einige Bilder vom Venustransit

„Eine groʃse Anzahl von Gelegenheitsschriften hatte das gebildete Europa mit dem Zweck und der Wichtigkeit des 6. Junius bekannt gemacht.“ schreibt Johann Franz Encke 1822 auf S. 13 seines Booklets „Die Entfernung der Sonne von der Erde aus dem Venusdurchgange von 1761“.

Er stellt hier die Ergebnisse und Befunde verschiedener damaliger Expeditionen vor, die er später in der gleichen Schrift auswertet.

Unser modernes Analogon geht ein bißchen schneller, d.h. es braucht nicht zahlreiche buchstabengefüllte Seiten, sondern nur ein paar Bildserien: Astronomisch sind unsere Ergebnisse die folgenden:

Abb. von der Jugendexpedition in Russland

Auch für uns galt, was Encke schrieb „Eine Menge Liebhaber suchten in allen Ländern den Austritt so gut als möglich zu beobachten. Die Sternwarten unterstützten diese Bemühungen nach Kräften, und wo mehrere Astronomen angestellt waren, vertheilten sich diese in die nächste Umgebung, um nicht durch einzelne vorüber ziehende Wolken ihre Ziele vereitelt zu sehen.“ [ebenda]

Abb. von der Jugendexpedition in Norwegen

… und diese Bildserie vom 3. Kontakt wurde von einem erfahrenen Hobby-Astronom zuhause in Berlin-Baumschulenweg von Wolfgang Rothe aufgenommen:

Auf S. 123 stellt Encke in einer Fußnote fest: „Eine Zusammenstellung der optischen Erscheinungen bei den Berührungen nach verschiedenen Beobachtern findet sich in R ö h l ‚ s   M e r k w ü r d i g k e i t e n    v o n   d e n   D u r c h g ä n g e n   d e r   V e n u s.   G r e i f s w a l d   1768 …“, aber er beschreibt vorher auch selbst einige Kuriotäten ausgiebig, z.B. den Lomonossov-Effekt, gesehen durch verschiedene historische Beobachter, wiedergegeben in den Worten Enckes:

„Als sich die Venus dem Austritt näherte, sah W a r g e n t i n, daʃs Venus eine Oeffnung im Sonnenrande machte, indem ein zarter Lichtfaden, der zuvor den äuʃsern dem Austritte sich nähernden Rand der Venus umgeben hatte, im Augenblick in der Mitte zerriʃs, und seine Enden sich merklich voneinander zogen. Dieses nun mangelnde Licht war … das eigene directe Licht der Sonne; sonst hätte es nicht so schnell und deutlich verschwinden können. Mit einem stärkeren Fernrohre sah K l i n g e n s t i e r n a  den Lichtfaden drei Secunden später bersten.

[…]

bis Venus ungefähr bis auf ein Viertheil ausgetreten war, und da kam es ihm vor, als sähe er einen matten Glanz, wie beim Eintritt, um den Rand der Venus, der schon aus der Sonne gezogen war. Er sah wie ein schmaler Ring auʃserhalb der Sonne aus, welcher völlig zu dem THeile der Venus in der Sonne paʃste und ihn gleichsam ergänzte. (…) er schien ihm von der Venusatmosphäre herzurühren.“ (Encke 1822, S. 102)

Irgendwann war der Sonnenrad „so weit geöffnet, daʃs M a l l e t  sich einbildete, Venus gienge schon ein kleines Stück ausser dem Sonnenrande heraus. Man sah die Hörner der Sonne zwerchüber, und ein Glanz umgab die Venus, und zeigte ihre runde Gestalt ganz klar.“

Die mittlere Sonnenparallaxe bestimmt Encke dennoch „aus den sämtlichen Beobachtungen des Venusdurchganges von 1761″ sehr genau zu 8,“ 490525 und die Grenzen wären 8.“429813 — 8.“551237. (S. 143, ebenda)

 


Nachtrag vom 9. Juli:

Wie war das mit der Venusatmosphäre???

