Das deutsche Wort

Welchen Wert besitzt das Wort im Deutschen? Die Skizze einer Empfindung.

Letzte Woche ist in der Berliner Zeitung ein Kurzportrait von mir erschienen (anlässlich des 9. Nov. haben sie sieben mehr oder weniger „prominente“ Berliner Juden porträtiert wie Stefan Kramer, Margot Friedlander usw.). Obwohl dem netten Journalisten kaum zwei Spalten zur Verfügung standen, zog sich unser Gespräch doch in die Länge. So kam dann ein rätselhaft anmutender Satz ins Blatt, den ich hier gerne ausführen möchte:

Berliner Zeitung 9.11.2013

„Das Wort ist hier Realität…“

Gemeint ist damit die Macht des Wortes im Deutschen.  So viele andere Sprachen kann ich freilich nicht, dass ich einen soliden Vergleich ziehen könnte, und dennoch scheint mir kein Wort so mächtig wie das deutsche. Sogar in der gesprochenen Sprache hat das Wort im Deutschen oft die Stellung, die in anderen Sprachen eher dem Geschriebenen beibehalten ist.  Man denke etwa an das englische „I love you“,  das sogar geschrieben nicht sooo schwer wiegt wie ein gesprochenes „ich liebe dich“.  Das deutsche Wort ist eben zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.

Vielleicht liegt es daran, dass das Deutsche dem Wort als Ursprung und Anfang mehr Respekt erweist als andere Sprachen, womit wir bei Goethe bzw. Luther wären.  Sonstwo steht eine Realität im Mittelpunkt, an die das Wort sich allenfalls zu nähern versucht, ohne den kühnen Anspruch zu erheben, mit dieser identisch zu sein. Im Deutschen hingegen bestimmt das Wort das Bewusstsein, also der Begriff. Die Vorstellung vom Ding ist wichtiger, entscheidender, als das Ding an sich. Der Signifikant dient als Maßstab und Ausgangspunkt, nicht das Signifikat.

 

„… und wenn die nicht passt, wird sie passend gemacht“

Im Falle einer Diskrepanz zwischen beidem, gilt es (…auch das, übrigens, eine äußerst deutsche Ausdrucksweise) in den meisten Kulturen, dünkt mich, die Sprache zu verbessern bzw. anzupassen. Im Deutschen aber hat das Wort den Vorrang. Das Wort weist den Weg, dem die Dinge zu folgen haben. Es erscheint mir nicht ganz abwegig zu vermuten, dass, nebst anderem, auch dieses Charakteristikum des Deutschen einen Beitrag zur „Endlösung der Judenfrage“ geleistet hat.  Schließlich ist ja die Bürokratie, wodurch sich die spezifisch deutsche Art des Mordens ausgezeichnet hat, nichts anderes als das Heer im Dienste des thronenden Wortes.

Was mich in diesem Zusammenhang betrifft, so war ich schon immer ein Mensch des Wortes. Auf dem Schulhof habe ich mich nicht mit Fäusten, sondern mit Worten verteidigt (was ich meinem künftigen Sohn nicht unbedingt empfehlen würde). Mich interessiert nicht die Natur, sondern die „Natur“, auch nicht die Technologie, sondern die „Technologie“ – kurzum nicht das Ding an sich, sondern unsere Vorstellung davon in Gestalt des Wortes. Vielleicht war es also – auch abgesehen von der Geschichte – kein Zufall, dass das Leben mich ins Deutsche geführt hat.

 

PS. Die Bemerkung, die der Journalist am Anfang zitiert, dass Berlin für mich „nicht deutsch genug“ ist, bezieht sich auf diese Gedanken über Berlin als deutschsprachige, wenn auch nicht so deutsche Stadt.

 


In eigener Sache: Jewish Heritage Tours in Berlin


Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ihr Kommentatorenfreund kann vielleicht nicht sofort umfänglich folgen, abär die Realität meint die Sachlichkeit, sie ist aus Sicht des Konstruktivisten (der kein Relativist sein muss) anthropogen.

    Realitäten, wirtschaftliche, wissenschaftliche & politische, werden im Diskurs festgestellt. – Schade ist dabei oft, dass die Wortbedeutung oft nicht mehr ernst genommen wird, dass die Sprachlichkeit leidet.
    Man tut zudem oft so als ob die Welt zweifelsfrei erkannt wäre und der Träger einer anderen Meinung unwürdig sei.

    MFG
    Dr. W

  2. Sorry, aber das ist einfach alles ein ziemlicher Unsinn, den Sie hier zusammen schreiben. Ich sage das mal ohne weitere Begründung – dafür haben Sie ja in Ihrem Beitrag auch keine Zeit. Gruselig. Vielleicht noch mal in Ruhe drüber nachdenken.

  3. „Das Wort ist hier Realität…“ – wie überall!!!

    „Am Anfang war das Wort“ – und wenn Mensch reif ist für die eindeutige Wahrheit, dann …

    So ist es gekommen, daß Metaphern der Bibel und die ziemlich eindeutige Wahrheit des Christus, für die konfusionierende Realität der hierarchieschen UNWAHRHEIT kompatibel gemacht wurden – eine „individualbewußte“ Welt- und „Werteordnung“ in gebildeter Suppenkaspermentalität auf stets systemrationaler Sündenbocksuche, für die dümmliche Symptomatik im nun „freiheitlichen“ Wettbewerb um …!? 😉

    • Sie wissen es sicherlich, aber allgemein adressiert:
      Die Wirklichkeit, also das was auf die Einzelnen wirkt, basiert auf Ideen von Meister Eckart; spielt begrifflich keine Rolle, zumindest international nicht.
      Es lohnt sich nicht sich zu fragen was wirklich ist.

      • Was ist das denn für ein Quatsch, Webbaer? Natürlich lohnt es sich nach dem Sein zu fragen – wenngleich nicht in einem naturwissenschaftlichen Sinne; aber Naturwissenschaft setzt Existenz notwendig voraus. Meister Eckart verdanken wir das deutsche Wort (wercelicheit), die Sache selbst geht aber auf Thomas von Aquin, dann Albertus Magnus und schließlich Aristoteles zurück.

        • Sie verwechseln womöglich Wirklichkeit, also das was auf die Individuen zu wirken scheint, im Sinne des diesbezüglich entwickelt habenden Meister Eckart, mit dem Sein, wie es ist, wie die Welt das Individuum behandelt und wie dieses reflektiert.
          Die Wirklichkeit im Sinne Meister Eckarts ist letztlich eine antiweltliche Schicht-Einfuhr, die international keine Beachtung gefunden hat, eine „Zuviel-Schicht“.

          Verweisen Sie gerne gegenteilig.

          MFG
          Dr. W (der’s hier aber nicht vertiefen wird, klar, Ihre publizistische Web-Einheit nagt hier wohl ein wenig, nichts für ungut…)

          • Nur das deutsche Wort „wereclicheit“ kommt von Eckart. Er übersetzt damit einen Begriff bei Thomas von Aquin (actualitas). Eckart, als Neuplatoniker, hat den Aristoteliker Thomas aber nicht verstanden. Zur Etymologie des Begriffs habe ich in meinem gleichnamigen Blog einiges geschrieben. Das Interessante ist gerade, dass er nicht dualistisch gegen die Welt in Stellung gebracht werden kann.

  4. Ich hätte da jetzt doch mal eine Frage: was ist eigentlich mit den Nichtjuden-feindlichen Kommentaren in der Tora?! (oder war es Talmud..) Bibel und Koran werden zu recht öffentlich inhaltlich zerrissen, die jüdischen Schriften nicht. Schon klar warum ,aber trotzdem nicht richtig.

    Welche Rolle spielen diese „Textstellen“ heute noch, oder sind sie aus dem Zusammenhang gerissen, oder gefälscht etc? habe per google eine Sammlung gefunden (ich habe tatsächlich Hemmungen, die hier reinzukopieren….! ). Also hier bitteschön, ist alles nicht so nett:

    „Die Güter der Nichtjuden gleichen der Wüste, sie sind ein herrenloses Gut und jeder, der zuerst von ihnen Besitz nimmt, erwirbt sie.“ (Baba bathra 54b)

    „Dem Juden ist es erlaubt zum Nichtjuden zu gehen, diesen zu täuschen und mit ihm Handel zu treiben, ihn zu hintergehen und sein Geld zu nehmen. Denn das Vermögen des Nichtjuden ist als Gemeineigentum anzusehen und es gehört dem ersten [Juden], der es sich sichern kann.“ (Baba kamma 113a)

    „Wenn sich ein Nichtjude mit der Thora befaßt, so verdient er den Tod.“ (Synhedrin 59a)

    „Die Wohnung eines Nichtjuden wird nicht als Wohnung betrachtet.“ (Erubin 75a)

    „Den besten der Gojim sollst du töten.“ (Kiduschin 40b)

    „Weshalb sind die Nichtjuden schmutzig? Weil sie am Berge Sinai nicht gestanden haben.
    Als nämlich die Schlange der Chava beiwohnte, impfte sie ihr einen Schmutz ein; bei den Jisraéliten, die am Berge Sinai gestanden haben, verlor sich der Schmutz, bei den Nichtjuden aber verlor er sich nicht.“ (Aboda zara 22b)

    Sobald der Messias kommt, sind alle [Nichtjuden] Sklaven der Jisraéliten. (Erubin 43b)

    „Wer die Scharen der Gojim sieht, spreche: Beschämt ist eure Mutter, zu Schande die euch geboren hat.“ (Berakhoth 58a)

    „Wer die Gräber der Gojim sieht, spreche: Beschämt ist eure Mutter, zu Schande die euch geboren hat.“ (Berakhoth, 58b)

    „Eher gib einem Jisraéliten umsonst als einem Nichtjuden auf Wucher.“ (Baba mezia 71a)

    „Ihr aber seid meine Schafe, die Schafe meiner Weide, Menschen seid ihr, ihr heißt Menschen, nicht aber heißen die weltlichen Völker Menschen, sondern Vieh.“ (Baba mezia 114b)

    „Der Samen der Nichtjuden ist Viehsamen.“ (Jabmuth 94b)

    „Der Beischlaf der Nichtjuden ist wie Beischlaf der Viecher.“ (Aboda zara 22b)

    als Nichtjüdischer Internetteilnehmer sage ich: wtf?!

    • Du schreibst: „Bibel und Koran werden zu recht öffentlich inhaltlich zerrissen, die jüdischen Schriften nicht.“

      1. Was ist denn die Bibel wenn nicht eine Sammlung jüdischer Schriften?

      2. Was hat das mit dem obigen Thema zu tun?

      • zu 1. Ja, und da liegt der Fehler des „Christentums“, und somit der Fehler der westlichen Welt- und „Werteordnung“. Denn aus dem Fakt, daß Jesus als Jude im Grunde nur die Juden (das „auserwählte Volk“) zur Besinnung auf die Entwicklung von Vernunft durch die jüdischen Schriften bekehren wollte, hätte das „Christentum“, aus dieser lehrreichen Geschichte eine ganz andere Vernunft des Glaubens gestalten sollen, anstatt die heuchlerische Sündenbockfunktion, für einen weiteren Fortbestand der bewußtseinsschwachen Hierarchie von materialistischer „Absicherung“, zum nun „freiheitlichen“ Wettbewerb „säkularisierend“ wie konfusionierend auszuformulieren!

        zu 2. Es geht doch immer um DAS Wort / die eindeutige Wahrheit!?

        „Also wollen wir, allgemein gesprochen, dass sie eben das bleiben, was sie sind.“

        Und das läuft doch auch HERVORRAGEND „ohne“ Gewalt, jedenfalls solange diese Welt- und „Werteordnung“ …!? 😉

  5. 1. stimmt
    2. nichts, hätte es evtl in den älteren thread posten sollen

    Habe lange gezögert, das überhaupt zu schreiben, weil es ja in die Richtung geht, „den Juden zu unterstellen, sie seien selber am Antisemitismus schuld“ – was der Beweis für eigenen Antisemitismus ist. Naja. Antworten würden mich trotzdem interessieren.

    Beim Islam sind sich alle einig, das es schädlich ist, wenn Jugendliche in der Moschee lernen, das „die Ungläubigen“ dies und das seien. Findet ähnliches in der Synagoge auch statt? Schafft die jüdische Lehre eine Distanz zur übrigen Gesellschaft? (naja, das haben Religionen wohl so an sich..)

    Ich hab so meine Zweifel, was den Wert von Religionen überhaupt angeht.. Das Judentum scheint noch den Vorteil zu haben, das es so sinnlos komplizierte Gesetzestexte enthält – wer sich da durchfiddelt betreibt zumindest Gehirnjogging. Ob aber ein darüber hinaus gehender Erkenntniswert darin verborgen ist, glaub ich nicht.

    [Ich kam über eine Diskussion aus einem US-blog wieder auf das Thema. Die Leute dort regen sich auf, das die amerikanischen Juden praktisch durch die Bank „liberals“ sind, also immer für mehr Einwanderung, für schärferes Waffenrecht, etc votieren — obwohl eben diese politische Agenda gerade aus jüdische Sicht völlig irrational ist, und es völlig unverständlich bleibt, warum sie sich so positionieren. Und es wurde die Frage gestellt, ob da irgend was an der jüdischen Lehre ist, was die Leute so ein wenig gaga macht (es fielen andere Ausdrücke).]

    (Nein, ich weiß nicht, ob eine Diskussion hierüber irgend etwas verbessert, oder im Gegenteil, Ressentiments schürt…)

    • Ich kann mich nicht auf eine lange Diskussion einlassen, zumal das Thema hier schon mal diskutiert wurde (s. in den Kommentaren zu den Texten in der Kategorie Islam). Es läuft immer darauf hinaus, dass es auch im Judentum Ansichten gibt, die die anderen für, sagen wir mal, minderwertig halten. Aber:

      1. Geht es meistens nicht um den Glauben, sondern um die Volkszugehörigkeit; also werden keine Ansprüche an die anderen gestellt, dass sie übertreten sollten etc. Vielmehr werden die anderen eben so akzeptiert wie sie sind. Im Islam und im Christentum sollen die „Ungläubigen“ zum „richten“ Glauben kommen – im Judentum ist das unerwünscht, dass all diese „Gojim“ zu uns kommen würden… Also wollen wir, allgemein gesprochen, dass sie eben das bleiben, was sie sind.

      2. Weil wir die anderen eben nicht ändern wollen, gibt es auch dann, wenn die Gojim ganz schlimm herabgesetzt werden, keine Ausrufe zu Gewalt. Im Gegensatz zu den Moscheen lernen jüdische Kinder niemals, dass sie andere Nationen, also Nichtjuden (im Ggs. zu „Ungläubigen“), verfolgen sollten etc. Im schlimmsten Fall geht es darum, dass man die anderen meiden sollte – das ist ja alles andere als Gewalt.

    • Ich kam über eine Diskussion aus einem US-blog wieder auf das Thema. Die Leute dort regen sich auf, das die amerikanischen Juden praktisch durch die Bank „liberals“ sind, also immer für mehr Einwanderung, für schärferes Waffenrecht, etc votieren (…)

      Am besten gleich das betreffende WebLog klar benennen.

      ‚Liberals‘ ist übrigens in den Staaten der Code für politisch links Stehende, Liberale nennen sich dort bemerkenswerterweise libertär. [1]

      Die Zustimmung unter amerikanischen Juden war bei Obamas erster Wahl größer als 70%, bei der zweiten Wahl größer als 60%. Dass dem so ist, hängt anzunehmenderweise damit zusammen, dass viele amerikanische Juden areligiös sind. Hier ist auch ein Unterschied zu den Moslems, die sich zwar auch als Volk verstehen, deshalb auch die ständigen Rassismus-Vorhalte, wenn der Islam als nicht gut befunden wird, aber aus bekannten Gründen keine areligiösen Moslems kennen.

      MFG
      Dr. W

    • „(Nein, ich weiß nicht, ob eine Diskussion hierüber irgend etwas verbessert, oder im Gegenteil, Ressentiments schürt…)“

      Es wird wohl eher Ressentiments schüren, obwohl diese „liberals“ auch wie bei uns sind – das leicht manipulierbare „Gutmenschentum“ der zeitgeistlichen „Aufklärung“, welches auch weiterhin in Symptomatik von „Wer soll das bezahlen?“ und „Arbeit macht frei“ systemrational funktionieren wird, mit „Demokratie“ durch Kreuzchen auf dem Blankoscheck, stumpfsinnigen Forderungen, blödsinnigen Demonstrationen, wahnsinnigen Mahnungen, usw., immer an die Adresse der parlamentarischen wie institutionellen „Treuhänder“, der Hierarchie von und zu materialistischer „Absicherung“.

      Erst wenn auch diese nicht mehr nur „links“ stehen, in GEBILDETER Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche, sondern keine Kompromisse mehr machen wollen, weil sie Visionen und scheinbare Utopien von EINDEUTIGER Wahrheit OHNE … umsetzen wollen, wird die Globalisierung menschenwürdig und „gott“gefällig „verbessert“ / absolut besser!!! 🙂

  6. „Im schlimmsten Fall geht es darum, dass man die anderen meiden sollte – das ist ja alles andere als Gewalt.“

    Ausser, daß es verbale Gewalt von allen denkbaren …losigkeiten ist, denn die anderen meiden, das ist in dieser globalisierenden Welt des ausschließlichen Geschäftssinnes wohl kaum etwas anderes als …!?

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