muss ich Yoav nun mal Recht geben.
            Die Bayern waren schon immer ein eigenes Volk….
            Als ehemaliger Beamter (Lehrer) in Bayern kann ich da ein Lied von singen. Auch wenn die bayerische Staatsbürgerschaft heute keine praktische Bedeutung mehr hat. Interessant ist auch die Präambel des Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes:

            „Die Schülerinnen und Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinn der Völkerversöhnung zu erziehen.“

            Hervorzuheben ist hier der Passus: „in der Liebe zur bayerischen Heimat….“

            Als mir das im Seminar unter die Augen kam, neben all den anderen Paragraphen des BayEUG, musste ich erst mal schmunzeln und ich habe mich gefragt, bei jeglicher konservativen Ader, die mich durchzieht…warum sollte ich meine Schüler aus allen Herren Ländern „in der Liebe zu Bayern erziehen?“… Seit wann macht sich Erziehung an Landesgrenzen fest!
            Wobei man wiederum konstatieren muss: Ein gewisser Lokalpatriotismus schadet auch nicht…. Man steckt ständig im Dilemma zwischen Tradition und Moderne…… in diesem Sinne…

            S.H.

  5. Deutschland heißt ja heute zurecht Bundesrepublik Deutschland (also Bundesländer deutscher Sprache mit unterschiedlicher Kultur) wenn du darauf hinauswillst. An dem Wort Deutschland bzw. BRD würde ich mich nicht stoßen. Wir sprechen alle die gleiche Sprache und noch dazu viele wunderbare Dialekte…

    Kennst Du das Land, wo keiner lacht,
    wo man aus Weizen Spätzle macht,
    wo jeder zweite Fritzle heißt,
    wo man noch über Balken scheißt,
    wo jede Bank ein Bänkle ist,
    und jeder Zug ein Zügle,
    wo man den Zwiebelkuchen frisst,
    und Moscht sauft aus dem Krügle,
    wo „daube Sau“, „Leck mich am Arsch“,
    in keinem Satz darf fehlen,
    wo sich die Menschen pausenlos
    mit ihrer Arbeit quälen,
    wo jeder auf sein Häusle spart,
    hat er auch nichts zu kauen,
    und wenn er vierzig, fünfzig ist,
    dann fängt er an zu bauen.
    Doch wenn er endlich fertig ist,
    schnappt ihm das Arschloch zu!
    O Schwabenland, gelobtes Land,
    wie wunderbar bist du!

    In diesem Sinne, meine jüdischen Vorfahren aus Ostpommern, die die überlebt haben sind nach dem Krieg in Baden-Württemberg gelandet, im Schwabenländle

    Grüßle S.H.

    Vom schönen jiddischen Dialekt will ich gar nicht sprechen, den hat meine Großmutter noch ein bisschen draufgehabt…..

    • „Wir sprechen alle die gleiche Sprache und noch dazu viele wunderbare Dialekte…“ – Selbst wenn, darum geht es doch gar nicht, sondern umgekehrt: dass nicht nur „wir“ diese Sprache sprechen. Was will denn die schottische Freiheitsbewegung? Kein Abfall von der englischen Sprache, sondern eben das, was Österreich schon hat – die Unabhängigkeit.

  6. Zur Judenfrage in der Diaspora, Karl Marx 1843!: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm

    Der letzte Deutsche in Odessa? Herkunft? Europa? Karl Marx Israel? Wo kommen die Leute nur alle her? Die ganzen Aschkenasim? Wo kommen die Sepahrden her, die Misrachim, die Falaschen, die Bergjuden.. ja wo kommt denn die verdammte Menschheit überhaupt her? Und was ist denn die Grundlage dieser Herkunft? Spielt denn da nicht die Religion eine ganz entscheidenden Rolle? Das war meine provokative Frage.. „Nein es ist nicht ALLES eine Frage des Religiösen“ aber zu einem großen Teil ist es eben sehr wohl eine Frage des Religiösen…

    Shalom

  7. „Hitler musste 1934 die deutschen Staaten abschaffen, um 1935 die Juden zentral ausbürgern zu können. Das nannte man Gleichschaltung.“

    Du formulierst vielleicht etwas zu knapp, Soav, das kann zu Missverständnissen führen. Die Gleichschaltung umfasste nicht nur die Schaffung eines Zentralstaates, sondern erstreckte sich auf alle gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bereiche, weil ein totalitärer Staat geschaffen werden sollte. Ein Zentralstaat an sich ist ja noch nicht „nationalsozialistisch“.

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