Expedition ins Ruhrgebiet

Duisburg ist aus traurigen Gründen in den diesjährigen Sommerschlagzeilen. Dabei hat hat das Ruhrgebiet soviel Schönes zu bieten – und zwar ganz ohne Mega-Events wie die versuchte Berlin-Kopie "LoveParade". Oft werfen solche Projekte bei mir eher die Frage auf, was Menschen mit sowas beweisen wollen: Manchmal ist die Zeit für eine Sache wohl einfach vorbei – auch wenn es schmerzt, wenn man live dabei ist, wie etwas Großartiges Lebendiges Geschichte zu werden beginnt.

Wiedermal war ich vor einer gewissen Weile mit einer kleinen interessierten Reisegruppe unterwegs, doch in diesem Fall nicht als Reiseleiterin, sondern ebenfalls als interessierte Teilnehmerin: ein passabler Anlass, um mal eine gehörige Portion Positives aus dem Ruhrgebiet – der Kulturhauptstadt 2010 – zu berichten!

Großer Kartograph an der Mündung der Ruhr in den Rhein

Gerade uns Astronomen sollte Duisburg bekannt sein: Nicht wegen seines größten europäischen Binnenhafens und dem wunderschönen Museum für Binnenschiffahrt – nein: Für Interessierte an Mathematik, Kunst und (historischer) Kartographie sollte Duisburg bekannt sein für einen Bürger dieser Stadt im 16. Jahrhundert, dessen Name bis heute bekannt ist: Gerhard Mercator (latinisiert für den belgischen Einwanderer G. Kremer). Bestattet ist er in der Salvatorkirche und das Stadtmuseum ist nicht nur wegen Mercator interessant, sondern bietet eine unglaubliche Sammlung an Fundstücken von römisch-antik bis heute. Ich habe bisher wenige Stadtmuseen gesehen, deren Sammlung und Präsentation mich derart positiv überraschten und beeindruckten wie das Stadtmuseum in Duisburg! 

Jedesmal, wenn wir einen Atlas aufschlagen – egal, ob Erd- oder Himmelskarte – könnte es eine Mercator-Projektion sein: eine winkeltreue Projektion, die es ermöglicht, aus einer Karte nicht nur die grobe Richtung abzulesen, sondern die exakte Winkellage von Punkten zueinander.

Wassertürme als Museum  

(links: Schloss Broich, rechts: Aquarius)

Camera Obscura im Broicher Wasserturm 

Wassertürme finden sich in dem Ballungsgebiet natürlich mehrere – und unter anderem den Wasserturm Aquarius in Mühlheim a.d. Ruhr mit einer sehr gut gestalteten Ausstellung, bei der man viel über Wasser und seine Wege, seine Aufbereitung und Spielen. So kann man z.B. das persönliche Wasserverbrauchsverhalten herausfinden und sich so quasi einstufen lassen.  

(links: Wasserturmkuppel von außen, mitte: Leinwandtisch im Hörsaal, rechts: Lichtschacht im Kuppelzenit von innen)

Im Mühlheimer Wasserturm ist jedoch etwas gar nicht wässriges, sondern vielmehr optisches spektakulär: Der Wasserturm im Schlosspark Broich befindet sich die weltweit größte begehbare Camera Obscura!

Die Führungen leitet der sehr kompetente und passionierte Direktor persönlich! Oben aus der Turmkuppel ragt – wie ein Periskop – ein drehbares Röhrchen heraus, in dem man einen schrägen Spiegel erkennt. Dieser Planspiegel lenkt das Licht aus der Umgebung in die Kuppel, in deren Zenit sich eine verschiebbare Linse befindet. Die Linse macht aus der Lochkamera eine Camera Obscura. Dass sie verstellbar ist, ermöglicht dem Beobachter im Kuppelhörsaal die Beobachtung von Objekten in verschiedener Entfernung: Mal schaut man auf Bäume im umgebenden Optik-Park, mal auf viel entferntere Kirchtürme. Alles live — live das Blätterbewegen des Windes in den Baumkronen, live auch die Zeigerstellung an der Kirchturm-Uhr. Das Bild, das auf der Tisch-Leinwand im Hörsaal erscheint, ist wunderbar klar und deutlich an diesem Sommertag meines Besuchs. 

Unter diesem Optik-Live-Erlebnis befindet sich ein hübsch gestaltetes Museum zur "Vorgeschichte des Films", also zur Lochkamera, der Kamera Obscura und all den anderen Zwischenschritten.

