Einsteins Jahrhundertwerk

2015 ist eine Jahreszahl, die auf 5 endet – da sprießen Einstein-Bücher wie Pilze. Quasi druckfrisch erhält man gerade auch wieder ein Buch des berühmten und preisgekrönten Wissenschaftspublizisten Thomas Bührke.

eine Postkarte - weiß auch nicht, warum ich die habe O:-)

eine Postkarte – weiß auch nicht, warum ich die habe O:-)

„Einsteins Jahrhundertwerk“ … hm, klingt ja schon mal gut. Immerhin hat der berühmte, genial-alberne Radfahrer zuerst unsere Physik zur Beschreibung der Welt und dann, zehn Jahre später, sogar unser Weltbild – d.h. unsere Sicht auf den Kosmos – revolutioniert. Aber es gibt noch einen Untertitel: „Die Geschichte einer Formel“ … das weckt ja nun erst Recht die Neugier des belesenen Astronomiefans: Welche Formel ist wohl hier gemeint?

Er hat mit der „Elektrodynamik bewegter Körper“ die E-Lehre mit der klassischen Mechanik verheiratet, mit E=h*f das Funktionsprinzip der Solarzellen geschaffen und den Nobelpreis bekommen, mit E=mc² die Physik der Sonne und der Wasserstoffbombe erklärt … Braunsche Bewegung, Laser, Gravitationslinsen, GPS und vieles mehr verbindet man mit dem Namen Albert Einstein. Also, welche von davon ist die Formel, die allein ein Jahrhundertwerk sein könnte? Haben sie nicht alle das vergangene Jahrhundert geprägt? Bereits im Vorwort erfahren wir: die Spezielle Relativitätstheorie ist hier nur Beiwerk.

Tja nun, wir schreiben das Jahr 2015, also einhundert Jahre Allgemeine Relativitätstheorie. Die Formel, die hier wohl gemeint ist, steht allerdings erst auf S.82 des Schmökers: Es sind die Feldgleichungen in der niedlichen Form Gμν=κ Tμν. Hinter der harmlos anmutenden Gleichung verbergen sich allerdings zehn Formeln, die auch von studierten Mathematikern nur für Spezialfälle und nicht allgemein lösbar sind. Um diese Schwierigkeiten der Forschung macht der Autor gar keinen Hehl, sagt klar und einfach, was geht und was nicht und warum es so lange gedauert hat, bis man sich überhaupt damit ernsthaft beschäftigte.

Ein großes Plus von Bührke ist, dass er – im Gegensatz zu TV und anderen Medien – nicht dauernd seinen Leser für dumm verkauft: Der Schreibstil eines Physikers als Publizist sagt einfach klar, „das ist soundso“, statt hinter mitfühlenden Vokabeln wie „kompliziertes System“ oder „unverständlicher Formelapparat“ das eigene Unverständnis zu verbergen. Bührke ist selbst geschulter Physiker und es zeichnet ihn zudem aus, dass er die eigenen Grenzen zu schätzen weiß: An drei Stellen, in denen es auf die Suche nach Dunkler Energie, Simulation von Schwarzen Löchern und um Quantengravitation an die vordeste Front der modernen Forschung geht, fügt er Inteviews mit aktiven Forschern ein.

Bührkes neuestes Buch

Bührkes neuestes Buch

In der Mitte des Buches gibt es ein paar hübsche bunte Bilder zu diesen Themen und ansonsten wird das Lesebuch von einigen Diagrammen und s/w-Grafiken aufgelockert. Dem blumigen, aber nicht ausschweifenden Erzählstil kann man auch ohne Vorwissen jederzeit leicht folgen und eine Idee vom modernen Weltbild bekommen. Das Buch würde ich allen Lehramtphysik-Studierenden und GymnasiastInnen wärmstens empfehlen und zudem natürlich allen, die sich als Amateurastronomen für die moderne Wissenschaft interessieren oder einfach nur aus purer Neugier in das derzeitige Weltbild reinschmökern wollen.

Das 278 Seiten starke Taschenbuch ist nicht nur vom Gewicht her leicht, sondern auch vom Verständnis her: Man kann es in der U-bahn lesen und wird noch etwas davon haben. Solche Bücher braucht die Welt mehr – Bücher, mit denen jeder einen Einblick in die faszinierende Welt der Forschung erhalten kann, ohne gleich selbst Forschung betreiben zu müssen. Und die Relativitätstheoriegehört nun einmal zu unserem Weltbild wie die Quantenphysik – beide sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und nicht bloß irgendeine abstrakte Theorie, die nur Freaks und Nerds berühren würde. Das Buch skizziert nicht – wie die berühmte Szene in TBBT – auf humoristische Art, ob Loop Quantum Gravity die Lösung für eine neue Physik ist oder nicht. Es stellt sie einfach vor, als eine der zahlreichen Aufgaben für künftige spannende Forschungen.

ART in der Lebenswelt

Zudem holt Bührke die abstrakte ART in die Lebenswelt, indem er ihre Anwendungen aufzählt. Nicht bloß die astrophysikalischen Probleme, die wir ohne sie hätten, wenn wir beobachteten Phänomene an Neutronensternen oder Schwarzen Löchern erklären wollten. Nein, auch ganz konkret unteleskopisch nutzen wir alle die ART jeden Tag durch die Navigationssysteme wie GPS und seine Verwandten. „Himmlische Navigation“ nennt Bührke das, denn ohne Berücksichtigung der ART-Effekte wären alle Koordinaten, die ein Satellit uns zu vermitteln glaubte, falsch. Die neue Gravitationstheorie Einsteins, die ART, hat also wirklich eine ganz praktische Bedeutung.

