Mitgefühl oder Entschuldigung

XKCDs Lösung für ein klassisches pragmatisches Problem:

XKCD - I’m Sorry - http://xkcd.com/945/

Die Doppeldeutigkeit von „Es tut mir leid“ (und auch „I’m sorry“) wird übrigens gerne in umgekehrter Weise ausgenutzt — um Entschuldigungen auszusprechen, die bei näherem Hinsehen gar keine sind. Ein (leider) immer noch höchst aktuelles Beispiel dafür habe ich vor ein paar Jahren im Bremer Sprachblog diskutiert (Warnung: Es geht um den Papst — wer über den aus gegebenem Anlass nichts kritisches mehr hören mag, verzichte darauf, auf den Link zu klicken).

© 2011, xkcd (Deutsche Übersetzung © 2011, Anatol Stefanowitsch).
Sowohl das Original als auch die deutsche Bearbeitung stehen unter der Creative-Commons-BY-NC-2.5-Lizenz

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bisher bin ich auf solche Formulierungen (fast) immer gestoßen, wenn sich die Diskussion folgendermaßen abspielt:

    A: „Wie geht es x?“
    B: „x ist letztes Jahr gestorben.“
    A: „Das tut mir Leid.“

    In dieser Situation interpretierte ich das „Leid tun“ nicht als Ausdrucks des Mitgefühls – nicht, dass man kein Mitgefühl hätte – sondern stets als Entschuldigung für das Aufwühlen von unangenehmen Erinnerungen. Eine Erklärung die ich für schlüssig halte, die jedoch nicht bei Szenen wie der im Comic funktioniert, in der ja die Ereignisse nicht vom Gesprächspartner sondern von der Person selbst offenbart werden.

  2. Wer im Handel oder Dienstleistungsgewerbe tätig ist, wird es kennen: Der Kunde kommt auf einen zu und redet einen mit „Entschuldigung“ an. Er entschuldigt sich im Voraus dafür, eine Frage zu haben oder etwas kaufen zu wollen. Ich bin’s leid, dass zu hören. Niemand braucht sich dafür zu entschuldigen. Einen Kunden zu bedienen oder zu beraten ist der Sinn jeder Tätigkeit im Handel. Ich wünschte, die Kunden würden mich einfach als Menschen wahrnehmen und „Hallo“ sagen.

  3. bremer sprachbloglink

    nicht weiter aufgefallen ist anscheinend, dass die Zeit damals geschrieben hat
    Papst verurteilt Missbrauchskandal,
    statt Papst verurteilt Missbrauch.

  4. @Ihr Name

    Da kann ich Sie beruhigen. Der Kunde entschuldigt sich nicht dafür, dass er eine Frage hat oder was kaufen möchte. Er entschuldigt sich dafür, dass er Sie bei dem unterbricht, was sie gerade tun.

  5. wg. Kunde

    Tatsächlich benutzt der Kunde eine Formel, um der Konvention gerecht zu werden, andere Menschen nicht aus nichtigem Anlass zu belästigen. Ebenso wie die Frage ‚Darf ich sie etwas fragen?‘ eine soziale Formel ohne inhaltliche Bedeutung ist. Oder ‚Kannst du mir bitte das Salz reichen?‘ nicht nach den körperlichen, geistigen, geografischen Fähigkeiten des Gegenüber fragt. Aber das wurde in diesem Blog – oder bringe ich jetzt meine Lektüre durcheinander? – schon einmal besprochen.

    … dann gäbe es da natürlich noch rhetorische Fragen.

  6. Und ganz ähnlich bei den Pseudoentschuldigungen ist das Umdrehen der Entschuldigung in eine Beleidigung.
    „Tut mir leid, dass du dich da jetzt angegriffen fühlst.“
    „I’m sorry people are so jealous of me, but I can’t help it that I’m popular.“

  7. Ich erlaube mir, zu ziteren, was ich damals schrieb (ohne deinen schönen Artikel gelesen zu haben):

    Der Papst murmelt in Australien wegen der Fälle von sexuellem Mißbrauch durch Priester etwas von „Sorry“. Die „Verantwortlichen sollten vor Gericht gebracht werden.“ (OT). Eine klares Schuldeingeständnis den Opfern gegenüber vermeidet er. Sonst müßte der „Unfehlbare“ ja als Hauptschuldiger sich selber der Justiz stellen…

    Um aber Ähnlichem in Zukunft vorzubeugen, dürfen ab sofort auch Priester heiraten. Frauen und Schwule dürfen jetzt ganz offen Priester und Bischöfe werden. Als Ratzingers Nachfolgerin ist Alice Schwarzer im Gespräch. Angeblich wollen die beiden sogar heiraten.

    Und einen Tag später:

    Fast alle Sender bringen die Falschinformation, der Papst habe sich für die sexuellen Übergriffe entschuldigt. Hat er aber nicht. Er hat nur gesagt, daß es ihm „zutiefst leid tue, was die Opfer zu erleiden hatten“. Konsequenzen bleiben auch aus. Eine Abkehr von der sexualfeindlichen Politik hat er nicht angekündigt. Ausgerechnet RTL hat dies in seinem Minibetrag korrekt dargestellt.

  8. Zu »Entschuldigung«

    Da fällt mir doch glatt eine nette Anekdote ein:

    Student kommt zu spät in die Vorlesung, die schon begonnen wurde. Der errötet und stammelt: »Entschuldigung«. Der Professor antwortet: »Gut, dann brauchen wir das ja nicht mehr zu machen!«

  9. Walther Matthau

    Ebenso wie die Frage ‚Darf ich sie etwas fragen?‘ eine soziale Formel ohne inhaltliche Bedeutung ist.

    Szene aus dem Film Charley Varrick mit Walther Matthau. Charley Varrick (Matthau) kauft in einem Laden für Bauzubehör einige Stangen Dynamit (mit denen er einen Mafia-Killer umbringen will, der hinter ihm her ist). Dem Verkäufer ist das verdächtig und er fragt: „Darf ich fragen, was Sie damit vorhaben?“.

    Darauf antwortet Varrick freundlich lächelnd: „Aber natürlich dürfen Sie das!“ und verlässt den Laden.

  10. korrekte Reihenfolge

    Ich nehme an, der Papst weiß genau, warum er eine „Entschuldigung“ vermieden hat.

    Was muss der „Wegnahme der Schuld“ vorausgehen? Logisch ist folgendes:

    1) Eingeständnis der Schuld
    2) Reue über falsches Handeln
    3) Wiedergutmachung des Schadens
    4) Versprechen der Unwiederholbarkeit

    Diese vier Punkte wollen aber viele Politiker, wie z.B. Guttenberg, oder viele Verkehrssünder nicht wirklich vollziehen. Auch die Kirche und viele ihrer Gläubigen meinen noch immer, die Missbräuche seien „Einzelfälle“. Richtig ist, dass ein einzelner Fall schwer zu vermeiden ist. Man kann jedoch mit geeigneten Maßnahmen, wie z.B. dem Vier-Augen-Prinzip, die Anzahl der Vorfälle senken. Aber diese Leute können ja mit Statistiken nichts anfangen.