Oha! – Ich habe mir immer gewünscht, dass meine Posts die Wissenschaft voran bringen oder vielleicht sogar mal eine wissenschaftliche Diskussion lostreten bzw etwas zu einer solchen beitragen. Da war ich nur mal eine Woche offline und anschl bis über beide Ohren mit Abrechnungen und Sachberichten der Venustransit-Expeditionen beschäftigt und siehe: Offenbar ist das hier geschehen, denn Daniel Fischer hat in seinem SkyWeek-Blog dies nicht nur aufgegriffen, sondern erstens auch in der dt. Astronmiegeschichte-Mailingliste die Frage aufgeworfen und den Diskurs offenbar sogar schon internationalisiert, wie in seinem Blog zu lesen ist.

Wer die Venusatmosphäre entdeckt hat?

…tja, das habe ich mich auch schon oft gefragt. Jedenfalls haben viele der erfahrenen Beobachter von 1761 und 1769 diese Dinge beobachtet.

Im Buch von Andrea Wulf: „Die Jagd auf die Venus“, 2012 (Rezension erscheint in diesem Blog demnächst, nachdem der Gastbeitrag der Schülerin ein paar Klicks bekommen haben wird) wird der deutsche Astronom Silberschlag als Entdecker der Venusatmosphäre genannt.

Lomonossov beschreibt Frau Wulf als Astronomen, der seine Assis in die Petersburger Sternwarte schickte (auf deren Daten bezieht sich auch Encke) und der selbst zuhause privat beobachtet, weil er sich zuvor ausgiebig mit einem deutschen Gastbeobachter gestritten hatte. Frau Wulf als Historikerin wird das gut recherchiert haben, also ich würde ihr in diesem Detail Glauben schenken (wenngleich sie in dem populistischen Buch keine Quellen angibt).

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Wissenschaft, dass der Effekt einfach nach einer besonders charismatischen Person heißt oder nach jemandem, den man halt irgendwie ehren wollte, ohne dass dieser jemand der erste oder einzige war. Warum sollte das irgendwen überraschen? Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wieso Leute immer denken, dass die Sterne/ Effekte/ Phänomene nach dem ERSTbeobachter benannt werden: m.W. trifft das nur für Kometen und auch erst in der Neuzeit/ Moderne zu… aber ich schweife ab. O:-)

Lomonossov gleich das Namensgeberrecht abzusprechen, wie im Scherz vorgeschlagen wurde, wäre vielleicht ein bißchen übertrieben – nur, weil andere gleichzeitig das gleiche gesehen haben… Falls es überhaupt um eine Priorität gehen kann (*gesehen* haben’s gewiss alle „üblichen Verdächtigen“ ungefähr gleichzeitig: geht ja nicht anders), dann um die Priorität der wiss. Publikation – und darüber wird man wohl in Daniels Blog noch ein bißchen diskutieren können.

Encke gibt in seinen Schriften von 1822, 1824 und 1835 viele Hinweise auf Sammlungen von Originalbeobachtungen. Um die ging es mir hier, um die Beobachtungen mit moderner Amateur- und Schulausrüstung in Relationen zu setzen, so wie ich es nunmal meistens zu tun pflege und es typisch für mich ist. Die historischen Beobachtungen würde ich alle durchzugehen vorschlagen. Vielleicht schaffe ich ja davon ein bißchen was im Sommer – zur AG-Tagung im September in Hamburg werde ich ja darüber etwas erzählen.

 


 

Nachtrag vom September 2012: Video Doku zwei Schüler vom Gymnasium Josephinum, Hildesheim

Nachtrag vom 6.6.2013

Noch ein einzigartiges Bild aus Berlin:

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist durchaus möglich ….

    … die notgedrungen relativ kleinen Bilder im Text als Hyperlinks zu den Versionen in Originalgröße zu definieren. Man sollte von dieser Möglichkeit auch Gebrauch machen, denn in Bildchen der Größe wie hier sieht man gar nichts. Im dritten kann man ja noch nicht einmal den Text lesen.