Was vielleicht nicht jeder weiß: Man kann die Camera Obscura auch als Vorstufe des Teleskops betrachten und insbesondere in der Sonnenbeobachtung wurde sie bis ins 18. Jahrhundert sogar parallel zum Fernrohr benutzt: Sonnenflecken, Merkurtransits und vieles mehr wurde damit beobachtet und sogar an Venustransits wurde sich probiert. In zwei Jahren (2012) ist der nächste, also mal schauen, welche Methode mir dann einfallen wird. 

Im Grunde ist das französische "Solarscope", das ich zum letzten Venustransit mit-promotet hatte und in einem früheren Post hier nochmals ins Gedächtnis gerufen hatte, ja aber auch nichts anderes als eine kleine "Camera Obscura". 

Hier ein kleiner Preview einer Zusammenstellung von mir: CameraObscura_superkurz.pdf Es ist (m)eine Kurzfassung eines wunderbaren Projektberichts vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin von Herrn Dr Wolfgang Lefèvre, den ich das Glück hatte, vor ca vier Jahren bei Beginn des Bauprojekts einer historischen Camera zu treffen – leider ohne die Chance zu haben, bei diesem wunderbaren Projekt langfristig mitzuarbeiten (man kann halt nicht alles auf einmal machen und ich ging damals gerade weg aus Berlin); nichts desto trotz ist es ein faszinierendes Thema!

Sternstunden in Oberhausen

In Oberhausen gibt es jüngst die große Astronomie-Ausstellung "Sternstunden" im ehemaligen Gasometer. Hier wird die Geschichte der Himmelserforschung und Weltbildern von Frühkulturen bei Mayas, Ägyptern u.a. Götterglauben, über Instrumentkunde wie Vermessungs- und Beobachtungsgeräten verschiedenster Zeiten, bis hin zur Fernerkundung und Weltraumfahrt des jüngst vergangenen, unseres 20. Jahrhunderts. 

 

In diesem Zusammenhang auch erwähnenswert ist die Superlative in dieser Ausstellung: Sie besitzt den "größten Mond auf Erden", d.h. unter der begehbaren Decke des Riesenzylinders befindet sich ein Riesenmondglobus vongigantischen Ausmaßen: Man hat das Gefühl, man säße in einer Raumsonde und beobachtet den Südpol des Erdtrabanten, der für irdische Beobachter normalerweise unsichtbar ist. 

 

Ein wenig bizarr ist diese Darstellung (links), bei der alle acht Planeten gleich groß suggeriert werden. Ist dies vielleicht – in alter Kunst-Tradition – eine Bedeutungsperspektive, mit der das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt erklären will, dass es alle Planeten gleichermaßen zu erforschen gedenkt? Wer weiß… auf jeden Fall ein hübsches Bildchen. 

 

Walter-Hohmann-Sternwarte Essen

Der Namenspatron der Sternwarte ist ein Essener Hobby-Astronom, der vor ca 100 Jahren durch Marsbeobachtungen durchs Teleskop zu Bahnberechnungen von Raumschiffen inspiriert wurde: Walter Hohmann ist jener große Rechner, nachdem heute die so genannte "Hohmann-Ellipse" benannt ist, dargelegt in seinem berühmten Büchlein "Über die Erreichbarkeit der Himmelskörper". Der junge Mann stand in Kontakt mit Hermann Oberth und war wie dieser vom Raketenfieber der 1920er infiziert. Während Oberth u.a. die technischen Geräte bauten, berechnete Hohmann die Bahnen dieser Flugkörper – schon bevor man sie überhaupt gebaut hatte. 

 

 

 

Die Volkssternwarte Essen ist allein von Hobby-Astronomen errichtet. Liebevoll ist die Innenausstattung der Vereinsräume gestaltet und begeistert erklärt der Metusalem des Clubs, dem in der Hobby-Szene bekannten Ansgar Korte, wie er als junger Mann den Bau einer Sternwarte initiierte und wie im Laufe seines Lebens ein Teleskop nach dem anderen hinzukam. Nicht nur, dass er jede Schraube an jedem Gerät persönlich kennt, sondern auch kennt er die – teilweise abenteuerlichen – Geschichten dazu, was sie hier auf den Hügel nahe dem Stadtteil Werden (Essen) verschlug.

