Merkurtransit verpasst wegen … „Spuk“

Der Himmel überm Zillertal während des Merkurtransits:

In dem Lichtfleck – überbelichtet – ist natürlich die Sonne. Die Altostratus Wolken verschleierten leider dermaßen, dass man sich zwar bräunen lassen konnte, aber nicht einmal per Lochkamera ein Sonnenbildchen projizieren konnte. (hatte ich natürlich probiert)

Warum aber saß ich eigentlich dort auf dem Berg mit diesem wunderschönen Blick übers Zillertal,

Blick übers Zillertal, zwei Fotos um 10:25 Uhr gemacht.

Blick übers Zillertal, zwei Fotos um 10:25 Uhr gemacht.

wenn doch 1.5 Autostunden entfernt in München der Merkurtransit bei schönem Wetter prima beobachtbar war? Die Antwort ist völlig unastronomisch: Ich wartete auf einen Schlepper, d.h. einen LKW, der meinen voll mit meinem Hausrat beladenen Mietwagen „Opel Astra“ mitsamt seiner Fahrerin zur nächstgelegenen Station der Autovermietung „Buchbinder Rent a Car“ bringen sollte.

Mein dunkelgrauer Opel Astra, ein Mietwagen.

Mein dunkelgrauer Opel Astra, ein Mietwagen.

Erlebnisse am 9. Mai

Ich war an diesem Tag gewohnt früh aufgestanden, d.h. zwischen 6 und 7 Uhr, hatte den PKW mit meinem Hausrat beladen (inzwischen bin ich recht schnell mit Umzügen, denn da man als Astronom hochgradig mobil sein muss, hatte ich bis dato recht wenig Zeug im Hausrat besessen) und war dann kurz vor 10 Uhr losgefahren. Ich wollte an diesem 9. Mai tatsächlich nur bis München kommen, um mit den Sternfreunden und Gästen in der Münchner Volkssternwarte den Merkurtransit zu beobachten. Bis München sind es normalerweise zirka zwei Stunden Autofahrt, d.h. wenn ich zwischen neun und zehn losfahre, müsste ich gegen Mittag dort sein und würde den Merkurtransit in Gänze sehen können. Dachte ich.

Doch nach ca. einer halben Stunde Fahrt fiel mir ein, dass ich noch jemanden anrufen musste. Ich fuhr bei der nächsten Gelegenheit rechts ran, parkte den Wagen ordnungsgemäß und stieg aus. Ich genoss einen Moment noch den Blick übers Zillertal, dann beschloss ich, ein Foto zu machen, holte das Handy aus dem Auto, knipste das obige Bild um 10:25 Uhr, ging um das Auto herum, suchte in meinem Handy in mehreren Menüs die anzurufende Telefonnummer. Das hat mindestens drei (laut Handyprotokoll, Fotodaten), vielleicht 5 min gebraucht.

Plötzlich höre ich die Touristen hinter mir aufgeregt schreien und drehe mich um, traue meinen Augen nicht: Mein Wagen rollt langsam den schrägen Parkplatz hangabwärts.Glücklicherweise rollt er nur noch wenige Meter, denn er stößt gegen einen schräg zum Hang geparkten Lastwagen (der dort immer steht, weil er auf der Ladefläche ein großes Werbebild trägt). Beide Autos haben eine Beule, aber sind fahrtüchtig und zum Glück ist kein Mensch zu Schaden gekommen.

ABER Wie kann das sein??? Ich bin sicher, ich hatte die Handbremse angezogen. Trotzdem schaue ich nach: Ja, sie ist angezogen. (Die Polizei – die ich natürlich hinzu ziehen musste, weil es sich um einen Mietwagen handelte – hat es dokumentiert.) Andernfalls wäre ja auch der Wagen sofort weggerollt und nicht erst 5 min später. Aber warum rollte er plötzlich? Wenn er erst stand – und sei es vielleicht in labilem Gleichgewicht – muss es irgendwoher einen (mindestens winzigen) Impuls gegeben haben, der ihn in Bewegung setzte (zumindest, wenn ich das richtig verstanden habe in der Physik), aber ich selbst habe das Auto nicht berührt. Später schlug ein Tourist vor, „der Berg wackelt“ – also, man weiß, dass die Alpen ein Faltengebirge sind… aber: hä??? Warum bewegte er dann nicht die anderen Autos? Die einzige Veränderung war während dieser Minuten, dass ein Auto auf den Parkplatz fuhr und dessen Insassen waren es eben, die den Krach machten, der mich auf das Rollen des Wagens aufmerksam machte. Diese Leute (englischsprachig) hatte ich als erstes hinzugezogen, mir zu bestätigen, dass die Handbremse wirklich angezogen war: sie waren aber leider dann auch 10 min später schon weg, nachdem ich geklärt hatte, wem der LKW gehörte. Aber wenn die etwas gemerkt, gemacht oder gesehen hätten, hätten sie das nicht fairerweise gesagt??? Ich verstehe es nicht: stehende Autos mit angezogener Handbremse dürfen nicht einfach losrollen. – Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich sagen, da war Pumuckl am Werk… es geht mir unaufhörlich durch den Kopf, aber ich versteh’s wirklich nicht.

Normalerweise würde man nun annehmen: Ok, der Schaden wird aufgenommen, gemeldet und fertig – eine Stunde später könnte man weiterfahren.

DOCH leider hatte sich zudem die Beifahrertür geöffnet, war beim Rollen am Holzgeländer hängen geblieben und durch das unerbittlich weiterrollende Auto dermaßen überdreht worden, dass der Bügel, der sie gewöhnlich heranzieht, ausgerissen worden. Ich meldete diesen Schaden natürlich der Vermietung, d.i. Buchbinder-Rent-a-car. Sollte ein Stück vorfahren, um die jetzt eingeklemmte Tür freizugeben und zu prüfen, ob es vielleicht doch möglich wäre, sie zu schließen. Aber es blieb dabei: Die Tür ließ sich also nicht mehr schließen: Einer der Einheimischen sagte, er würde einfach; man müsse doch die Tür nur fixieren können – aber sein Versuch, sie heranzudrücken, war nicht erfolgreich. Mit einer offenen Türe sollte man aber besser nicht fahren: weder auf Autobahnen noch sonst.

Also saß ich auf dem Berg und wartete auf den Schlepper. Um 14 Uhr (3.5 Stunden nach dem Vorfall) wurde mir von der Autovermietung-Zentrale-Deutschland gesagt, der LKW sei gerade losgefahren und ab jetzt werde das ca. eine bis anderthalb Stunden dauern. Ich wartete. Um 16:00 Uhr rufe ich wieder an und dieselbe Mitarbeiterin von Buchbinder-Rent-a-Car sagte mir nochmals, dass der LKW unterwegs sei und ihre Kollegen gerade versuchen, den Fahrer anzurufen; man werde mich in ca. 10 min zurückrufen. Kurz nach 17 Uhr (eine STUNDE später) erhielt ich einen Anruf von Buchbinder_Wien: Man erkundigte sich, wo das zu schleppende Fahrzeug stehe. Nachdem ich diese Frage beantwortet hatte, eröffnete mir dieser Mensch mit einer Seelenruhe der Selbstverständlichkeit „das wird aber wahrscheinlich erst morgen“. Nun traute ich meinen Ohren nicht: Bitte was??? Ich bat ihn, dies nochmals mit den deutschen Kollegen abzusprechen, nicht dass da zwei LKWs losfahren und was denn da los sei.

Baum-Klabauter überm Auto; darüber (im Lichtfleck) die Sonne mit Merkur (nicht erkennbar)

Baum-Klabauter überm Auto; darüber (im Lichtfleck) die Sonne mit Merkur (nicht erkennbar); Die Beifahrertür steht offen, weil sie sich nicht schließen lässt.

Eine halbe Stunde später, d.h. gegen 17:30 ist es von allen Seiten bestätigt: Es war kein LKW von München losgeschickt worden, es war niemand unterwegs, mich dort abzuholen und ich wartete umsonst auf einem Berg, auf dem zwei Scheiben Brot mit Käse als (alternativlose) Mahlzeit 6.50 € kosten (dafür kriege ich im Supermarkt in Berlin aber etwa vier ganze Brote). Der Unfall war inzwischen sieben Stunden her und es hatte inzwischen keine Werkstatt mehr geöffnet, die mir die Tür wenigstens hätte notdürftig fixieren können.

Die überaus freundlichen Mitarbeiter von Buchbinder-Rent-a-Car eröffneten mir dann noch, dass meine einzige Chance, heute noch von dem Berg weg zu kommen, die sei, dass ich mir ein Taxi rufe, das mich zum Flughafen nach Innsbruck bringt, wo die nächste Filiale ist, die mir einen alternativen Mietwagen geben könne: Natürlich müsse ich dafür einen neuen Mietvertrag machen (doppelter Preis) und ob sie das Taxi (das allein 140 €) bezahlen, das können sie mir nicht garantieren.

 

Irgendwie habe ich kein Glück mit Merkurtransits. – Die Geschichte erinnert mich irgendwie ein bißchen an die Pechsträhne des historischen Astronomen Guillaume Hyacinthe Joseph Jean-Baptiste Le Gentil de la Galasière (1725–1792), der die beiden Venustransits des 18. Jahrhunderts auf seinen Expeditionen verpasste: einmal hatte ihn ein Krieg aufgehalten und einmal hatte er Schiffbruch erlitten. Ich habe ja irgendwie – Gott sei Dank – immer Glück im Unglück, dergestalt, dass z.B. der LKW im Weg stand und das Auto nicht noch weiter rollte und dass keine Menschen zu Schaden kamen … und astronomisch z.B. da ich beide Venustransits (2004 und 2012) gesehen habe, sogar das Vermessungsprojekt 2012 gut ging, und Merkurtransits eh etwas weniger spektakulär und zudem häufiger sind: Ich werde also noch mehrere Chancen haben im Leben. Aber ärgerlich ist es trotzdem! … 2003 konnte ich ihn nicht sehen und 2006 begann der Merkurtransit ca. eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang in Mauretanien, wo ich mich damals gerade aufhielt. Auf die Sonne geguckt hatten wir, aber wie gesagt, trat der Merkur erst nach Sonnenuntergang vor sie. Es ist wie verhext.

