Sprachverfall in deutschen Wäldern

Ich bekomme nicht mehr soviel (physische und elektronische) Post von Sprachnörglern wie zu meinen besten Sprachnörglernörgler-Zeiten, aber zwei- bis dreimal im Monat bekomme ich immernoch E-Mails, und manchmal sogar Briefe, in denen mir besorgte Mitbürger eindringlichst den apokalyptischen Zustand der deutschen Sprache vor Augen führt und mich dann mehr oder weniger freundlich auffordern, meinen sprachwissenschaftlichen Häresien abzuschwören und mich endlich dem Kampf gegen die „Anglizismen“ und das „Denglisch“ anzuschließen.

Dabei argumentieren die Sprachnörgler häufig so klischeehaft, dass ich davon ausgehen muss, es mit hintergründigen Parodien zu tun zu haben. Bei dieser hier in Auszügen wiedergegebenen E-Mail bin ich mir nicht sicher:

Sehr geehrter Herr Professor,

Ihre Artikel auf der Spektrumseite lese ich mit Unwillen.

[Hier folgt eine Liste von Aussagen, die den Unwillen des Schreibers hervorgerufen haben.]

Statt ihre Position zu nutzen, um den immer schnelleren Verfall der detuschen [sic] Sprache zu bekämpfen, gefallen Sie sich in der Rolle des Experten, der verharmlost, verteidigt und sogar verherrlicht, was das Englische der Sprache Goethes und Schillers antut.

Statt „Schlußverkauf“ heißt es heute allerorten „Sale“, der Informationsschalter der Bahn heißt „Service Point“, […]

[Es folgt eine lange Liste von altbekannten „Anglizismen“ aus Funk und Fernsehen.]

Wußten Sie, daß deutsche Kinder nicht einmal mehr wissen, wie ein junges Reh heißt? Statt von „Rehkitzen“ sprechen sie von „Rehkids“!

Hassen Sie Deutschland so sehr? Können Sie damit leben, die deutsche Sprache zu verraten und zu verkaufen? Immerhin zahlen deren Sprecher Ihr Gehalt! Sind Sie es uns nicht schuldig, unsere Sprache zu bewahren und zu fördern.

Mit nachdenklichen Grüßen

Dipl.-Ing. [Name entfernt]

Die grundsätzliche Frage des Sprechers ist schnell beantwortet: Nein, ich bin es niemandem schuldig, die deutsche Sprache zu bewahren und zu fördern. Deren Sprecher zahlen mir mein Gehalt, um Lehre und Forschung im Bereich der anglistischen und der allgemeinen Sprachwissenschaft zu betreiben. Was ich mit meiner knapp bemessenen Freizeit anfange, bleibt mir selbst überlassen. Wenn ich sie nutze, um den Phantastereien der Sprachnörgler Tatsachen entgegenzusetzen, halte ich das im übrigen absolut mit meinem Amt für vereinbar.

Viel interessanter fand ich die Frage nach den Rehkitzen und Rehkids, denn das war mir tatsächlich bekannt und ich wollte sowieso etwas darüber schreiben.

Aufmerksam geworden bin ich auf die „Rehkids“ — wie vermutlich auch der Schreiber der E-Mail — durch diesen Beitrag im Kinderzeit-Blog der ZEIT aus der letzten Woche. Eine kurze Recherche ergab, dass die (nicht genannte) Quelle des Blogbeitrags vermutlich der „Jugendreport Natur 2010“ ist. In diesem Report werden Kindern und Jugendlichen Fragen über verschiedene Aspekte naturbezogenen Wissens gestellt und darunter war diesmal auch diese Frage mit diesen interessanten Antworten:

Rehkitz oder Rehkids

Zunächst ist klar, dass viele der Kinder hier Hirsche und Rehe in einen Topf werfen — die meisten der Antworten beziehen sich ja auf den Nachwuchs von letzteren, und die Antwort „Hirsche bekommen keine Kinder“ deutet möglicherweise darauf hin, dass Hirsche als männlich und Rehe als weiblich interpretiert werden.

Interessant sind auch die Antworten unter „Sonstige“: Frischling, Hirschling, Jüngling, Babyreh, Rehjunge, Ricke und Lamm. Den Autoren des Jugendreports (und mir) gefallen vor allem die Bildungen mit –ling.

Rehkitz oder Rehkids
Ein niedliches Rehkitz/Rehkid
© BS Turner Hof

Aber am interessantesten aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist ohne Zweifel die Tatsache, dass immerhin fünfzehn Prozent der befragten Kinder mit Kid/Rehkid antworteten. Um zu überprüfen, wie plausibel das ist, habe ich meine elfjährige Tochter gefragt, wie junge Rehe heißen, und tatsächlich hat sie spontan mit Rehkid geantwortet. Nach längerem Nachdenken kam sie dann doch noch auf Rehkitz, fand das Wort aber sehr merkwürdig.

Die Kinder und Jugendlichen im Jugendreport haben hier offensichtlich das gut etablierte und häufig verwendete englische Lehnwort Kid verwendet, um den viel selteneren Begriff Kitz, der auf die Jungtiere einiger wenig thematisierter Tiere (Rehe, Ziegen, Gämsen, Steinböcke) beschränkt ist, sprachlich aufzufrischen und neu zu motivieren.

Dieser Prozess nennt sich Alltagsetymologie oder Volksetymologie und er findet sich in der Sprachgeschichte immer wieder. Der Maulwurf zum Beispiel hieß eigentlich Muwerf („Hügelwerfer“), doch als das Wort Mu für „Hügel“ aus der deutschen Sprache verschwand, suchten die Sprecher/innen nach einer neuen Motivation für diesen Wortbestandteil und fanden ihn im Wort Maul. Dass der Maulwurf nicht seine Schnauze, sondern seine Krallen zum Graben und Werfen verwendet, behindert die erfolgreiche Verwendung dieses Wortes in keiner Weise, und ebensowenig würde das Wort Rehkid der Verständigung oder der deutschen Sprache Schaden zufügen.

Insofern kann ich tatsächlich auch hier nur verharmlosen (das Deutsche würde es überstehen, wenn das Wort sich allgemein durchsetzen würde), verteidigen (das Englische kann nichts dafür) und sogar verherrlichen (Sprache lebt und entwickelt sich weiter, und Kinder und deren Wunsch nach sprachlicher Logik und Transparenz spielen dabei eine unverzichtbare und bewunderswerte Rolle).

Im großen Plan der Dinge spielt es ohnehin keine Rolle, ob wir von Kids oder Kitzen sprechen; beide Wörter haben die selbe Wurzel — das alte germanische Wort *kidja, mit dem jedes Tierjunge bezeichnet wurde.

 

Brämer, Rainer (2010) Natur: Vergessen? Erste Befunde des Jugendreports Natur 2010. Bonn: Deutscher Jagdschutz-Verband & Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.
[Link (PDF)]

Redaktion KinderZEIT (2010) Wrongschreibmistake?!, Zeit.de, 26. Oktober 2010 [Link]

Bildnachweis: © BS Thurner Hof, GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2. [Link]

 

©2010, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

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  1. aussprache

    nett, rehkids gefällt mir 🙂

    vielleicht kommt zusätzlich der wahrscheinlich deutlich weniger stimmhafte obstruent im deutschen der reh-interpretation entgegen ([kɪdz] vs. [kɪts]).

    aus reiner neugierde, empfinden sie in der aussprache ihrer tochter einen unterschied zwischen kids und kitz? (oder in ähnlichen, gut integrierten paaren, vielleicht blog/block? insbesondere im vergleich zu nicht-lehnwort paaren z.b. rat (von raten, nicht die englische ratte :))/rad).

  2. @ Kalb/Kitz

    Ich will ja nicht meckern – aber das auf dem Bild kommt mir für ein Kitz zu gross und zu stämmig vor. Ist nach nicht eher ein (Hirsch-)kalb?

  3. Die Auswertung der Grafik ergibt außerdem ja noch, dass die Varianten von „Kitz“ häufiger auftauchen als „Kid“. Das widerspricht ja der Aussage des Briefes, dass „die“ Kinder das heute so sagen.
    Außerdem ist die Volksetymologie hier ja auch, wie im Anschluss erwähnt, treffender als beim Maulwurf. Dieser erweckt schließlich einen falschen Eindruck, wohingegen das „Rehkid“ in seiner Bedeutung passend bleibt.

  4. > und die Antwort „Hirsche bekommen keine Kinder“ deutet möglicherweise darauf hin, dass Hirsche als männlich und Rehe als weiblich interpretiert werden.

    Oder aber es bedeutet, dass die so Antwortenden „Kind“ nur für menschlichen Nachwuchs verwenden.

  5. Auslautverhärtung, Hirsche, kluge Jugend

    @Jan: Sie hat tatsächlich das [t] am Wortende von Rehkid stimmhafter ausgesprochen als es bei einem deutschen Wort der Fall gewesen wäre (es war so eine Art [ḍ], wenn der Punkt unter dem d ein Kreis wäre, wofür ich keinen HTML-Ausdruck gefunden habe), was darauf hindeuten könnte, dass ihr der Lehnwortstatus des Wortbestandteils Kid bewusst ist. Bevor sie dann auf Rehkitz kam, hat sie noch Rehkit mit vollständiger Auslautverhärtung ausprobiert.

    @Helmut Wicht: Richtig! Das war mein Versuch bildsemiotischer Subversion (siehe die Frage, die die Kinder im Naturreport beantworten sollten), aber einen Anatomen kann ich mit solchen Albereien natürlich nicht an der Nase herumführen. Es ist ein Rothirschkalb.

    @Carsten: Ich vermute, der Briefschreiber bezog sich auf den Blogbeitrag in der KinderZEIT, da der aktueller ist als der Jugendreport. Und in dem Blogbeitrag antworten ALLE Kinder mit „Rehkid“. In der Tat finde ich es auch eher erstaunlich, wie viel die Kinder/Jugendlichen im Jugendreport Natur tatsächlich wissen. Ich könnte die Hälfte der Fragen nicht beantworten.

  6. Und wie heißen die Eltern des Kitz‘?

    Rehmom und Rehdäd?

    Hm. Der Däd ist wohl ein Rehbock. Aber bei der Mom stehe ich auf dem Schlauch. Ich hätte spontan auf Fähe getippt, entnehme aber Wikipedia, dass mit Fähe ein weibliches Hundeartiges bezeichnet wird. Das hätte ich nicht gedacht. Weitere Recherche zeigt: Das richtige Wort ist die im Artikel bereits erwähnte Ricke. Ein Glück, dass mich das nie einer gefragt hat.

    Rehe gehören übrigens zur Familie der Hirsche (cervidae). Damit kann man sich zur Not immer herausreden, wenn man im Gespräch mit einem Waidmann mal Hirsche und Rehe verwechselt hat.

  7. Was genau ist ein Anglizismus?

    Wenn das Wort Kids auf „…das alte germanische Wort *kidja, mit dem jedes Tierjunge bezeichnet wurde.“ zurückgeht ist es ja eigentlich gar kein Anglizismus, oder?

  8. Ach du meine Goethe

    … man kann ja nur froh sein, dass es keine Verpflichtung gibt, wie Goethe und Schiller zu schreiben oder gar zu sprechen (letzteres dürfte weit weniger dokumentiert sein). Schließlich sind die beiden schon ziemlich lange unter der Erde und keiner benutzt heute mehr die „Sprache Goethes und Schillers“

  9. Sprachverfall

    Aus meiner Sicht sollte sich in Deutschland ein Beispiel an der Académie Francais nehmen, die seit Jahren erfolgreich die französische Sprache fördert. Mit dem Erfolg, dass in Frankreich auch bei der Jugend „fenglish“ nicht mehr „in“ ist.

  10. Bambi

    Ein grosser Irrtum ist ja schließlich in einigen Fällen, dass „Bambi“ ein Reh ist. So lernen es unsere Kid`s (Kitze?). M.E. nach ist in den Einstellungen mit dem Vater eindeutig ein Hirsch zu sehen. Daraus folgt, dass Rehe die Kinder von Hirschen sind. Walt Disney sei Dank.

  11. @panttivanki

    „Hirsch“ ist „definitiv“ eine „Familie“ von Tieren, die mehrere Arten umfasst. Unter anderem auch diese gefleckte hier. Nicht alles, was weiße Punkte drauf hat, ist automatisch ein Kalb.

  12. @ panntivanki

    Sie befinden sich im Irrtum. Auch die Kälber des Dam- und Rotwildes tragen Flecken.

