Deutschlands inneres und äußeres Spiegelbild

Oft habe ich hier aus jüdischer oder aus österreichischer Perspektive das Deutsche beleuchtet, doch kaum habe ich über das Jüdische und das Österreichische zugleich gesprochen. Dies möchte ich nun nachholen: Was sollen diese beiden Bezugspunkte?

»Jeder wissenschaftlichen Erkenntnis liegt der Vergleich zugrunde«, habe ich von meinem Mentor Moshe Zimmermann gelernt. Bedeutung entsteht nur in der Relation. Will ich das Deutsche verstehen, so muss es in Vergleiche ziehen. Je tragfähiger, mannigfaltiger, tiefer der Vergleich bzw. das Verhältnis, umso aufschlussreicher die Erkenntnisse. Es sollte folglich ein archimedischer Stützpunkt gefunden werden, der eine reichhaltige Parallele bilden könnte; der sich in vieler Hinsicht ähnlich und verwandt zeigt, doch auch eindeutig anders, keineswegs deckungsgleich ist. Kurzum: Der beste Vergleich ist mit dem, das so weit wie nötig, aber so nah wie möglich ist.

Allerdings kann man sowohl deduktiv als auch induktiv vergleichen und analysieren. Ich brauchte also nicht nur eines, sondern zwei Spiegelbilder, um das Deutsche sowohl von außen als auch von innen zu beleuchten.

 
Ein äußeres Spiegelbild: das Jüdische

Die äußere Perspektive, der äußere Stützpunkt bedeutet eine andere Größe ähnlicher Art. Dass ich mich fürs Jüdische entschieden habe, ist in meinem Fall nicht besonders verwunderlich. Es spricht aber auch sehr viel Objektives dafür, denn zwischen dem Deutschen und dem Jüdischen sind tragfähige, aufschlussreiche Vergleiche (was nicht mit Gleichsetzung zu verwechseln ist) reichlich möglich. Diese verschiedenen Aspekte bzw. Streiflichter – sei es im Hinblick auf die Sprache, die Geschichte, die Staatlichkeit, die Diaspora, die Geographie, die Volkszugehörigkeit, die Kultur, die Literatur etc. – habe ich hier in den letzten Jahren erläutert und noch ist natürlich nicht alles gesagt worden.

Aufgrund all dieser Affinitäten nenne ich das Deutsche und das Jüdische, hier wie anderwärts, »theoretische Geschwister«: Keine Zwillinge, doch eng verwandt. Unterschiede und Ähnlichkeiten fördern sich gegenseitig zutage, sind gleichermaßen wertvoll und lehrreich.

Denn was ist schon das Deutsche? Und andersrum: Was ist das Jüdische? Wenn wir vom Jüdischen sprechen, so haben wir es mit einem Sammelbegriff zu tun, der sich wiederum aus vielen anderen zusammensetzt (etwa die Geographie, Nation, Gesellschaft, Identität, Staat, Wirtschaft, Religion, Literatur u. v. a.). Je nachdem, wie wir solche Aspekte betrachten bzw. aus welcher Perspektive wir sie beleuchten, zeigen sie sich auch mit anderen Worten: Land, Volk, Staat, Kultur. Solches und anderes haben zur Entwicklung des Jüdischen – wie auch des Deutschen – beigetragen.

Letzten Endes geht es hier also um historisch Gewachsenes. Alles historisch Gewachsene ist flexibel, aber nicht willkürlich; facettenreich, aber nicht gesichtslos; heterogen, aber nicht beliebig. Inwiefern „flexibel“, inwiefern „nicht beliebig“? Das zeigt uns der Vergleich mit dem Spiegelbild des Jüdischen. Wir vergleichen also einen Tiger mit einem Löwen: Der Löwe ist anders genug als der Tiger, damit Vergleiche möglich sind; er ist dem Tiger aber auch ähnlich genug, damit Vergleiche sinnvoll sind.