Kurz vor dem Merkurtransit am 8. November 2006 in Mauretanien.

Kurz vor dem Merkurtransit am 8. November 2006 in Mauretanien.

Und ob ich bei Buchbinder nochmal ein Auto miete, das muss ich mir vor allem auch sehr gründlich überlegen: Grottenschlechter Service, völlig fehlkoordiniert. Denn: Selbst wenn es keinen Merkurtransit gegeben hätte: Wie denken die sich das? Weil das Auto voll gepackt war mit meinem Hausrat, konnte ich weder darin übernachten noch es offen stehen lassen. Es ließ sich aber nicht verschließen, sondern stand offen da. Wie also haben die sich vorgestellt, dass ich das bitteschön anstellen sollte? Ich konnte also nach Werkstattschluss wirklich nichts anderes tun, als mir ein Taxi bestellen… Glücklicherweise hat wenigstens der Taxifahrer beim Umpacken geholfen – und der Buchbinder-Mitarbeiter am Flughafen dann auch noch einmal. Der Rest hat dann also wenigstens geklappt:

Opel Astra Kombi

zweiter Versuch: „mein“ geölter Blitz, ein Opel Astra Kombi – dieser helle Mietwagen mit slowakischem Kennzeichen brachte mich dann tatsächlich mit meinem Hausrat nach Berlin und nach ein paar weiteren Abenteuern war ich Mittwoch früh um halb vier endlich zuhause angekommen.

Weitere Abenteuer:

Zwischenstopp München. Ich habe bei einer Freundin übernachtet und als wir am Morgen des Dienstag dann die VSW besuchen wollten, fuhren wir mit der S-Bahn dort hin. Allerdings war der Münchner Hauptbahnhof gesperrt und gerade dabei evakuiert zu werden. Unsere Bahn fuhr ein, wir waren im ersten Wagen ganz vorn und sahen einen gespenstisch leeren Bahnhof. Der Zug durfte aber nicht komplett einfahren, weil vorne eine Rauchentwicklung erkennbar war: Man wusste nicht, ob evtl auch elektrische Leitungen beschädigt sind. Nach einer dreiviertel Stunde Wartezeit in der Bahn und nachdem also die Feuerwehr abgerückt war, durften wir den Zug erst verlassen.

Als meine S-Bahn in München Hauptbahnhof einfährt, wird dieser gerade evakuiert: Auf dem Weg zur Münchner Volkssternwarte saß ich also nochmals eine dreiviertel Stunde in der Bahn fest.

Als meine S-Bahn in München Hauptbahnhof einfährt, wird dieser gerade evakuiert: Auf dem Weg zur Münchner Volkssternwarte saß ich also dann nochmals eine dreiviertel Stunde in der Bahn fest: Hey, Pumuckl, was hab ich gemacht???

Spät am Abend des Dienstag fuhr ich los nach Berlin. Ich wollte an einem Rastplatz mal kurz aussteigen und die Beine ausstrecken. Fuhr auf den Rastplatz, aber weil der zentrale Bereich mit riesen LKWs und Schleppern zugestellt war, nahm ich doch die Umgehung und wollte zum nächsten Rastplatz weiterfahren. DOCH die Schlepper standen bis in die Autobahnauffahrt – vor mir bereits ein weiteres wartendes Fahrzeug. Ich steige aus und frage: Es handelt sich eine Kolonne der US Army und die Soldaten, die ich sehe, sind also nur Befehlsempfänger und wissen nicht, wann es weitergeht. Diesmal glücklicherweise wirklich innerhalb von 10 min; das ist ok und ich konnte meine Beine auf die Art ja doch vertreten. Aber nach allem, was an den Vortagen los war, ist dieser kleine Zwischenfall natürlich ein weiteres Tröpfchen, das meine steinernen Nerven höhlt: Entweder habe ich mir doch einen Pumuckl aus Königsleitenn mitgebracht oder ich sollte über Götter und andere transzendente Wesen mehr nachdenken: Das ist doch ziemlich verhext!

PS.: Ich weiß, ich bin oft zu rational und versuche normalerweise, meine Gefühle zu verbergen. Aber die Lehre, die ich für mich persönlich aus den Vorfällen der letzten Tage ziehe, ist glaube ich: Ich sollte mehr auf mein Gefühl hören. Wenn mir z.B. das nächste mal ein Mietwagen unsympathisch ist, frage ich, glaube ich doch, ob ich einen anderen haben kann – auch wenn ich nicht sofort logisch erklären kann, warum.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

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