Ansprache in Tübingen zum 9. November

Letzten Sonntag, am 9. November 2008, ist anlässlich des 70. Jahrestages der Reichskristallnacht 1938 erstmals der Gedenktag »Erinnerung und Umkehr« der Evangelischen Landeskirche in Württemberg begangen worden. In diesem Zusammenhang bin ich zum Gedenkgottesdienst in die Tübinger Martinskirche eingeladen worden, wo ich folgende Ansprache halten durfte.

 

Inklusives, weil zukunftsorientiertes Gedenken:

Über die gemeinsame Suche nach dem Sinn und Zweck des Holocaust 

 

In Deutschland wird heute vielerorts der Reichskristallnacht 1938 gedacht, die eine wichtige Zäsur auf dem Weg in die Tiefe des Bösen darstellt. Bald, nämlich am 27. Januar, wird hier auch der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, an dem die Lager in Auschwitz 1945 befreit wurden und der eine Zäsur auf dem Weg aus dem Bösen heraus bildet. Zu gleicher Zeit, d.h. zwischen den beiden Gedenktagen des Jahres 2008, stehen im jüdischen Kalender des Jahres 5769 jene Wochenabschnitte, die uns vom Weg in die Versklavung in Ägypten, aber auch von der Erlösung aus diesem Schicksal erzählen.

Dieser Zusammenhang lädt uns zum Vergleich ein: Was dachten sich die Kinder Israels bei der Verfolgung, als die Ägypter sie versklavten und deren Söhne, wie uns die Bibel mitzuteilen weiß, ermordeten? »Und sie schrien«, erzählt uns die Bibel (Ex. 2:23) und deutet an, dass sie sich fragten, was sie denn getan hätten, aufgrund dessen sie jetzt so sehr bestraft werden müssten. So könnte man auch heute noch fragen, worauf denn Gott damals noch wartete, warum er solch ein Schicksal überhaupt zuließ.

An dieser Stelle erhebt sich jedoch eine schwierige Frage: Hat Gott wirklich alles zu vertreten, was auf Erden geschieht? Oder hat der Mensch, etwa die ägyptischen Täter zur damaligen Zeit, die freie Wahl zwischen Gut und Böse?

Inwiefern der Mensch sich wirklich frei für das eine Vorhaben und gegen das andere entscheiden kann, wird heutzutage nicht nur von Theologen und Philosophen, sondern nunmehr auch von Hirnforschern untersucht. Außer Zweifel steht jedoch, dass im Ermessen des Menschen noch längst nicht die Entscheidung darüber liegt, ob die Verwirklichung seiner Absicht ihm auch gelingen würde, d.h. ob er sein womöglich frei gewähltes Vorhaben erfolgreich durchführen dürfte.

Dass Einzelpersonen für ihre jeweiligen Absichten verantwortlich sind, erklärt mithin noch nicht, warum es bei der Versklavung in Ägypten und anderen Katastrophen so vielen Tätern gelungen ist, ihre bösen Absichten während so langer Zeit mit so großem Erfolg in die Tat umzusetzen. So betrachtet kann man Gott also nicht ganz freisprechen. Will sagen: Aus solchen Sachverhalten lässt sich Gott nicht so einfach »hinaustreiben«. Ganz im Gegenteil: Man muss Gott seine eigene Schöpfung zumuten, und zwar samt allem, was dazugehört, das Gute wie auch das Böse.

Vor diesem Hintergrund fordert uns die Geschichte von der Versklavung in Ägypten umso mehr heraus: Warum ließ es Gott überhaupt zu?

Diese Schwierigkeit wird noch verstärkt, wenn wir bei der Lektüre der Bibel erfahren, dass es gerade Gott war, der das Herz des Pharao immer und immer wieder verhärtete und verstockte (Ex. 7:3, 10:1, 10:20, 10:27, 14:4, 14:8 u. v. a.) und somit mittels des Pharao die Verfolgung seines eigenen Volkes verschlimmerte. Diese ganze Katastrophe war laut der Bibel mithin eine rein göttliche Produktion! Aber was soll denn die Sünde des Volkes gewesen sein, die eine solche Katastrophe erklären könnte?

Manche meinen freilich, dass es Begebenheiten gibt, die sich einfach nicht erklären lassen, so etwa der Holocaust, dessen wir heute gedenken. Muss man also für die Verfolgung in Ägypten unbedingt eine Erklärung finden?

In der Tat können wir im Pentateuch keine Sünde finden, für die Gott die Kinder Israels bestraft hätte, geschweige denn eine so schlimme Sünde, um damit die Verfolgung in Ägypten erklären zu können.