 
Österreichisches: das innere Spiegelbild

Die innere Perspektive bzw. deren archimedischer Stützpunkt deutet auf eine Analyse durch Induktion. Wie im jüdischen Fall ist das Österreichische nicht die einzige Möglichkeit für einen solchen Vergleich, aber eine sehr solide Wahl. Es kann die aktuelle Problematik der einstaatlichen Nationalisierung des Deutschen sehr gut veranschaulichen, weil es im Gegensatz etwa zu Bayern ein ungefähr so eigenständiges Land ist wie die Schweiz, aber im Gegensatz zur Schweiz ein ebenso deutsches Land ist wie Bayern. Diese Zwischenstellung zwischen dem staatlichen Mittelpunkt Deutschlands (der BRD) und und dessen Alternativen (wie die Schweiz, Siebenbürgen, Südtirol, Belgien etc.) ist auch anderweitig für Österreich kennzeichnend, z. B. im Hinblick auf die Sprache, die neben dem bundesrepublikanischen Konstrukt die zweitwichtigste Variante der deutschen Hochdeutsche darstellt. Darum taugt gerade das heutige Österreich, in mehrerer Hinsicht zugleich als Lackmuspapier für das Deutsche schlechthin zu dienen.

Ich möchte sogar behaupten, dass man die Problematik von Sein und Schein im heutigen Deutschlandbegriff nicht wirklich nachvollziehen kann, ohne sich mit dem Österreichischen auseinander zu setzen (und in diesem Zusammenhang möchte ich auf das wichtige Werk von Gerald Stourzh hinweisen, mit dem ich mich zu meiner Wiener Studienzeit traf und von dem ich dankenswerterweise seinen »Österreichbegriff« geschenkt bekam).

Jede Regel, auch und gerade eine fingierte Regel, ein Konstrukt wie »Deutschland« – sei es mein Deutschland oder jenes, das in der gegenwärtigen Öffentlichkeit propagiert wird – bedarf einer Ausnahme, die sie auf die Probe stellt. Je näher die Ausnahme zur Regel, umso lehrreicher wird der Bezug. Darum sollte es schon eine nächstliegende Ausnahme: So weit wie nötig, um eine Ausnahme darzustellen, und dennoch so nah wie möglich, um aufschlussreich zu sein. Im vorliegenden Fall besteht diese Ausnahme, wie ich in mehreren Texten gezeigt habe, vornehmlich in und durch Österreich. Die praktischen Grenzen der theoretischen Regel bzw. des heutzutage gängigen Konstrukts manifestieren sich sehr prägnant am Beispiel von Österreich und bekunden sich nicht nur in der Geschichte, sondern ebenso gut auch in der zeitgenössischen Popkultur (man denke etwa an Konsumprodukte wie »Unsere Besten«, »Wetten, dass?«, »Tatort«). Darum ist dieses Ostalpenland zum Verständnis des Deutschen so wichtig.

Dieses Österreichische kann man chronologisch in zwei Epochen aufteilen, die für ein jeweils anderes Österreich und eine ganz andere Relation stehen: Die wichtigste Zäsur ist in dieser Hinsicht nicht Auschwitz, auch nicht die Machtergreifung, sondern Königgrätz. Das war die eigentliche Wasserscheide in der „Spur Österreichs“ (um mit K. D. Erdmann zu sprechen) – und zwar kulturell, ideologisch, politisch und sprachlich. Meiner subjektiven Empfindung nach war dies der Augenblick, in dem der brave Soldat Schwejk dem Hauptmann von Köpenick unterlag. Hierin mündete das lange Ringen zwischen dem preußischen und dem österreichischen Geist, dem Yin und Yang des Deutschen. Wahrscheinlich liegt in Königgrätz 1866 der Beginn des falsches Weges, des Sonderweges des Deutschen, vielleicht sogar der Keim des Bösen, das die Länder diesseits und jenseits der Zugspitze 72 Jahre später wieder zusammenführen wird.

Beim Österreichischen haben wir es also, um das oben verwendete Bild fortzusetzen, mit einem besonderen Tiger zu tun, sagen wir mal: mit einem sibirischen Tiger. Für den Tiger schlechthin ist die sibirische Variante nicht repräsentativ – doch gerade die inneren Unterschiede wie auch die inneren Ähnlichkeiten ermöglichen ein tieferes Verständnis des Ganzen.

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bevor es kein Feedback gibt:

    »Jeder wissenschaftlichen Erkenntnis liegt der Vergleich zugrunde«, habe ich von meinem Mentor Moshe Zimmermann gelernt.