  2. Grössenverhältnisse beeindruckend

    Erde und Venus sind ja etwa gleich gross. Die Venus als schwarzes Scheibchen vor der Sonne ist in etwa so gross wie ich Sonnenflecken in Erinnerung habe. Sonnenflecken sind damit so gross oder gar grösser als die Erde. Der Venustransit visualisiert also die Grössenverhaltnisse zwischen Venus/Erde und sichtbaren Sonnenerscheinungen wie Sonnenflecken oder Protuberanzen (die man ja bei Sonnenfinsternissen auch von blossem Auge sehen kann)

  3. @Martin Holzherr

    Erde und Venus sind ja etwa gleich gross. Die Venus als schwarzes Scheibchen vor der Sonne ist in etwa so gross wie ich Sonnenflecken in Erinnerung habe. Sonnenflecken sind damit so gross oder gar grösser als die Erde.

    Bei einem Venus-Transit ist aber die Venus nur etwa ein Drittel so weit von uns entfernt wie die Sonne. Ein Sonnenfleck, der so groß wie die Venus erscheint, ist also schon drei Mal so groß wie die Venus oder die Erde.

    Ja, mich beeindrucken auch die Dimensionen und die freigesetzte Energie. Was mich bei der Beobachtuing der Sonnenfinsternis am meisten beeindruckt hat, war die Tatsache, dass man wirklich mit bloßem Auge die Bewegung der Hmmelskörper relativ zueinander sehen konnte.

  4. Nachtrag

    Lomonossov-Effekt – Name und Beobachtung: man beachte meinen Nachtrag im Blog selbst (erschien mir als Kommentar zu lang).

    Danke an Daniel Fischer fürs Aufgreifen des Themas.

  5. @Susanne: Danke auch hier

    Danke nochmals für das Verlinken der Originalversion des dritten Bildes. Insbesondere der Text war für mich wichtig, weil der Urheber dort Details zur Aufnahmetechnik angegeben hat, aber natürlich interessieren mich auch die Resultate!

  6. Ein Zwischenbericht zu den Recherchen…

    … zu der Frage, wer 1761 was gesehen und als erster publiziert hat, ist gerade hier erschienen: Danach war von denen, die etwas sahen, das sie für einen Effekt der Venusatmosphäre hielten, Silberschlag der mit Abstand erste, der etwas veröffentlichte, gefolgt von Lomonossow mit viel mehr Details und Analyse und Röhl mit noch viel mehr Mathe und Physik.

    Alle waren sie Theorie-mäßig auf dem richtigen Weg, Refraktion in der Venus-Atmosphäre als Erklärung für das Licht an zu nehmen, dass sie jenseits des Sonnenrandes am Rand der Venus sahen. Nur bleibt bei sämtlichen mir bisher unter gekommenen Berichten die Frage offen, ob hier nicht doch nur kuriose Optikfehler und Seeingeffekte vorlagen: Die echte Venus-Aureole ist extrem zart, wie wir ja 2012 nun wieder erinnert wurden.

    Da in nächster Zeit keine Venustransits für weitere Experimente zur Verfügung stehen, bleiben m.E. nur End-to-End-Computer-Simulationen zur Nachstellung der damaligen Effekte – oder ein ‚Nachbau‘ auf einer optischen Bank. Solche Transit-Simulations-Maschinen hat man in 19. Jh. tatsächlich gebaut, um Beobachter für die Kontakt-Zeitnahmen zu trainieren: Vielleicht liegt ja noch eine irgendwo in einem Sternwartenkeller …

  7. @Daniel

    wer eine Venustransit-Simulationsmaschine hat, darf sie mir gerne melden und zur Verfügung stellen – das würde mich interessieren!
    An Computer-Simulation hab ich auch schon mal gedacht – aber da die VdS-Leute da schon mal gehörig was angefangen hatten, habe ich diese Idee damals nicht weiter verfolgt. Außerdem muss man eine Simulation m.E. auch mit der Realität vergleichen können (oder zumindest mit einem Experiment).

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