Nichtsdestoweniger sind wir in der Lage, dieses Rätsel zu lösen.

Dazu müssen wir mehrere Jahrhunderte, bis in die Zeit des ersten Erzvaters Abraham zurückgehen. Im Wochenabschnitt »Lech Lecha«, der am gestrigen Tag weltweit in den jüdischen Bethäusern vorgelesen worden ist, wird uns von Abrahams – der damals noch Awram hieß – erstem Bundesschluss mit Gott erzählt (Genesis 15). Dabei verspricht ihm Gott unter anderem, dass seine Nachkommenschaft im Exil wird leben müssen und dort verfolgt und versklavt werden wird. Wichtig ist in unserem Zusammenhang nicht nur, dass jene Katastrophe von Gott vorherbestimmt, sondern vor allem auch, dass sie vom Initiator selbst auf keine Ursache zurückgeführt wurde! Im Gegenteil, denn Gott verspricht an jener Stelle ferner, dass die Opfer dieser Verfolgung später »mit großer Habe« aus der Sklaverei ausziehen werden. Der Sinn der Katastrophe ist folglich nicht in deren Vergangenheit, sondern in deren damaliger Zukunft zu suchen.

Tatsächlich lesen wir dann in den Wochenabschnitten »Wa’era« und »Bo«, die heuer zufälligerweise – oder auch nicht – unmittelbar vor und nach dem 27. Januar gelesen werden und somit diesen Gedenktag umrahmen, dass Gott den Pharao immer wieder dazu bringt, die Gräuel der Verfolgung fortzusetzen und sogar zu verstärken. Dies tut Gott jedoch nicht wegen einer Ursache, sondern zu einem Zweck – und zwar um sein Volk mit vielen »Zeichen und Wundern« (Ex. 7:3) aus Ägypten herauszuführen.

Mit diesem mythologischen Musterbeispiel will uns die Bibel lehren, dass der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte von einem gläubigen Blickpunkt aus nicht in der Vergangenheit, sondern vielmehr in der Zukunft der jeweiligen Begebenheit liegt.

Kehren wir nun zum heutigen Gedenkanlass zurück: Warum hat es also den Holocaust gegeben? Diese Frage teilt sich, wie wir nun wissen, in zwei: »Weshalb?« und »Wozu?«, d.h. in Ursachen einerseits und Zwecke andererseits. Um die Ursachen bemüht sich noch die Geschichtswissenschaft, die schon sehr interessante Interpretationsversuche anbieten kann. Nach dem bzw. den Zwecken dieser jüngeren Katastrophe muss jedoch jeder von uns selbst suchen.

Womöglich ist es noch zu früh, Antworten zu geben, weil wir noch nicht genügend Abstand haben und selbst das Schicksal des wieder auferstandenen Jerusalem, also die Zukunft des modernen Staates Israel, eines der wichtigsten Ergebnisse der europäischen Katastrophe, nicht mehr so sicher erscheint wie früher. Vielleicht werden erst künftige Generationen beurteilen können, welche der vielen Vermutungen bezüglich des Sinn und Zwecks des Holocaust in Anbetracht der Entfaltung der Geschichte sinnvoll erscheinen.

Nichtsdestoweniger obliegt es uns, unseren Nachkommen Deutungsmöglichkeiten zu hinterlassen. Unsere Aufgabe ist es, die kräftigen Worte des Propheten Jesaja (II.) nunmehr auf unsere Zeit anzuwenden; jenes Propheten also, der auf den ersten Untergang Jerusalems – jene traumatische Katastrophe, die das Judentum ein für allemal veränderte – zurückblickt und zugleich auch die Wiederkehr nach Zion voraussieht (Jesaja 45:7):

»Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt!«

Wir müssen also gemeinsam den Rückblick in die Katastrophe hinein wagen, in die Tiefe des Bösen, und dort nach Gott suchen, nach dem Göttlichen an der Katastrophe, um uns mit Gott als Ganzem versöhnen zu können – und somit unsere eigenen Erwartungen an ihn und an unsere Zukunft zu heilen.

 

Abgedruckt in der "Jüdischen Zeitung" (11/2009), der "Monatsschrift des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern" (Nr. 108 / 2008) sowie in der "Ökumenischen Rundschau" (4/2009).

 

s. auch: Die Tübinger Ansprache in Heidelberg, gehalten im Rahmen des nationalen Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27.01.2009 und anlässlich der Beauftragung von Pfr. Prof. Dr. Klaus Müller mit der Zuständigkeit für das christlich-jüdische Gespräch durch die Evangelische Landeskirche in Baden. 