    Es sei denn eine Theorie liefert ein Faktum. – BTW, war das jetzt schon Feuilleton oder noch Wissenschaft?
    MFG
    Dr. W

      • Dürfen Moshe Zimmermann, der zählebige Uri Avneri & die Arendt nunmehr auch I.E. als primär feuilletonistische Kräfte gelten, die jahrzehntelang vom bundesdeutschen Staatsfunk als israelkritische oder „israelkritische“ Kräfte herangeholt worden sind?

        • Ob sie israelkritisch oder „israelkritisch“ sind, spielt keine Rolle. Prinzipiell sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaften im engeren Sinne. Es gibt keine Experimente, die mit demselben Ergebnis wiederholt werden könnten, sondern nur Perspektiven, Deutung, Subjektivität. Darum heißen die Geisteswissenschaften auf Englisch eben „arts“ oder „humanities“.

          • Ludwig Trepl

            Ludwig Trepl, @ Yoav Sapir, @ Paul Stefan.

            „Prinzipiell sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaften im engeren Sinne. Es gibt keine Experimente, die mit demselben Ergebnis wiederholt werden könnten, sondern nur Perspektiven, Deutung, Subjektivität. Darum heißen die Geisteswissenschaften auf Englisch eben „arts“ oder „humanities“.“ (Yoav Sapir)

            Dem hat sich eine lange und interessante Diskussion zwischen Yoav Sapir und Paul Stefan angeschlossen über die Wissenschaftlichkeit der Geschichtswissenschaften, wobei Paul Stefan m. E. in einer zu defensiven, die Naturwissenschaften eben doch als „eigentliche“ Wissenschaften anerkennenden Weise „Wissenschaftlichkeit“ vor allem an den „sicheren Tatsachen“ festmacht, an die sich doch auch Historiker halten müssen. Das wirkt vor dem Hintergrund der Diskussionen um die Hermeneutik im 20. Jahrhundert etwas antiquiert. – Aber in dem Zitat von Yoav Sapir steckt ein Fehler, den man nicht einfach durchgehen lassen sollte:

            Die heutige kulturelle Dominanz der englischsprachigen Welt ist kein Argument in der Sache. Wenn man auf deutsch schreibt, die Geisteswissenschaften seien keine Wissenschaften im engeren Sinne, dann kann man das nicht damit rechtfertigen, daß sie im Englischen nicht so heißen (weil dort nur etwas so heißt, das wiederholbare Experimente kennt). Sehen wir uns besser die Bedeutungen in der Sprache an, in der das Zitat geschrieben ist, das ist aufschlußreich: Als eine „Wissenschaft im engeren Sinne“ gilt da das, was dem im Englischen science genannten entspricht, erst etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts oder etwas früher. Vorher galten die Naturwissenschaften eher nicht als Wissenschaften, weil sie ja selbst nicht in der Lage sind, ihr Wissen als Wissen zu legitimieren. Das ist vielmehr Aufgabe der erkenntnistheoretischen Reflexion, also der Philosophie, und Naturwissenschaften konnten nur als ein Moment der Philosophie als „Wissenschaften im engeren Sinne“ gelten. Für die historischen Wissenschaften galt das allerdings genauso – es galt für alle empirischen Wissenschaften, also für das, was man später Natur- und Geisteswissenschaften nannte, insgesamt.

            Die angloamerikanische Tradition ist eine andere. Durch den Nominalismus und den nachfolgenden Empirismus wurde das naturwissenschaftliche Wissen erst radikal abgewertet („untere Wahrheit“ im Unterschied zur prinzipiell unzugänglichen oberen, göttlichen), dann aber, weil anderes Wissen als das „positive“ als ohnehin nicht möglich galt (anders als für den Rationalismus auf dem europäischen Kontinent), zum allein möglichen Wissen aufgewertet. Warum damit den historischen Wissenschaften, die doch auch zu den „positiven“ Wissenschaften gehören, der Name „Wissenschaft“ aberkannt wurde, verstehe ich allerdings nicht.

  2. „Prinzipiell sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaften im engeren Sinne. Es gibt keine Experimente, die mit demselben Ergebnis wiederholt werden könnten, sondern nur Perspektiven, Deutung, Subjektivität.“

    Da muss ich deutlich widersprechen. Historische Fakten sind nicht subjektiv, auch wenn wir natürlich Probleme haben, festzustellen, was im Einzelfall das historische Faktum ist. Egal, wie man auf die Quellen schaut, die Fakten können sich nicht nachträglich ändern, das Wissen um sie, die Sicht, die Deutung natürlich schon.
    Die Deutung eines historischen Prozesses ist durch diese Faktenlage bestimmt, die Leugnung des Judenmordes z.B. ist unwissenschaftlich und unhistorisch und es steht nicht zu erwarten, dass sich diese Situation durch „neueste Erkenntnisse“ ändern wird.

    • 1. Was du mit rohen „Fakten“meinst, denen noch keinen Sinn gegeben wird, ist nicht Geschichte, sondern Chronik.

      2. Auch in der Chronik ist es überhaupt nicht klar, wie „objektiv“ sie ist bzw. was wirklich ein Faktum „ist“ oder nur so wahrgenommen wird, sich aber zeitlich, geographisch, kulturell etc. ändern kann. Man denke etwa an die „Entdeckung“ „Amerikas“ im Jahre „1492“. Ist das ein Faktum? Nur wenn man von bestimmten Prämissen ausgeht, die wiederum ganz subjektiver Natur sind. Mehr dazu hier: http://scilogs.spektrum.de/un-zugehoerig/was-hei-t-eigentlich-geschichte-eine-betrachtung-am-beispiel-der-demokratie-im-kaiserreich/

      3. Was du als „Judenmord“ bezeichnest, ist gar nicht so eindeutig. Waren alle Ermordeten Juden? Inwiefern waren sie Juden? Wurden sie, auf der faktischen Ebene, umgebracht oder tatsächlich alle ermordet? Gibt es so etwas wie unpersönliches Morden? War es ein Völkermord? Sind die Juden ein Volk? Inwiefern? usw. usf.

      4. Auch „historische Fakten“ können sich ändern. Neue Quellen tauchen auf etc. Die Geschichte des 2. Juni 1967 in Berlin muss seit 2009 z. B. neu geschrieben werden.

  3. Ich muss deine Beispiele nicht widerlegen, denn sie treffen nicht den Kern, was ich meine.

    Das Wort „Geschichte“ hatte ich im ersten Beitrag erstmal weggelassen. Es gab zweifellos „Ereignisse“, auch vor der Erfindung der Geschichtsschreibung durch Herodot. Die alten Ägypter hatten keine Geschichtsvorstellung (vielleicht erst Manetho), aus den Chroniken erfährt man außer den üblichen Ritualen fast nichts. Trotzdem sind die Ägyptologen fähig, eine (grobe) Geschichte des altägyptischen Staates zu schreiben.
    Historische Fakten können sich nicht nachträglich ändern, ebenso wenig wie sich physikalische Fakten sich nachträglich ändern können. Was sich ändert, ist unser Wissen darüber, eine bislang unbekannte Tatsache wird bekannt und damit ändert sich zum Teil oder gänzlich auch die Interpretation der Geschichte.
    Meines Erachtens rührt die Verwirrung etwas von einer postmodernen Beliebigkeit und vielleicht auch von einer begrifflichen Unschärfe her. Man sollte einfach deutlich zwischen Geschichte und Geschichtsschreibung unterscheiden, zwischen dem Objekt des Historikers (Geschichte) und der Beschreibung und Deutung (Geschichtsschreibung). Beschreibung und Deutung hängen natürlich miteinander zusammen, bedingen sich unter Umständen mehr oder weniger, sind aber nicht dasselbe. Völlige Objektivität ist in der Geschichtsschreibung nicht erreichbar, aber das Zusammentragen und Bewerten der Fakten, das Erschließen und Erforschen von Quellen etc. folgt wissenschaftlichen Kriterien. Schließlich wurde uns die Vergangenheit nicht nur in Worten, sondern auch in materiellen Quellen überliefert.
    Die „Wahrheit“ bleibt uns dabei natürlich immer verborgen, aber das ist in den Naturwissenschaften auch nicht anders.

    Yoaf Sapir:
    „Denn in historischer Hinsicht ist nur das geschehen, was für den Zurückblickenden von Bedeutung ist, und das Geschehene ist dann so geschehen, wie der Zurückblickende es deutet.“

    Was physikalisch geschehen ist (z.B. Töten), ist geschehen, auch wenn es spätere Erinnerung/Deutung/Leugnung/Propaganda nicht wahrhaben will.

    • Meines Erachtens rührt die Verwirrung etwas von einer postmodernen Beliebigkeit und vielleicht auch von einer begrifflichen Unschärfe her.

      Ja, richtig, aber diese Verwirrung würde ich eher bei dir vermuten als bei mir 🙂

      Du unterscheidest nämlich nicht zwischen Vergangenheit und Geschichte. Letztere ist der Blick auf die Vergangenheit, die Erzählung davon, und somit immer subjektiv.

      zwischen dem Objekt des Historikers (Geschichte) und der Beschreibung und Deutung (Geschichtsschreibung).

      Wenn du mit „Objekt“ das Betrachtete meinst, dann ist Geschichte niemals das Objekt des Historikers, sondern das Produkt seiner Arbeit. Geschichtsschreibung ist die Produktion von Geschichte(n). Der Historiker X legt eine Geschichte von Y vor.

      Die Geschichtsschreibung erfolgt immer in der Gegenwart, darum ist ihr Ergebnis – eine Geschichte (etwa eine Geschichte Deutschlands im 19. Jh. etc.) – ebenfalls in der Gegenwart verankert. Es ist der Blick aus der Gegenwart auf eine Vergangenheit.

      Was physikalisch geschehen ist (z.B. Töten), ist geschehen, auch wenn es spätere Erinnerung/Deutung/Leugnung/Propaganda nicht wahrhaben will.

      Richtig, aber das ist nicht Geschichte, sondern Vergangenheit. Im Jahre 1922 sind so und so viele Menschen durch andere getötet worden. Die meisten Fälle sind nicht Geschichte, weil sie noch keinem Historiker als bedeutungsvoll genug erschienen sind, um darüber zu schreiben. Der Tod Walther Rathenaus am 24. Juni desselben Jahres ist jedoch Geschichte, weil es von zahlreichen Historikern zur Geschichte gemacht (und dabei, freilich zu Recht, als Mord gedeutet) wurde.

      Ein „historisches“ Ereignis ist nicht identisch mit einem gewesenen Ereignis. Nicht jedes gewesene Ereignis ist ein historisches. Und auch wenn es im Idealfall so wäre, dass jedes historische Ereignis auch unbedingt ein gewesenes wäre, ist es wohl nur oft, jedoch nicht immer der Fall. In der Geschichtsschreibung der Julii spielte z. B. die Abstammung von Venus eine wichtige Rolle; wir dürfen jedoch annehmen, dass diese Historie nicht tatsächlich gewesen ist. Auch der oben erwähnte Fall Kurras ist ein Beispiel dafür: Das historische Ereignis des Mordes an Benno Ohnesorg durch die Westberliner Polizei ist Teil der (linken) Geschichte(n) des 2. Juni 1967, obwohl Kurras nicht erst seit 2009, sondern schon 1967 ein Stasi-Agent war. Wir haben hier also mit einer Geschichte zu tun, die nicht auf Fakten beruht.

  4. Die Geschichtsschreibung der Historiker soll auf Fakten beruhen. Er darf nicht, wie es Historiker einmal gemacht haben, Herrscherdynastien auf Götter zurückführen. Seine Deutung der Vergangenheit, seine Geschichtsschreibung muss mit den Fakten vereinbar und plausibel sein. Es geht um die Rekonstruktion der Vergangenheit, gewissermaßen um Kriminalistik. Welche Fälle „interessant“ sind, ist natürlich eine subjektive Entscheidung, die Bearbeitung des Falles muss aber Regeln und Methoden folgen, die sich in der Erfahrung bewährt haben, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Der subjektive Anteil sollte in einer historischen Arbeit immer so deutlich (transparent) wie möglich sein.
    Deswegen kann ich noch immer nicht nachvollziehen, warum Geisteswissenschaften (für die „Geschichte“ nur ein Beispiel ist) keine Wissenschaft im engeren Sinne sein soll. Den Naturwissenschaftlern mag das schmeicheln. Der englische Sprachgebrauch kann aber wohl kein Beweis sein.
    Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied: was die unvermeidliche Subjektivität bei den Geisteswissenschaften ist, ist der Fehlerbalken bei den Naturwissenschaften. Beide müssen so gut wie möglich minimiert werden.

    Ich finde es etwas riskant, in der Öffentlichkeit davon zu sprechen, dass Geisteswissenschaften keine Wissenschaften im engeren Sinne seien. Dann fragt sich nämlich die Öffentlichkeit, warum der Staat dann noch Lehrstühle für sie finanzieren soll, wenn das Feuilleton dafür doch ausreiche.

    • 1. Du beschreibst hier den Idealfall, den man heutzutage nicht mehr für so realistisch hält (will sagen: man strebt es an, und dennoch weiß man, dass es nicht 100-prozentig geht; irgendwelche Prämissen, Konventionen sind immer dabei). Es scheint, dass du deinen Geschichtsbegriff bei Ranke entlehnt hast. Wenn du an einem (im positiven Sinne des Wortes) naiven Geschichtsbegriff des 19. Jh. hängen willst, kannst du es ja gerne machen. Aber wir sind ja inzwischen im 21. Jahrhundert und wissen, dass es keine „objektive Wiedergabe“ von dem gibt, was „eigentlich gewesen“ sei. Soviel zum Thema Geschichte, denn deine anderen Punkte gehen ja schon darüber hinaus.

      2. Was Wissenschaft ist und was nicht, ist eine große Frage, die freilich über den Rahmen dieses Blogs hinausgeht und außerdem schon öfter bei den Scilogs aufgegriffen worden ist. Und dennoch haben die Naturwissenschaften den Vorteil, dass sie nicht kulturabhängig sind – dasselbe Experiment sollte sowohl in China als auch in den USA mit derselben statistischen Wahrscheinlichkeit zu denselben Ergebnissen führen (es sei denn natürlich, die Rahmenbedingungen sind anders). In den Geisteswissenschaften ist das aber nicht der Fall; dass zwei Forscher zur selben Deutung kommen, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch irgendwie widersinnig. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Wissenschaftlichkeit jeweils eine ganz andere ist; es gelten also andere Wissenschaftsbegriffe. Vielleicht wäre es also besser, bei den Humanities eher von Weisheit oder so was zu sprechen.

      3. Die Finanzierung durch den Staat ist wiederum eine andere Frage. Dass es heute so gemacht wird, ist auf jeden Fall die Ausnahme bzw. eine recht späte Entwicklung – es kann auch anders sein, weil es ja schon mal anders war. Ob der Staat nun genauso viel in Literaturwissenschaften wie in die Medizin investieren sollte, erscheint mir persönlich wie eine ziemlich rhetorische Frage, aber ich nehme an, es werden auch jetzt schon vernünftig Prioritäten gesetzt.

  5. Ich habe nicht behauptet, dass es eine „objektive Wiedergabe“ gibt. Meine These ist, dass sie nicht so subjektiv ist, dass man nicht mehr von Wissenschaft reden kann. Du überzeichnest hier meine Position.
    Die Wissenschaftlichkeit ist in GW. und NW eine sicher andere, aber gemeinsam ist immer noch eine gewisse Logik und Vernunft in der Anwendung der Methoden und die Ergebnisse sind m.E. nicht immer zum Verzweifeln disparat.

    „Weisheit“ klingt schon mal besser als „Feuilleton“.

    „Wenn du an einem (im positiven Sinne des Wortes) naiven Geschichtsbegriff des 19. Jh. hängen willst, kannst du es ja gerne machen. Aber wir sind ja inzwischen im 21. Jahrhundert …“

    Du glaubst jetzt an methodischen Fortschritt, obwohl Geisteswissenschaften keine Wissenschaft sind? Oder ist der Geschichtsbegriff, den hier vertrittst, gleichwertig wie der naive Geschichtsbegriff des 19. Jahrhundert?

    • Natürlich ist es gleichwertig. Es ist ja eine Frage der Perspektive. Der Fortschritt besteht in der Erschließung neuer Perspektiven. Aber die neuen sind nicht unbedingt wahrer als die alten, denn es gibt ja kein Experiment bzw. Verfahren, um einen subjektiven Wahrheitsgehalt zu messen… Insofern hast du deinen Begriff und ich meinen, beides ist nachvollziehbar und ich sehe keinen Grund, es nicht dabei zu belassen.

  6. Pingback: Warum Deutschland? › un/zugehörig › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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