Venustransit-Jugendaustausch in Sibirien

 „Wodka, -30 Grad Celsius, Permafrostboden. Warum fahrt ihr denn nach Sibirien?“

Das war die Reaktion der meisten Erwachsenen wenn wir erzählt haben, dass wir nach Sibirien fahren. Wir hätten vielleicht antworten sollen: „Um eure Vorurteile zu begraben und mal gegen den Strom zu schwimmen. Uns interessiert Russland und ganz besonders Sibirien nämlich.“ Sibirien, das ist der astiatische Teil Russlands und „wir“ sind beide 16 Jahre alt und gehen in die 10. Klasse des Gymnasiums Othmarschen in Hamburg.

Dies ist ein Gastbeitrag von Katharina Goldt & Jessica Quandt … zwei Jugendliche aus Hamburg, die von ihren Erfahrungen beim Austausch erzählen. [Anm. SMH]

Stattdessen haben wir geantwortet: „Wir nehmen an einem wissenschaftlichen und kulturellen deutsch-russischen Jugendaustausch in Novosibirsk und Iskitim teil. In Sibirien kann man nämlich besonders gut den Venustransit in seiner ganzen Länge beobachten. Die nächste Möglichkeit dazu gibt es erst wieder in 105 Jahren.“ Diese Aussage war ja auch richtig.

[Abb.: Montage, SMH 2012 – Planetarium Novosibirsk, dahinter die Sonne beim Venustransit (Foto von Arndt Latußeck), kurz nach dem zweiten Kontakt, umgeben von einem Halo (am selben Tag später, aufgenommen in Krasnojarsk von Guido Langer)

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Reisebericht

Unsere Reise begann am Hamburger Flughafen, wo wir uns mit einer Gruppe von anderen Jugendlichen, d.h. Schülern und Studierenden von der FNJ (Fördergemeinschaft für naturwissenschaftliche Jugendarbeit e.V.) trafen. Gemeinsam flogen wir über Kiew (Ukraine) in das rd. 4.500 km weiter östlich liegende Novosibirsk.

(Abb. erstellt mit Google)

Dort wurden wir sehr herzlich begrüßt. Wir waren glücklich über unsere netten Gasteltern und –geschwister, die uns mit offenen Armen empfingen, ihre Wohnungen mit uns teilten und sehr um uns bemüht waren.

Etwas müde und sehr aufgeregt freuten wir uns schon auf die gemeinsame Woche, deren Höhepunkt der Venustransit sein sollte.

Bei dem Venustransit schiebt sich die Venus zwischen Erde und Sonne. Von der Erde aus können wir sie als einen Schwarzen Punkt, so groß wie ein Tischtennisball über die Sonne wandern sehen. In diesem Jahr verlief der Transit von der linken Oberen Seite der Sonne zur rechten oberen Seite, und nicht wie 2004 von der linken unteren Seite zur rechten unteren Seite.

[Abb.: links aus einem Komposit von Webcam-Aufnahmen von André Müller (Jena, 2004), rechts erstellt aus den Fotos von Arndt Latußeck (Krasnojarsk, 2012) – beides bearb. mit Giotto und TheGimp]

Das ganze Spektakel hat 6,46 Stunden gedauert. In dieser Zeit hatten wir in einem örtlichen Planetarium die Möglichkeit, mit sehr guten Teleskopen und Computern, den Transit beobachten und fotografieren zu können.

Daneben hatten wir ein strammes Programm, zu dem der Besuch eines Russischen Balletts, des Zoos, des Atomzentrums, einer heiligen Quelle, einer Raumfahrtausstellung in dem Aerokosmisches Lyzeum, und des Planetariums gehörte. Natürlich gab es für uns auch eine Stadtführung, denn Novosibirsk ist die drittgrößte Stadt Russlands.

Wir lernten das Leben der russischen Familien kennen. Die Russen sangen Lieder für uns und wir ernährten uns von traditionellem russischen Essen. Wir sangen einige deutsche Lieder und erzählten ihnen von Deutschland. Wir mussten viele Fragen beantworten, z.B. ob es denn stimme, dass in Deutschland kein Müll auf der Straße liegt. 🙂

Sehr schön war es, wenn sich ganz unwillkürlich abends eine Hausparty ergab, bei der gesungen, gelacht und gebacken wurde, russische Spezialitäten, versteht sich. Bei einem gemeinsamen Videospiel- Abend wurden wir sogar von unseren Gastgeschwistern bekocht.

Wenn man so beisammen sitzt, lernt man sich näher kennen, auch wenn ein Internetübersetzer ständiger Begleiter der Kommunikationen war. Allgemein kam es uns so vor, dass unsere Gastfamilien immer fröhlich waren, viel gesungen und viel gelacht haben.

Wir lernten wunderbare Gastfreundschaft kennen, wenn uns spontan noch eine Sehenswürdigkeit gezeigt oder wir mit russischer Schokolade als Geschenk für unsere Eltern zu Haus überhäuft wurden.

Der Abschied fiel allen sehr schwer, denn wir hatten uns bereits in dieser kurzen Zeit sehr aneinander und an den gemeinsamen Tagesablauf gewöhnt.

Schau hinter die Fassade!

Alles in Allem war es ein sehr lohnenswerter Austausch. Wir haben ein neues Bild von den Russen bekommen. Jessica sagte am Abschlussabend: „Es gibt eine wichtige Sache, die ich hier in Russland für das Leben gelernt habe. Wenn man die Häuser in Russland von außen sieht, erschrickt man erstmal, da sie sehr schäbig, heruntergekommen und dreckig erscheinen. Doch geht man hinein, steht man in schönen, gemütlichen und sauberen Wohnungen. So ist es bei den Menschen auch, auch wenn Menschen äußerlich vielleicht unscheinbar, langweilig wirken, wird man sich wundern, welch Wunderbares in diesen Menschen steckt.“

Video von Elena aus Novosibrisk:

Auf die Frage, ob es sich lohnt nach Sibirien zu fahren, antwortet Katharina: „Es kommt darauf an, was man erwartet.“ Romantische Vorstellungen mit schönen Gebäuden und unberührter Natur werden sicher ernüchtert, denn obwohl es diese durchaus gibt, so sind sie eben doch eher rar in der Großstadt. Natürlich gibt es die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirchen, aber die normalen Wohnhäuser (von denen es mehr gibt als Kirchen) sehen für unsere Augen eher heruntergekommen aus.

[Abb.: Jugendsternwarte in Krasnojarsk während des Venustransits 2012, Foto: Cornelia Lücke]

„Doch in dem Sibirien, das aus der Ferne groß und kahl wirkt, kann man wahre Schätze entdecken: eine wunderbare Natur, schöne alte Gebäude und liebenswerte Menschen.“ Dafür lohnt sich Russland auf jeden Fall. Russland ist wunderschön auf seine Art.

 

Nach einer aufregenden und interessanten Woche in Sibirien bei fast 30 Grad Celsius kamen wir ins 18 Grad kühle Hamburg zurück und dachten:

„Liebe Erwachsene, bevor ihr uns mit Halbwissen belehrt, fahrt lieber selber hin. Sibirien ist nicht so, wie ihr denkt!“

 


es war eine schöne Zeit – aufregend, spannend, erlebnisreich, … deutsch-russisch … 🙂

 


 

Gimmick:

Historisch wird metaphorisch oft von der „Hochzeit der Sonne mit der Venus“ gesprochen. Ich habe mal eine andere Interpretation verbildlicht: Die Krönung der Sonne durch die Venus! 

Dem Bild ist das tatsächliche Pfad-Komposit zugrunde gelegt (gedreht, farbkorrigiert und mit einem Sonnen-Gesicht überlagert 🙂 ).

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

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