Sprachpanscher und Nichtsversteher

Ich habe lange nichts über den Verein Deutsche Sprache geschrieben, dabei hätte der etwas digitale Aufmerksamkeit dringend nötig: Für den Suchbegriff VDS bietet Google derzeit als ersten Treffer die Seite des Brandschutzexperten „Vertrauen durch Sicherheit“ an, erst an zweiter Stelle folgen die Anglizismenjäger aus Dortmund. Der Suchbegriff Sprachnörgler führt dagegen nach wie vor treffsicher zum gewünschten Ziel.

Da ich persönlich die Hauptverantwortung für die Verbreitung dieses Begriffs trage (wobei ich seinerzeit Schützenhilfe von Wortistiker Detlef Gürtler hatte), würde ich zum Ausgleich gerne etwas Nettes über den VDS sagen. Aber so sehr ich mich bemühe, in den Pressemitteilungen der Möchtegern-Sprachschützer irgendetwas zu finden, das tatsächlich etwas mit Sprachpflege zu tun hätte, ich finde immer nur Sprachnörgeleien, die in ihrer humorbefreiten Blödhaftigkeit zum Verzweifeln sind.

Ein besonders dumpfes Beispiel für die Aktivitäten des Vereins ist die alljährliche Verleihung des Titels „Sprachpanscher“ an irgendeine prominente Person, von deren Öffentlichkeitswirkung die Deutschtümler auf diese Art etwas abzubekommen hoffen. Die Begründungen für die Verleihung sind durchgängig noch fadenscheiniger als das, was der Verein sonst so von sich gibt.

In diesem Jahr hat es den ehemaligen WDR-Intendanten und derzeitigen Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, Fritz Pleitgen, getroffen. Sein Vergehen?

Pleitgen hat als Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr.2010 GmbH nicht verhindern können, dass der öffentliche Auftritt der von ihm geführten Gesellschaft voller denglischer Imponiervokabeln steckt. [Pressemitteilung des VDS vom 27. August 2010]

Ein Beispiel für die „Imponiervokabeln“ gefällig? Bitte sehr:

„So beeindruckend etwa das über 60 km lange Still-Leben Ruhrschnellweg am 18. Juli gewesen ist, warum wurden dann die vielen freundlichen freiwilligen Helfer Volunteers genannt?", fragt der VDS-Vorsitzende Walter Krämer. „Ich finde, hier hätte der von mir hoch geschätzte Fritz Pleitgen seine Autorität mehr in den Dienst der deutschen Sprache stellen können.“

Gut, das kann man nachvollziehen. Es dürfte Jahre dauern, bis die deutsche Sprache sich von diesem Schlag erholt hat.

Aber der sprachliche Fehltritt Pleitgens ist noch verzeihlich im Vergleich zu dem Sündenfall, den die zweitplatzierte Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg begangen hat:

Mit geringem Abstand zweiter der Abstimmung wurde die Potsdamer „Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg“. Auf Werbeplakaten für ihre Ausstellung zur Preußenkönigin Luise heißt diese „It Girl“, „Fashion Victim“ oder „Working Mom“. „Tiefer kann man wohl nicht sinken“, so Krämer.

Ausstellungsplakat der Stiftung Preußische Schlösser und GärtenJa, wenn man tiefer nicht mehr sinken kann, warum hat denn dann Pleitgen die Auszeichnung erhalten, und nicht der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh? Man ahnt, dass die relative Prominenz der beiden Herren bei der Auswahl eine größere Rolle gespielt haben dürfte als die relative Schwere ihrer sprachschänderischen Schuld.

Vor allem aber: Tut er nur so, oder kann der Obersprachnörgler der Nation tatsächlich nicht erkennen, wann jemand versucht, sich mit dem Gebrauch englischen Sprachguts eine harmlose aber durchschaubare Hipness zu verleihen, und wann jemand eben jene auf die Schippe nimmt? Kann er wirklich nicht zwischen dem eigentlichen Gebrauch eines Wortes und einem hintergründig gemeinten Zitat desselben unterscheiden?

Man muss die Plakatkampagne der Stiftung nicht mögen, aber wenn das Sprachpanscherei ist, dann ist das hier eine Pfeife:

Maigrittes Pfeife

Tiefer kann man wirklich nicht im selbstverliebt sprachnörglerischen Sumpf versinken.