  13. Bambi – ein Kuckucksei?

    @ Thomas: Mir fiel natürlich auch sofort Bambi ein. Die Tatsache, dass Bambis Vater ein Weißwedelhirsch ist („The Great King of the Forest“), lässt wohl aber gar nicht auf ein Drama der erwachsenen Art schließen, sondern wirklich nur darauf, dass Bambi eben ein Hirschkalb ist und wohl auch so gemeint war. Die Frage ist jetzt, wie Bambi zum Prototyp eines Rehs werden konnte? Da muss schon seit langem ein folk model von Rehen und Hirschen existieren, das beide Arten zu einer macht. Das könnte man dann aber wohl (leider) nicht Disney in die Schuhe schieben.

    Außerdem dachte ich, dass Bambi für unsere Kinder nun wirklich nicht mehr präsent sein könne. Die erinnern sich ja kaum noch an Nemo und haben schon wieder alles über Clownsfische und Seeanemonen vergessen. Aber weit gefehlt: Ich habe die Naturreport-Frage meinem Sohn (9) gestellt. Seine Antwort auf die Frage, wie das Kind/Jungtier vom Hirsch heißt, war ein leicht unsicheres „Reh?“. Nachdem ich dann die tatsächlichen Verhältnisse und Bezeichnungen klargestellt hatte, meinte er als erstes: „Schüsch, dann ist Bambi ja die totale Verarschung!“

    Zusammenfassend ergibt sich ein merkwürdiges Bild: Disney ist nicht (allein) schuld am Halbwissen unserer Kinder. Trotzdem sind auch sie bereit, Disney als Schuldigen zu entlarven. Und das in einem Deutsch, das, wenn es bis zu den Sprachnörglern vordränge, sie bis ins Mark erschrecken würde („schüsch“!).

  14. wg. Bambi

    In Felix Saltens Roman ist Bambi ein Reh, Walt Disney änderte dies, da Weißwedelhirsche in den USA weiter verbreitet sind als europäische Waldrehe [d’uh]. Im Film ist Bambi das Kalb einer Hirschkuh und damit der Sohn des obersten Weißwedelhirsches und daher sein Nachfolger.

  15. Vergessen

    Ich habe die deutsche Synchro des Disney-Films Bambi zwar schon sehr lange nicht mehr gehört, meine mich aber zu erinnern, dass dort wieder ‚Reh‘ eingesetzt wurde, weil die Kinder damals noch Bücher gelesen haben und daher den Salten kannten.

  16. @DrNI@AM

    Neben der Zeit ist ja auch noch der Ort zu berücksichtigen. Leider blieben mir die selbsternannten „Beschützer der Sprache Goethes und Schillers“ aber immer eine Antwort auf die Frage schuldig, welchen der beiden Dialekte wir zukünftig denn nun sprechen (und schreiben) sollen…

  17. Sprachnörgleur

    @welldent05: Nö, sollte es nicht. Aber ich kanns nicht lassen: Wenn schon besserwissern, dann bitte auch recht haben. Es heißt also ‚Académie française‘. Und was ist ‚fenglish‘? Französisch ist es nicht, weil der entsprechende Kampfbegriff dort ‚franglais‘ heißt. Englisch ist es auch nicht, weil es klein geschrieben ist. Und bevor Sie fragen: ‚Besserwissern‘ ist vielleicht ein Neologismus – so what?

  18. Bambi

    @Juliana

    Der Bezug war eigentlich mehr ironisch gemeint, allerdings ist Bambi immer noch für die Kinder präsent und sei es nur weil die Eltern den Film lieben.
    Aber zu Disney und Pixar und den Anderen sei gesagt, ohne ihnen die Schuld am Halbwissen zu geben, die Kinder, die nur vor der „Glotze“ sitzen, glauben dann wirklich an vegetarische Haie (Nemo) oder eben an das Reh als Kind vom Hirsch.

  19. Rehkids

    Sehr geehrter Herr Professor Stefanowitsch,

    Ihre Blogartikel, die seriöse linguistische Betrachtungen und aktuelle Themen stets elegant verbinden, schätze ich sehr. Ihr letzter Beitrag „Sprachverfall in deutschen Wäldern“ verwundert mich allerdings – und reizt mich zum Widerspruch.
    Übertriebene Ängste hinsichtlich des anglizismengetriebenen sprachlichen Kulturverfalls sind oft- übertrieben eben und können Gegenstand eines ironischen Diskurses sein. Auch wenn der Buchstabendreher in der detuschen Sprache so lustig ist und der Briefschreiber sich drastisch im Ton vergreift und in seiner Argumentation strauchelt: Natürlich ist die Besinnung auf Tatsachen immer richtig, dennoch beantworten sich mir einige Fragen nicht:

    – Warum ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht, „die Tatsache, dass immerhin fünfzehn Prozent der befragten Kinder mit Kid/Rehkid antworteten“ „am interessantesten“?
    – Die Situation, dass ein Kind ein deutsches Wort „sehr merkwürdig“ findet, dürfte öfter vorkommen. Ich würde meinen, eine Erklärung des „richtigen“ Ausdrucks wäre in diesem Fall die angemessene Reaktion.

    – In welcher Hinsicht erfolgt durch eine – und sei es kindliche – Fehlverwendung eines Wortes („Kid“) eine „Auffrischung“ und „Neumotivierung“ eines andern Wortes („Kitz“)?

    Die volksetymologische Analogie zwischen „Maulwurf“ und „Rehkid“ entzieht sich mir. Den Wortbestandteil „mu“ gab es nicht mehr, das „Kitz“ gibt es noch – auch wenn es „wenig thematisiert“ wird.

    Ein Wort „Rehkid“ wird zweifelsohne verstanden und dass es „der deutschen Sprache Schaden zufügen“ könnte, kann nicht gesagt werden. Man müsste ja auch wissen, was konkret der Fall sein muss, damit eine Sprache beschädigt wird.

    Als Anglist glaube ich nicht, dass im vorliegenden Fall das Englische verteidigt werden muss. Allerdings vermisse ich das Akkusativobjekt bei „verherrlichen“. Was genau wird verherrlicht? Dass Sprache „lebt“ ist schon klar.

    Am meisten verwundert mich, dass Sie angesichts eines „großen Plans der Dinge“( welcher ist das – zumindest sprachphilosophisch gesehen?) rein linguistisch den Aspekt der konnotativen Beiwerte/Unterschiede komplett aussparen. Dass ein solcher zwischen „Kids“ und „Kindern“ (oder auch: Kitzen …) besteht, ist m.E. für den Unwillen des Mail-Autoren hauptsächliche Ursache.