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Krass…

    Lieber Yoav,

    Du schaffst wirklich Texte, die einen mitnehmen… Nach einem Weshalb und Wozu der Schoah zu fragen… da schluckt man erstmal… Persönlich habe ich aus der Hiob-Geschichte z.B. auch bislang die Lehre gezogen, dass sich diejenigen, die für alles eine Gott „entschuldigende“ Erklärung haben (wollen), nicht immer auf der richtigen Seite befinden. Dass Gott mit dem Tod z.B. völlig unschuldiger Kinder Zwecke und Ziele verfolgte, erscheint mir als ein schwer erträglicher Gedanke…

    Wie haben denn die Zuhörer während und nach dem Vortrag reagiert? Gab es inhaltliche Rückmeldungen?

    Nachdenkliche Grüße

    Michael

  2. Hi Michael

    Die Botschaft ist, ohne mir jetzt Komplimente erteilen zu wollen, sehr gut angekommen. Ich hätte es mir nicht besser vorstellen können. Die Leute waren sehr berührt, die Resonanz dementsprechend positiv. Nach dem Gottesdienst sind ca. 50 Menschen noch in der Kirche geblieben, um an einer Diskussion teilzunehmen, die Pfarrer Christoph Cless moderiert hat. Es ist übrigens die Gemeinde, aus der letztes Jahr der Protest gegen den Presseball hervorgegangen ist.

    Die Ansprache hat jetzt übrigens die Jüdische Zeitung abgedruckt.

    Die Heidelberger werden sie, wenn alles planmäßig verläuft, am 27.01. in der Johanneskirche erleben dürfen.

  3. @ Yoav: Wow

    Dann bleibt nur zu hoffen, dass daraus eine fruchtbare Debatte entsteht! Wir sprechen hier über die wohl schmerzhaftesten Punkte der theologischen Theodizee-Frage und der deutschen und israelischen Erinnerung und Zivilreligion! Yoav, Du hast Mut! Ich werds auf jeden Fall gespannt verfolgen!

    Alles, alles Gute – viel Erfolg!

  4. Mittelalter?

    Da es gerade um das Mittelalter ging ( http://www.chronologs.de/…hrte-die-kirche-das-je ):

    Mir scheint der Text hier sehr weit von Wissenschaft entfernt zu sein und sehr gut zu kennzeichnen, was das Mittelalter (als solches) sowohl von der Antike wie von der Neuzeit in deutlicherer Weise unterscheidet und trennt:

    daß ein Gott so eindimensional handelnd in die Geschichte eingreift (beschäftigt vor allem mit einem einzigen Volk und seinem Schicksal) – so hat man weder vor dem Mittelalter besonders ausgeprägt (zumindest außerhalb der jüdischen Welt) gedacht noch nach dem Mittelalter (zumindest als vorherrschendem Zeitgeist).

    Die vielen Verbrechen, Völkermorde und Vertreibungen, die im 20. Jahrhundert geschehen sind und derzeit immer noch andauern, über deren geschichtlichen Sinn kann man sich ja tatsächlich viele Gedanken machen.

    Aber sie geschahen und geschehen in China, Afrika und Amerika ebenso, bzw. gehen von diesen Regionen aus. Wie will man denn das alles zusammenfassend in eine Theorie, Sinndeutung hineinbringen, die (wie es scheint weitgehend ausschließlich) ausgeht von einem Buch, das vor mehr als 2000 Jahren im östlichen Mittelmeerraum entstanden ist?

    Das scheint mir schon reichlich stark mythisches Denken zu sein. Und ich sehe nicht, wie das zu einem säkularen Denken auch nur irgendwie in Bezug gesetzt werden kann.

  5. @ingo B.

    Es handelt sich um einen Text für eine Ansprache innerhalb eines Gedenkgottesdienstes.
    Das steht sogar direkt obendrüber.

    Dass Sie „keinen Bezug“ schaffen können, liegt höchstwahrscheinlich nicht am Text …

    Vielen Dank Herr Sapir, ich habe das mit großem Interesse gelesen.

  6. Unterstuetzung

    A. Um Yoav mal aus rabbinischen Quellen zu unterstuetzen:

    1. In einem Midrasch zum vorgestrigen Wochenabschnitt (praeziser: zu Gen. 37, 3) fragt Resch Lakisch (ein bekannter Lehrer aus der Zeit der Mischna), warum die Brueder Josef hassten und antwortet: „Damit er einst das Meer vor ihnen spalte.“ (Dem legt im Hebraeischen ein Wortspiel zu Grunde. Der Vers erwaehnt einen „bunten Rock“, Kethoneth passim. Passim laesst sich auch lesen als pass jam, er spaltet das Meer.)
    Soll heissen: Der Zweck des scheinbar negativen, hier des Hasses der Brueder, liegt in dem positiven, was in der Zukunft daraus erwaechst, also Befreiung aus der aegyptischen Sklaverei, Wunder vom Schilfmeer, Offenbarung und Gesetzgebung am Sinai, Einzug ins verheissene Land.

    2. Aehnlich: Als Mose G-tt in Ex. 33, 12ff darum bittet, Er moege ihm Seine „Wege“ zeigen, damit er Ihn erkenne, antwortet G-tt, kein Mensch koenne Sein Angesicht sehen und leben. Er zeigt sich ihm aber von hinten und deklariert die 13 Attribute der Gnade. Raschi (Ein beruehmter Kommentator aus dem 11. Jahrhundert) erklaert zur Stelle, G-tt habe Mose seinen Tefillin-Knoten (der auf dem Hinterkopf sitzt) gezeigt. (Zur Illustration siehe http://www.hasofer.com/…g/tefillin/RoshPos01.jpg) Was will Raschi uns damit sagen?

    Dieser Knoten verbindet die beiden Lederriemen der Kopf-Tefillin. Der rechte repraesentiert dabei „Middath haRachamim“, das g-ttliche Attribut des Erbarmens, der linke „Middath daDin“, das g-ttliche Attribut der striken Gerichtsbarkeit“. (Deswegen muss der rechte halachisch etwas laenger sein als der linke.) Von vorn sieht man natuerlich nicht, dass beide Riemen denselben Ursprung haben. Von hinten aber schon! Soll heissen: erst im Rueckblick koennen wir Menschen wenn ueberhaupt verstehen, dass das vermeintlich Harsche aus derselben Quelle (naemlich dem G-tt des Erbarmens) stammt wie das Erbarmen. (R. Dovid Tugendhaft)

    3. Nehmen wir den Vers:
    „Es beschuetzt der Ewige alle, die Ihn lieben; und die Boesen wird er vernichten.“ (Psalmen 145, 20).
    Lassen wir (im hebraischen) das erste Wort weg, ergibt sich:
    Der Ewige wird alle, die ihn lieben, und die Boesen vernichten.
    Lassen wir (im hebraeischen) das letzte Wort weg, ergibt sich:
    Es beschuetzt der Ewige alle, die Ihn lieben, und die Boesen.
    Wir sehen an diesem Beispiel eindrucksvoll: Ohne den Anfang oder das Ende ergibt sich etwas grob Sinnentstellendes. Wir Menschen kommen spaet auf diese Welt, und verlassen sie frueh. Wie koennen wir da ernsthaft erwarten, dass wir verstehen, wie G-tt die Geschichte lenkt?
    (R. Paysach Krohn)

    4. Zum Schluss noch ein bekanntes chassidisches Wort zum Thema: „Fuer den Glaeubigen gibt es keine Frage. Und fuer den Unglaeubigen gibt es keine Antwort.“

    B. Was ihn an den Juden so sehr gestoert hat, hat der zweitklassige Postkartenmaler, ausgeloescht sei sein Name, dem Vernehmen nach selber ausdruecklich so formuliert: „Die Tafeln vom Sinai haben ihre Gültigkeit verloren. Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung. Es ist wie die Beschneidung eine Verstümmelung des menschlichen Wesens… Die Vorsehung hat mich zum größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes, von der schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigung einer Gewissen und Moral genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit, denen immer nur ganz wenige gewachsen sein können.“ (http://de.wikipedia.org/…Zehn_Gebote#Auslegungen)

    YM

  7. Ich habe ein Verständnisproblem@Yoav

    Ich habe grosse Mühe, die Vorstellung zuzulassen, dem Holocaust einen Sinn und Zeck zuzuschreiben. Mir ist bekannt, was der zweitklassige Postkartenmaler bezweckte. Yankel Moishe hat dazu eine mir bislang unbekannte Aussage des Ungeheurlichen angeführt, die sehr tief blicken lässt.

    Doch ist offensichtlich angesprochen, was Gott bezweckte. Wird der Holocaust damit sakralisiert ? Wird dem Holocaust eine heilsgeschichtliche Bedeutung unterstellt ? Muss dem Alten Testament dann nicht ein Kapitel zugefügt werden, da der Holocaust als geschichtliches Ereignis doch ohne Zweifel eine Zäsur darstellt, die dem Range nach mit dem Auszug aus Ägypten vergleichbar wäre ?

    Ich bin nicht Theologe, und meine Fragen mögen für den Theologen möglicherweise von meiner mangelhaften Bildung in Glaubensfragen zeugen – ich frage aber trotzdem.

    Kann die Überlieferung somit fortgesetzt werden, oder ist sie abgeschlossen ? Ist der Holocaust Teil einer göttlichen Offenbarung, Teil des göttlichen Plans ? Förderst du mit der Suche nach einem Sinn und Zweck nicht genau die Aufarbeitung des Holocaust als eine Art (Zivil?-)religion, die du andernorts kritisiert hast ? Was wäre, wenn der Holocaust weder einen Sinn noch einen Zweck hätte ? Oder ist dies für die gläubigen Juden Yoav Sapir und Yankel Moishe inakzeptabel ?

    Ich muss sagen, Yoav, ich empfinde deine Ausführungen verstörend. Aber das liegt wohl an meiner weltlichen Sicht der Dinge.

    Meine Anschauung ist eine ziemlich simple. Sie hat aber den Vorteil, schwierige Fragen gegenstandslos werden zu lassen.

    Da Gott allmächtig ist, kann er alles, auch den Holocaust, ungeschehen machen.

    Peter B.

  8. @ – Yankel Moishe

    „Für den Gläubigen gibt es keine Frage. Und für den Ungläubigen gibt es keine Antwort.“

    Das ist ja ein wunderbares Sprichwort! Ganz herzlichen Dank dafür! Auf diese Weise ist der vermeintliche Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion in der wohl elegantantesten Weise gelöst.

  9. @ – Peter Bosshard: Holocaust

    „Da Gott allmächtig ist, kann er alles, auch den Holocaust ungeschehen machen.“

    Ich fürchte, dies ist eine der vielen „Allmachts-Paradoxien“ wie etwa: „Kann Gott einen Fels machen, der so schwer ist, dass selbst er ihn nicht zu anzuheben vermag?“

    Angenommen, Gott kann den Holocaust ungeschehen machen. Dann stellt sich sogleich die Frage: Was war der Zweck der ganzen Übung? Denn wenn sich die Opfer des Holocaust dereinst nicht mehr an ihn erinnern werden, können sie auch nichts aus ihm gelernt haben.

    Angenommen, er kann den Holocaust nicht ungeschehen machen, dann stellt sich sogleich die Frage: Kann der Zweck wirklich die Mittel heiligen? Darf man einige Menschen opfern, damit andere daraus lernen? Ich glaube nicht. Denn wenn wir keine Doppelmoral betreiben wollen, müssen wir Gott schließlich mit demselben Maßstab messen wie die Menschen.

  10. Allmachtsphantasien@Edgar Dahl

    Ich fürchte, dies ist eine der vielen „Allmachts-Paradoxien“ wie etwa: „Kann Gott einen Fels machen, der so schwer ist, dass selbst er ihn nicht zu anzuheben vermag?“

    Das mag so sein. Deine Argumentation ist logisch. Doch ist Gott an unsere Logik gebunden ?

    Der Glaube ist rein rational letztendlich nicht begründbar. Er bleibt in wesentlichen Aspekten ein Mysterium. Und die Allmacht ist die göttliche Eigenschaft schlechthin.

    Den Holocuast ungeschehen machen sehe ich als einzige Möglichkeit, die Widersprüchlichkeiten aufzulösen.

    Wie kann jemand schuldig sein, wenn er nur eine Figur in Gottes Heilsplan ist, die ihre Bestimmung lebt ? Wie kann jemand persönlich für etwas verantwortlich sein, wenn erkeinen freien Willen, keine Entscheidungsgewalt besitzt ?

    Ich konnte die Widersprüche nur auflösen durch den Verweis auf die Allmacht Gottes und der daraus resultierenden Fähigkeit, alle Verbechen ungeschehen zumachen. Zumindest finde ich es eine tröstliche Vorstellung.

  11. @ Peter

    Wie kann jemand schuldig sein, wenn er nur eine Figur in Gottes Heilsplan ist, die ihre Bestimmung lebt ? Wie kann jemand persönlich für etwas verantwortlich sein, wenn erkeinen freien Willen, keine Entscheidungsgewalt besitzt ?

    Der Mensch ist für seine Absichten, insbesondere für diejenigen, die er auch in die Tat umzusetzen versucht, vollkommen verantwortlich. Allein die Entscheidung darüber, ob bzw. inwiefern ihm dieses oder jenes Vorhaben auch *gelingt*, liegt m. E. im Ermessen Gottes.

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