Die Spur des Sputnik

Hiermit eröffne ich eine neue Rubrik: „Bücher zur Kulturgeschichte der Astronomie“.

Die Spur des SputniksRelativ frisch auf dem Büchermarkt ist ein sehr gutes Buch zur Raumfahrt-Kulturgeschichte. Die Herausgeber Igor J. Polianski und Matthias Schwartz: der erste Akademischer Rat am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm; der zweite wissenschaftlicher Mitarbeiter am Osteuropa-Institut für Allg. und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Entsprechend schreibt das 349seitige Buch eine Geschichte, die den Start des ersten künstlichen Erdtrabanten in die Geschichte des Kommunismus und des Kalten Krieges kontextuiert. Ein buntes Autorenkonglomerat wird hier in weißem Einband gebunden und so illuster ist folglich der Inhalt des Buchs: Jede Autorin und jeder Autor – allesamt Fachleute auf ihrem jeweiligen Gebiet – erzählt eine andere Kulturgeschichte des Sputnik.

Da argumentiert Alexander C.T. Geppert (Zeithistoriker an der FU Berlin) anhand von Analysen der Science Fiction des beginnenden 20. Jahrhunderts provokativ, dass der Sputnik vielleicht gar nicht der Anfang, sondern das Ende der visionären Raumfahrtzeitalters gewesen sei. Auch eine mögliche, wahre und sehr interessante Sichtweise, wenn man sich – gestützt durch die Entwicklungs- und Prozessmodelle der Wirtschaftswissenschaften und Soziologie – bewusst ist, dass es immer schwierig ist, eine Innovation zu etablieren, solange noch niemand an sie glaubt. Simpel gesprochen: Es ist leicht, im Jahre 1970 jemandem vorzuschlagen, eine Mondrakete zu bauen, nachdem es sogar bereits Filmaufnahmen von funktionierenden Mondraketen gibt. Aber jemandem eine Mondrakete zu verkaufen, der bisher noch nicht einmal weiß, das eine Rakete nicht bloß ein ballistischer Silvester-Feuerwerkskörper ist; das ist schwierig. – Man denke nur an historische Beispiele wie die berühmte Biographie des jungen Hermann Oberth, dessen Ingenieursarbeit zur Entwicklung eines Raketentriebwerks als Doktorarbeit abgelehnt wurde, weil die greisen Gutachter die Ideen zu dessen Einsatz für utopisch hielten. Aus solchen Gründen argumentiert Geppert – übrigens in Anlehnung an keinen geringeren als Arthur C. Clarke – zu Recht, dass die großen Visionen, vor allem aus technischer und technologischer Sicht, naturgemäß vor dem Sputnik stattgefunden haben und nicht danach. Das stellt allerdings nicht in Abrede, dass der Sputnik in allen globen Gesellschaften gewaltige Spuren zog. Ja, sogar regelrechte Schneisen in Kulturen ferchte.

Der erste Herausgeber, Igor J. Polianski, ordnet das Erscheinen des „roten Mondes“ in die Geschichte der DDR ein: „von Sputnik und Trabis“ wird hier berichtet, wie der Sowjeterfolg sich instantan in die Propaganda und Kultur des „geteilten Himmels“ (Referenz auf Christa Wolf) über Deutschland, „dem Geburtsland des Planetariums und der V2-Rakete“ (S.95) niederschlug. Er beleuchtet so das Zustandekommen der technikverklärenden Kunststile des Kommunismus, die in den folgenden Abschnitten beleuchtet werden.

Unmittelbar daran anknüpfend folgt der Beitrag von Martin Sabrow (Direktor des Zentrums f. Zeithistorische Forschung, ZZF in Potsdam & Prof an der HU Berlin) über kommunistische Zukunftsdiskurse. Allgemein werden insbesondere um die Mitte des 20. Jahrhunderts von Zukunftszuversicht gesprochen. Sehr deutlich wird das wohl mit dem hier zitierten Slogan: „… Unmögliches schaffen wir sofort, Wunder dauern etwas länger.“ (zitiert auf S.122, Original in: Koch/Schüke: Himmel und Hölle zum Trotz ziehen Sputniks ihre Bahn, S.13)

Heike Delitz, Postdoktorandin in der Soziologie in Bamberg, präsentiert und diskutiert die unmittelbar sichtbaren Einflüsse der Raumfahrt auf die Architekturen des 20. Jahrhunderts. Betonschalen ermöglichen in den Architekturen von Ulrich Müther und anderen glatte Strukturen und runde Formen: hyperbolische Paraboloide bis hin zu Sphären. Sie führt dies zurück auf die Kongruenz zur Sputnik-Kugel und reiht auch den Ball des Berliner Fernsehturms am Alexanderplatz in diese Geschichte.

Julia Richers, Postdoktorandin am Lehrstuhl für Osteuropäische & Neue Allg. Geschichte in Basel, sieht den Sputnik in der Propagandamaschinerie als Symbol. Ihr Diskurs erörtert den iconic turn, der das 20. Jahrhundert durchzieht, also die Hinwendung der Massenmedien zu einer hohen Pikturalität: Bilder fungieren als Sprache und so wird auch der Sputnik auf allerhand zeitgenössischem Material – von Plakaten über Kinderspielzeug bis hin zu Wegweisern der Messen für Nachwuchsmeister – funktionalisiert.  

Ingo Schauermann, Doktorand am Institut für Kunstgeschichte in Gießen, stellt die sowjetische Selbstpräsentation auf großen Messen und Ausstellungen dar: die sowjetischen Weltraumpavillons auf den Weltausstellungen 1958 in Brüssel bis Osaka 1970 und auf zahlreichen Groß-Events in der Zwischenzeit.

In diesen kleinen Notizen konnte ich das gewaltige Spektrum des Buches nur anreißen: Vielleicht haben Sie ja Lust bekommen, es ebenfalls zu lesen – es lohnt sich!

Smile

Weitere Autoren sind: Angela Schwarz, Karsten Werth, Frank Hartmann, Birgit Menzel, Tomas Glanc, Luca diBlasi, Annett Jubara. Es gibt viele weitere Betrachtungen über die Spur des Sputniks in Literatur und als „ideengeschichtliches Abenteuer“, in ikonographische Spuren und politischen Semantiken.

Schlussendlich resümiert Rüdiger Zill, wissenschaftlicher Referent am Potsdamer Einstein-Forum, dass die Auswirkungen der Raumfahrt auf die Statur des Menschen uneindeutig bleiben: „Einerseits zeigt sich in ihr so deutlich wie nirgends sonst dioe Realtiät der Depersonalisierung, andererseits aber gibt sie den Ausblick auf eine Chance, den Ausblick auf einen Rückblick, auf eine Rückbesinnung des Menschen auf sich selbst.“ Damit schließt er beinahe an die populäre Sichtweise Sloterdijks an, der die Raumfahrt als Beginn eines Perspektivenwechsels hin zur (Außen)Sicht der Erde und zur Grünen Revolution der 1980er Jahre interpretiert.

 

Polianski, Schwartz (Hrsg), Spur des Sputnik, Campus Verlag, 2009
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da argumentiert Alexander C.T. Geppert (Zeithistoriker an der FU Berlin) anhand von Analysen der Science Fiction des beginnenden 20. Jahrhunderts provokativ, dass der Sputnik vielleicht gar nicht der Anfang, sondern das Ende der visionären Raumfahrtzeitalters gewesen sei. Auch eine mögliche, wahre und sehr interessante Sichtweise, wenn man sich – gestützt durch die Entwicklungs- und Prozessmodelle der Wirtschaftswissenschaften und Soziologie – bewusst ist, dass es immer schwierig ist, eine Innovation zu etablieren, solange noch niemand an sie glaubt. Simpel gesprochen: Es ist leicht, im Jahre 1970 jemandem vorzuschlagen, eine Mondrakete zu bauen, nachdem es sogar bereits Filmaufnahmen von funktionierenden Mondraketen gibt.

    Ich halte dies für zutreffend. Und ich frage mich manchmal, wenn ich die Raumfahrt gestern und heute vergleiche, ob uns denn sämtliche Visionäre abhanden gekommen sind und statt dessen Kosten – Nutzen Analysen an die Stelle traten.

    Interessant und aufschlussreich ist in dieser Hinsicht, wie schnell das Interesse am Apolloprojekt schwand, nachdem die Mondlandung realisiert worden war.

    Meiner Ansicht nach wurde schon mit der ISS eine unselige Entwicklung eingeschlagen, welche die bemannte Raumfahrt nur noch an ihrem unmittelbaren Nutzen qualifizierte.

    Das müssen schöne und aufregende Zeiten gewesen sein, die Zeiten des Sputniks. Da war noch echter Pioniergeist. Wo ist der geblieben ?

    Das Buch werde ich mir sicher besorgen, Danke für den Tipp !

    Das Buch werde ich mir bestellen.

  2. xytrblk meint: Ergreifende Erinnerung

    Liebe Susanne:
    Wir hatten ja schon einmal Kontakt im Rahmen der „Visite 2009“. Bei meiner aktuellen Tour durch das „Labyrinth der Scilogs“ ist mir das wieder eingefallen, und ich habe gleich ein wenig in deinen Beiträgen geschmökert.
    Astronomie hat mich ja schon als Kind interessiert, angeregt von meinem zeitweilig zur See fahrenden Vater. Deine Beiträge haben mir wieder viel Freude gemacht und Informationen gebracht.
    Natürlich spielt bei diesem meinem Besuch auch der Hintergedanke eine Rolle, interessanten Stoff (oder wenigstens Details) für mein aktuelles Roman-Projekt zu finden. Ich habe mich zu der Kühnheit durchgerungen, dies „öffentlich“ zu machen, also online im Internet: „http://www.hyperwriting.de/loader.php?pid=316 .
    Beim Schmökern auf deinem Blog stieß ich auf den vom 9. November, wo du dich an den Mauerfall erinnerst resp. solche Memorabilia reflektierst.
    Eigene Erinnerungen kamen hoch: Wie wir als Schüler im (damals, 1958, natürlich noch geteilten) Berlin in einem „Dia-Mat-Seminar“ ordentlich „aufgeklärt“ und „geschult“ wurden, was es mit der „Kommunistischen Weltrevolution“ so auf sich hat.
    Der kurze Ausflug in den Ost-Sektor war dann so gruselig, dass ich nach wenigen Minuten wieder umgekehrt bin. Eigentlich wollte ich – wg. Bert Brecht – das Theater am Schiffbauerdamm besuchen. Aber die martialisch-deprimierende Situation an und hinter der Grenze (die Mauer gab es 1958 ja noch nicht einmal) hat mich so geschockt, dass ich den Rückzug in die gefühlte Sicherheit des Westens aller Neugier auf Brecht vorgezogen habe.
    Diese antikommunistische Indoktrination hat übrigens auch dazu geführt, dass ich jedes Interesse an meine Geburtsstadt Leipzig verlor. Doch sobald die Mauer weg war – keimte in mir der starke Wunsch, Leipzig zu besuchen! Was ich dann im Mai 1990 auch tat. Ein sehr bewegendes und beeindruckendes Erlebnis, verbunden mit einem Schreib-Seminar am „Literatur-Institut“ (einstens, von der DDR-Führung, Johannes R. Becher gewidmet).
    So sieht erlebte Geschichte aus – Danke für deine aktuelle Anregung der Erinnerungen!
    Beste Grüße – Jürgen vom Scheidt

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