 

©2010, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. And the winner is…

    „wann jemand versucht, sich mit dem Gebrauch englischen Sprachguts eine harmlose aber durchschaubare Hipness zu verleihen“

    Ha, ich weiß schon, wer nächstes Jahr als „Sprachpanscher“ nominiert wird.^^

  2. Fashion Gil

    Meine Eltern können kein Englisch. Sie können die Plakate zur Berliner Ausstellung nicht lesen. Sie sind ausgeschlossen. Die Kritik von Begriffen wie „It Girl“, „Fashion Victim“ oder „Working Mom“ in Bezug von Königin Luise überlasse ich anderen. Ich glaube nur anmerken zu dürfen, dass Königin Luise, hätte sie jemand als „Working Mom“ bezeichnet, nicht gerade höflich geantwortet hätte.

  3. Ja mei

    Ein Großteil der Bevölkerung weiß vermutlich nichtmal, wer Königin Luise war. Auch alle ausgeschlossen …

  4. Meine Eltern können auch kein Englisch, trotzdem, da bin ich mir ziemlich sicher, kennen sie die Begriffe und würden das Plakat auch verstehen.
    Wobei ich mir nicht verstellen kann, daß sie wissen, wer Königin Luise ist.

  5. „It Girl“

    Gerade die Plakate zur Königin Luise sind doch ein herrliches Beispiel, wie jemand genau diese Denglischen Mode- und Hip-Wörter der Werbeindustrie und des Glamour-Journalismus auf die Schippe nimmt, die auch der VDS kritisiert!

    Können die Leute denn wirklich nicht die feine Ironie erkennen, die hinter diesen Plakaten steckt? Gerade die sich cool vorkommenden „Sprachpanscher“, die der VDS kritisiert, sind doch das Ziel des Spotts. Professsor Dorgerloh hätte vom VDS also eine Auszeichnung erhalten müssen, und nicht den Titel „Sprachpanscher“, deren eigentliche Adressaten mit den Plakaten verballhornt werden.

    Aber der VDS ist anscheinend wirklich so blöd, wie er sich gibt.

  6. Frequenzlob

    Wieder ein schöner Artikel. Abseits davon möchte ich hier mal ein allgemeines Lob dafür aussprechen wie angenehm hoch in den letzten Wochen die Veröffentlichungsfrequenz im Sprachlog ist. Danke für all die Mühe.

  7. Ironie…

    … und gar feine Ironie, die den Gebrauch englischer Modewörter zum Ziel hätte, kann ich auf den Plakaten nicht entdecken. Natürlich ist diese Bezeichnung auf den Plakaten ein bewusster Stilbruch, aber wenn ich jeden solchen Stilbruch als Ironie betrachten würde, käme ich aus dem Lachen nicht mehr heraus.

  8. @Peer

    Lachen, grinsen oder schmunzeln kann ich über diese Plakate durchaus. Aber das tue ich auch oft, wenn ich die sprachlichen Fehlleistungen unserer Werbeschaffenden betrachte oder betriebsinterne Verlautbarungen nahe der Unverständlichkeitsgrenze. Ob ich da jedesmal auch nach Ironie fahnden soll? Oder es lieber als das nehmen, was es wahrscheinlich meistens ist: Realsatire.

  9. A bit nutty, isn t he??

    Hat der Typ sonst nichts zu tun? Das sind alles offentliche Gelder. Ist das einer von
    diesen Professoren, die nie arbeiten? Und dann ganz wichtig irgendwelche Bücher schreiben, die (oh, lachenswerte Tat), gar
    nichts mit ihrem Fachgebiet zu tun haben?
    Wenn der Typ eine Koryphäe wäre, dann hätte
    er sicherlich nicht so viel Zeit. Jede Wette, der Typ ist aus der 2. Reihe.
    Grüße (mit Umlaut bitte

    Angela (Angi)

  10. In Berlin hängen die Plakate zur Ausstellung an allen möglichen Litfasssäulen und Bushaltestellen und ich muss sagen, dass ich sie sehr gelungen finde. Ich habe übrigens keine Ahnung, wer Königin Luise ist und ich weiß nichtmal, von welchem Land oder Reich sie Königin gewesen sein soll und zugegebenermaßen interessiert’s mich auch nicht, ich verstehe trotzdem die Intention der Werbekampagne.

