Pantelegraph

Wussten Sie, dass die Fernübertragung von Bildern nicht erst durch E-Mail, sondern bereits im 19. Jahrhundert möglich war? Wenn nicht, dann sei Ihnen dieses Buch unbedingt nahegelegt – und wenn doch, dann ist es trotzdem ein gut geschriebenes Stückchen Geschichte.

Casellis Pantelegraph: Buchtitel von Julia Zons

Casellis Pantelegraph: Buchtitel von Julia Zons

Die Geschichte einer der gefeiertsten Erfindungen jener Zeit wird in dem Buch „Casellis Pantelegraph“ aufgearbeitet: Die Autorin beginnt mit zwei Spotlights auf ein Gerät, von dem sie auf der folgenden Seite ein Foto zeigt – eine historische und eine aktuelle Momentaufnahme. Der Apparat sieht wie eine überdimensionale Wäscheklammer aus und steht „in den Katakomben des Deutschen Museums München“, ohne auch nur in einem einzigen Ausstellungskatalog erwähnt worden zu sein. Es ist ein Caselli’scher Bildtelegraph, eine Erfindung von 1856.

Auf den folgenden ca. 220 Seiten stellt die Autorin zuerst die Patente aus Florenz (1855/56) und Paris (1857-’60) vor, nennt ein englisches Analogon (1862) und diskutiert danach vor dem politischen und kulturgeschichtlichen Hintergrund verschiedene Anwendungen und Thesen, warum sich diese multifunktionale Gerät nicht durchgesetzt hat.

Die hohen Ehren, die sein Erfinder, der italienische Priester und Physik in Frankreich erhielt – bis hin zur Goldmedaille, die ihm von Napoleon III verliehen wurde – sowie die Präsentation der Erfindung in der breiten Öffentlichkeit und auf der Weltausstellung 1867 in Paris werden in diese Überlegungen ebenso einbezogen wie die zeitgenössischen Kosten des Verschickens von Bildtelegrammen versus der Übersendung per Postbrief und die Rentabilität des jeweiligen Unternehmens. Im Postscriptum resümiert sie „sein Erfinder (…) stirbt enttäuscht und verarmt […] doch hat diese Maschine zuihrerer Zeit allerlei Phantasien angeregt, […] Geschäfte besiegelt, Geschichten erlebt.“

Einige dieser Geschichten erzählt diese Autorin:

  • Die Geschichte des Erfinders, der eines der gefeiertsten Patente seiner Zeit einreicht, der von Italien nach Paris übersiedelt, weil seine grandiose Maschine nur in Frankreich Erfolg hat, der nach üppigen Auszeichnungen sogar durch den Kaiser und zahlreichen Ehren aber doch verarmt und enttäuscht sterben musste (S. 224).
  • Die Geschichte eines Instruments, das zuerst nur staatlich betrieben wird und von enormem Nutzen ist, aber seiner Zeit weit voraus und noch nicht rentabel, denn erst „um 1900“ zitiert die Autorin die Datierung der Durchsetzung der Bildtelegraphie von Berz auf ihrer S.10.
  • Die Geschichte eines elektrisierenden elektrischen Mediums in einer Zeit, als das Phänomen der Elektrizität und Elektrifizierung im Allgemeinen sehr groß war.
  • Die Weiterentwicklungen, Nachahmungen und Stagantionen, die es erfahren hat sowie die Hürden, die es (nicht) nehmen konnte, weil es für den privaten Nutzer zu teuer war (Brief kostete einige Centimes, Bildtelegramm einige Francs) und nur für ganz besonders wichtige Fälle eingesetzt wurde. Die enormen Kosten wegen des hohen Personalbedarfs und der besonderen Materialien.
  • Ein wenig Politk- und Militärgeschichte, wenn sie sich in der Kommunikation während des Zweiten Französischen Kaiserreichs widerspiegelt oder die exemplarische Geschichte eines Engländers auf Brautsuche, der nach New York telegrafiert, um eine Amerikanerin als Heiratskandidatin zu finden… natürlich möchte die Dame ein Foto des Herrn übersandt bekommen, bevor sie sich entscheidet …
  • Mehrfach wird erwähnt, dass auch damals bereits die bildtelegraphisch übermittelten Dokumente „rechtskräftige Unterschriften“ genauso wie militärische und meteorologische Karten und auch juristische bzw. polizeiliche Unterlagen übermittelt werden konnte. (z.B. S. 10, S. 133, S. 141 …)

Was heutzutage also nicht jeder wahr haben möchte, dass E-Mail rechtskräftige Verbindlichkeit hat, das war damals auch bereits längst Gang und Gäbe. Allerdings einem wesentlich kleineren Nutzerkreis zugänglich.

Blick ins Buch - auf eine der wenigen bebilderten Seiten.

Blick ins Buch – auf eine der wenigen bebilderten Seiten.

Der sachliche Technikgeschichte wird in diesem Buch auf beeindruckende Weise mit der blumigen Geschichte der Kommunikation verknüpft, denn ein Bildtelegraph konnte ebenso beim Flirten über Kontinente hinweg wie auch bei der Übermittlung von Fahnungsfotos dienen. Julia Zons versteht es, dies zu verknüpfen und wenn nicht nebeneinander, dann doch wenigstens nacheinander zwischen zwei Buchdeckeln zu verbinden: Ein Buch mit nur wenigen technischen Zeichnungen und vielen gut erzählten historischen Geschichten.

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Susanne M. Hoffmann schrieb (1. Februar 2016):
    > Casellis Pantelegraph: Buchtitel von Julia Zons
    > „Mitte des 19. Jahrhunderts erfindet der Physiker und Priester Giovanni Caselli den ersten Bildtelegraphen, der öffentlich eingesetzt wird und vor allem Unterschriften (Schrift als Bild), aber auch Portraits und Grußkärtchen verschickt. […]“

    Ob aber das, was ein gegebener Pantelegraph empfangen und aufgemalt hat, der jeweiligen verschickten Vorlage (Unterschrift, Portrait, Grußkärtchen) genau gleicht, oder (stattdessen nur) deren Spiegelbild ist … darüber wäre mal ein Buch zu schreiben.

  2. Hier findet sich ein übermitteltes Pantelegraph-Bild aus dem Jahr 1862:
    -> http://www.wikiwand.com/en/Giovanni_Caselli

    Schaut sehr gut aus.
    Insofern war die Durchsetzung oder Nicht-Durchsetzung dieses Mediums wohl in der Tat mit einer Kostenfrage verbunden.

    Ansonsten sind natürlich auch Smoke Signals und Semaphore-Lines grundsätzlich fähig zur Bildübertragung, aber waren lange eben nicht wirtschaftlich, das Bild an sich, auch Personen betreffend, war lange Zeit in seinem Wert zweifelnd angefragt – zudem ja auch der Maler vor Ort jederzeit aushelfen konnte.

    E-Mails als rechtsverbindlich und gerichtsfest bleiben natürlich stets ein „heißes Eisen“.

    MFG
    Dr. Webbaer

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