    Dr. Andreas Cyffka

  20. Bambi, Volksetymologie

    @Thomas, Juliana: Interessant ist doch, dass die Kinder, die mit „Bambi“ geantwortet haben, versehentlich richtig lagen. Sie hielten Bambi für ein Reh und Rehe für die Kinder von Hirschen und haben deshalb das Wort Bambi völlig korrekt für das Kind eines Hirsches verwendet.

    @ Dr. Andreas Cyffka: Die „Tatsache, dass immerhin fünfzehn Prozent der befragten Kinder mit Kid/Rehkid antworteten“ ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht deshalb „am interessantesten“, weil die anderen Antworten aus sprachwissenschaftlicher Sicht relativ uninteressant sind.

    Die Analogie zwischen Muwerf/Maulwurf und Rehkitz/Rehkid besteht darin, dass es sich in beiden Fällen um Volksetymologie handelt, also ein semantisch nicht mehr transparenter Wortteil durch einen ähnlich klingenden und semantisch passenden ersetzt wird. Dafür ist es nicht notwendig, dass der betroffene Wortteil aus der Sprache verschwunden ist, sondern nur, dass er nicht mehr vertraut und nicht mehr analysierbar ist.

    Mit meinem letzten Absatz meine ich hier nichts weiter, als dass das Wort Rehkid etymologisch aus genau denselben Morphemen besteht wie das Wort Rehkitz, nähmlich *raiha- “gesprenkelt” und *kidja “Tierjunges”. Welche Wege diese beiden germanischen Wurzeln verschiedene Wege durch verschiedene Sprachen genommenen haben und welche Konnotationen sie dabei eingesammelt haben, ist im Detail interessant, aber im „großen Plan der Dinge“ ziemlich egal.

    Am Ende fließen alle Morpheme ineinander, und aus der Mitte entspringt ein Wort.

  21. Sprachpositivismus?

    Einerseits gerieren Sie sich als Vertreter eines Sprachpositivismus, der alles was entsteht, schon deshalb gut findet, weil es entstanden ist. Rehkids? Ist doch wunderschön, Hauptsache kein normatives Eingreifen in das frei Spiel der Sprachentwicklung.

    Andererseits treten Sie für politisch korrekte Sprache ein, ändern nach eigener Aussage beim Vorlesen den Text in Kinderbüchern und bezeichnen jeden, der nicht geschlechtsneutral formuliert, als Reaktionär.

    Also sind auch Sie offenbar für Normen und für Eingreifen in die Entwicklung der Sprache, es kommt Ihnen nur auf den Standpunkt an.

    Wer sich für Sprachpflege einsetzt, den verspotten Sie. Wer sich über politisch korrekte Sprache lustig macht oder sie verweigert, den kritisieren Sie. Beides geht natürlich zusammen, aber doch wohl kaum unter der Prämisse der freien Sprachentwicklung.

  22. Reh und Hirsch

    Dass bei diesen Waldtieren mit den Geweihen die Hirsche die Männer und die Rehe die Frauen sind, war uns im Grundschulalter am Rand des Wildgeheges sonnenklar. Bis die blöden Erwachsenen mit dem dezenten Hinweis auf Hirsche ohne und Rehe mit Geweih diese Überzuegung zu Fall brachten und alles wie immer viel komplizierter machten.

  23. @Gregor

    Um die Sprache müssen wir uns keine Gedanken machen, um den Umgang mit unseren Mitmenschen schon. Der Widerspruch existiert also nur in Ihrer Phantasie.

    Und jetzt schnell zurück ins VDS-Forum.

  24. Keine Gedanken über die Sprache?

    Sie machen Sich doch dauernd Gedanken über Sprache, sowohl hier als vermutlich auch in Ihrem Beruf.

    Gedanken machen sollte man sich über alles, was man tut.

    Da Sie Ihrem Blog das originelle Motto „Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus“ voranstellen, schlussfolgere ich daraus, daß für Sie die Sprachpuristen nicht zum Volk gehören (sondern abgehobene, nationalistische Spinner sind), die Vertreter der PC-Sprache hingegen schon.

    Da hakt es doch irgendwo. Nur in meiner Phantasie?

  25. @Gregor

    Hm. Wo Sie da einen Widerspruch sehen, ist mir (und vielen anderen hier vermutlich auch) vollkommen schleierhaft.

    Der Spruch bedeutet doch lediglich, dass die Sprachgemeinschaft mit Millionen von Mitgliedern jeden Tag abermillionen und -milliarden Mal beweist, dass Sprache nirgendwo anders herkommt, als aus der Sprachgemeinschaft selbst. Ergo: an jedwedem Sprachgebrauch (inkl. jedem eventuell verschmähten Wandel) sind ALLE beteiligt, die die Sprache benutzen, von, wie Sie sagen, „Sprachpositivisten“ bis „Sprachpuristen“.

    Dass einige Mitglieder der Sprachgemeinschaft versuchen, Feldzüge gegen irgendeine Änderung oder Wandel anzuführen, disqualifiziert sie nicht als Teil des „Sprachvolks“.

    Übrigens: Sprachpflege und Sprachpurismus ist nicht notwendigerweise synonym zu verstehen, obgleich oft und gerne so hingestellt.

  26. @suz

    Dieser Position kann ich mich anschließen. Ich finde diesen Blog durchaus interessant und relevant und obwohl ich persönlich durchaus für eine behutsame Sprachpflege bin, kann ich vieles, was hier gesagt wird, nachvollziehen.

    Ich finde nur, dass A.S. zwei Rollen einnimmt, die er aus meiner Sicht etwas sauberer trennen sollte.

    Einerseits tritt er uns als der entspannte Sprachexperte entgegen, der übereifrigen Sprachpuristen die Sinnlosigkeit ihres Treibens auf wissenschaftlich fundierte Weise vorhält.

    Andererseits ist er selbst engagierter Sprachpolitiker, der bestimmte Positionen zum Thema Sprache von seinen Normen her polemisch kritisiert und andere positiv darstellt.

    Beides ist legitim. Allerdings fände ich es fairer, wenn er offen sagen würde „ich lehne von meiner gesellschaftspolitischen Position her das Bemühen ab, die deutsche Sprache von Anglizismen zu reinigen, weil dieses Bestreben historisch oft mit nationalistischem Gedankengut gepaart war und bin für eine politisch korrekte Sprache, weil diese Diskriminierung entgegenwirken kann“ (oder so ähnlich). Anstatt dessen wechselt er je nach Bedarf zwischen der Rolle des neutralen Experten, der das Tun anderer analysiert, und des Sprachpolitikers, der uns seine eigene Meinung unterjubeln will.

  27. Gregor,

    Beides ist legitim. Allerdings fände ich es fairer, wenn er offen sagen würde „ich lehne von meiner gesellschaftspolitischen Position her das Bemühen ab, die deutsche Sprache von Anglizismen zu reinigen, weil dieses Bestreben historisch oft mit nationalistischem Gedankengut gepaart war

    das ist doch völliger Unsinn. Man sollte die „Reinigung von Anglizismen“ deshalb nicht für sinnvoll halten, weil sie es nicht ist. Es gibt nicht einen wissenschaftlich fundierten Grund, der gegen die Übernahme von Wörtern aus dem Englischen spricht. Ihnen gefällt das vielleicht nicht und das dürfen Sie auch gerne kundtun, aber es bleibt halt doch Ihre persönliche Meinung, solange Sie nicht mit Fakten aufwarten können.

    Was hat das mit „Nationalismus“ zu tun? Ich war damals nicht aktiv, aber ich habe bisher auch noch nichts von großen Anti-Anglizismus-Kampagnen unter Hitler gehört. Vielleicht können Sie mich ja aufklären.

    des Sprachpolitikers, der uns seine eigene Meinung unterjubeln will.

    Wenn ich also sage, dass Neger ein Wort ist, das ich meinen Kindern nicht vorlesen wollen würde, ist das genauso eine „eigene Meinung“ wie wenn Sie sagen, dass Rehkids Ihnen als Wort für Rehkitze nicht gefällt? Alles nur „eigene Meinung“? Da sehen Sie keinen Unterschied?

  28. Bambi und Sprachkultur

    Auch wenn ich im „erlauchten Wissenschaftlerkreis“ eigentlich nichts zu suchen habe, eine kleine Verteidigung für den Autor (obwohl er es nicht nötig hat) aus meiner Sicht.
    Ich lese seine Artikel gern, weil ich die deutsche Sprache liebe, aber Veränderungen, die aus „Volkes Mund“ kommen nicht gleich als Angriff auf diese sehe.
    An den Artikeln von A.S. gefällt mir am Besten, der leichte Umgang mit den Veränderungen, der unsere Sprache nun mal unterliegt.
    Man muss die Sprache auch lieben und nicht nur studieren.

  29. @Gareth

    Die Aussage „es gibt nicht einen wissenschaftlich fundierten Grund, der gegen die Übernahme von Wörtern aus dem Englischen spricht“ ist irrelevant. Sprache wird von Menschen gesprochen und die tun sehr vieles ohne dafür wissenschaftliche Gründe zu haben. Es gibt auch keinen wissenschaftlichen Grund, das Oktoberfest zu besuchen und dennoch gehen viele hin. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Gründe dafür, Anglizismen zu benutzen.

    Sinnvoll wäre die Aussage, dass es keine Garantie dafür gibt, dass irgendeine aktive Beeinflussung der Sprache langfristig Wirkung zeigt. Es gibt Beispiele, dass Fremdwörter durch deutsche erfolgreich ersetzt wurden (Fernseher, Flugzeug), es gibt Beispiele, dass Fremdwörter eingedeutscht wurden und nicht mehr als solche erkannt werden (Dusche) und es gibt auch Beispiele, dass ein deutsches Wort und ein Fremdwort nebeneinander existieren, z. Beispiel „Foto“ und „Lichtbild“, wobei (zumindest für mich) „Foto“ ein normaler Begriff ist und „Lichtbild“ ein gespreiztes Bürokratenwort.

    Wenn man aber auch nicht von vornherein sagen kann, ob der Versuch einer Einwirkung auf die Sprache erfolgreich ist oder nicht, heißt das aber noch lange nicht, dass dieser Versuch deswegen sinnlos oder illegitim ist. Das gilt übrigens auch für PC-Sprache. Auch hier sind die Argumente normativ, nicht sprachwissenschaftlich, was aber nicht heißt, dass man es nicht dennoch versuchen kann. Wie suz weiter oben zu recht sagte: „an jedwedem Sprachgebrauch (inkl. jedem eventuell verschmähten Wandel) sind ALLE beteiligt, die die Sprache benutzen“. Nur wissen weder Sie noch ich, wer sich am Ende durchsetzt.

    Ihre Polemik über Nazis und Anglizismen ist so billig, dass ich mich schon wundern muß. Natürlich ist es uns beiden klar, dass Anglizismen im Deutschen in den 30er Jahren kein Thema waren. Dennoch gehört es natürlich zu den Erzählungen über diese Zeit, dass damals eifernde Sprachpuristen am Werk waren und nach Wörtern mit griechischen, lateinischen und französischen Wurzeln fahndeten. Unter anderem wird immer wieder der ominöse „Gesichtserker“ aufgeführt, den die Nazis angeblich anstatt der „fremden“ Nase einführen wollten. Wobei dieser Gesichtserker genau so ein Mythos ist wie die zahlreichen Eskimo-Wörter für Schnee. Von den Nazis habe ich übrigens auch nicht gesprochen, die haben Sie ins Spiel gebracht. Würden Sie sich in Geschichte ein bisschen auskennen, hätten Sie ja den „Turnvater“ Jahn und seinen Kampf gegen „welsche“ Begriffe in der deutschen Sprache anführen können. Natürlich kann es einen Zusammenhang zwischen übersteigertem Sprachpurismus und Nationalismus geben. Und das wiederum verführt viele, die ihr antinationales Profil pflegen wollen, dazu, als Überreaktion jegliche Sprachkritik zu verspotten und zu delegitimieren.

    PC-Sprache ist in meinen Augen tatsächlich in erster Linie ein Instrument, um sich über die Mitmenschen zu erheben, die sie nicht benutzen wollen. Und zwar nicht über Neonazis und Ku-Klux-Klan-Mitglieder (mit denen unterhält man sich ja eher selten und sie werden sich von PC kaum beeindrucken lassen). Sondern über Menschen, die ebenfalls nicht diskriminieren wollen, aber anzweifeln, dass sprachliche Verrenkungen dabei behilflich sind. Es geht dabei nicht um ein Verbot von eindeutig beleidigenden Begriffen wie „Nigger“, „Kanaken“ oder „Pollacken“. Sondern um Wörter, wie „Neger“, die bei uns ursprünglich das vorherrschende und nicht negativ konnotierte Wort für Menschen schwarzer Hautfarbe waren. In den USA mag „negro“ durch seine Nähe zu „nigger“, einen Beigeschmack haben. Bei uns nicht. Im Russischen gibt es für „Jude“ den wertneutralen Begriff „jewrej“ und das eindeutig diskriminierende Schimpfwort „shid“. Im Polnischen ist „zyd“ das korrekte Wort für „Jude“ und hat keinen abwertenden Beigeschmack. Sollen die Polen jetzt ein neues Wort suchen, wegen der Parallele zu Russischen? Ich sage übrigens auch nicht mehr „Neger“, aber nicht aus Überzeugung, sondern weil nach einer erfolgreichen negativen Neubewertung dieses Wortes es bei uns wirklich nur noch von Rassisten gebraucht wird. Aber: Wie soll ich mich ausdrücken, wenn die Sprachsituation es erfordert, dass ich einen schwarzhäutigen Menschen, den ich auf der Straße sehe, benenne? Afroamerikaner? Vielleicht kommt er ja nicht aus den USA. Afrodeutscher? Vielleicht ist er ja ein Tourist aus einem afrikanischen Land – aber aus welchem? Afrikaner? Vielleicht ist er ja Afrotscheche auf der Durchreise? Schwarzer? Aber das ist ja das gleiche wie „Neger“.

  30. Hm…

    @Thomas: „Erlauchte Wissenschaftler“? Wo? Ich will auch mal einen sehen…

    @Gregor, Ihre detaillierten Nachfragen verdienen vielleicht doch noch einmal eine detailliertere und weniger polemische Antwort, als ich sie Ihnen oben gegeben habe. Ich versuche, diese in Form eines kurzen Blogbeitrags in den nächsten Tagen nachzuliefern.

    Nur eins Vorweg: „Schwarzer“ ist nicht das gleiche wie „Neger“. Das ist ein etymologischer Fehlschluss:

    http://www.iaas.uni-bremen.de/…notativen-leiter/

  31. @ A.S.

    Vielen Dank, ich bin gespannt!

    Die Theorie vom Galanteriespiel ist in der Tat faszinierend.

    Vielleicht liegt das Problem wirklich in den Umbruchzeiten, in denen manche Sprecher eine Stufe höher klettern und andere auffordern, es ihnen nachzutun. Nicht alle sehen diese Notwendigkeit.

    Ich zum Beispiel beim Begriffspaar Friseuse/Friseurin. Ich erkenne die Absicht dahinter, aber ich habe keine Lust, das Spiel mitzumachen. Es gibt ja auch negative Klischees über Lehrer, Ärzte, Polizisten, Journalisten, Politiker, Müllmänner. Wenn die nun auch alle einen „galanteren“ Begriff für ihren Beruf einfordern?

    Andererseits gewöhnt man sich mit der Zeit an neue Begriffe, z. B. „Azubi“, was zu erst auch auf Widerwillen gestoßen ist.

    (Ich beziehe mich auf den Inhalt des Textes, den A.S. hier verlinkt hat)

  32. @ Gregor

    Es geht dabei nicht um ein Verbot von eindeutig beleidigenden Begriffen wie „Nigger“, „Kanaken“ oder „Pollacken“. Sondern um Wörter, wie „Neger“, die bei uns ursprünglich das vorherrschende und nicht negativ konnotierte Wort für Menschen schwarzer Hautfarbe waren.

    Das habe ich auch nie verstanden, warum das plötzlich zum Schimpfwort wurde. Für mich war das ein ähnliches Wort wie Asiate oder Europäer. Eine Bezeichnung und keine Beleidigung.

  33. @ Gregor

    „Es geht dabei nicht um ein Verbot von eindeutig beleidigenden Begriffen wie „Nigger“, „Kanaken“ oder „Pollacken“. Sondern um Wörter, wie „Neger“, die bei uns ursprünglich das vorherrschende und nicht negativ konnotierte Wort für Menschen schwarzer Hautfarbe waren.“

    Schließlich und endlich müssen wir uns ja auch mal fragen, als was wollen die Betroffenen denn bezeichnet werden.
    Es gibt im Deutschen behördlicherseits die, politisch angeblich korrekte, unsägliche Wortschöpfung „Bürger mit Migrationshintergrund“, sind das also Migranten oder Migrationshintergründler und woran erkenne ich, dass es sich um einen solchen und nicht um einen echten, sagen wir mal Sudanesen, handelt.Da ich ihm das (also die Staatsangehörigkeit) nicht ansehe, das Wort „Farbiger“ diskriminierend ist, „Neger“ eine rechtslastige Bedeutung hat und mir keine andere Bezeichnung einfällt – bleibt nur ignorieren. Dann bin ich im besten Falle nur unhöflich.
    Wenn ich ihn aber frage, bekomme ich eventuell die Antwort „Negro“ oder „Négre“. Dann bin ich natürlich aus dem Schneider, denn dann ist er der politisch Unkorrekte.

  34. @Gregor

    Zu Gareths Verteidigung möchte ich anführen, dass ich Ihren „Vorschlag“, wie ein Sprachwissenschaftlicher „ehrlicher“ sagen sollte, auch in diese Richtung gehend verstanden habe, obwohl ich die Parallele zu den Nazis nicht ziehen möchte.

    Meine erste Reaktion war, dass Sie mit Ihrem Vorschlag, ein Sprachwissenschaftler sollte aufgrund seiner

    „gesellschaftspolitischen Position her das Bemühen [ablehnen], die deutsche Sprache von Anglizismen zu reinigen, weil dieses Bestreben historisch oft mit nationalistischem Gedankengut gepaart war und bin für eine politisch korrekte Sprache, weil diese Diskriminierung entgegenwirken kann“

    genau den Fehler machen, den Anglizismengegner oft machen: die (polemische) Sprachkritik geht davon aus, dass Anglizismenfreunde unter anderem deshalb Anglizismen benutzen, weil sie sich irgendwem „unterwerfen“ (wollen). Und dann wird eben die Schlussfolgerung gezogen, dass jeder, der Anglizismen entspannt beobachtet, dieses deshalb tut, weil man sich dem Vorwurf des Nationalismus nicht aussetzen möchte. Das ist natürlich Unsinn.

    Möglicherweise haben Sie den Satz „Es gibt keinen wissenschaftlichen fundierten Grund…“ auch missverstanden: er bedeutet, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Anglizismen unserer Sprache schaden. Im Gegenteil: Deutsch ist sogar sehr robust und „integriert“ Lehnwörter sehr schnell ein. „Wir haben etwas downgeloadet/gedownloadet“ ist nach deutschen Mustern begeugt.

    Und zu meiner eigenen Verteidigung möchte ich sagen, dass Sie mich aus dem Zusammenhang gerissen zitiert haben. Mit „Alle sind am Sprachgebrauch beteiligt“ bezog ich mich auf die Diskussion um den Spruch des Blogs (‚Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus‘) und die Frage, ob es Sprachpuristen und -kritiker einschließt. Natürlich. Und was ich damit noch sagen wollte: auch Sprachpuristen und Wandelapokalyptiker sind am Sprachwandel beteiligt, ob sie’s wahr haben wollen oder nicht.

    Das ist aber völlig verschieden von der Frage, ob man es der Sprachgemeinschaft überlassen darf/sollte, über Sprachgebrauch zu entscheiden, der ein menschenverachtendes Bild transportiert. Dazu gehören nicht nur krass negativ konnotierte Begriffe wie ‚Neger‘, sondern auch etwas weniger aufgeladene Begriffe wie ‚Frisöse/Frisörin‘. Natürlich ist Sprache nicht allein Garant für Egalität (in den Köpfen), aber wenn schon diese „Umstellung“ vielen so schwer fällt, dass sie sich weigern müssen… 🙂

  35. @suz

    Sprache hat letztlich immer nur die Bedeutung, die ihre Sprecher ihr geben. Man kann „Neger“ jetzt also entweder verbieten, was die Leute trotzdem nicht davon abhält ihre Ablehnung anderweitig auszudrücken, oder das Wort einfach positiv besetzen. Letztendlich würde ich behaupten, das ein unterschiedliches Verständnis von diversen Begriffen zu einer unterschiedlichen Einschätzung des Sinns von sprachlichen Eingriffen führen kann. Wer mit dem Wort „Neger“ de facto einfach kein Menschenverachtendes Weltbild verbindet, für den ist es etwas unverständlich warum ein völlig harmloses Wort verboten werden soll.

    Um das mal als Beispiel darzustellen, ich habe eine Studie gelesen, mit Recht interessanten Ergebnissen. So haben Personen, wenn ich mich Recht entsinne insbesondere Männer, die das generische Maskulinum als ok empfinden und eine Doppelnennung ablehnen in dieser Studie bei einer Personengruppenbezeichnung mit Hilfe des generischen Maskulinums einen deutlich höheren Frauenanteil angenommen als Gegner des generischen Maskulinums.

    Bei den Befürtwortern gab es im Vergleich generisches Maskulinum Doppelnennung keine Änderung des Frauenanteils, bei Gegnern der generischen Form allerdings schon.

    Durch diese Daten ist es durchaus naheliegend, das eine unterschiedliche Wahrnehmung der Sprache zu einer unterschiedlichen Einschätzung dazu führt, ob es Sinn macht sie zu ändern.

  36. Gregor,

    Die Aussage „es gibt nicht einen wissenschaftlich fundierten Grund, der gegen die Übernahme von Wörtern aus dem Englischen spricht“ ist irrelevant. […] Es gibt auch keine wissenschaftlichen Gründe dafür, Anglizismen zu benutzen.

    suz hat hier zu eigentlich alles schon gesagt. Wer gegen Anglizismen poltert, muss auch Argumente vorbringen können. Ganz simpel. Wie gesagt, Ihr persönlicher Geschmack ist Ihnen selbst überlassen und Sie dürfen sich äußern, wie Sie möchten, und ich spreche Ihnen auch nicht die Teilnahme an der Sprechergemeinschaft ab. Im Gegenteil, ich reagiere auf das, was viele Anglizismenjäger machen, nämlich einem großen Anteil der Sprachgemeinschaft vorschreiben zu wollen, wie sie „richtiges Deutsch“ zu sprechen habe. Im Übrigen habe ich nie behauptet, es gäbe „wissenschaftliche Gründe dafür“, Anglizismen zu benutzen. Die Wissenschaft soll beschreiben, was wie und warum passiert, und nicht argumentieren, ob nun Beamer oder Videoprojektor das schönere Wort ist.

    Ihre Polemik über Nazis und Anglizismen ist so billig, dass ich mich schon wundern muß.

    Wirklich? Interessant, dass Sie finden, dass die Polemik von mir ausging! Sie sind eigentlich derjenige gewesen, der das „Nationalismus“-Fass aufgemacht hat, indem Sie unterstellten, dass man normative Sprachpflege nur dann sinnvoll ablehnen könnte, wenn man dies in Bezugnahme auf den „Nationalismus“ täte. Das Wort ist vorher nicht gefallen. Und dass ich bei Nationalismus im deutschen Kontext erst an Hitler denke, bevor mir Turnvater Jahn in den Sinn kommt, finden Sie wirklich überraschend? Im Übrigen haben Sie Recht, ich kenne mich wirklich nicht mit Turnvater Jahn aus (der interessiert mich auch zugegebenermaßen nicht sonderlich), aber ich habe auch nie etwas in die Richtung behauptet.

    Und das wiederum verführt viele, die ihr antinationales Profil pflegen wollen, dazu, als Überreaktion jegliche Sprachkritik zu verspotten und zu delegitimieren.

    Hier wiederholen Sie Ihre Unterstellung übrigens nochmal. Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich nicht an Sprachpflegern störe, um mein „antinationales Profil“ zu pflegen. Für mich steht Deutsch als Sprache auch nicht in einer 1:1-Verknüpfung zu Deutschland als Nation, da auch andere Länder Deutsch als Amtssprache haben. Und ich sage nicht Laptop und Beamer statt Klapprechner, Videoprojektor und Co., weil Angst vor deutschen Neuschöpfungen habe, sondern weil ich Laptop wertfrei bevorzuge (und Ihnen dürfte sicher schon aufgefallen sein, dass sich die Mehrheit der Deutschen auch für Laptop etc. „entschieden“ hat — sicher ohne Hintergedanken).

    In den USA mag „negro“ durch seine Nähe zu „nigger“, einen Beigeschmack haben. Bei uns nicht. Im Russischen gibt es für „Jude“ den wertneutralen Begriff „jewrej“ und das eindeutig diskriminierende Schimpfwort „shid“. Im Polnischen ist „zyd“ das korrekte Wort für „Jude“ und hat keinen abwertenden Beigeschmack. Sollen die Polen jetzt ein neues Wort suchen, wegen der Parallele zu Russischen?

    Was ist das denn jetzt für ein Beispiel? Nigger ist also ein schlechtes Wort, aber Neger nicht? Damit unterstellen Sie doch, dass Neger in Ungnade gefallen ist, weil es in den USA in Ungnade fiel und nicht, weil es im Deutschen als pejorativer Begriff gebraucht wurde. Auch hierfür können Sie gerne Beweise liefern, wenn Sie welche haben. Welches Wort die Polen für Juden benutzen, ist mir übrigens ziemlich egal, aber wenn żyd irgendwann als Schimpfwort benutzt wird (ob nach russischem Vorbild oder aus eigener Motivation heraus spielt doch wirklich überhaupt keine Rolle), fände ich es angebracht, ein anderes Wort für die Standardsprache zu wählen, um die Diskriminierung einer ganzen Gruppe zu vermeiden.

  37. Natürlich ist es aus sprachwissenschaftlicher Sicht ein wertneutraler Tatbestand, wenn eine Sprache Elemente aus anderen Sprachen aufnimmt. Ich nehme auch nicht an, dass aus dieser Sicht Begriffe wie „Schaden nehmen“ oder „Sprachverfall“ Sinn machen (um mal diesen von Ihnen so geschätzten Ausdruck zu verwenden). Für einen Sprachwissenschaftler ist Sprachwandel oder das Verschwinden von Sprachen ein Phänomen, das erforscht werden kann, aber natürlich nichts, was emotional zu bewerten wäre. Ein Biologe kann aus wissenschaftlicher Sicht auch nichts gegen das Aussterben bestimmter Tierarten haben. Er kann sich aber dennoch als Privatperson oder als „Experte“ für den Artenschutz einsetzten.

    Sprache ist aber auch ein soziales Phänomen, und hier spielen Emotionen natürlich eine Rolle. Durch Sprache positioniert man sich in der Gesellschaft und gibt sich als Angehöriger einer bestimmten Gruppe, Schicht oder Landsmannschaft zu erkennen. Für den Sprachwissenschaftler sind alle Sprachvarianten gleichwertige Forschungsobjekte. Für die Sprecher sind sie es nicht. Sie rufen Abneigung, Aggression, Bewunderung oder Verachtung hervor. Das sind Phänomene, die zwar vielleicht nicht für den Sprachwissenschaftler, wohl aber für Soziologen, Psychologen oder Kommunikationswissenschaftler von Bedeutung sein können. Auch Menschen, die beruflich mit Sprache umgehen, werden mit einem rein linguistischen Blick auf Sprache nicht viel anfangen können.

    Auch in diesem Blog wird durchaus emotional argumentiert. Wenn es hier wirklich ausschließlich um Wissenschaft ginge, wäre das doch wohl nicht nötig. Der Begriff „Reinheit“ ist, wissenschaftlich gesehen, irrelevant, darauf kann man sich ja wohl schnell einigen. Warum ist es dann nötig, die Vertreter gewisser Positionen als „Sprachnörgler“, „Kleingärtner“ zu bezeichnen? Doch nur deshalb, weil die zu Grunde liegende Motivation nicht wissenschaftlich, sondern ebenfalls emotional bedingt ist.

    Wenn eine Gruppe von Leuten sich nicht nur in ihrem privaten Umfeld, sondern öffentlich für bestimmte sprachgestaltende Maßnahmen stark machen, dann müssen sie es natürlich auch hinnehmen, dass ihre Aussagen wissenschaftlich überprüft und kritisiert werden. Auch Polemik müssen sie hinnehmen, insbesondere wenn sie selbst polemisieren. Wenn Außenstehende den Eindruck erhalten, dass hier ein Kreuzzug gegen eine bestimmte Haltung geführt wird und dabei hehre Wissenschaft und Schmähkritik bunt durcheinandergemischt werden, dann fragt man sich als Außenstehender schon, was hier die Motive sein mögen.

    Zum Thema PC-Sprache. Wo hier doch immer wissenschaftliche Belege eingefordert werden – gibt es eigentlich Studien, die darauf hinweisen, dass eine veränderte, diskriminations-freie Sprache auch zu einer Änderung im Denken führt? Ich meine das nicht, so wie Gareth, als Totschlagargument. Mich interessiert das wirklich. Das Ziel von PC dürfte ja wohl nicht sein, darauf hinzuwirken, dass beispielsweise Vermieter nicht mehr sagen „wir nehmen keine Neger“ sondern „Wir nehmen keine Afrikaner“.


  38. Ich meine das nicht, so wie Gareth, als Totschlagargument.

    Haha, alle meine Argumente ignorieren und mir stattdessen Totschlagargumente vorwerfen. Chapeau!

  39. Sprachsystematik

    Man kann die Argumente der Sprachpuristen auch wissenschaftlich unterlegen.
    Meistens geht es darum, Sprachen derart zu beeinflussen, dass sie mit möglichst wenigen Grundbestandteilen und Regeln möglichst viel ausdrücken können, m.a.W. sich dem Ideal von konstruierten Sprachen wie Esperanto oder Lojban annähern.
    Wenn Programmierer sich über die Qualitäten ihrer Programmiersprachen unterhalten, zielen sie auf ganz ähnliche Werte.
    Häufig, etwa im Falle von „Rehkids“, geht es darum, den Sprachwandel, der die diachronen Linguisten ergötzt, einzudämmen. Bei jeder Kommunikationsnorm besteht ein Interesse an Stabilität.
    Dass die etwas unbedarften Sprachpuristen oftmals nur den Verfall und nicht die Regenerierungsprozesse sehen, liefert den Deskriptivisten einen Anlass, sich überlegen zu fühlen, aber auch diese kleine Rechthaberei des Methodologie-Fetischisten lenkt nur von seinem großen naturalistischen Irrtum ab.

  40. Ich gestehe

    Ich gestehe, bis vor ein paar Jahren war mir auch nicht bewusst, dass Hirsche und Rehe unterschiedliche Arten sind und eben nicht die männliche und weibliche Form von >RotwildDammwild< sind. Ich kannte nur diese Unterscheidung.

  41. zum begriff „Kanaken“

    „Kanaken“ ist die Bezeichnung für die Ureinwohner Neukaledoniens. Sie nennen sich übrigens selbst so und empfinden den Begriff nicht als negativ. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es den Kanaken gefallen würde, wenn der Begriff „Kanake“ verboten würde.