Zudem wird auch die Rezeption der „neuen Physik“ in der Kunst angesprochen, d.h. der ungeahnten Perspektiven von Schwarzen Löchern, Zeitdilatation und Raumzeitlinsen zur Beobachtung des Weltalls. An dieser Stelle kann man freilich die karge Auswahl beklagen, denn dieses Thema könnte ein nochmal ein Meterregal ebenso dicker Bücher nach sich ziehen – aber immerhin, es wird thematisiert. Und Bührkes Buch ist in erster Linie doch ein Physikbuch, nicht eine Kulturgeschichte.

Auch wenn es „Die Geschichte einer Formel“ heißt, ist das Buch nicht bloß eine Geschichte. Jedes Kapitel ist in sich geschlossen lesbar und wenn man mal ein Kapitel verpasst hat, kann man einfach die 5-10 Zeilen Zusammenfassung am Anfang lesen, um wenigstens zu wissen, worum es geht.

„Die Geschichte einer Formel“ erläutert nicht im geringsten die Wurzeln der ART, sondern beschäftigt sich mit dem einen Jahrhundert Rezeptionsgeschichte. Man hätte es auch nennen können „Eine Formel erzählt aus ihrem Leben“, das wäre ein treffenderer Untertitel. Von Papa Einstein 1915 in die Welt gesetzt, wurde vier Jahre später ein erster experimenteller Nachweis erbracht (Lichtablenkung am Sonnenrand), doch erst weitere 60 Jahre später fand man die erste Gravitationslinse im fernen All – seither sind allerdings die Astrophysiker ganz scharf auf diese natürlichen Teleskope, prüfen moderne Kosmologien und finden (naja, bestätigen) seit 2004 sogar Exoplaneten damit.

Das Büchlein halte ich für sehr lesenswert:

Für den Laien ist es ein schöner Zugang zur bizarren Welt der modernen Physik, die in der Schule noch zu wenig gelehrt wird. Und für Leute wie mich, die zwischen den Welten/ Epochen/ Themen changieren, macht es Lust auf neue Forschung.


GIMMICK

kürzlich in Berlin:  it's one small step for a man...

kürzlich in Berlin:
it’s one small step for a man… 🙂

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Susanne M. Hoffmann schrieb (17. Februar 2015):
    > Thomas Bührke „Einsteins Jahrhundertwerk“ […] „Die Geschichte einer Formel“ erläutert nicht im geringsten die Wurzeln der ART

    > Das Buch würde ich allen Lehramtphysik-Studierenden und GymnasiastInnen wärmstens empfehlen

    Eine Schülerschaft, die Physik derart gehaltlos präsentiert bekäme, müsste uns leidtun.

    > […] Feldgleichungen in der niedlichen Form G<sub>μν</sub> = κ T<sub>μν</sub>.

    > […] ohne Berücksichtigung der ART-Effekte wären alle Koordinaten, die ein Satellit uns zu
    vermitteln glaubte, falsch.

    Koordinaten — in den (niedlichen) Einsteinschen Feldgleichungen?? …

    > GIMMICK […] it’s one small step for a man…
    > But a few small steps for a meteorologist.

  2. Einstein in der U-Bahn (Zitat: „Man kann es in der U-bahn lesen“) lässt an die spezielle Relativitätstheorie denken, doch es geht ja um die ART, also Einsteins Gravitationstheorie und bei der erwartet man nicht, dass sie (Zitat)„nicht nur vom Gewicht her leicht, sondern auch vom Verständnis her“ leicht ist.
    Und dennoch ein Gewinn, das weckt wirklich Interesse. Warum dann aber die spezielle Empfehlung für alle Lehramtphysik-Studierenden und GymnasiastInnen . Weil diese mit dem Lesen in der U-Bahn alles erfahren können über die ART, was sie je brauchen werden?

  3. Susanne M. Hoffmann schrieb (17. Februar 2015):
    > Thomas Bührke „Einsteins Jahrhundertwerk“ […] „Die Geschichte einer Formel“ erläutert nicht im geringsten die Wurzeln der ART

    Diesem Vorwurf ist aber zu widersprechen: ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt:

    Kapitel 3: Ein Mann fällt vom Dach (Der Weg zur Allgemeinen Relativitätstheorie)

    Th. Bührke wäre also schlimmstenfalls nur vorzuwerfen, die Begriffe „fallen bzw. „Dach“ nicht im Geringsten definiert zu haben (insbesondere im Kontrast zu Begriffen wie „Fußboden“ bzw. „starr auf Abstand bleiben“).

    (Ich habe allerdings nicht vor, € 7,20 in die MBMN schwache Hoffnung zu investieren, auch diesen
    Vorwurf entkräften zu können …)

  4. Die Empfehlung für Gymnasiasten und Lehramtkandidaten sowie weltbild-interessierte Laien erklärt sich daher, dass es ein Textbuch ist und nicht fürs Physikstudium im Detail geeignet. Daher kann man es auch in der U-Bahn lesen. Es ist ein schöner Fließtext, der in sich geschlossen verständlich ist. Man hat zwar ein paar unterstützende Diagramme und Bilder, aber die Message vom Text über die Geschichte der Formel versteht man auch ganz gut ohne diese – sie sind eher zum tieferen Verständis.

    @Frank Wappler: Ich schreibe meine Rezensionen nicht mit nur Inhaltsverzeichnissen. Als Naturwissenschaftshistorikerin, die sich insbes. mit der Geschichte der Gravitation beschäftigt hat, habe ich nach dem Prinzip wohlwollender Interpretation [es ist ein lesenswertes Buch!] auf detaillierte Aussagen in dieser Richtung verzichtet.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben