Deutschland und ich

Man will, dass ich hier endlich wieder schreibe.

In der Tat liegt in meiner elektronischen Schublade viel Unfertiges. Doch irgendwie kann ich das schwere Gefühl nicht loswerden, alles Wesentliche schon gesagt zu haben und mein hiesiges Süppchen nur noch versalzen zu können.

Aber vielleicht ist das, wie Martin Huhn, unser lieber IT-Spezialist, meint, nur eine Phase. Dann gibt es für die Zwischenzeit eine Kleinigkeit: ein Gedicht, das irgendwie das Flüchtige nennt, das kein wissenschaftlicher Sprachgebrauch zu artikulieren weiß; kurze Zeilen, die freilich nicht alle Leser verkraften können, aber zumindest meine Freunde für sehr gut halten, für eine gewisse Quintessenz meiner Beziehung zu Deutschland, zum materiellen und zum geistigen, zum männlich-geographischen sowie zum weiblich-persönlichen (obgleich die weibliche Person im Gedicht keine Deusche ist), zum wohlwollend-profanen wie auch zum böswillig-heiligen Deutschland; eine Hassliebe, eine verführerische Falle, ein geneologischer Nachbeben unseres historischen Verhängnisses, dem ich nicht zu entkommen vermag.

Nun also: So trübsinnig, zersetzend und krankhaft sie auch sein mag – ich bitte mal einfach um Verständnis für meine…

 

Sehnsucht

Wir sollten mal wieder in die bayrischen Alpen
In ein kleines Dorf, wo die Mädchen im Dirndl laufen
Ich läs‘ dir Auszüge aus deiner Dissertation vor
Goebbels-Passagen mit Pathos

Und du würdest mich, wie damals
Deutsch grüßen und alles so geil finden

Dann täten wir so
Als könnten ausgerechnet wir beide
Mit verschneiten Gipfeln im Blick
Neue Arier zeugen

Und du hättest Alpenorgasmen
Wie damals

 

 

 

Und eine kleine Nachbemerkung:

Es hat Jahre gedauert und klingt zudem furchbar klischeehaft, aber an der Zugspitze fühlte ich mich Deutschland so nah wie nie zuvor. Die vom Mittelrheinland wie auch immer entfernten, nichtsdestoweniger nibelungischen Bächlein kamen mir wie ein deutscher Jordan vor, der Berg wie ein pulsierendes Herz, das aus metahistorischer Ferne, dem innerdeutschen Versteck zwischen Bayern und Österreich, Einheimische und Fremde zugleich ihrem letztendlich wahrhaft deutschen Schicksal zuführt.

Mir, einem kleinen Ergebnis des deutschesten aller Kriege, wurde an diesem magischen Ort eine mystisch-numinose Erfahrung zuteil, mit der ich seinerzeit nicht gerechnet hatte und die ich bis heute nicht ganz verstehe, die aber in mir eine Spur hinterließ, als hätte mich die Geschichte wissentlich dorthin gebracht, wo die Vergangenheit und die Gegenwart, Tote und Lebende, Opfer und Täter, das irdische und das himmlische Deutschland in einer Art historischer Offenbarungsorgie aufeinander treffen, in einer wagnerschen Symphonie aufgehen, ja sich in einen hegelschen Weltgeist verwandeln.

Die Suche indes – nach dem eigenen Deutschland, nach dem verlorenen Geschick – dauert wohl zeitlebens, desgleichen die damit einhergehende Seelentherapie, zu der eigentlich auch sämtliche Beiträge in diesem Blog gehören.

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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