    Peter Hofmanns Eltern tun mir natürlich leid, nun da sie sich mit dieser verwirrenden Kampagne (meine Eltern können übrigens kein Französisch!) in fremden Zungen konfrontiert sehen, genauso wie Königin Luise, die posthum mit undeutschem Vokabular geschändet wird.

  11. PS. Ist mal jemandem aufgefallen, was für einen Sermos der VDS schon auf dem Cover seines aktuellen Magazins verbreitet? Angeblich ist der deutsche Begriff Mittelstürmer in Gefahr, weil er in den Medien vom englischen Wort goalgetter verdrängt würde. Dass die Herrschaften schon aus Postengründen ungern Englisch sprechen, versteht sich von selbst, aber es wäre ja nicht zu viel verlangt, mal kurz im Wörterbuch zu schauen, ob goalgetter (was ich übrigens noch nie in deutschen Medien gehört oder gelesen habe) überhaupt Mittelstürmer. Was für Dilettanten.

    In derselben Ausgabe findet sich auch eine erboste Nachricht von einem Herren aus Bielefeld (das fänd ich persönlich um einiges schlimmer), der einen Brief vom Europäischen Gerichtshof auf Englisch erhielt. Skandalös, dass nicht die ganze Welt Deutsch schreibt.

  12. Wenn wir schon beim Fußball sind: Viel amüsanter fand ich da die News-Meldung des VDS vom 18.6., wo Ottmar Hitzfeld zu seinem Sieg gegen Spanien gratuliert wird und der olle Herr Krämer tatsächlich den Grund dafür in der Anglizismen-Askese von VDS-Mitglied Hitzfeld sucht.
    So ab und an frage ich mich ja schon, ob der gute Krämer alles glaubt, was er so schreibt…

  13. Ironiebefreite Zone

    Ich hab mich ja lange genug in dem Forum des VDS rumgetrieben und mich wundert überhaupt nichts mehr. Schon gar nicht die Tatsache, dass Ironie dort ums Verrecken nicht erkannt wird.

    Das ist mitunter erheiternd bis desilusionierend. Zum Beispiel gab es mal ein Wahlplakat der Grünen mit der Überschrift „Mehr Playstations“ und dem Bild eines Kindes auf einer Spielplatzschaukel. Ironie? Witz? Nicht für den VDS. Da wurde gleich vermutet, die Grünen würden Spielplätze in Playstations umbenennen wollen.

  14. Ja das leidige Thema kenne ich nur zu gut, in unserem Deutschunterricht haben wir sehr oft über die Massen an Englischen Wörtern in der deutschen Sprache gesprochen. Viel sind heut zu Tage einfach schon gang und gebe und man möchte sie manchmal auch gar nicht missen, da die deutschen dagegen oft sehr langatmig klingen. Ja klar und was die ältere Generation betrifft, hört man schon oft Unmut über diesen massiven Englischen Gebrauch. Aber irgendwie muss man sich heute abfinden damit, dass man um das Englisch nicht mehr herumkommt.

  15. Woher stammt das Wort „Sprachnörgler“?

    Da ich persönlich die Hauptverantwortung für die Verbreitung dieses Begriffs trage (wobei ich seinerzeit Schützenhilfe von Wortistiker Detlef Gürtler hatte), …

    Detlev Gürtler ist allerdings nicht der (erste) Erfinder dieses Wortes. Das Wort „Sprachnörgler“ ist schon vor fast hundert Jahren ausgerechnet von Eduard Engel, einem der leidenschaftlichsten Kämpfer gegen die Fremdwörter, benutzt worden(Deutsche Stilkunst, 1911, S. 245).

    Erstaunlich, wie sich die Gegensätze manchmal berühren.

  16. Sprachnörgelei finde ich legitim…

    …wenn Sie nachweist, daß ein bestimmter Begriff inflationär gebraucht und damit seiner Originalität beraubt wird. So war es beispielsweise mal ein witziger Einfall, den Begriff „gefühlt“ vom Wetterbericht („gefühlte Temperatur“) auf andere Pänomene („gefühlte sozaile Kälte“) zu übertragen. Inzwischen ist diese Formulierung ausgelutscht, weil sie so oft verwendet wird. Genauso kann das mit Anglizismen passieren,die, wie A.S. schreibt „eine harmlose aber durchschaubare Hipness“ vorspiegeln sollen. In so einem Fall finde ich es in Ordnung, auch mal polemisch Sprachnörgelei zu betreiben.

    Die Plakate für Luise finde ich geistreich und originell, um so mehr als sie durchaus einmal die Rolle einer Stilikone und Leitfigur des deutschen Patriotismus gespielt hat.

  17. English in der deutschen Language

    Sich über die „Sprachnörgler“ regelmäßig abzurollen, ist das eine. Sich mit den wahren Problemen nicht auseinanderzusetzen, das andere.

    http://www.chronologs.de/…der-deutschen-language

  18. Sehr Interessant, Klausi

    Danke für diesen Link. Besonders die Frage, in wieweit Englisch als dominante Wissenschaftssprache die Arbeit und die Publikationschancen nicht-englischsprachiger Forscher einschränkt, ist interessant.

    Auch den Gedanken, daß englische Begriffe sich auch auf das Denken der Menschen auswirken. Bestes Beispiel ist für mich der Begriff „Herausforderungen“, der seit Jahren von Managern anstatt des Wortes „Probleme“ inflationär gebraucht wird. Das ist – so weit ich das beurteilen kann – eine Übernahme des englischen „Challenges“. Damit soll suggeriert werden, es gäbe keine (unlösbaren) Probleme, sondern eben nur „Herausforderungen“, die die tollen Hechte in den Führungsetagen sportlich nehmen – sprich: mit Programmen, die vor allem aus den kreativen Elementen „Lohndrücken“ und „Rausschmeißen“ bestehen. Ich sehe dies als eine typisch amerikanische Attitüde („Can do“, „Yes we can“), die eine ernsthafte Debatte von Problemen, deren Ursachen und möglichen Lösungen erschwert. Anstatt nachzudenken und Selbstkritik zu üben nimmt man so lange Siegerposen ein, bis die Karre im Graben liegt.


  19. Anstatt nachzudenken und Selbstkritik zu üben nimmt man so lange Siegerposen ein, bis die Karre im Graben liegt.

    Jo, genau. Die englische Sprache ist wohl kaum daran Schuld, wenn man sich für blöd verkaufen lässt.

  20. @Gareth

    „Anstatt nachzudenken und Selbstkritik zu üben nimmt man so lange Siegerposen ein, bis die Karre im Graben liegt.“
    Natürlich braucht man dazu nicht die englische Sprache. Mir fallen – ganz spontan – zwei Episoden aus unserer Geschichte ein, in der genau das passierte, Englisch aber dabei keine Rolle als Mittel der (Selbst-)Täuschung spielte.

    Englisch ist aber heute ein Instrument, um Menschen Sand in die Augen zu streuen. So wie früher mal Latein. Damals brauchte man nur ein paar lateinische Brocken zu murmeln um gelehrt und unangreifbar zu wirken.

    Kritik an diesem Gebrauch des Englischen ist notwendig. Aber nicht weil Englisch minderwertig ist. Es geht um die Absichten der Sprecher, die kritisiert werden müssen.

    Hier geht es um mehr als um das Vortäuschen „harmloser Hipness“, es geht um die Verschleierung der Realität.

  21. @Gregor

    1. Ziel menschlicher Kommunikation IST die Manipulation des Gegenübers, egal ob in positiver oder negativer Absicht oder Wirkung. Mit anderen Worten: Sprache ist nicht nur dazu da, Informationen von A nach B zu transportieren. Es ist IMMER die Verschleierung irgendeiner subjektiven Realität. Nehmen Sie Höflichkeit: „Können Sie das Fenster zu machen?“ ist nicht die Frage nach den physischen, zeitlichen oder örtlichen Möglichkeiten des Adressaten, sondern schlicht eine Aufforderung.

    2. „Inflationärer Gebrauch“ ist das, was passiert, wenn Menschen einen zunächst ungewöhnlichen oder kreativen Ausdruck als sehr kommunikativ empfinden. Im steten Gebrauch wird dieser normal, nutzt sich ab – und wird irgendwann ggf. durch einen neuen ersetzt. Dagegen einen Feldzug führen zu wollen ist, naja, bestensfalls zum Scheitern verurteilt.

    Wenn „Inflation“ in Zusammenhang mit Sprachkritik benutzt wird, dann meist bewusst negativ. Es wird suggeriert, dass Sprecher gezwungen sind, den Ausdruck zu benutzen. Sie benutzen solche Ausdrücke aber genau aus entgegengesetzten Motiven: weil sie ein bestimmtes Kommunikationsbedürfnis bedienen.

    3. Ein Praxistest: als Texterin kann ich versuchen, meinen Auftraggebern einen Text unterzujubeln, in dem „Probleme“ und nicht „Herausforderungen“ steht. Der kommt mit dem Vermerk ‚zu negativ‘ zurück. Das nennen Sie ‚verschleiern der Realität‘ – womit Sie vermutlich in gewisser Weise und in vielen Fällen Recht haben (siehe 1.). Aber Sprachgebrauch ist im weitesten Sinn immer Werbung: für den eigenen Standpunkt, die intendierte Wirkung etc. Wenn ein Unternehmensberater oder ein Handwerker einen Text möchte, der potentielle Kunden überzeugen soll, dann kann man ruhig eine Einstellung von „Wir denken in Herausforderungen, nicht in Problemen“ transportieren.

    Dafür müssen wir keine Kulturkritik der „Yes, we can“-Mentalität üben.

    Davon unabhängig ist die Frage, ob Manager- und Politikersprache kritisierbar ist (natürlich ist sie es, obwohl ich Analyse und/oder Wirkung ungleich spannender finde). Sie sprechen vermutlich in erster Linie vom allgemeinen Sprachgebrauch, und auch da „verschleiern“ wir permanent „die Realität“, ob mit hippen Anglizismen oder ohne. Und es ist problematisch, wenn Sie pauschal die „Absichten“ der Sprecher kritisieren, weil diese andere sprachliche Mittel wählen, als Sie.

  22. @suz

    Kommunikation ist auf Wirkung aus, aber diese muß nicht unbedingt manipulativ sein. Von Manipulation würde ich sprechen, wenn ich zu etwas überredet werde, was nicht in meinem eigenen Interesse ist. (Etwas zu kaufen, das ich nicht brauche, jemanden zu wählen, der nicht meine Interessen vertritt, auf etwas zu verzichten, was mir zusteht.)

    Sprachkritik ist ein Instrument, um diese Mechanismen aufzudecken. Es geht nicht darum, ob ich oder jemand anders bestimmte Formulierungen doof findet. Es geht darum, den Menschen die Möglichkeiten der Manipulation aufzuzeigen.

    Das Beispiel „Fenster auf/zu“ bietet zwar Konfliktpotential, aber den Beteiligten dürften ihre Interessen klar sein: Die einen wollen frische Luft, die anderen wollen es lieber warm haben. Im Zweifelsfall siegt die Mehrheit oder der Stärkste setzt sich durch. Mit sprachlichen Manipulationsversuchen ist da nicht viel zu machen. Bei komplexeren Problemen hingegen schon.

    Mit Ihrer Bemerkung über die Wünsche der Auftraggeber an die Texter haben Sie recht. Kunden wollen das Gängige, darum ist Werbung ja so eintönig. Das Problem für die, die kommunizieren (oder manipulieren) wollen, ist hier, dass eine Botschaft, zu oft wiederholt wird, irgendwann nicht mehr wirkt. (Insofern könnte man sich die ganze Sprachkritik natürlich auch sparen, weil sich abgedroschene Floskeln irgendwann selbst ad absurdum führen.) Würden sich die Auftraggeber auf neue, originelle Sprache einlassen, dann könnten Sie vielleicht mehr erreichen.

    Im Falle des Luisen-Plakates ist die Absicht, Menschen auf die Ausstellung aufmerksam zu machen, aus meiner Sicht nicht manipulativ. Und sie wird durch originelle Mittel erreicht, nämlich die Assoziation einer historischen Persönlichkeit mit Vokabular aus der Klatschpresse. Über die Begriffe „it-girl“ und „fashion victim“ würde ich mich in einem anderen Zusammenhang vermutlich ärgern, weil sie normalerweise dazu dienen, irgendwelchen belanglosen Zeitgenossinen Bedeutung zu verleihen. Auf dem Plakat erzeugt der Kontrast jedoch eine echte Wirkung. Wenn diese Idee jetzt aber noch zehn andere Plakatgestalter aufgreifen, dann wird daraus wieder eine Masche, die irgendwann nur noch nervt.

  23. Gelungen

    Ich hab zwar auch keine Ahnung wer Königin Luise war aber ich habe die Plakate auch gesehen und fand sie gut.