 

  (links: das größte Teleskop in Essen, ein modernes Spiegelteleskop, rechts: der Refraktor in der Nachbarhütte)

Schiefspiegler in der Essener Hohmann-Sternwarte

 

 

 

An der Tür des Vereinshauses: 

Die eiserne "Galaxie" zeigt Symbole für ganz verschiedene Wissenschaften:

Kepler-Ellipse und Planetenschleifen, klassische Planetensymbole der Astronomie, Astrologie und Alchimie stehen neben Gleichungen der moderen Quantenmechanik und Relativitästheorie, Kants Modell unserer Galaxis und das Sternbild Eridanus, die Bahnen des Sonnensystems und die Bohrschen Elektronenbahnen im Heliumatom, ergänzt von Atommodellen und einer Doppelhelix der menschlichen DNA u.v.a.m.

Das Planetarium Bochum,

geleitet von der Professorin Susanne Hüttemeister, die an der Bochumer Uni Astrophysik lehrt, ist ebenfalls einen Besuch Wert. Durch die Bochumer Herbsttagung ist die Ruhr-Uni Bochum vielen Hobby-Astros bekannt und gilt auch bei dortigen Studis als nicht besonders hübsch, aber zweckmäßig. Irgendwie entspricht die Architektur aber dem Lifestyle im Pott – nicht schön, aber selten. 

Das Planetarium bietet ein typisch-illustres Programm mit hohem fachlichen Anspruch und doch nicht anspruchsvoll sowie Musikveranstaltungen von klassisch bis modern. 

Dem Astronomie-Interessierten bieten sich weiters die Sternwarte Recklinghausen, die Halde Hoheward vom Initiativkreis Ruhrgebiet e.V. mit den gigantischen Halbkreisen der "steinzeitlichen"  Horizontastronomie und vieles mehr!

Natürlich ist also auch das Ruhrgebiet stets eine astronomische Reise Wert!

 

Was in dieser Gegend natürlich nicht fehlen darf: Thema Bergbau!  

Das Welterbe Zeche Zollern, Museen für Schwerindustrie (Oberhausen) und Bergbau (Bochum) bis hin zur Arbeitsschutzausstellung (Dortmund)… zahlreiche Museen thematisieren die industrielle Triebfeder der Region. Natürlich denkt man bei dieser Gelegenheit nicht nur an die Arbeiter unter Tage, sondern auch an die großen Reichtümer der Familie Krupp, die gleichzeitig auch mit Gedanken an soziale Leistungen vor deren gesetzlich verordneter Pflicht durch Bismarck verknüpft ist. 

Vielleicht hat nach dieser kleinen Zusammenschau auch der eine oder die andere Lust auf eine Expedition ins Ruhrgebiet. 🙂 

 

 

 

Auf dass sich Herr Krupp – mit all seinen Zielen zu persönlichem Reichtum und sozialer Gewissenhaftigkeit – auch künftig ruhig zurücklehnen kann.

 

 

 


kleine Zusammenstellung nach einer Exkursion der Wissenschaftshistoriker der Uni Hamburg; herzlichen Dank die Organisatorin, Frau Prof Dr Gudrun Wolfschmidt.

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Etwas Neues!

    Ich wusste nicht, dass das Ruhrgebiet auch wissenschaftliche und kulturelle Schätze beherbergt! Bisher dachte ich da eher an Fußball unsw.

  2. Schöne Tipps

    Sehr geehrte Frau Hoffmann,

    da kommt Freude auf, da will man direkt losfahren. Vielen Dank für die Tipps. Darf ich noch zwei weitere Orte anführen? In der Nähe von Recklinghausen liegt die Halde Hoheward mit Horizontobservatorium und Obelisk. Hier http://www.horizontastronomie.de/index.html kann man erfahren, wann das Horizontobservatorium wieder eröffnet wird. Und wenn man schon im Ruhrgebiet ist, sollte man in jedem Fall ins umgebaute und erweiterte Museum Folkwang gehen. Aktuell gibt es die Ausstellung „Die Impressionisten in Paris“ – http://www.bildereinermetropole.de/.

    Viel Spaß.
    Horst Arndt

  3. Interessanter Bericht

    Vielen Dank für den interessanten Bericht, ich komme aus der Nähe des Ruhrgebietes(rund 60 km) und werde mir das ein oder andere mal ansehen. Die Sports in Oberhausen und Bochum kenne ich schon und kann ich durchaus empfehlen!

  4. Ruhr Excursion

    Moin Frau Hoffmann!
    professor Wolfschmidt hat mir Ihren Blog zugeschickt – nachdem cih soeben den Reisebericht für die Uni fetrig hatte.
    Ihr Bericht ist schöner und persönlicher, ich werde deshalb einen Link einbauen in den „offiziellen“ Bericht.
    Viele Grüße
    Per Jensen

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben